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Wie ein Mann mit dem Kopf die Welt eroberte

Warum Alexander von Humboldts Homosexualität wichtig ist

Heute vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt geboren, der zu seiner Zeit der berühmteste Forscher der Welt war. An seinem Schwulsein wird heute kaum noch gezweifelt.


Alexander von Humboldt auf einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahr 1806 (Bild: Public Domain / wikipedia)
  • Von Erwin In het Panhuis
    14. September 2019, 15:12h, 6 Kommentare

Alexander von Humboldt (14.09.1769-06.05.1859) hat als Naturforscher und Universalgelehrter unser Verständnis von Natur als lebendiges Ganzes geprägt. Nach ihm sind unzählige Straßen, Pflanzen und Tiere benannt. Seit 1949 trägt eine Berliner Universität den Namen "Humboldt-Universität", womit die Leistungen von ihm und seinem Bruder gewürdigt werden.

Vielleicht wäre er schon längst in Vergessenheit geraten, wenn er nicht viele Ideale von heute verkörpern würde. Er hat auf die Verwundbarkeit der Erde aufmerksam gemacht, als noch niemand von einem Klimawandel sprach. Er fasziniert als Umweltschützer, Abenteurer und Schriftsteller. Auch für Schwule bietet er – mit seinen Jugendlieben und späteren Männerfreundschaften – seit mehr als 100 Jahren positive Möglichkeiten der Identifikation.

Die Jugendlieben des Alexander von Humboldt


Carl Ludwig Willdenow (1765-1812) – hier in einem Stich von 1802

In seiner Jugendzeit hatte Alexander von Humboldt mehrere Liebschaften mit jungen Männern. Nach "Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum" (2010, 1. Halbband, S. 582-584) wurde Alexander von Humboldt im Februar 1788 zum ersten Mal von der Liebe zu einem Mann ergriffen und schloss mit Wilhelm Gabriel Wegener (1767-1837) einen "ewigen Liebesbund". In dem 16- bis 17-jährigen Professorensohn Johann Carl Freiesleben (1774-1846) fand er einige Jahre später seinen zweiten Geliebten. 1794 verliebte er sich in Reinhard von Haeften (1773-1803). Die Liebesbriefe zwischen den beiden seien später nur "verstümmelt" ediert worden.

Auch Manfred Geier geht in seiner Biografie "Die Brüder Humboldt" (2009) ausführlich auf diese Liebschaften ein. Dabei zitiert er aus einem Brief von Alexander von Humboldt an Wilhelm Wegener: "Ernsthafte Geschäfte und am meisten das Studium der Natur werden mich von der Sinnlichkeit zurükhalten. Du kennst mich, lieber Wegener, unter allen meinen Freunden am besten. Du magst es selbst beurtheilen, ob Du mich stark genug hälst." Auch Geier erwähnt Humboldts enge Freundschaften mit Johann Carl Freiesleben und Reinhard von Haeften. Zusätzlich erwähnt er Carl Ludwig Willdenow (1765-1812), den Alexander von Humboldt in Göttingen kennenlernte und der "unendlich mit meinem Wesen harmonisierte. Ich gewann ihn sehr lieb" (S. 58-66).

Seine Freundschaft mit Aimé Bonpland

Der französische Naturforscher Aimé Bonpland (1773-1858) war in den Jahren 1799 bis 1804 Alexander von Humboldts Reisepartner. In einem Brief an Carl Freiesleben von 1795 schrieb Humboldt über Aimé Bonpland, dass dieser ihn "seit sechs Monaten sehr kalt läßt, das heißt, mit dem ich ein bloß wissenschaftliches Verhältnis habe". Zu diesem Brief betont Andrea Wulf in ihrer Biografie "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur" (2016), seine "ausdrückliche Feststellung, dass Bonpland nur ein wissenschaftlicher Kollege sei, könnte vielleicht eine Andeutung darauf [sein], dass seine Empfindungen gegenüber anderen Männern von ganz anderer Art waren" (S. 115).


