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"LGBT waren unter uns"

Veteranen des Warschauer Aufstands weisen homofeindlichen Erzbischof zurecht

In einer Predigt zum Jahrestag des Aufstands hatte der Krakauer Erzbischof gewarnt, Polen werde heute von einer "Regenbogen-Pest" bedroht. Frühere Widerständler reagierten jetzt mit einer empörten Stellungnahme.


Bischof Marek Jedraszewski und Anna Przedpelska-Trzeciakowska, Veteranin des Warschauer Aufstands

In einer knappen wie deutlichen Stellungnahme haben sich noch lebende Beteiligte des Warschauer Aufstands 1944 mit "Empörung" gegen eine Predigt von Marek Jedraszewski gewandt. In einer Messe zum 75. Jahrestag des Beginn des Aufstands hatte der Krakauer Erzbischof am 1. August den Kampf der Aufständischen gegen die deutsche Besatzungsmacht gewürdigt und davor gewarnt, dass Polen nach der "roten Plage" des Kommunismus nun von der "LGBT-Ideologie", der "Regenbogen-Pest", bedroht werde.

"Wir wissen nicht, wieviele Menschen es – unter unseren Freunden – gab, denen der Schöpfer die heute als LGBT bezeichneten Eigenschaften verlieh", heißt es in der Erklärung der einstigen Widerstands-Kämpferinnen und -Kämpfer. "Wir wissen nur, dass sie unter uns waren, gekämpft haben und gestorben sind. Und sie verdienen Erinnerung, Respekt und Gebet. Die Worte des Erzbischofs, denen wir als Christen und Mitaufständische zutiefst entgegen stehen, haben damit nichts zu tun."

Als Initiatorin der Antwort auf den Erzbischof gilt die heute 92-jährige bekannte Autorin und Übersetzerin Anna Przedpelska-Trzeciakowska, die als Krankenschwester unter dem Pseudonym "Grodzka" am Aufstand beteiligt war. Zu weiteren Unterzeichnenden gehören Wanda Traczyk-Stawska ("Paczek"), Anna Jakubowska ("Paulinka"), Krystyna Zachwatowicz ("Czyzyk") und die Vize-Präsidenten der Vereinigung der Widerstandskämpfer, Halina Jedrzejewska ("Slawka") und Zbigniew Galpery ("Antek").


Denkmal des Warschauer Aufstandes am Krasiński-Platz, inzwischen umgeben vom Obersten Gericht des Landes. Bild: nb

Bei der Erhebung gegen deutsche Besatzer, nicht zu verwechseln mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto ein Jahr zuvor, hatten rund 45.000 Aufständische 63 Tage lang gekämpft. Nach einigen Erfolgen musste sich die Polnische Heimatarmee schließlich ergeben, während die Rote Armee nicht in die Kämpfe eingegriffen hatte. Die Nazis zerstörten große Teile der Stadt und verübten Massenmorde an der Zivilbevölkerung. Der Aufstand wurde mehrfach verfilmt und in der Stadt mit mehreren Denkmälern und einem Museum gewürdigt. Die Rolle von LGBT beim Warschauer Aufstand wurde bislang kaum erforscht.

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Kirche und Regierung gegen LGBTI(-"Ideologie")

"Die rote Plage hat unser Land nicht mehr im Griff, was nicht bedeutet, dass es keine neue gibt, die unsere Seelen, Herzen und unseren Verstand kontrollieren will", hatte Jedraszewski in der Predigt in Anspielung auf den Kommunismus gemeint (queer.de berichtete). Die neue Bedrohung sei "nicht marxistisch, bolschewistisch, sondern aus dem gleichen Geist geboren: neomarxistisch." Sie sei "nicht rot, sondern Regenbogen", so der Bischof. Die Gräber der polnischen Freiheitskämpfer spornten "uns an, uns zu verteidigen und echte Freiheit zu verteidigen".

Twitter / queerpl

Die Predigt hatte große Aufmerksamkeit und Kritik erhalten, in Krakau und Warschau hatte es Kundgebungen gegen die Worte des Bischofs gegeben. Angesichts dieser Proteste hatte die Bischofskonferenz in dieser Woche vor einem "Ideologischen Totalitarismus" durch LGBTI-Aktivisten gewarnt und ihren Widerstand gegen eine "LGBTI-Ideologie" und gegen Rechte für homo- und transsexuelle Personen bekräftigt (queer.de berichtete).

In Polen schwelt seit Monaten ein gezielt geschürter Kulturkampf: Nachdem sich der Warschauer Stadtpräsident Rafal Trzaskowski im Frühjahr in einer "Regenbogen-Erklärung" unter anderem für eine umfassende und LGBTI-inklusive Sexualaufklärung an Schulen verpflichtete, machte die regierende Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) daraus ein Thema zum damaligen Europa- und nun bevorstehenden Parlamentswahlkampf: "Die LGBT- und Gender-Bewegung bedroht unsere Identität und unsere Nation", meinte etwa der Parteivorsitzende Jaroslaw Kaczynski im April. Inzwischen haben mehrere PiS-geführte Gemeinden und Regionen Resolutionen gegen eine "LGBT-Ideologie" beschlossen, ein PiS-nahes Politik-Magazin verteilte gar Aufkleber mit dem Aufdruck "LGBT-freie Zone".

