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Großbritannien

Schottland: Lesbische Tory-Chefin gibt Amt auf

Ruth Davidson will mehr Zeit für ihre Regenbogenfamilie haben – tritt aber auch offensichtlich entnervt über die Brexit-Politik des Parteifreunds Boris Johnson zurück.


Davidson am Donnerstag bei einer Pressekonferenz zum Rücktritt in Edinburgh

Die Vorsitzende der Konservativen Partei in Schottland, Ruth Davidson, hat am Donnerstag ihren Rücktritt von dem Amt angekündigt. Die 40-Jährige hatte die Parteiführung vor acht Jahren übernommen und galt als erfolgreiche Erneuerin, die den Konservativen im für sie schwierigen Schottland wieder Chancen ermöglichte. So verdoppelte die Partei ihre Sitze bei der Wahl des regionalen Parlaments 2016; bei den britischen Parlamentswahlen ein Jahr später holten die schottischen Torys 13 Sitze, zwölf mehr als 2015.

Der Rückzug soll schon länger geplant und auch privat bedingt gewesen sein, berichteten Medien seit ersten Gerüchten über den Rücktritt am Mittwoch. So wolle sich Davidson mehr um ihren Sohn Finn kümmern: Im Oktober hatte sie als erste britische Parteichefin im Amt ein Kind geboren, das sie mit ihrer Partnerin Jen Wilson aufzieht (queer.de berichtete). "Vieles hat sich verändert in den Jahren meiner Führung – sowohl persönlich als auch im politischen Kontext", so Davidson in ihrem Rücktrittsschreiben. "Die größte Änderung war natürlich, dass ich eine Familie gegründet habe." Sie bedankte sich für den Rückhalt, den sie dabei bekommen habe.

Twitter / RuthDavidsonMSP | Der Abschiedsbrief

Nach neun Wahlen und zwei Referenden kenne sie die damit verbundenen Anstrengungen. Doch der Gedanke an zwei anstehende Parlamentswahlen, der sie einst befeuert hätte, erfülle sie nun angesichts hunderter Stunden von der Familie entfernt mit "Furcht". Das sei keine gute Voraussetzung für eine Parteiführung. Oft hätte ihre Familie das Nachsehen gehabt, so Davidson. "Die Ankunft meines Sohnes bedeutet, dass ich jetzt eine andere Entscheidung treffe."

Frust über Brexit-Politik

Davidson galt aber auch als Gegnerin von Boris Johnson, der vor wenigen Wochen Vorsitzender der britischen Tories und neuer britischer Premierminister wurde und am Mittwoch im Streit um den Brexit mit einer mehrwöchigen Auflösung des Parlaments für eine neue Eskalationsstufe sorgte. Schottland hatte – mit 62 zu 38 Prozent – gegen den Brexit gestimmt und Davidson vor dem Referendum für einen Verbleib des Königreiches in der Europäischen Union gekämpft.

"Ich habe zwar den Konflikt, den ich über Brexit empfunden habe, nicht verschwiegen", so Davidson in dem Rücktrittsschreiben, "aber ich habe versucht, für unsere Partei einen Kurs einzuschlagen, der das Ergebnis des Referendums anerkennt und respektiert, während ich gleichzeitig danach strebte, die Chancen zu maximieren und die Risiken für wichtige schottische Unternehmen und Sektoren zu minimieren." Davidson hatte sich bis zuletzt gegen einen ungeregelten Brexit engagiert. Für Frust sorgte offenbar auch, dass Johnson ihren Verbündeten David Mundell als Minister für Schottland ausgewechselt hatte.

Davidson, die ihr in Edinburgh errungenes Mandat im schottischen Parlament behalten will, war über die Parteifreunde aus London zunehemend verzweifelt – während in der Heimat die Scottish National Party sich zunehmend im Aufwind für anstehende Wahlen sowie ein von ihnen befürwortetes zweites Unabhängigkeitsreferendum sieht. Die Tory-Chefin hatte sich klar für einen Verbleib Schottlands im Königreich engagiert. Für Ärger bei Davidson hatte auch gesorgt, dass die Tories im britischen Unterhaus nach der letzten Parlamentswahl eine Unterstützungsvereinbarung mit der homofeindlichen nordirischen "Democratic Unionist Party" trafen (queer.de berichtete).

Der stellvertretende Parteivorsitzende Jackson Carlaw soll nun den Vorsitz bis zu einer Wahl übernehmen, er hatte Davidson bereits während des Mutterschaftsurlaubs vertreten. Die frühere BBC-Journalistin war 2011 nach einem Rücktritt eines Politikers überraschend über eine regionale Liste ins schottische Parlament eingezogen und hatte sich mit Unterstützung der damaligen Parteiführer in Großbritannien und Schottland, David Cameron und Annabel Goldie, bereits wenig später um den Parteivorsitz beworben. Dass sie mit ihrer Partnerin, einer Finanzanalystin, zusammenlebte, war zu dem Zeitpunkt bereits öffentlich bekannt.

Zwischenzeitlich waren in Schottland in den letzten Jahren vier Parteivorsitzende offen schwul oder lesbisch, auch der britische Ex-Schottland-Minister David Mundell hatte sich während seiner Amtszeit geoutet (queer.de berichtete). (nb)