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Film-Archäologie

Neue Fotos zu einem alten schwulen Film

Heute vor 100 Jahren – am 11. September 1919 – wurde der Film "Prinz Kuckuck" mit der schwulen Hauptfigur Carl Kraker uraufgeführt. Er ist verschollen, lässt sich aber zum Teil rekonstruieren.


Eine homoerotisch wirkende Filmszene als Standbild mit Conrad Veidt als Carl Kraker (re.)
  • Von Erwin In het Panhuis
    11. September 2019, 16:31h, 5 Kommentare

Wenn man einen 100 Jahre alten schwulen Film besprechen möchte, der seit Jahrzehnten verschollen ist, ist das schwer, aber auch reizvoll. In den gängigen Lexika zur homosexuellen Filmgeschichte wird "Prinz Kuckuck" nicht behandelt – man scheint nicht viel über ihn erzählen zu können. Dabei gibt es einige Möglichkeiten, diesen Film zu rekonstruieren: Man kann sich durch mehr als 1.500 Seiten des dreibändigen gleichnamigen Romans kämpfen, der als Filmvorlage diente, und auch auf einige zeitgenössische Kritiken zurückgreifen. Nach eingehender Recherche liegen mir nun sogar sechs Standbilder aus diesem Film vor, die im schwulen Geschichtskontext bisher noch nie gezeigt worden sind.

Der Roman "Prinz Kuckuck"

Der Wälzer "Prinz Kuckuck. Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings" erschien in drei Bänden von 1906 bis 1908 und wird vom "Projekt Gutenberg" in digitaler Form angeboten. Als Quelle habe ich die (neu gesetzten) Kapitel dieser digitalen Ausgabe verlinkt und zusätzlich die Seitenzahlen der jeweiligen Buchbände vermerkt.

Der Inhalt des Romans lässt sich so zusammenfassen: Als die Eltern des jungen Henry Felix sterben, wird dieser durch die Erbschaft zu einem Millionär und kommt zu Verwandten nach Hamburg, wo er vor allem mit seiner Nichte Berta Kraker und seinem schwulen Neffen Karl Kraker viel unternimmt. Beide täuschen Freundschaft und Vertrautheit allerdings nur vor, um so von Henrys Erbe zu profitieren. Karl überredet Henry zu sexuellen Ausschweifungen mit Prostituierten, aber nur um ihn gesundheitlich zu brechen. Später engagiert Karl sogar einen Auftragsmörder für Henry, kommt bei einer Auseinandersetzung mit Henry aber selbst ums Leben.


Der Roman "Prinz Kuckuck" als Erstausgabe (1906-1908)

Der erste Band des Romans

Im ersten Band wird die Homosexualität Karl Krakers nur vorsichtig angedeutet. Er wird als eher weichlicher Mann beschrieben, der "nichts eigentlich Männliches" an sich hat und bei dem auch seine "weibliche Hüftbildung" auffällt. Seine Hände sind "tadellos schön" und gepflegt. "Das ging soweit, daß er die der Schwester überlassenen Toilettemittel fast gänzlich für sich aufbrauchte" (Kap. 30, S. 235-240). Karl gelüstet es nicht nach Frauen, denn "seine unerlaubten Begierden gingen ganz wo anders hin, höher hinaus, aber er wußte sie zu befriedigen". Seine Mutter weiß Bescheid, sein Vater nicht (Kap. 51, S. 395). Karl empfindet einen "Abscheu gegen das Weib" (Kap. 58, S. 462).