Alexander von Humboldt mit seinem Freund und Wegbegleiter Aimé Bonpland am Orinoco auf einem Gemälde von Eduard Ender von 1856

Das bekannteste Doppelporträt Humboldts und Bonplands stammt vom Maler Eduard Ender. Weil es in vielen Details nicht der Realität entspricht, hat es Humboldt nicht gefallen (s. "Terra X"-Sendung, 34:40-36:10 Min). Es gibt allerdings sehr gut wieder, wie Humboldt im Rampenlicht stand, Bonpland hingegen nur in seinem Schatten.

Sein Kammerdiener Johann Seifert

Magnus Hirschfeld – die wichtigste Person der ersten Homosexuellenbewegung – beschäftigt sich in seinem Hauptwerk "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914) gleich mehrfach mit Humboldt. Der homosexuelle Dendrologe und Ornithologe Carl Bolle, der ein Jugendfreund Alexander von Humboldts war, gilt Hirschfeld als Gewährsmann für dessen Homosexualität (S. 659). Humboldts Name wurde daher auch in Hirschfelds "Liste berühmter Homosexueller" aufgenommen, wo er allerdings eine recht schwammige Begründung liefert: Humboldt solle "nie ein Weib berührt haben. Nach zuverlässigen mündlichen Überlieferungen homosexuell. Seinen Freund, der bei ihm als Kammerdiener lebte, setzte er als Universalerben ein. Viele feminine Stigmata, auch seine Handschrift ist charakteristisch" (S. 665). An anderen Stellen betont Hirschfeld, dass Humboldt seinem Diener [Johann] S.[eifert] "für vieljährige treue Anhänglichkeit den größten Teil seines Vermögens vermachte" (S. 500, s.a. S. 495, 681).

Johann Seifert wurde von Alexander von Humboldt Mitte 1827 als Kammerdiener eingestellt, als dieser in Berlin eine Mietwohnung bezog. Seifert blieb daraufhin für den Rest seines Lebens bei ihm. Nach der "Internationalen Zeitschrift für Humboldt-Studien" (16. Bd., Nr. 31, 2015) übergab Humboldt ihm "seine gesamte bewegliche Habe inklusive der Bibliothek" Ende 1858 als Schenkung. Die Familie reagierte auf diese Teilung des Nachlasses mit "tiefer Betroffenheit" (bzw. Verärgerung über das so entgangene Vermögen). Der Sekretär der Familie Humboldt äußerte "sein unverhohlenes Misstrauen gegenüber Seifert, von dem er behauptet, er habe die Gunst Humboldts ausgenutzt und sich die Schenkung in dessen letzten Lebensjahren erschlichen". Es war also eine Schenkung, die mit Bezug auf das Verhältnis der beiden Männer als sozial unüblich und verdächtig erschien.

Warum hat ein Mann Brustwarzen?

Das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (5. Jg., S. 126) machte auf einen Beitrag Alexander von Humboldts über Milch gebende Männer von 1818 aufmerksam, den ich im Folgenden nach einer späteren Ausgabe zitiere. In "Reise in die Äquinoctial Gegenden des neuen Kontinents" (1. Band, 1859, S. 310-312) berichtet Humboldt von dem Einheimischen Francisco Lozano, der seinen Sohn mit seiner eigenen Milch ernährte. Für Humboldt gibt es zwar unter den "Spielarten unseres Geschlechtes eine, bei der der Busen" während der Pubertät anwächse, wozu Lozano jedoch nicht gehöre. Humboldt verweist darauf, dass Milch gebende Männer auch bei Ethnien vorkämen, die "nie für schwächlich oder weibisch" gehalten worden seien.

Nach Humboldt war der Umstand, dass auch der Mann Brustwarzen hat, den Philosophen lange ein Stein des Anstoßes und so sei behauptet worden, dass die Fähigkeit zu säugen "gegen die Würde des Mannes wäre". Auch diese Äußerungen Humboldts zeigen nicht nur seine unbefangene Neugier, sondern auch seine Kritik an althergebrachten philosophisch-religiösen Weltanschauungen.

