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Negative Entwicklung
LGBTI-Aktivisten: Rückständige Gesundheitsversorgung treibt trans* Personen in den Selbstmord
In Transgender-Ambulanzen würden trans* Personen aufgefordert, sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht "auszusöhnen". Das könne für Betroffene tödlich enden.

Transgeschlechtlichkeit wird von vielen noch immer bekämpft – sogar von Ärzten, die es eigentlich besser wissen müssten
- 9. Oktober 2019, 13:33h 3 Min.
Der Bundesverband Trans* e.V. (BVT*) und der HAKI e.V. Kiel warnen in einer gemeinsamen Erklärung vor einem "Wiederaufleben von wissenschaftlich längst verworfenen und unzureichenden Ansätzen bei der psychotherapeutischen Versorgung von trans* Menschen". Psychotherapie und Sexualwissenschaft hätten zwar Fortschritte erzielt. Einzelne Vertreterinnen und Vertreter in diesem Bereich stellten aber "zunehmend erfolgreiche evidenzbasierte Ansätze" und den aktuellen Wissensstand in Frage, ohne
konkrete wissenschaftliche Ergebnisse vorzulegen.
Die Ärztin Annette Güldenring, die auch Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Gesundheit des Bundesverbands Trans* ist, erklärte, diese Entwicklung sei schon bedenklich, wenn sie allein in einem akademischen Rahmen stattfände. "Die Autor_innen dieser Veröffentlichungen arbeiten aber in leitenden Funktionen in staatlichen Transgender-Ambulanzen", so Glüdenring. "Sie propagieren als Therapieziel die Aussöhnung mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht oder verhindern für trans* Kinder und Jugendliche eine angemessene medikamentöse Versorgung." Dies beinhalte die Gefahr, dass sich für die Betroffenen die psychische Situation verschlechtere – "im schlimmsten Fall bis zur Suizidalität".
Daher müsse darauf hingearbeitet werden, "dass alle Betroffenen in allen Behandlungen – ob nun in Trans*-Spezialzentren oder im niedergelassenen Bereich – eine evidenzbasierte und bedürfnisorientierte Versorgung erhalten", so Güldenring. Behandlungsangebote, in denen das tatsächlich möglich ist, könnten beim Bundesverband Trans* und bei anderen nationalen und regionalen Trans*-Organisationen wie dem HAKI e.V. erfragt werden.
/ bv_transGemeinsame Presseerklärung von BVT* und HAKI @hakikiel : Wenn Behandlung zur Gefahr wird – Warnung vor Wiederaufleben wissenschaftlich längst verworfener und unzureichender Ansätze bei der psychotherapeutischen Versorgung von trans* Menschen. https://t.co/EuzjRcdE2n
BVT* (@bv_trans) October 9, 2019
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Güldenring ist Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und setzte sich seit Anfang der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts für die Belange von transgeschlechtlichen Menschen ein. Sie arbeitet unter anderem in der "Interdisziplinären Arbeitsgruppe Geschlechtsidentitätsstörungen im Kindes- und Jugendalter" sowie im Referat "Sexuelle Orientierung" der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) mit. Außerdem wirkt sie durch Publikationen in Fachzeitschriften aus psychiatrischer Sicht der Pathologisierung von Transidentität entgegen.
Fachzeitschriften und Leitmedien beschreiben Transsexualität als Modeerscheinung
Laut den Aktivist*innen von BVT* und HAKI würden Autorinnen und Autoren in jüngster Zeit in sexualmedizinischen Fachzeitschriften vermehrt die Meinung vertreten, Therapien sollten bei trans* Personen mit dem Ziel angewendet werden, die geschlechtliche Identität an ein binäres und auf Fortpflanzungsfunktion beruhendes Geschlechtermodell anzupassen. Gleichzeitig seien in den vergangenen Monaten in Leitmedien zunehmend Interviews veröffentlicht worden, in denen Transgeschlechtlichkeit als Modeerscheinung dargestellt werde.
Ein Beispiel für diese These ist der Artikel "Ist es jetzt Mode, transgender zu sein?", der letztes Jahr in der "Ärztezeitung" veröffentlicht wurde. Der Artikel war unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) scharf kritisiert worden. Er sei "eine Steilvorlage für die Politik der neu erstarkten rechten Gesinnung in Deutschland und von Anhängern der 'Demo für alle'" (PDF).
Derartigen Meinungen müsse von Wissenschaft und Öffentlichkeit deutlich widersprochen werden, fordern daher BVT* und HAKI: Ärztliche Standesvertretungen und medizinische Fachgesellschaften seien hier auch in Zukunft gefordert, die Fortschritte zu erhalten, die in der medizinischen Versorgung von trans* Personen in den vergangenen Jahrzehnten erzielt worden seien. Dazu zählten eine ergebnisoffene und respektvolle Begleitung, um erwachsenen und jugendlichen Behandlungssuchenden eine selbstbestimmte Entscheidung über ihre Geschlechtsidentität zu ermöglichen und eine Behandlung auf Grundlage empirisch nachgewiesener Wirksamkeit. (dk/pm)












