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100km von Warschau

Polen: Erster CSD in Plock großer Erfolg

Zehntausende LGBTI und Unterstützer ließen sich trotz Gegendemonstranten und Bedrohungen im Vorfeld nicht vom ersten Pride in Plock abhalten. Nationalisten schrien "Das ist Polen, nicht Brüssel", blieben aber klar in der Minderzahl.


Nach wochenlangem Kulturkampf um LGBTI-Rechte in Polen kamen am Samstag aus Plock positive und wichtige Bilder

Beim ersten polnischen CSD nach den schweren Ausschreitungen in Bialystok vor drei Wochen ist es am Samstag beim "Marsch für Gleichberechtigung" in Plock trotz bis zu 100 Gegendemonstranten weitgehend friedlich geblieben. Der ebenfalls als Premiere stattfindende Pride in der 120.000 Einwohner-Stadt rund 100 Kilometer nordwestlich von Warschau war von hunderten Polizisten geschützt worden.

Twitter / jjholtland | Fröhliche Menschenmassen beim CSD

Nach Medienangaben tausende, nach Bildern vermutlich zehntausende LGBTI zogen ab 14 Uhr Ortszeit für über zwei Stunden friedlich, mit guter Stimmung und Musik, aber auch politischen Parolen nach mehr Akzeptanz und Rechten durch die Innenstadt. "Dies ist ein wichtiger Tag für die Bürger von Plock, besonders für die, die zu einer der vielen Minderheiten gehören", sagte Mitorganisator Mateusz Gozdzikowski. Vereinzelt wurden auf die Teilnehmer Böller oder Eier geworfen, die Polizei hatte die Lage aber im Griff und nahm einige Störer und Gewalttäter umgehend fest. Zu einer Blockade der Pride-Strecke kam es nicht; ein größeres Gerangel gab es nur kurz am Ort der Abschlusskundgebung.

Twitter / andrzejwu | Die Polizei hatte die Gegendemonstranten im Griff

Die Gegendemonstranten, überwiegend junge Nationalisten, Hooligans und Anhänger der "Allpolnischen Jugend", hatten sich an freien Flächen und Seitenstraßen am Wegesrand der Pride-Demo versammelt, homofeindliche Plakate gehalten ("Ja zur Familie, Nein zur Abweichung") und Sprüche wie "Das ist Polen, nicht Brüssel" skandiert. Auch gab es homofeindliche Sprechchöre, etwa "Zakaz pedalowania" (in etwa: "Stoppt Schwuchteln") zur Melodie von "Go West" – eine queere Bustour durch mehrere polnische Kleinstädte hatte den Gesang in dieser Woche in einen viralen Erfolg für die Aktivisten ummünzen können (queer.de berichtete). Unter den CSD-Gegnern war auch der bekannte, aus Plock stammende frühere MMA-Kämpfer Marcin Rózalski. Aus der Stadt stamme keiner der CSD-Teilnehmer, behauptete der tätowierte 42-Jährige. "Die wurden hierher gebracht, um hier ihren Mist abzuladen und die Polen zu spalten".


Am Wegesrand fanden sich immer wieder offene Menschen ein, Bild aus einem Livestream

Am Wegesrand in Plock standen aber auch neugierige oder den CSD bewusst unterstützende Bürger der Stadt. So applaudierte ein frisch vermähltes Ehepaar in Richtung Pride und dieser jubelte erfreut zurück. In der Parade selbst erhielt ein Elternblock größere Aufmerksamkeit: "Der Mann meines Sohnes gehört zu meiner Familie" stand auf einem Plakat; "Liebe Kinder, wir demonstrieren für eure Rechte" auf einem anderen.

Twitter / OmzRi | Für die netten Leute am Straßenrand gab es auch mal Umarmungen

Unterstützung aus allen Politikebenen, aber nicht allen Parteien

Der CSD stand unter der Schirmherrschaft von Stadtpräsident Andrzej Nowakowski (Bürgerplattform). An der Demonstration nahmen mehrere Abgeordnete des Europaparlaments teil: Rasmus Andresen von den deutschen Grünen, die britische Labour-Abgeordnete Julie Ward, Mitglied der interfraktionellen Parlamentsgruppe zu LGBTI-Themen, und Polens Politik-Hoffnung Robert Biedron: Der schwule frühere Bürgermeister von Slupsk hatte mit der Parteineugründung Wiosna ("Frühling") sechs Prozent bei der Europawahl geholt.