Über gleichgeschlechtliches Sexualverhalten scheint er sich jedoch – im Gegensatz zu seinem Bruder – nie deutlich geäußert zu haben. Auch Humboldts in der Antike angesiedelte Erzählung "Die Lebenskraft oder Der Rhodische Genius" (1795) lässt sich – trotz entsprechender Versuche – nicht in diese Richtung interpretieren.

Wilhelm von Humboldt und die Homosexualität

Auch Alexanders Bruder Wilhelm von Humboldt (1767-1835) zählt zu den großen und einflussreichen Persönlichkeiten, er beschäftigte sich jedoch eher mit kulturwissenschaftlichen Themen wie Bildung, Staatstheorie, Sprache, Literatur und Kunst. In einzelnen Schriften äußerte er sich über gleichgeschlechtliches Sexualverhalten. Diese Äußerungen lassen eine vorsichtige Bewertung über seine persönliche Meinung zu. In seinen "Ideen über [eine] Staatsverfassung" (1792, hier 1841, S. 310) vergleicht er die Päderastie in der Antike mit dem Feudalismus im Mittelalter und dem Mönchswesen in der Zeit der Aufklärung. Für ihn sind dies verankerte Prinzipien, die als integraler Teil politischer Machtverhältnisse zwar "verderblich" seien, sich aber auch stabilisierend auswirken können.


Alexander von Humboldt legt seine Hand auf die Schulter seines Bruders – bei einem gemeinsamen Treffen mit Friedrich Schiller (l.) und Johann Wolfgang von Goethe (r.)

In eine ähnliche Richtung argumentiert er in "Latium und Hellas oder Betrachtungen über das classische Alterthum" (1806, hier 1904, S. 136-170, insb. S. 158-160) in Bezug auf die antike "Liebe zu schönen Jünglingen": Es bleibe "im höchsten Grade merkwürdig […] welchen Gebrauch die Griechen von der Leidenschaft machten […] und wie sie dieselbe benutzten, [denn] statt zu schaden, [wurde sie] eine Quelle schöner und großer Gefühle und Ideen". Auf der "Stufenleiter aller menschlichen Empfindungen" habe sie die Griechen zu "Edlerem und Höherem" geführt.

In einem anderen Text schreibt er zu den "Prüfungen der Untersuchungen über die Urbewohner Hispaniens" (1821, hier 1841, S. 166): "Die Gallier werden, sei es mit Recht oder Unrecht, eines grossen Hanges zur Knabenliebe beschuldigt", während bei den Celtiberern von "unnatürlicher Gewohnheit" nichts erwähnt werde. In seinem "Tagebuch der Reise nach Paris und der Schweiz" (1916, S. 219-220) berichtet er über einen Prozess im Jahre 1788 in Bern, bei dem mehrere junge Leute wegen "unnatürlicher Ausschweifungen" angeklagt waren. Ohne überzeugende Beweise seien zwei von ihnen für den Rest ihres Lebens des Landes verwiesen worden, was Wilhelm von Humboldt offenbar als eine zu harte Strafe empfand.In diesen vier Textpassagen zeigt sich Wilhelm von Humboldt als von der Aufklärung beeinflusster Intellektueller, der das Thema rational und unabhängig von christlich-moralischen Dogmen betrachten will. Sie enthalten zwar keine sexpositiven Darstellungen, aber auch keine barschen Abwertungen.

Inwiefern er sich mit seinem Bruder austauschte und von ihm geprägt wurde, ist nicht bekannt. Zu diesen Texten betont Paul Derks in seinem Buch "Die Schande der heiligen Päderastie" (1990, S. 80-81), dass Wilhelm von Humboldt zwar an dem "Postulat" des traditionellen Verhältnisses der Geschlechter festgehalten – zur griechischen Jünglingsliebe jedoch keinen unüberbrückbaren Gegensatz gesehen habe.