Der zweite Band des Romans


Der Roman "Prinz Kuckuck" mit seiner Kritik an Dekadenz und Entartung

Karl will sich mit Henry nicht über seine "Weiberaffären" und auch nicht über seine Liebschaften austauschen. Henry wiederum macht sich keine Gedanken darüber, warum Karl "den Verkehr mit Frauen vermied" (Kap. 82, S. 206-207). Für Karl sprechen Frauen in einer für ihn fremden Sprache. "Es waren Stimmen aus einem Paradiese, zu dem er nie Einlaß finden würde." Für die Edelprostituierte Liane gehörte Karl "zu denen, die schief gewickelt aus der Manufaktur gekommen sind. Er ist ein Mann, ohne als Mann fühlen zu können. – Ich begreife nur nicht, daß er sich dann nicht einen Freund sucht!". Für sie fehlt es Karl an einem Bewusstsein über seine "Verkehrtheit, oder, noch schlimmer, es fehlt ihm auch an Leidenschaft nach der verkehrten Seite hin" (Kap. 84, S. 230-237).

Durch ein Gespräch mit Liane wird sich nun auch Henry der Homosexualität seines Vetters bewusst, er empfindet aber kein "Mitgefühl", sondern findet es sogar "widerlich". Liane: "Es ist – fatal und nicht gerade sympathisch. Das ist wahr. Man hat was dagegen, wenn man anders, das heißt, richtig angelegt ist. Nun ja, vorstellen darf man sich's gleich gar nicht." Sie möchte Karl dennoch unterstützen und sagt zu Henry: "Du solltest ihm Courage machen, […] daß er wenigstens resolut ist, was er ist. Suche ihm einen Freund, wie er dir mich gesucht hat. Revanchiere dich!" Henry verdeutlicht jedoch nur seine Ablehnung: "Du vergißt, daß es unkorrekt ist, Päderast, entschuldige das unangenehme Wort, zu sein. Auch wenn bei uns nicht Gefängnis auf diese Facon, selig zu werden, stünde, würde er […] sich lieber umbringen, als zugeben, daß er zu diesen Anhängern einer unkorrekten Liebe gehört" (Kap. 85, S. 237-239).

Später wird Karls Besuch im englischen Homosexuellenclub "Grüne Nelke" ausführlich geschildert, wo er den "Weg zu seiner Natur" findet. Die Mitglieder halten ihre "erotischen Extrapassionen" nicht für ein "Manko", sondern sind sogar davon überzeugt, dass sie sich als "von der Natur und durch Geschmack Bevorzugte aus der Masse emporhoben". In dem eleganten Clubhaus gibt es eine Bibliothek der griechischen Literatur und Standbilder von Alicibiades, Alexander, Cäsar, Michelangelo, Friedrich dem Großen und anderen berühmten Männern im Rahmen einer "Ahnengalerie".

Karl ist von "Cäsarion" in den Club eingeführt worden, der als eher hingebende Natur reife, starke Männer liebt. Karl verliebt sich in ihn, traute sich aber nicht, sich ihm auch körperlich zu nähern, aber dafür gibt es in London "Stallburschen, Hotelpagen" und "Laufboys". Bei den Vergnügungen mit ihnen ging es "nicht schamloser, ja eher gemessener zu, als bei den Orgien, die normale junge Herren mit gefälligen Damen veranstalten". Die "Boys" folgen meist ihrer Natur und werden "durch die sehr reichliche Entlohnung und eine ihnen sonst unbekannte zärtliche Behandlung über das Gefühl des etwas unheimlich Absonderlichen" hinweggetröstet. Karl lässt sich mit dem jungen "Zirkusbereiter" Fred ein (Kap. 88, S. 270-276) wird jedoch später von diesem erpresst und flieht aus England (Kap. 89, S. 282-287).