Im Rahmen dieses Klimas war es vor drei Wochen zu schweren Ausschreitungen gegen den ersten CSD in Bialystok gekommen. Bereits nach dem Pride hatte der Verband der ehemaligen Warschauer Widerstandskämpfer zusammen mit der "Stiftung zur Erinnerung an die Helden des Warschauer Aufstands" eine offizielle Erklärung abgegeben: "Es kann kein Einverständnis geben zur Demütigung sexueller Minderheiten in einem Land, in dem Homosexuelle von Faschisten wegen ihrer 'Unterschiede' getötet wurden." Die Stellungnahme kritisierte, dass Nationalisten bei den Gegenprotesten zum CSD teilweise das Symbol des Widerstandes genutzt hatten, und forderte ein Handeln gegen den Hass, bevor es "zu spät" sei, "bevor wir die Fehler vor dem Zweiten Weltkrieg wiederholen, als die kranke Ideologie der Ausgrenzung den menschlichen Verstand überschwemmte".

An diesem Samstag blieb es beim ebenfalls ersten CSD in Plock weitgehend friedlich, da die Polizei rund 100 nationalistische Gegendemonstranten im Griff hatte (queer.de berichtete). Der Europaabgeordnete Rasmus Andresen von den deutschen Grünen betonte nach seinem Besuch des CSD: "Die Situation von LGBTI* in unserem Nachbarland Polen wird immer schlimmer. Während die polnische Regierung sowie Vertreter der katholischen und orthodoxen Kirche durch hasserfüllte und abwertende Sprache polnische LGBTI* diskriminieren, wenden Hooligangruppen aktiv Gewalt an." Die EU müsse hier mehr Einsatz zeigen. (nb)

nachträglich ergänzt um Stellungnahme von Widerständlern zu den Ausschreitungen in Bialystok, vorletzter Absatz

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#1 SmartakusProfil
#2 JanuszAnonym
  • 11.08.2019, 14:37h
  • Danke. So sieht Solidarität aus von Menschen, die plötzlich wieder das sehen und hören, was sie schon einmal gesehen und gehört - und überwunden geglaubt - haben.

    Der modrige Schoß ist heute fruchtbarer als jemals in den vergangenen acht Jahrzehnten.
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#3 Oscar2019Anonym
  • 11.08.2019, 14:41h
  • Dass es der Stellungnahme der ehemaligen Widerständler befarf, um einem Bischof daran zu erinnern: "wir sind alle Geschöpfe Gottes " ist erschütternd. Wie antichristlich dieser katholische Bischof ist-er hat selnen Beruf verfehlt und tritt der Liebe Gottes ins Gesicht. Er ist eine Schande für alle Christen, für alle Menschen.
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#4 podziekowacAnonym
  • 11.08.2019, 15:30h
  • Thanks to all active people who survived the warsaw uprising and who are united now against homo- and transphobia.
    Your words are important and we hear you with thankfulness :-) We need your solidarity against those who speak hate like bishop Marek Jedraszewski.
    I can't believe that history repeats once more.
    There are still people who didn't learn so far.
    Right-wing politics is dangerous just like bishops who use Christianity for hate.

    Thanks to all of you who unite against hate, discrimination, and homo- and transphobia, and antisemitism.

    United_We_Are \o/__\o/__\o/
    :-)
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#5 podziekowacAnonym
#6 zundermxeAnonym
  • 11.08.2019, 16:58h
  • Freue mich sehr über die Stimmen der Freiheit und Solidarität - Dziekuje bardzo!

    Die Hetzer und Demagogen von heute werden von der Geschichte als solche erkannt werden. Bleibt nur die Frage wieviel Zeit und Opfer es dazu bedarf.

    dont let my sorrows turn to hate
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#7 AlexAnonym
  • 11.08.2019, 17:06h
  • Gut, dass diejenigen, die im Gegensatz zu den Hetzern diese Zeit erlebt haben und wissen, wohin Faschismus führt, die Hetze der Kirche, der Regierung und Teilen der Gesellschaft verurteilen.

    Wer gegen LGBTI hetzt, gedenkt nicht der Opfer des Nazi-Terrors, sondern steht in direkter Tradition der Nazis.
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#8 JanuszAnonym
  • 11.08.2019, 17:24h
  • Antwort auf #3 von Oscar2019
  • Das Gegenteil von dem, was du behauptest, ist richtig: Der "Bischof" ist ein mustergültiger Vertreter seiner "Kirche" und wird auch nicht von seinem Führer in Rom zurückgepfiffen. Im Gegenteil, Bergoglio lässt ihn gewähren und schaut zu, wie das Fußvolk die restliche Drecksarbeit frohlockend übernehmen.
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#9 JanuszAnonym
#10 podziekowacAnonym
  • 11.08.2019, 17:55h
  • Da heißt es immer wieder, wir, die LSBTTIQ, sollen den Kirchen verzeihen.
    Aber vor allem Bischöfe schrecken nicht davor zurück, im Jahr 2019 gegen uns zu hetzen.

    Solange wir Sündenböcke sein sollen und wir so behandelt werden, kann und darf es keine Verzeihung geben. Das Angebot der Segnung ändert daran auch nichts.

    Zuerst ist es an den Kirchen und an den Bischöfen, die 10 Gebote einzuhalten, da sie christlich sind, und dann wird es Zeit, dass man ihnen Grenzen aufzeigt. Menschenrechte sollten auch in Kirchen und bei Bischöfen eine Bedeutung haben. Vielleicht wäre da ein Gesetz notwendig. So dass wenigstens die Menschenrechte geschützt sind - auch in religiösen Bereichen.

    Aber ehrlich gesagt, würde ich es besser finden, nun Kirchen zu boykottieren. Denn das haben sie mal wieder verdient.

    United_We_Are \o/__\o/__\o/

    ©BuntesUndSchönes
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