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Intensiver Familienroman

Coming-out und andere Geheimnisse im versinkenden Paris

Im Roman "Fünf Tage in Paris" reist die Familie Malegarde an die Seine, um den Geburtstag des Vaters zu feiern. Doch die Stadt versinkt im Regen, und es kommt immer mehr Verbogenes ans Licht.


Der Pariser Eiffelturm im Regen (Bild: CLAUDIA DEA / flickr)
  • Von Fabian Schäfer
    14. September 2019, 17:36h, noch kein Kommentar

Es will einfach nicht aufhören zu regnen. Es schüttet seit Tagen in Paris, ausgerechnet an dem Wochenende, an dem sich die französisch-amerikanische Familie Malegarde trifft, um den 70. Geburtstag des Vaters Paul zu feiern.

Paul Malegarde, der international bekannte Baumexperte und -retter, der sogar seine zwei Kinder Tilia und Linden nach seinem Lieblingsbaum benannt hat. Endlich kommt die Familie wieder einmal zusammen. Tilia versucht sich in London als wenig erfolgreiche Künstlerin, Linden lebt in San Francisco und jettet als bekannter Fotograf um die Welt, um Politiker*innen und Stars abzulichten.

Sie haben sich eine Menge zu sagen. Alle, außer Paul zumindest. Denn der Familienvater ist ein ruhiger Typ, er hört viel zu, redet kaum. Das war schon immer so. Das Musée d'Orsay und der Louvre sind wegen der drohenden Überschwemmung bereits geschlossen, und so muss die Mutter Lauren ihre Pläne umwerfen.

Paul wirkt schwach, Laurens Erkältung wird zur Lungenentzündung


"Fünf Tage in Paris" ist im Verlag C. Bertelsmann erschienen

Linden verbringt viel Zeit unterwegs, trifft eine Freundin von früher. Paris zeigt sich als eine andere Stadt, chaotisch, die Leute werden unruhig, in den Nachrichten eine Sondersendung nach der anderen zu den Überflutungen. Paris, wo er als Jugendlicher gelebt hat, als er vom familiären Anwesen in Südfrankreich – ja, man kann geflohen sagen – geflohen ist. Er war anders, das haben die Mitschüler*innen bemerkt. Und ihn gemobbt.

Er geht durch die Straßen, die mal seine Straßen waren, denkt an seine Tante Candice, Candy, bei der er als Teenager untergekommen ist, bei der er sich als erstes geoutet hat, die so viel Verständnis und Solidarität aufgebracht hat – und zu deren Einäscherung er es nicht geschafft hat.

Er denkt an seine ersten Gehversuche in der schwulen Szene, an Affären, Liebschaften, Lieben. An Hadrien, an dessen Adresse er sich nach all den Jahren noch erinnert. "Rue Surcouf 20, Paris 75007. Zweiter Stock, rechte Tür. Die Traurigkeit. Der Schmerz. Warum bloß verblassen manche Erinnerungen einfach nicht?" Je stärker der Pegel der Seine ansteigt, desto schlechter geht es Lindens Eltern. Paul wirkt kraftlos, müde, jeden Tag schwächer, Laurens Erkältung entpuppt sich als Lungenentzündung.

Die nie ausgesprochene Liebe zwischen Vater und Sohn

All diese unterschiedlichen Emotionen, Ereignisse und ihre feinen Zwischentöne schildert Tatiana de Rosnay in "Fünf Tage in Paris" mit ungemein viel Feingefühl, sie macht die Personen erlebbar, nachvollziehbar, authentisch. Das beginnt mit den Beschreibungen des im Schlamm zu versinken drohenden Paris und findet seinen erzählerischen Höhepunkt in den Beziehungen der Familienmitglieder untereinander.

Die Vater-Sohn-Beziehung etwa, die aufrichtig liebend sei, aber doch nie einfach. Von Lindens Partner Sacha etwa weiß Paul nichts, nicht einmal, dass er schwul ist. Die Liebe zwischen ihnen sei da, zeige sich aber nie. "Sie verschlossen sie in einem entlegenen Winkel ihrer selbst." Ein hingebungsvoller, konkreter, nie kitschiger Stil, der durch die sehr dynamische Übersetzung von Nathalie Lemmens auch noch richtig zur Geltung kommt.

Das Spannungsfeld aus Familie und Identität

Dabei geht niemand der Malegardes unter, sie alle haben ihre eigene Geschichte: Tilia mit ihrer fast weisen, jungen Tochter und dem versoffenen Ehemann, und auch die Eltern tragen beide für sich Geheimnisse mit sich, die mit steigendem Pegel ans Licht rücken.

Durch die vielen unterschiedlichen Themen, die Tatiana de Rosnay verhandelt, liefert sie viele Möglichkeiten zur Authentifikation und Reflexion. Die Liebe zur Arbeit, die Paul genauso antreibt wie Linden, das nie leichte, aber doch innige Verhältnis zur Familie, das Spannungsfeld aus prägender Familie und eigener Identität, die Jugenderinnerungen, die guten wie schlechten, der Gesundheitszustand der Eltern, Trauer, Hoffnung und Heimweh. Ein starker Roman, der intensive Bilder und Gefühle hervorruft.

Infos zum Buch

Tatiana de Rosnay: Fünf Tage in Paris. Roman. Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens. 304 Seiten. Verlag C. Bertelsmann. München 2019. Hardcover mit Schutzumschlag: 20 € (ISBN: 978-3-570-10365-4). E-Book: 15,99 € (ISBN: 978-3-641-23588-8)