Auch Karls spätere Kontakte zu Strichern in Rom und Neapel wie zu dem 19-jährigen Peppino werden ausführlich geschildert. Karl hält es jetzt nicht mehr für ausgeschlossen, einen Burschen zu finden, der ihm "die Hauptsache besorgt" (Kap. 96, S. 384-387). In Neapel lässt Karl ebenfalls "seine Glieder lebendiges Fleisch fühlen". Er besucht antike Bäder, "wo junge Badediener nackt hantierten und zu Szenen à la Petronius gerne und mit angeborener Begabung bereit waren". Die "neapolitanischen Lustknaben" beriefen sich nicht auf "berühmte Männer der Geschichte, sondern sie übten [die erotischen Neigungen] ganz einfach wie etwas Natürliches, Selbstverständliches aus und gingen ohne Umschweife direkt zur Sache. Man duzte sich […] und ließ alle Konventionen draußen in der Garderobe." "Die Kräftigen rangen miteinander", einige singen, tragen "gepfefferte Gedichte" vor und die Jungen "gingen von Schooß zu Schooß". Karl schreibt italienische Verse und tanzte "nach antiken Vasenbildern, wozu er sich ein Bocksschwänzchen umgürtete" (Kap. 97, S. 388-394).

Auf der italienischen Insel Capri lernt Karl den schwulen Tiberio kennen, den er als Auftragsmörder für seinen Neffen engagieren will. Für ihn ist Tiberio der "selbstsichere, zur Männerliebe geborene Jüngling". Tiberio geht offen mit seiner Homosexualität um und verteidigt sich offensiv, wenn er beleidigt wird. "Denn ich habe mich wahrhaftig nicht so gemacht, wie ich bin, obwohl ich mich durchaus nicht darüber beklage, daß ich anders gebacken bin, als die Dutzendware". Er gab sich nicht mit jedem Mann ab, "obwohl er für ein gutes Stück Geld nicht unempfindlich war".

Tiberio erklärt sich bereit, Henry in der Blauen Grotte auf Capri, die einst "Kopisch" entdeckt hat, zu ermorden. Henry lässt sich gutgläubig zu einem Ausflug mit Tiberio überreden, wobei Tiberio aber den Mordplan nicht ausführt. Ganz im Gegenteil: Henry berichtet Karl später sogar davon, wie schön der Ausflug mit Tiberio war. Henry: "Aber der Bengel gefiel mir. Ich schob ihm zehn Fünflirescheine in die Hemdöffnung und sagte ihm, daß er ein Apollo sei" (Kap. 98, S. 396-412). Tiberio zieht sich nackt für ihn aus. Dieser Anblick erinnert Henry an die Statue "David" des Renaissance-Bildhauers Donatello und er schwärmt von seinen Beinen, seinem Rücken, seinen "festen Rundungen" und "hätte den Jungen küssen können". Danach fuhren sie in eine andere "Wollustgrotte", wo "Phallusse" (Stalaktiten) von der Decke hingen, aus denen es Wasser rieselte.

Auf diese Beschreibungen reagiert Karl mit "Wollust" und "Wut", und er versucht, Henry von der Klippe zu stürzen, auf der sie gerade stehen. Bei diesem Zweikampf wird jedoch Karl von der Klippe gestoßen und stibt (Kap. 99, S. 412-422). Henry sorgt später für seine Beerdigung und dafür, dass "niemand von seinen Verirrungen […] erfährt" (Kap. 100, S. 423-427). Mit dem Tod Karl Krakers endet seine Geschichte und auch der zweite Band des Romans. (Der dritte Band ist in Bezug auf Homosexualität kaum relevant).

Die Rezeption des Romans – große Literatur und kleiner Penis

Der Roman ist durchzogen von vielen homosexuellen Andeutungen und kulturhistorischen Referenzen. So ist die "Grüne Nelke" eine Anspielung auf Oscar Wilde, nach dessen Verurteilung wegen Homosexualität 1895 sich die grüne Nelke zu einem schwulen Erkennungssymbol entwickelte. Ein Kommentar über die Zeit des Tiberius verdeutlicht, dass der Name des Begleiters Tiberio eine Referenz auf den römischen Kaiser Tiberius ist, der sich auf Capri allerlei sexuellen Ausschweifungen hingegeben haben soll. Auch der Hinweis auf die "David"-Skulptur von Donatello verweist auf Homosexualität, weil "David" mit seinem fast androgynen Aussehen von manchen als Indiz für Donatellos Homosexualität angesehen wird. Der Grottenentdecker "Kopisch" verweist auf den (vermutlich homosexuellen) August Kopisch, der die Grotte 1826 (wieder)entdeckte.

