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Neu im Rimbaud Verlag

Lyrisch, schnörkellos, schwul

In seinem Buch "Mylord" versammelt der 70-jährige Schriftsteller Peter Salomon seine Gedichte aus den Jahren 1972 bis 2019, in denen es um Liebe und Sex unter Männern geht.


Der deutsche Schriftsteller, Literaturhistoriker und Herausgeber Peter Salomon lebt seit 1972 in Konstanz (Bild: privat / wikipedia)

  • Von Stefan Hölscher
    28. September 2019, 18:35h, 1 Kommentar

Gedichte erregen heutzutage nicht dadurch Anstoß, dass sie sich offensichtlich auf schwule Erlebnisse beziehen. Jedenfalls nicht in den Kreisen, in denen Gedichte in unserer Gesellschaft überhaupt noch gelesen werden. Und sie erregen auch nicht dadurch Anstoß, dass es in ihnen offensichtlich immer wieder auch um Selbstbefriedigung, härteren Sex, Prostitution oder Drogen geht.

Anstoß erregen können die im Rimbaud Verlag erschienenen Band "Mylord" versammelten "schwulen Gedichte" von Peter Salomon allerdings durch ihre Sprache und ihren Stil. Jedenfalls in den Kreisen, die die hohe Kunst der Gegenwartslyrik – schreibend, lesend, verlegend, rezensierend – heute zelebrieren: Salomons Gedichte sind nämlich so geraderaus, so klar und einfach, so erzählend und so wenig komplex, dass sie für Leute, die sich im sprachreflexiven und möglichst konstant erwartungsirritierenden Hardcore des Mainstreams der Gegenwartslyrik bewegen, geradezu als Zumutung oder lyrische Nullnummer erscheinen könnten.

Die Frage wäre dann gar nicht die von Peter Salomon selbst in den "Nachbemerkungen" der Sammlung angeschnittene, ob Gedichte eigentlich "schwul" sein können, sondern diejenige, ob es sich bei diesen Texten überhaupt um Gedichte handelt.

Authentizität durch Schnörkellosigkeit


Der Gedichtband "Mylord" ist im Rimbaud Verlag erschienen

Und zu beiden Fragen ließen sich gewiss recht tiefe Themenfässer aufmachen, wodurch man auf jeden Fall in einen mentalen Modus käme, der ungefähr das Gegenteil von demjenigen wäre, der Salomons Texte, die jedenfalls für mich die Attribute "schwul" und "Gedicht" gleichermaßen verdienen, beflügelt. Was hier das Besondere ist, ist gerade die auf der inhaltsbezogenen wie der sprachlichen Ebene liegende Schnörkellosigkeit. So selbstverständlich das lyrische Ich, das in diesem Fall vermutlich an vielen Stellen dem Ich des Autors entspricht, über Phänomene eines schwulen Lebens spricht, so unprätentiös und selbstverständlich zeigen sich die Gedichte in ihrer Sprache und Gestalt. Und dieses Zusammenfinden inhaltlich-sprachlicher Einfachheit, die aber weder kitschig noch trivial ist, macht die Stärke und Authentizität der Gedichte Salomons aus.

Die in dem Band versammelten Texte stammen aus den Jahren 1972 bis 2019. Sie decken also eine große zeitliche Spannweite ab. Was sie eint, und was für den 70-jährigen Autor und seinen Verleger hier Grund und Kriterium des Zusammenführens war, sind die schwulen Bezugspunkte.

Stilistische Homogenität über fünf Jahrzehnte

Nur einige der Gedichte sind neu und bisher unveröffentlicht gewesen. Die Mehrzahl wurde bereits in anderen Gedichtbänden Salomons bzw. in Anthologien publiziert. In seinen kurzen "Nachbemerkungen" macht der Autor deutlich, dass die am Kriterium der Entstehung orientierte Anordnung der Texte in dem Sammelband alles andere als zwingend sei. Diesen Eindruck teile ich. Allerdings finden sich so viele thematische Parallelen zwischen den Texten wie auch eine so erstaunlich hohe stilistische Homogenität über die immerhin fünf Jahrzehnte hinweg, aus denen die verschiedenen Gedichte stammen, dass die Anordnung, so wie sie ist, durchaus passt.

Zu den immer wiederkehrenden Referenzpunkten der Gedichte gehört zum Beispiel: Frank.

Mal wieder was mit Frank

O ich liebe es
Morgens alleine aufzuwachen.

Niemand ist da, der
Meinen Sex mit Frank stören könnte.

Auch er nicht!

Ich bin jetzt Ende sechzig.
Frank ist immer noch zweiundzwanzig

Frank und Ludwig Wittgenstein

Erinnern hat keinen Erlebnisinhalt.
Wenn ich aus der Erinnerung sage
"Vor einer halben Stunde habe ich ihn getroffen"
Dann ist das nicht die Beschreibung eines gegenwärtigen Erlebnisses.

Erinnerungserlebnisse sind etwas anderes.
Zum Beispiel, wenn ich an Frank denke, 1978.

Er trug Cowboystiefel, enge Bluejeans und einen grünen Nicky, bauchfrei.

Er war fröhlich und sagte: "ich mache alles was du willst."

Peter Salomons Gedichte erzeugen Bilder mit wenigen schlichten Worten. Sie öffnen die Phantasie des Lesenden gerade da, wo sie sparsam sind. Und da, wo andere (schwule) Autoren oft deutlich melancholisch werden, etwa wenn es um das Ende von Beziehungen, Krankheit, Alter und Tod geht, bleiben Salomons Texte ganz lakonisch. Und berühren durch das, was hinter dem Gesagten steht.

Nicht weil eine Rezension ja immer auch etwas Kritisches enthalten muss, sondern weil ich es denn doch deutlich so erlebt habe: Ich finde die gerade mal 40 Seiten umfassende "Mylord"-Sammlung zu schmal. Ich hätte gerne mehr gelesen.

Infos zum Buch

Peter Salomon: Mylord. Gedichte. 40 Seiten. Rimbaud Verlag. Aachen 2019. Taschenbuch. 20 Euro. ISBN 978-3890862712