Das Buch "Die Vermessung der Welt"

Mit dem Roman "Die Vermessung der Welt" (2005) beschrieb Daniel Kehlmann die Biografien Alexander von Humboldts und des Mathematikers Carl Friedrich Gauß. Dieser Roman war eines der weltweit meistverkauften Bücher des Jahres 2006. Im Roman wird im Dialog zwischen den Brüdern Humboldt "die beim historischen [Alexander von] Humboldt vermutete Homosexualität dargestellt als nicht ausgelebte gleichgeschlechtliche Pädophilie". Besonders deutlich wird dies bei einer Kutschfahrt mit seinem Bruder: "Immer noch die Knaben? Das hast du gewusst? Immer." (S. 264, Rowohlt TB, hier nach Wikipedia).


Daniel Kehlmann – ein Zauberer und Schriftsteller, den viele für einen Historiker halten

Auch Frank Holl geht in der "Internationalen Zeitschrift für Humboldt-Studien" (2012) auf diese merkwürdige Geschichtsverdrehung ein: "An mehreren Stellen wird im Roman von pädophilen Neigungen Humboldts berichtet. [….] Auf pädophile Neigungen jedoch deutet nichts hin."

Holl betont, dass an der Homosexualität Humboldts "heute kaum mehr gezweifelt [wird]. Ob er sie allerdings ausgelebt hat, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. […] Humboldts oft rührendes Engagement für die Förderung jüngerer, begabter Forscher [kann man] als seine Art verstehen, mögliche homoerotische Neigungen zu sublimieren."

Aus einer möglichen Homosexualität eine Pädosexualität zu konstruieren, hätte dabei – auch in Bezug auf eine fiktive Biographie – stärker kritisiert werden können. Für Frank Holl ist Kehlmanns Buch daher "nicht mehr als ein sinnfreier historischer Spaß". Ich schließe mich zudem der Meinung des in Wikipedia zitierten Rezensenten Frans Oort an: Für ihn "sei das Bedenklichste an dem Buch, dass es den falschen Eindruck einer gut recherchierten historischen Erzählung hinterlasse und damit einem breiten Publikum ein falsches Bild" vermittle.

Der Film "Die Vermessung der Welt"

Die gleichnamige Literaturverfilmung von 2012 verzichtet zum Glück auf die pädosexuellen Andeutungen des Romans. Im Film übernimmt der Autor Daniel Kehlmann die Rolle des Erzählers und hat zudem einen Cameo-Auftritt. Im Interview mit der österreichischen Zeitung "Die Presse" ist Kehlmann klug genug, nur noch von einer angenommenen Homosexualität Humboldts zu sprechen, die dieser vermutlich verdrängt habe. Bei seinem Cameo-Auftritt sagt er im Film zu Humboldt "Wir wissen Bescheid".

Im Interview betont er, dass es "absichtlich unklar" habe bleiben sollen, ob es sich dabei um eine Anspielung auf dessen Homosexualität handeln sollte. Kehlmann: "Hans Magnus Enzensberger hat geschrieben, dass Humboldt seine Homosexualität für damalige Verhältnisse sehr offen ausgelebt habe. Man kann das wirklich sehr unterschiedlich interpretieren. Wenn Humboldt einen Geliebten hatte, war das ein junger Mann namens Carlos Montúfar, der ihn einen Großteil der Expedition begleitet hat." Dann kommt er auf Bonpland zu sprechen: "Eine erotische Beziehung zwischen diesen beiden, das passt einfach nicht. Bonpland schläft bei mir auf allen Etappen der Reise mit Frauen. Humboldt ärgert das, nicht weil er eifersüchtig ist, sondern weil Bonpland seine Sexualität ausleben kann und er nicht."

Auch die "taz", die "Hannoversche Allgemeine" und der Deutschlandfunk wiesen im Rahmen ihrer Filmbesprechungen darauf hin, dass Humboldt seine Homosexualität wohl unterdrückte bzw. nicht ausgelebt habe, ohne dabei jedoch in die Tiefe zu gehen.