Wegen der damaligen Prominenz des Autors Otto Julius Bierbaum wurde der Roman breit besprochen, die Rezensionen fallen – von Perspektive und Zeit geprägt – unterschiedlich aus. Für einige Zeitgenossen war der Roman "pornographisch" und "unanständig" und gerade die homoerotische Szene in der Grotte ging vielen Rezensenten zu weit. Im Gegensatz dazu fühlte sich die Homosexuellenbewegung durch den Roman bestätigt und unterstützt. Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1908, S. 581-584) wird Bierbaums Werk als großartiger Roman "von bleibender Bedeutung, voll satyrischen Schwunges, […] deutschen Humors und echt modernen Geistes" ausführlich beschrieben und gelobt. Diese Klarheit der Worte fehlt leider in der Schwulenzeitschrift "Der Kreis" (1960, Heft 4, S. 11), die den Inhalt des Romans Jahrzehnte später nur über ein "eigenartiges Freundschaftsverhältnis" beschreibt, das "zum Nachdenken anregt".

Die für mich facettenreichste Besprechung liefert Benedikt Wolf in seinem Buch "Penetrierte Männlichkeit" (2018), der sich auf fast 40 Seiten ausführlich mit diesem Roman beschäftigt (S. 121-158). So verweist er zunächst darauf, wie die Heterosexualität Henrys und die Homosexualität Karls kontrastierend eingesetzt werden und wie Italien – insbesondere Neapel und die Insel Capri – in dieser Zeit homosexuell konnotiert waren.

Bei einigen Formulierungen des Romans erkennt Wolf Parallelen zur Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene" von Adolf Brand und zu Werken von Johann Wolfgang von Goethe, wie u.a. "Faust". Beim (oben erwähnten) "Bocksschwänzchen" sieht Wolf eine Referenz auf Faust (Karl) und Mephistopheles (Henry). Im Roman werde Sexualität vor allem symbolisch zum Ausdruck gebracht. Dazu gehören Reitmetaphern wie "Herrenreiter" und "Zirkusbereiter" (für Fred), die als Codierungen von Penetration zu erkennen seien. Wolf hält es aufgrund der verwendeten Sprache für gut möglich, dass "Prinz Kuckuck" den Anstoß für die späteren anonym erschienenen schwulen Romane "Liebchen" (1908) und "Die Süßen" (1909) lieferte.

Wolf verweist auch darauf, wie die homoerotische Grotten-Szene von Bierbaum gleich in doppelter Weise literarisch abgemildert wird – vermutlich, um sie vor Kritik zu schützen: Zum einen wird erst im Nachhinein und damit abstrakter über das Erlebte berichtet und zum anderen wird die Szene als Erlebnis des (eigentlich) heterosexuellen Henry geschildert. Es gibt bei Wolf nur wenige Schlussfolgerungen, die ich für überinterpretiert halte. Eine davon ist die Annahme, dass Karl einen als zu klein empfundenen Penis habe, weil er sich einer Frau in sexueller Hinsicht nicht "gewachsen" fühlt (S. 126).

Der Film "Prinz Kuckuck" – mit Conrad Veidt

Die Verfilmung des Romans war, nach den vorhandenen Quellen zu schließen, ein spannender Hybrid zwischen Sittenfilm und Thriller und feierte am 11. September 1919 im heute noch bestehenden Berliner "Marmorhaus" (Kurfürstendamm 236, gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche) seine Premiere. Danach war er u.a. in Berlin, Köln ("Olympia", Eigelstein 51; "Alhambra", Ehrenstraße 11) und anderen Städten zu sehen.