Andresen und Ward mit Übersetzerin bei der Eröffnung des Pride. Man kämpfe in ganz Europa für LGBT-Rechte, jeweils für sich und doch gemeinsam, so der schwule Politiker. Gerade in kleinen Städten seien Sichtbarkeit und Kundgebungen wichtig

Die Abgeordneten hatten sich vorab mit den Pride-Organisatoren getroffen und besprochen, wie die EU LGBTI-Aktivisten unterstützen könne. "Toleranz, Gleichheit, Freiheit" seien die Themen des Pride, betonte Biedron in einer Ansprache. Er wurde begleitet vom Parteivorsitzenden der Allianz der demokratischen Linken (SLD), Wlodzimierz Czarzasty, der bei einem Machtwechsel unter anderem ein Gesetzespaket gegen Gewalt und Diskriminierung versprach. Zusammen mit Wiosna und der linken Partei Razem ("Gemeinsam") bildet er zur Parlamenstwahl ein progessives Bündnis.

Twitter / RobertBiedron

Örtliche und regionale Politiker der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), die im Wahlkampf derzeit verstärkt gegen eine angebliche "LGBT-Ideologie" Stimmung macht, hatten die Übernahme der Schirmherrschaft des Bürgermeisters für den CSD kritisiert. Sie habe nichts gegen Homosexuelle, aber etwas gegen das öffentliche Zurschautragen der Sexualität, meinte etwa die Abgeordnete Anna Cicholska. Auch befürchte sie eine Verletzung religiöser Gefühle. Der Weihbischof von Plock, Marek Jedraszewski, hatte in der letzten Woche die "heilige Jungfrau" Maria um Schutz vor der "kranken LGBT-Ideologie" gebeten (queer.de berichtete).

Direktlink | Der CSD in Livestream-Fassung

Am Samstag fanden auf der ganzen Welt und in ganz Europa weitere CSDs statt, auch in Prag kam es zu einem kleinen Gegenprotest von christlichen Fundamentalisten (queer.de berichtete). In Deutschland waren Braunschweig, Essen und Mannheim mit einem CSD an der Reihe und in Potsdam startete die diesjährige Busfahrt der "LesBiSchwulen Tour" durch Brandenburg. (nb)


 Update  11.8., 12.50h: Andresen fordert EU-Kommissar zum Schutz von Minderheiten

"Die Situation von LGBTI* in unserem Nachbarland Polen wird immer schlimmer", betonte Rasmus Andresen am Sonntag in einer Pressemitteilung nach der Teilnahme an dem CSD. "Während die polnische Regierung sowie Vertreter der katholischen und orthodoxen Kirche durch hasserfüllte und abwertende Sprache polnische LGBTI* diskriminieren, wenden Hooligangruppen aktiv Gewalt an. Trans*, Inter*, Lesben und Schwule sind in Polen nicht mehr sicher", so der Grünen-Politiker.

"Wenn Menschenrechte vor unserer Haustür mit den Füßen getreten werden, müssen wir hinschauen. Polnische Organisationen möchten und brauchen unsere Unterstützung (…) Die EU muss zur Menschenrechtsunion werden, in der alle Menschen vor Diskriminierung geschützt werden." Er forderte die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dazu auf, einen Kommissar oder eine Kommissarin zu nominieren, der/die "aktiv für den Schutz von Minderheiten arbeitet und Antidiskriminierungsprogramme auf den Weg bringt."



#1 berliner_bärchenAnonym
  • 11.08.2019, 08:27h
  • ...da sind ermutigende Nachrichten aus dem Nachbarland. Ich freue mich sehr über den gelungenen CSD. Solidarität mit unseren polnischen Geschwistern. Zeigt den Nazis und den bigotten Spinnern wo es lang geht.
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#2 AlexAnonym
  • 11.08.2019, 12:25h
  • Gut, dass die schrille Minderheit ewiggestriger Fanatiker niemanden interessiert hat und sich niemand hat einschüchtern lassen.

    Auf die Liebe.
    Auf die Freiheit.
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#3 AlexAnonym
  • 11.08.2019, 16:51h
  • Zum Update:
    Ich kann mich der Forderung der Grünen nur anschließen. Die EU muss endlich dafür sorgen, dass auch Polen sich an europäische Grundrechte hält.

    Und dass Kirche und Faschisten nicht mehr gemeinsame Sache machen um gegen Minderheiten zu hetzen.
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