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Im September in der Queerfilmnacht

Durch Camsex zu den tiefsten Ängsten

Jakob, 17, jobbt in einem Schlachthof, nachts hat er Camsex. Dann wird alles zuviel... "Nevrland" verhandelt ungemein ästhetisch zeitgenössische Themen und findet aktuelle Antworten. Ein Film wie ein Rausch.


Der 17-jährige Jakob lernt in einem Sex-Cam-Chat den neun Jahre älteren Künstler Kristjan kennen (Bild: Edition Salzgeber)
  • Von Fabian Schäfer
    7. September 2019, 15:18h, 1 Kommentar

"Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können." Diesen Satz aus Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" stellt Regisseur Gregor Schmidinger seinem Film "Nevrland" voran. Und Chaos gibt es in der Hauptfigur Jakob genug. Und getanzt wird später auch noch.

Jakob, 17, hat gerade die Schule beendet. Um sich ein bisschen Geld dazuzuverdienen, folgt er seinem Vater als Aushilfe in einen Schlachthof. Dort, wo er fast von einer Schweinehälfte erschlagen wird, soll er das herumhängende Fleisch saubermachen. Das ganze Blut muss weg, von den toten Tieren, vom Boden. Er hört das Quieken der Ferkel, wir sehen das rohe Fleisch in Nahaufnahme, in der Umkleidekabine hängt ein Tittenkalender. Beim Mittagessen werden blöde Sprüche gerissen.

Abends verbringt Jakob Zeit mit Pornos auf CockTube oder auf Camsex-Seiten. Ein Klick, und schon sieht er den nächsten nackten Körper. Noch ein Klick, noch ein Klick. Dann taucht ein junger Mann auf, tätowiert, gut gebaut, sympathisch. Dann ist er weg, der nächste Körper folgt. Sein Gegenüber hat weitergeklickt. Oder war nur das Internet kurz weg?

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Ein ästhetischer, bildgewaltiger Film


Poster zum Film: "Nevrland" startet am 17. Oktober 2019 im Kino und ist in diesem Monat bereits in der Queerfilmnacht zu sehen

Irgendwann wird es Jakob zuviel. In der Schlachthausdusche übergibt er sich, er bricht zusammen. Weder Computertomographie noch Hirnflüssigkeitsanalyse bringen eine Diagnose. Es ist etwas Psychologisches, er soll zum Therapeuten, sagt er seinem Vater. "Ja, dann schaust hin, na?", antwortet der nur emotionslos, die Wohnung, als wäre sie in den Siebzigern steckengeblieben, nur schwach erleuchtet, während der Großvater eine Schlagersendung schaut. Ein in seinem Kontrast fast absurder Moment. Für den Vater ohnehin viel wichtiger: Wann kann Jakob wieder arbeiten?

Nicht nur in dieser Szene, sondern den ganzen Film über wird deutlich, von welch immenser ästhetischer Qualität "Nevrland" ist. Regisseur Gregor Schmidinger beweist einen hervorragenden Blick, wenn es um die Platzierung seiner Darsteller im Raum sowie den Umgang mit Licht und Schatten geht. Viele Momente wirken wie Gemälde, mit viel Feinsinn komponiert, oft symmetrisch angelegt, um dann durchbrochen zu werden. Eine gleichsam unaufdringliche wie bildgewaltige Erfahrung.

Das liegt auch am Kontrast aus Schlachthaus und seinen roten, toten Tierkörpern, den letzten Momenten eines Schweinelebens, der räumlichen wie gesellschaftlichen Enge und dem Wald, durch den Jakob rennt, den See, in dem er schwimmt, die Freiheit, die er genießt. Eine Gegenüberstellung, die an "Körper und Seele" – den Berlinale-Gewinner 2017 – erinnert.

Ein Film wie ein Rausch

"Nevrland", bereits vielfach ausgezeichnet, ist ein zutiefst psychologischer Film, der auch Gregor Schmidingers eigene Erfahrungen mit Angststörungen verarbeitet. Jakob (Simon Frühwirth, eine vielversprechende Neuentdeckung) soll beim Therapeuten die Angst im Raum platzieren. Viel mehr scheint es ihm jedoch zu helfen, Kristjan (Paul Forman) von der Camsex-Seite wiederzutreffen. Der junge Künstler ist eine prägende Begegnung. Er bringt ihn auf Partys, wo Elektro-Beats wummern, blau und rot dominieren, er macht ihn zum Teil seiner Kunst. Und sie haben die wohl innigste, intimste, schönste schwule Sexszene, die das Kino seit langem gesehen hat.

Je besser wir Jakob und Kristjan kennenlernen, desto mehr verfließen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit. Die Schnitte werden schneller, abgehakter, die Bilder unschärfer. Was ist echt, was ist digital, und inwieweit kann digital auch echt sein? Wie gehen wir mit unseren Ängsten und Traumata um, können wir sie beherrschen, und wenn ja, wie?

"Nevrland" stellt zeitgenössische Fragen, und findet aktuelle Antworten. Ein Film wie ein Rausch – unverwechselbar, intensiv, ekstatisch, emotional, herausfordernd.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film

Infos zum Film

Nevrland. Drama. Österreich 2019. Regie: Gregor Schmidinger. Darsteller: Simon Frühwirth, Paul Forman, Josef Hader, Wolfgang Hübsch, Anton Noori. Laufzeit: 90 Minuten. Verleih: Edition Salzgeber. Sprache: deutsch-englische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln. Kinostart: 17. Oktober 2019. Im September ist der Film bereits in der Queerfilmnacht zu sehen.
Galerie:
Nevrland
15 Bilder


#1 queergayProfil
  • 10.09.2019, 01:22hNürnberg
  • Ich habe den Film gesehen und mich dann schon gefragt, welche aktuellen Antworten der Film gefunden haben soll.
    Auch ein Interview mit dem Regisseur im Netz klärt zwar über die Motive auf, warum dem Filmemacher das Thema wichtig war - was jedoch die filmischen Antworten zur dargestellten Situation und Problematik sein sollen, das bleibt eher unklar. Oder habe ich da was übersehen?
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