Werbung für den Film "Prinz Kuckuck" im Berliner Marmorhaus

Aus dem schwulen Karl Kraker des Romans wurde nun "Carl Kraker", verkörpert vom erfolgreichen Stummfilmstar Conrad Veidt. Nach dem von Bernd-Ulrich Hergemöller herausgegebenen Lexikon "Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mann-männlicher Sexualität" (2010) war Veidt homosexuell, was durch Äußerungen von Christopher Isherwood und Heinz Dörmer untermauert wird. Seine Rolle als dekadenter Carl Kraker wird hier als früher Stummfilm-Erfolg erwähnt (S. 1198-1199).

Die darstellerische Leistung Conrad Veidts wurde in den damaligen Medien durchgehend gelobt, wobei ich nur bei einer Rezension von Carl Boese den Eindruck habe, dass dieser vorsichtig auch auf die Homosexualität der Filmfigur Carl Kraker hinweisen möchte: Carl "bringt es, trotz seiner pervers-weiblichen Unmännlichkeit, sogar zuwege, einen Mordanschlag anzuzetteln". Das sagt nicht nur etwas über Geschlechterrollen, sondern auch über Boeses Einstellung zu Frauen aus. "Den tiefsten Eindruck bietet Conrad Veidt als Carl Kraker, der die dekadente weiche Note dieses Charakters […] akkurat trifft" ("Der Film", Nr. 30, 26.07.1919).

Conrad Veidt starb nach einem erfolgreichen Schauspielerleben – und ein Jahr nach seiner Filmrolle im Kult-Klassiker "Casablanca" (1942) – im Alter von nur 50 Jahren im Exil in Hollywood. Von seinen insgesamt 112 Filmen gelten 43 als verschollen.


"Prinz Kuckuck"-Regisseur Paul Leni

Der Film "Prinz Kuckuck" – mit einem Stricher?

Von insgesamt drei bekannten Standbildern aus dem Film hat eines (nämlich das Aufmacherfoto oben) eine deutlich homoerotische Wirkung: Auf ihm mustert Veidt als Kraker einen jungen Mann, der in seiner kurzen aufreizenden Hose nicht abweisend reagiert. Zwischen beiden Männern ist eine erotische Spannung spürbar, wobei Carl durch seine Körperhaltung und seine linke Hand auf seiner Hüfte äußerst feminin wirkt.

Der jüngere Schauspieler, dessen Name am unteren Bildrand mit "Bergmann" angegeben wird, ist auf keiner Credit-Liste des Films zu finden. Ich kann mir gut vorstellen, dass es sich dabei um eine kurze Filmszene mit einem Stricher handelt. Das Schiff im Hintergrund verweist auf eine Hafenstadt, mit der verschiedene Handlungsorte des Romans gemeint sein können. Weil Carl seine Homosexualität jedoch nicht in Hamburg, sondern vor allem in Rom und Neapel auslebte, vermute ich Neapel.

Der Film "Prinz Kuckuck" – mit einem schwulen Ballett?


Autogrammkarte von Erik Charell

Durch einen Aufsatz des Musikhistorikers Kevin Clarke in dem Buch "Glitter And Be Gay. Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer" (2007) wurde ich darauf aufmerksam, dass "Prinz Kuckuck" einer von zwei Filmen ist, in denen der (schwule) Tänzer und Choreograf Erik Charell auftrat. Für Clarke kann der Untertitel des Films "Die Höllenfahrt eines Wollüstlings" als "symptomatisch für Charells Persönlichkeit gesehen werden [und auch seinen] späteren Ansatz in Bezug auf Revue und Operette widerspiegeln" (S. 115).

