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Neu im Querverlag

Eine superqueere Familiensaga

In Jasper Nicolaisens Roman "Erwachsen" verliert Thomas bei einem Unfall seinen Mann – gleichzeitig flieht sein Sohn vor dessen zwei Müttern zum bisexuellen Künstler-Großvater.

  • Von Fabian Schäfer
    1. September 2019, 09:13h, noch kein Kommentar

Der Querverlag bewirbt "Erwachsen" als "Regenbogen-Familiensaga im Almodóvar-Format"

Ganz automatisch und unweigerlich bauen wir beim Lesen eine Beziehung zu unserem Gegenüber auf. Das Buch, der Roman, diese eigene kleine Welt, die erschaffen wird, nur um uns erzählt zu werden, ist ein Begleiter auf bestimmte Zeit. Wir haben nicht nur eine Beziehung zu dieser Welt und ihren Personen, sondern auch zum Werk als solches: Wir sind von ihm als Ganzes enttäuscht oder beleidigt, wenn es ein nicht zufriedenstellendes Ende gibt, sauer, wenn es unzuverlässig erzählt, wir vermissen es, wenn es viel zu schnell vorbei ist, wir fühlen uns verstanden, wenn es uns auf der richtigen Ebene abholt und mitnimmt.

Und wie bei menschlichen Begegnungen gibt es Bücher, die schon ab der ersten Sekunde unsympathisch sind. "Erwachsen" von Jasper Nicolaisen war für mich so ein Roman. Bereits der erste Satz irritiert: "Thomas stand auf Clemens' Beerdigung herum." Wie kann jemand auf einer Beerdigung herumstehen?

Noch dazu, wenn, wie bald klar wird, es die Beerdigung des eigenen Mannes ist, der völlig überraschend bei einem Autounfall gestorben ist? (Sich aber trotzdem ein Lied für die Bestattung gewünscht hat.) Dass Mau-Mau, die Frau von Katha, mit der Thomas vor 15 Jahren ihren Sohn Beat gezeugt hat, einen ziemlich nervigen und unauthentischen "englischen" Akzent hat ("Ja, dem sagt dern Richtige. I think du hast eine … was? … eine Vier in den Englisch?"), tut schon nach wenigen Seiten ein Übriges.

Beat, der wegen seiner lesbischen Mütter gemobbt wird

Dieses Herumstehen ist beispielhaft für den Umgang mit Tiefe und Emotion in "Erwachsen". Hier und da wird versucht, ernsthafte Themen aufzumachen, aber wirklich ernst oder reflektiert wirken die Gefühle und Gedanken der Beteiligten selten. Vielleicht wäre eine Ich-Erzählperspektive besser geeignet gewesen.

Immerhin sind damit schnell die wichtigsten Personen aus "Erwachsen" eingeführt: Thomas, frischer Witwer, Agenturleiter, der nach dem Tod von Clemens sein Leben überdenkt. Mau-Mau und Katha, etwas übereifrige Eltern von Beat, dem 15-Jährigen Teenager, der die üblichen Teenager-Probleme hat, und, weil die nicht reichen, wegen seiner lesbischen Mütter gemobbt wird.

Dazu Edgar Edel, "der international renommierte Fotokünstler" und Thomas' bisexueller, unsympathischer, arroganter Vater, mit dem irgendwie noch nicht alles ausgesprochen zu sein scheint. Und Chiara, deren eines Bein länger ist als das andere, und in die Beat sich vielleicht verliebt hat. Die erstaunlicherweise zwischen naivem Teenie und Nachwuchs-Intellektuellen, die Susan Sontag erklärt, angesiedelt ist, aber auch nur diese zwei Seiten kennt.

Ein abenteuerlicher Höllenritt per Anhalter in den Süden


Jasper Nicolaisen veröffentlichte im Querverlag auch den Roman "Ein schönes Kleid" (Bild: Querverlag)

Eine durchmischte, diverse, sehr queere Konstellation, die verschiedene Perspektiven und Emotionen ermöglichen würde. Im Grunde gibt es in "Erwachsen" zwei sich immer wieder kreuzende Erzählungen: Thomas braucht Hilfe, um sein Leben als Witwer zu ordnen – dazu gehört eine neue, unerwartete Liebe und eine genauso unerwartete Einzelfallhilfe. Und Beat hat Stress mit seinen Mamis und in der Schule, genau wie Chiara, und beide laufen deshalb von zu Hause weg. Leider gelingt der Perspektivwechsel jedoch zu selten, weil zu lange von einer Seite erzählt wird, und dabei zu wenig Spannung aufgebaut wird.

Doch wie jeder erste Eindruck lässt sich auch der eines Buches im Laufe der Zeit ins Gegenteil kehren, oder zumindest korrigieren. Denn es gibt sie ja, die dynamisch geschriebenen, brillant erzählten, sehr unmittelbar wirkenden Szenen und Personen. Beats und Chiaras Anhalter-Höllenritt in den Süden zum Beispiel. Flott, mitreißend, angsteinflößend geschrieben, plötzlich ganz nah dran an den Hexen, in der Situation, in den Emotionen der beiden Teenies auf der Flucht.

Strandkorbtaugliche Familiengeschichte

Mindestens genauso skurril ist Spritney Bier, die wie eine Erleuchtung in Persona erscheinende Einzelfallhilfe für Thomas, ein Deus (oder Dea) Ex Machina, nur nicht am Ende des Stückes. Sie ist der heimliche Star des Romans, wunderbar überzeichnet, skurril-spirituell und nie um eine Provokation verlegen, sorgt sie in Thomas' Welt – wie bei den Leser*innen – für Verwirrung, Heiterkeit, Schmunzeln. Dass die von Spritney engagierte Putzhilfe dann aber nur Russisch und Italienisch spricht, sonst aber keine Funktion erfüllt, ist doch sehr gewollt absurd. Soll das das "Almodóvar-Format" sein

Am Ende bleibt eine gemischte Beziehung zu "Erwachsen". Manchmal kurzweilig bis grandios, oft ratlos, und überhaupt, was sagt der Roman? Mir persönlich wenig. Das mag anderen sicher anders gehen. Es hat nicht gefunkt, ganz einfach, kein schreckliches Date, aber keins, das ich wiederholen mag. Allemal strandkorbtauglich, wenn man sich darauf einlässt, und mit mehr Verständnis als Erwartung rangeht.

Infos zum Buch

Jasper Nicolaisen: Erwachsen. Roman. 328 Seiten. Querverlag. Berlin 2019. Taschenbuch: 16 € (ISBN 978-3-89656-276-0). E-Book: 9,99 €