"Terra X"-Dokumentationen


Carlos Montúfar wurde als Humboldts "Adonis" bezeichnet und teilte sich mit ihm auf Reisen ein Bett

Mittlerweile sind mindestens vier "Terra X"-Sendungen über Humboldt erschienen. Sie können – gerade im Vergleich zu "Die Vermessung der Welt" – nicht hoch genug gelobt werden. Zu diesen Dokus gehören "Reinhold Messner auf der Humboldt-Route" (1994) und "Alexander von Humboldt. Der erste Wikipedianer?" (2019). "Terra X: Tropenfieber. Vorstoß am Orinoco. Humboldts Entdeckungen in Südamerika" (2007) zeigt Humboldt beim gemeinsamen Baden mit seinen Reisegefährten. "Allerdings niemals ohne Hemd und Hose. In diesem Punkt besteht Humboldt auf Etikette und versagt sich auch, eine angeblich verborgene Neigung zu Männern offen auszuleben – gefangen in seinem eigenen preußischen Kosmos" (25:00-25:35 Min., hier online)

In der"Terra X"-Folge "Humboldt und die Neuentdeckung der Natur" (2019) steht Andrea Wulf, die wohl bekannteste Humboldt-Biografin, im Mittelpunkt. Sie schildert hier u.a., wie die adelige Rosa Montúfar 1802 Alexander von Humboldt anhimmelte. "Humboldt allerdings bevorzugte die Gesellschaft von ihrem Bruder, dem gutaussehenden Carlos Montúfar (1780-1816), der von nun an sein ständiger Begleiter für den Rest der Reise wurde. Heute sind sich die meisten Historiker einig, dass Humboldt schwul war. Er hat sich nie besonders für Frauen interessiert, er hatte ganz, ganz intensive Freundschaften mit Männern, oft jüngere Männer, aber ob und wie sehr Humboldt dieses körperlich ausgelebt hat, werden wir wahrscheinlich nie wissen" (32:30-33:30 Min., hier online).

Wulfs Biografie "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur" (2016), in der sie sich noch ausführlicher auch über Humboldts Verhältnisse zu Carl Freiesleben (S. 42-43) und Aimé Bonpland (S. 115) äußert, kann vorbehaltlos empfohlen werden. Carlos Montúfar wurde als Humboldts "Adonis" bezeichnet und teilte sich mit Humboldt auf Reisen ein Bett (S. 114-117).

Die schwulen "Humboldt-Pinguine"

Zu den mehr als hundert nach Alexander von Humboldt benannten Tierarten gehören die Humboldt-Pinguine (bzw. Spheniscus humboldti). Es ist ein Zufall – wenn auch ein recht witziger – dass sechs der insgesamt 20 Humboldt-Pinguine im Zoo von Bremerhaven gleichgeschlechtliches Sexualverhalten zeigen. Als sich die Männchen untereinander paarten, beschaffte der Zoo 2009 Pinguinweibchen aus einem anderen Tierpark, was zu Protesten der Schwulen- und Lesbenbewegung führte. Einige Zeit später kam der Zoo noch einmal in die Medien: Tierpfleger hatten ein Ei, das von einem "heterosexuellen" Tierpaar aus dem Gelege gestoßen wurde, in das Nest der "homosexuellen" Pinguine gelegt, die das Ei annahmen und ausbrüteten (queer.de berichtete).


Die nach Alexander von Humboldt benannten "Humboldt-Pinguine" (Bild: Olaf Oliviero Riemer / wikipedia)

Viele Leser haben nun vielleicht das schöne Kinderbuch "Zwei Papas für Tango" (2006) über zwei schwule Pinguine vor Augen, deren Geschichte jedoch auf anderen schwulen Pinguinen in New York basiert. Im Londoner Zoo feierten Humboldt-Pinguine in diesem Jahr wiederum sogar ihren ersten CSD (queer.de berichtete).