Dass Clarke hier nur eine vage Verbindung von Charell zu dem deftigen (und im Vergleich zum Roman verkürzten) Untertitel aufbaut, der ursprünglich nicht beabsichtigt gewesen sein kann, ist wohl dem Umstand geschuldet, dass man über einen verschollenen Film kaum mehr schreiben kann. Wer tiefer gräbt (IMDb) findet noch heraus, dass Erik Charell im Film den (schwulen) Tiberio verkörperte. Einen schwulen Tänzer für eine schwule Rolle zu engagieren, halte ich nicht für einen Zufall. Wer noch tiefer gräbt findet heraus, dass in einer Aufzählung der Darstellenden bei "Tänze" auch noch Erik Charells Ballett aufgeführt wird (Künstlerische Leitung: Ludwig Kainer; Musikalischer Direktor: Friedrich Holländer, S. 116). Der genaue Einsatz seines Balletts im Film bleibt jedoch unklar.

Der Vergleich: "Prinz Kuckuck" versus "Anders als die Andern"

Zum Film "Anders als die Andern" (1919) – der nur einige Monate vorher seine Premiere feierte (queer.de berichtete) – lassen sich einige Parallelen ziehen: Beide Filme behandeln Homosexualität und entstanden zu Beginn der Weimarer Republik, als es keine staatliche Filmzensur gab. Es waren solche Sittenfilme, die eine breite öffentliche Diskussion über Sittlichkeit auslösten und zur Wiedereinführung der Filmzensur am 12. Mai 1920 führte. Kurz danach wurde "Anders als die Andern" verboten und durfte nur noch sehr eingeschränkt gezeigt werden. "Prinz Kuckuck" wurde im Mai 1921 für Minderjährige verboten. In "Anders als die Andern" und "Prinz Kuckuck" verkörpert der prominente Schauspieler Conrad Veidt einen erpressten Homosexuellen.


Conrad Veidt (li.) wird auch im Film "Anders als die Andern" (1919) wegen seiner Homosexualität erpresst

Ein Vergleich der Filme erscheint aber alleine schon deshalb schwer, weil beide unterschiedlichen Genres angehören. Die Figur Karl Kraker ist zwar die negative Verkörperung eines klischeehaft dargestellten Homosexuellen, aber zum einen muss man die Ironie des Textes berücksichtigen und zum anderen ist der heterosexuelle Henry keine wesentlich sympathischere Figur. Es ist gut möglich – aber eben nicht zu bewiesen – dass die Verfilmung des Romans gröber und mehr auf das Sensationelle eines "Sittenfilms" hin ausgelegt war.

Zumindest in schwulenpolitisch-emanzipatorischer Hinsicht kann "Prinz Kuckuck" dem nur etwas älteren "Anders als die Andern" nicht annähernd das Wasser reichen. "Anders als die Andern" behandelt nur Homosexualität und hat mit der Forderung nach Legalisierung eine unmissverständliche emanzipatorische Botschaft. Bei "Prinz Kuckuck" ist die Homosexualität ein Randthema und dabei so eingepackt, dass man die genaue Positionierung noch nicht einmal nach 1.500 Romanseiten deutlich erkennen kann. Homosexualität und sogar mann-männliche Prostitution wird zwar im Roman irgendwie auch verteidigt, gleichzeitig aber mit der Figur Karl Krakers, die ohne Moral und Gewissen ist, assoziativ verknüpft und mit einem unmoralischen Lebensstil verbunden.

Ich bin sehr froh, dass heute "Anders als die Andern" als erster Film über Homosexualität in den Geschichtsbüchern steht, der heute wenigstens noch fragmentarisch erhalten und nach liebevoller Restaurierung als DVD leicht erhältlich ist.

Was bleibt


Ein weiteres von insgesamt sechs Standbildern aus "Prinz Kuckuck" (1919). Hier mit Conrad Veidt (mi.) – mit hüftbetonender Haltung – und Henry Felix (li.)

Trotz aller Kritik: Otto Julius Bierbaum hat mit seinem dreibändigen Roman ein äußerst spannendes Zeitdokument hinterlassen. Er war Erstunterzeichner der Petition zur Abschaffung des Paragrafen 175 und damit zur Entkriminalisierung von Homosexualität ("Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", 1899, S. 246), obwohl ich beim Lesen des Romans nur selten das Gefühl hatte, diese Offenheit gegenüber Schwulen auch zu spüren. Den auf seinem Roman aufbauenden und heute verschollenen Film kann man – wie hier gezeigt – nicht nur ansatzweise besprechen, sondern auch vermissen. Es ist ein großer kultureller Verlust, dass viele Filme der Weimarer Republik wie dieser verschollen sind.

