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Heimkino

Kühe melken und von Männern träumen

Der queere Marcos trägt Frauenkleider, um beim Karneval endlich mit Männern flirten zu können – doch sein Geheimnis fliegt auf. "Marilyn" ist ein ruhig erzählter Film über das homophobe Landleben, der auf wahren Begebenheiten basiert.


Der queere Argentinier Marcos stößt auf Gewalt und Ablehnung durch Familie und Gleichaltrige, findet aber auch seine erste Liebe (Bild: Pro-Fun Media)
  • Von Fabian Schäfer
    31. August 2019, 09:45h, noch kein Kommentar

Nein, viel passiert nicht in Marcos Alltag. Kühe melken, der Mutter im Haushalt und beim Nähen helfen. Der 17-Jährige hat gerade die Schule beendet, mit sehr guten Noten, der Vater will ihn vom Hof im ländlichen Argentinien zu einem Computerkurs in die Stadt schicken. "Du wirst uns alle ernähren", so dessen Prophezeiung. Marcos, der Hoffnungsträger. Der, der es schafft.

Ansonsten wird in der Familie wenig gesprochen. Es gibt, wenn überhaupt, vielsagende Blicke oder, viel häufiger, leere Augen in emotionsbefreiten Gesichtern. Nur der Fernseher kann Marcos Mutter nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes noch zum Lachen bringen. Dann machen sich auch noch Diebe an den Rindern zu schaffen.

"Ich will dich nie wieder so sehen"


"Marilyn" ist jetzt auf DVD, als Stream und zum Download erhältlich

Zum Karneval schafft es Marcos (Walter Rodríguez), aus seinem Alltag – und damit dieser für ihn so engen Welt – auszubrechen. Er näht sich ein Kleid, seine Freundin Laura nimmt ihn mit zu einer Party. Der Roller verspricht plötzlich unendliche Freiheit auf staubigen Straßen. Getarnt durch eine Maske tanzt er seinen Befreiungstanz, endlich kann er sich Männern nähern. Doch die Maske fällt, und die Roller werden vom Freiheits- zum Unheilbringer. Es folgt eine Szene, die in seiner Brutalität und Abscheulichkeit doch überraschend nüchtern wirkt.

Denn Regisseur Martín Rodríguez Redondo erzählt in seinem ersten Langfilm "Marilyn" mit einer eleganten Distanz, die viel – sicher für manche zu viel – Interpretationsspielraum lässt. Die Kamera kommt den Personen selten nahe, und überhaupt erfahren wir nicht viel über sie, sie teilen im Laufe der Zeit wenig mit. Sind die Frauenkleider, die Röcke, die Kette, die Marcos so liebevoll berührt, wirklich nur ein Vehikel, um mit Männern zu tanzen? Will Marcos durch Cross-Dressing mit Erwartungen brechen und die engen Grenzen überschreiten, oder kann er so seinem wahren Ich näherkommen – der Filmtitel spielt auf das Lied "Marilyn" an, zu dem er tanzt. "Ich bin ein Orkan, ich bin ein Sturm", heißt es darin.

Wenig zu sagen hat Marcos Mutter dann auch, als sie hinter das Geheimnis ihres Sohnes kommt. "Ich will dich nie wieder so sehen", sagt sie, dreht sich um, und wirft die Sachen ins Feuer. Es fließen Tränen, und plötzlich sind wir Marcos ganz nah.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Es gibt radikalere Stoffe

Dem allzu bekannten Narrativ – junge, queere, Person wird auf dem Land abgelehnt und emanzipiert sich – und seinen zu oft gehörten Sätzen fügt Martín Rodríguez Redondo so dennoch Nuancen hinzu, die vergleichbare Filme nicht haben, und "Marilyn" sehenswert, wenn auch konventionell, machen.

Der Film basiert auf wahren Begebenheiten. Doch dass insbesondere aus Südamerika auch queeres Kino stammt, das weiter geht, radikaler ist, und zudem neue Stoffe und Erzählformen hervorbringt, haben auf der diesjährigen Berlinale etwa "A rosa azul de Novalis", "Greta" oder der Teddy-Gewinner "Breve historia del planeta verde" gezeigt.

Dass die Ruhe und Emotionslosigkeit in "Marilyn" nur brüchig sind, wird bald deutlich. Es scheint etwas zu brodeln. Das verstärkt sich umso mehr, als die Familie beschließt, das Landleben aufzugeben und in die Stadt zu ziehen. Zufällig lernt Marcos den offenen, hübschen und sympathischen Federico kennen. Die Stadt, ein neues Haus – das größte, noch dazu!, erzählt er aufgeregt Federicos Eltern – der Computerkurs, eine erste, lang ersehnte Liebe. Es scheint zu gut zu laufen für Marcos. Er muss handeln.

Direktlink | Regisseur Martín Rodríguez Redondo über seinen Film

Infos zum Film

Marilyn. Drama. Argentinien/Chile 2018. Regie: Martín Rodríguez Redondo. Darsteller: Walter Rodríguez, Catalina Saavedra, Germán de Silva, Ignacio Giménez, Rodolfo García Werner, Andrew Bargsted, Josefina Paredes, German Baudino. Laufzeit: 80 Minuten. Sprache: spanische Originalfassung. Untertitel: Deutsch, Niederländisch, Englisch (optional). FSK 16. Pro-Fun Media
Galerie:
Marilyn
10 Bilder