Humboldt und die AfD

Im Rahmen eines Interviews mit der Zeitschrift "Vice" unter dem Titel "Deutsch statt schwul – Die Homosexuellen in der AfD" (2014) sagte Alexander Tassis, der damalige Bundessprecher der "Homosexuellen in der AfD", auf die Frage, wie man den Umgang mit der Homosexualität normalisieren sollte, dass er dies auf "traditionelle Art" versuche, z.B. "durch die Nennung von großen Vorbildern aus der deutschen Geschichte [wie z.B.] Alexander von Humboldt".

In einem Aufruf der "Neudeutschen Hoffnungsträger" von 2017 wurde Alexander Tassis deutlicher: "Alexander von Humboldt soll uns ein Bild abgeben, einer Person, deren Schwulsein ein Teil seiner Stahlkraft bildet. Er ist eine der bekanntesten und beliebtesten Persönlichkeiten unserer deutschen Geschichte weltweit. [Er gilt als] Entdecker dieses Kontinents [und] begründet den Stolz der deutschen Minderheiten in Südamerika bis heute mit. […] Lesben und Schwule findet euer Selbstbild neu! Richtet es an solchem Schaffen aus, an Verbundenheit mit dem Volke und in Treue zu euch selbst! Eine neue Phänomenologie der Homosexualität tut not, fern des Genderismus und des Globalismus […]. Deutschlands Wohl ist eure Freiheit."


Screenshot der Seite der "Neudeutschen Hoffnungsträger" auf Facebook

Bei diesen Worten drängt sich bei mir die Vorstellung von einem deutschen Kolonialismus auf, der der Weltoffenheit Alexander von Humboldts konträr gegenübersteht. Wie Alexander der Große wollte zwar auch Alexander von Humboldt die ganze Welt erobern – allerdings ausdrücklich nur mit dem Kopf. Im Kontext der AfD fällt mir noch ein weiteres bekanntes Zitat von Humboldt ein: "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben."

Homosexualität als Verleumdung

Es gibt nur wenige Texte, die sich in diskreditierender Form mit Humboldt und der Homosexualität beschäftigen. Die folgenden zwei Beispiele sind nicht repräsentativ, gehören aber nur Bandbreite an Reaktionsmustern.

Der Veterinärmediziner Nsekuye Bizimana betrachtet in seinem Buch "Müssen die Afrikaner den Weissen alles nachmachen? Kritik der 'weissen' Gesellschaft" (1988) Homosexualität als eine "Wohlstandserscheinung". Wenn die "Reichen und Mächtigen" die "Frauen satt haben, wollen sie die Menschen des gleichen Geschlechts, die Kinder und die Tiere auch ausprobieren (Experimentierfreudigkeit). Deshalb waren berühmte Leute wie […] Alexander von Humboldt […] homo- oder bisexuell" (S. 115-117, hier S. 116).

Aus einer vollkommen anderen – letztendlich aber nicht weniger diskreditierenden – Sicht heraus richten sich die Autoren Otto Krätz und Sabine Kinder in ihrem Buch "Alexander von Humboldt. Wissenschaftler – Weltbürger – Revolutionär" (1997) gegen eine "Unterstellung der Homosexualität". Eine solche Annahme sehen sie als "eine wahrscheinlich von konservativen Kreisen und orthodox-protestantischen Feinden in die Welt gesetzte Verleumdung" an (S. 20). Im Gegensatz zum oben genannten Autor Bizimana wollen sie Alexander von Humboldt explizit vor einer Diskreditierung schützen, aber merken dabei nicht, dass ihr Vokabular wie "Unterstellung" und "Verleumdung" für Homosexuelle diskreditierend ist.