In dem Buch "Paul Leni. Graphik, Theater, Film" (1986) sind vier Fotos aus dem Film abgedruckt. Weitere Fotos habe ich von der "Conrad Veidt Society" erhalten, bei der ich mich für die Hilfe recht herzlich bedanke. R. Peter Stens von der "Conrad Veidt Society" verweist auf seiner Homepage darauf, dass einige der zunächst verschollen geglaubten Filme Conrad Veidts wieder aufgetaucht sind.

Vielleicht wird ja auch "Prinz Kuckuck" irgendwann wiederauftauchen. Vielleicht kann ein aufmerksamer Archivar diese Fotos einem bisher unbekannten Filmfragment zuordnen, oder der Film wird – wie "Anders als die Andern" – zufällig in einem ukrainischen Filmarchiv gefunden. Wenn man dann "Prinz Kuckuck" wieder in seiner ganzen Länge ansehen kann, wird man auch endlich eine fundierte Rezension aus schwuler Perspektive schreiben können, die dieser Film verdient.



#1 Kevin ClarkeAnonym
  • 11.09.2019, 18:33h
  • Danke für diesen spannenden Artikel und auch für die Erwähnung von Erik Charell. (Sowie fürs Zitieren aus meinem Glitter-and-be-Gay-Buch.) Nach der Charell-Ausstellung im Schwulen Museum meldete sich die Witwe von einem der Charell-Erben, von ihr bekam ich ein sensationelles Foto, das aber aus dem anderen Stummfilm ist, den Charell als Darsteller drehte. Die Filme aus der Zeit verdienen neue Aufmerksamkeit, damit neu danach gesucht werden kann und Rekonstruktionen entstehen können. Wenigstens war in der Revolutionsausstellung im Museum für Fotograafie Charell und das Charell Ballett vertreten als Exponat. (Es tut sich also ein bisschen was.) Und Wolfgang Theis arbeitet gerade an einer großen Jubiläumsausstellung zu ANDRES ALS DIE ANDERN.
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#2 Patroklos
  • 11.09.2019, 21:18h
  • Ein interessanter Einblick in die Filmgeschichte und vielleicht findet sich ja bald jemand, der den Stoff neu verfilmt.
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#3 JarJarProfil
  • 12.09.2019, 09:57hKiel
  • Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel, es wird sicher sehr viele Stunden gekostet haben die Quellen zu lesen und den Artikel zu verfassen.
    Mich würde interessieren wie ein Film verschwinden kann, hat das mit dem Krieg zu tun? Nazis die so etwas als entartet ansehen und zerstören? Gibt es Filmarchive die Stummfilme haben und sie nicht zuordnen können oder wollen (kostet ja Geld) in Deutschland?
    Ist ja auch so bei Metropolis wo immer noch Teile des Films einfach weg sind.
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#4 maaaartinAnonym
  • 12.09.2019, 11:45h
  • Antwort auf #3 von JarJar
  • altes filmmaterial ist nur einige jahrzehnte haltbar, löst sich danach stück für stück auf und kann dann bestenfalls mit sehr viel mühe restauriert werden. dazu wurde auch fröhlich in den verschiedenen kopien rumgeschnitten, gekürzt, etc. bei filmen, die damals kontroverse themen behandelten, bestimmt noch mehr als bei anderen.

    wäre sehr spannend, wenn noch mehr bilder oder vielleicht sogar fragmente des films auftauchen würden
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#5 thom-assAnonym
  • 18.09.2019, 17:38h
  • danke sehr ! ich finde es auch sehr reizvoll filme die verschollen sind zu rekonstruieren
    das ist mega spannend
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