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Ab Donnerstag im Kino

Finger im Arsch in Paris

Der junge Israeli Yoav flieht nach Paris, um möglicht schnell Franzose zu werden. "Synonymes", der queere Berlinale-Gewinner 2019, erzählt unkonventionell vom Versuch, ein neues Leben zu beginnen.


Yoav will alles Israelische in ihm loswerden – und beginnt in Paris eine Dreiecksbeziehung mit Émile und Caroline (Bild: Grandfilm)
  • Von Fabian Schäfer
    4. September 2019, 04:25h, noch kein Kommentar

Den senfgelben, langen Mantel legt Yoav nur ganz selten ab. Er bringt Farbe in das ziemlich triste und dustere Paris, in dem er sich ein neues Leben aufbauen will. Ihm wurde alles genommen, die Wohnung ist leer, jemand klaut sogar noch seine Unterwäsche, während er duscht. Nackt rennt er durchs Treppenhaus, auf der Suche nach Hilfe.

Er trifft, zum Glück, Émile und dessen Freundin Caroline. Geld scheint für die beiden in ihrer schier endlos riesigen Wohnung keine Rolle zu spielen. Sie kleiden den jungen Israeli, der mit etwas komischem Akzent Französisch spricht, erst einmal ordentlich ein. Es entwickelt sich eine Freundschaft, die zu einer nicht uneigennützigen Dreiecksbeziehung für Émile und Caroline wird.

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"Synonymes" erzählt unkonventionell und ohne Spannungsbogen


Poster zum Film: "Synonymes" startet am 5. September 2019 im Kino

Yoav ist gekommen, um zu bleiben, und will alles Israelische in ihm loswerden. Nie mehr Hebräisch sprechen, weder mit seiner Schwester noch seinem Vater. "Israel wird vor mir sterben", sagt der junge hübsche Mann mit seinen haselnussbraunen Augen und den tiefen Augenringen. Neben Émile und Caroline sein wichtigster Begleiter: Ein Wörterbuch. Er läuft durch die Stadt und brabbelt gebetsmühlenartig Synonyme vor sich her. Er sucht nach Worten, die seine Heimat beschreiben. Schrecklich, obszön, abscheulich, erbärmlich, kalt, grob, furchtbar, entsetzlich. Kein Land kann das alles auf einmal sein, entgegnet Émile vergnügt.

"Synonymes", der diesjährige Berlinale-Gewinner von Regisseur Nadav Lapid, ist ein in höchstem Maße autobiografisches Drama. Nadav Lapid ist selbst, relativ überstürzt, nach Paris gezogen, "um mich vor einem israelischen Schicksal zu bewahren". Yoavs Eindrücke sind auch die des Regisseurs selbst.

Wovor genau Yoav jedoch geflohen ist, was genau damals im Militär passiert ist, wen und was er in Israel zurücklässt, was er eigentlich in Paris will – außer Franzose zu werden – bleibt unscharf. "Synonymes" erzählt, und damit reiht der Film sich ein zu den letzten Berlinale-Gewinnern, unkonventionell – aber darüber hinaus zudem teilweise gewöhnungsbedürftig lose – und unverständlich, ohne jeglichen Spannungsbogen sowie mit Längen.

Inbrünstig singt er die blutige Marseillaise

"Synonymes" verhandelt Identitäten, Traumata der Vergangenheit, den Wunsch dazuzugehören. Das Drama gewinnt ungemein durch Hauptdarsteller Tom Mercier, der sich für den Film selbst Französisch beigebracht hat. Regisseur Nadav Lapid hat ihn noch als Schauspielstudenten entdeckt. Tom Mercier ist die Energie, das Getriebensein, die Suche nach Wurzeln und gleichzeitiger Entwurzelung, in jeder Szene anzumerken. Die Verzweiflung, wenn er nackt durch das Treppenhaus irrt, die Verwirrt- und Verblüfftheit, wenn ein schwuler Pornoproduzent auf sein Model-Inserat antwortet und ihm befiehlt, sich den Finger in den Arsch zu stecken. Er macht's trotzdem – und spricht zum ersten Mal sogar wieder Hebräisch.

Ist Yoav angekommen, wenn er im Integrationskurs inbrünstig die blutige Marseillaise singt, die Lehrerin sogar bittet, lauter zu machen, noch lauter? Wo er gleichzeitig genug von Militär und Gewalt hatte? Es sind diese ironischen, leisen Zwischentöne, die "Synonymes" so intensiv machen. Und uns zeigen, dass zum Ankommen mehr gehört als eine Hymne zu singen.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Synonymes. Drama. Frankreich / Israel 2019. Regie: Nadav Lapid. Darsteller: Quentin Dolmaire, Tom Mercier, Louise Chevillotte, Chris Zastera. Laufzeit: 123 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Grandfilm. Kinostart: 5. September 2019