Homosexualität – nicht absprechen und nicht andichten

Rüdiger Schaper findet in seinem 17-seitigen Kapitel "Das wissenschaftliche Geschlecht" (S. 62-78) in seiner Biografie "Alexander von Humboldt. Der Preuße und die neuen Welten" (2016) einen guten Ansatz, um mit Humboldts möglicher Homosexualität umzugehen. Neben Humboldts Liebe zu Reinhard van Haeften und anderen Männerfreundschaften verweist er als wohl einziger Biograf auch auf die strafrechtliche Situation (Preußen: Todesstrafe, wenn auch nicht angewendet, bis 1794; danach Gefängnis). In Paris fühlte sich Alexander von Humboldt wohl – hier war Homosexualität 1791 bzw. 1810 legalisiert worden (S. 76-77). Der Begriff "Junggeselle" passe nicht zu Humboldt, vor allem dann, wenn dies seine Homosexualität codieren solle, und Begriffe wie "homosexuell" und "asexuell" seien zu enge Kategorien, die vielen Menschen (bis heute) nicht gerecht würden (S. 72). "Es muss möglich sein, Alexander von Humboldt als einen Menschen aus Fleisch und Blut zu betrachten [und es ist] niederträchtig […] Humboldt zu einem sexuellen Neutrum zu machen" (S. 65). Es ist eine schwierige Gratwanderung, denn Alexander von Humboldt "hat das Recht auf ein Privatleben. Weder ist es ihm bigott-gewaltsam abzusprechen noch übergriffig anzudichten" (S. 78).

Warum ist das mit dem Schwulsein überhaupt wichtig?

Schwule sind nach wie vor auf der Suche nach positiven Identifikationsmöglichkeiten. Der Wissenschaftshistoriker Nicolaas A. Rupke betont in einem Interview ("Humboldt Kosmos", 109/2018), dass Humboldt für viele unterschiedliche Menschen bis heute eine Projektionsfläche sei – als "Entdecker, Romantiker, Atlantiker, Klimaprophet oder Held der Arbeiterklasse". In diesem Sinne ist er auch der "Unterstützer aktueller Anliegen vom Umweltschutz bis zur Emanzipation der Homosexuellen. Heute ist Schwulsein in der westlichen Welt so weit akzeptiert, dass es keinen Bedarf an solchen historischen Vorbildern mehr gibt. Jetzt wird dort eher gesagt: War er schwul? Ach ja? So what."


"Humboldt Jones" – der Typus des Abenteurers ist eine von mehreren Projektionen auf Alexander von Humboldt

Für mich hat die beste Antwort Theodor Fontane gegeben, der in einem Brief an Georg Friedlaender vom 5. Dezember 1884 beschönigende Biografien kritisierte: "Wenn man sich entschließen könnte, die Geschichte der Humboldts ächt und wahr zu erzählen und beispielsweise bei den sexuellen Uncorrectheiten ich glaube beider (des Einen gewiß) zu verweilen, würde ihr Lebensbild 10 mal interessanter werden und zwar nicht vom gemeinen Klatschbasen- sondern vom physiologisch-psychologischen Standpunkt" aus (hier zitiert nach Fritz R. Stern: "Kulturpessimismus als politische Gefahr", 2005, S. 182). Natürlich möchte auch dieser Beitrag auf queer.de im zweiten Sinne verstanden werden.

Was bleibt

Der Historiker Manfred Herzer schrieb 1987: "Von den sexuellen Uncorrectheiten der Brüder Humboldt (s.o. der Fontane-Brief) wissen wir bis heute nichts außer der knappen Bemerkung Hirschfelds in seiner Liste berühmter Schwuler über Alexander von Humboldt (s.o.)." Diese Äußerung war schon 1987 falsch, denn Hirschfeld hat im selben Buch von 1914 weitere Angaben gemacht, die durch ein Personenregister leicht zu finden sind. Heute haben wir sogar noch mehr Mosaiksteine, durch die es als wahrscheinlich gelten kann, dass Alexander von Humboldt schwul war, auch wenn er seine Leidenschaft möglicherweise nie ausgelebt hat. In den letzten 30 Jahren hat sich aber weniger die Quellenlage, sondern vor allem die Einstellung der Öffentlichkeit zur Homosexualität gewandelt. Gegen einen schwulen Alexander von Humboldt gibt es heute kaum noch Proteste.

Ich bin mir nicht sicher, ob Alexander von Humboldt in unserer heutigen Zeit offen schwul leben würde. Ganz sicher bin ich mir jedoch, dass, wenn man ihn heute darauf ansprechen würde, wofür sein Herz schlägt, er von seiner großen Liebe erzählen würde: seiner großen Liebe zu den Naturwissenschaften. Und wie bei anderen Themen würde er auch bestimmt unsere manchmal so engen Vorstellungen von Geschlecht und sexueller Orientierung weiten und uns auf diese großartige Natur mit ihrer Artenvielfalt aufmerksam machen – wo alles, was man dort findet, seinen Platz und seine Berechtigung hat.

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#1 LarsAnonym
  • 14.09.2019, 23:23h
  • Ein schöner, umfassender Artikel,, auch über die Schwierigkeiten, historische Personen nach den heute gebräuchlichen Begriffen einzuordnen. Das Fazit gefällt mir sehr gut.
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#2 DramaQueen24Profil
  • 15.09.2019, 05:33hBerlin
  • Ich wusste, dass sein Bruder schwul war, weil im Reinickendorfer Heimatmuseum es zu den Brüdern mal ne Ausstellung gab; aber dass auch der Alexander verzaubert war, ist mir neu. Danke für die Info.
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#3 ALTER PRICHAnonym
  • 15.09.2019, 06:44h
  • "..... den Namen "Humboldt-Universität", womit die Leistungen von ihm und seinem Bruder gewürdigt werden." >>>>Das heisst richtig:
    "..... den Namen "Humboldt-Universität", womit seine Leistungen und die seines Bruders gewürdigt werden."

    Wenn Sie schon glauben, gescheit daherreden zu wollen, verwenden Sie bitte besseres Deutsch. So
    ausgedrückt erhebt sich die Frage, WESSEN
    Leistungen von ihm gewürdigt wurden.
    MfG
    alter prich
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#4 Ralph
  • 15.09.2019, 10:21h
  • Antwort auf #3 von ALTER PRICH
  • Ja, am doppelten Possessivgenitiv scheitern im Deutschen die meisten Sprecher und Schreiber, daher hier die richtige Anwendung: "seine und seines Bruders Leistungen",das auch noch in den Genitiv gesetzt ergibt "seiner und seines Bruders Leistungen". (In meinem Dialekt: "soine eine un soim Bruder soine Leischdunge", grins) Die Uni hieß übrigens ursprünglich einfach Universität zu Berlin und wurde dann nach ihrem offiziellen Gründer Friedrich-Wilhelms-Universität genannt (dem dritten König dieses Namens, dem mit der Ehefrau Luise), der angeblich nur in Satzrudimenten sprechen konnte ("heute Vortrag von Minister gehört").
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#5 Histoy Fan 2000Anonym
  • 15.09.2019, 19:59h
  • Quellenangaben wie das Quatschbuch "Mann für Mann" oder die TV-Show "Terra X" halte ich für ungenügend.

    Ich lade jeden ein, sich auf der Wikipedia über Alexander von Humboldt zu orientieren, wo im übrigen auch einiges zum Thema Homosexualität zu finden ist.

    Ich habe viele Artikel von Erwin In het Panhuis hier auf Queer.de mit grossem Gewinn gelesen.

    Aber das hier ist mir nicht gut genug. Sorry.
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#6 zundermxeAnonym
  • 16.09.2019, 16:21h
  • Boah!

    be 3 fohn 5 comäntahrn tänc isch an im-Keller-ist-noch-Licht-an odda och verkniffen-hinterm-Vorhang-wedeln.
    Sohn niewo äschd bäheintrükkänth.

    Lieben Dank für den unterhaltsamen und interessanten Artikel!
    Die Frage nach der sogenannt gelebten Sexualität finde ich persönlich weniger spannend und bedeutsam.
    Gemessen an der Zeit sind Handeln, Wirken und Aussagen die beeindruckende Geschichte.
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