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Gay-Tourismus

"Gran Canaria besteht nicht nur aus enthemmten Homos"

"Winterpride"-Autor Sebastian Castro im Interview über die spanische Urlaubsinsel, die er zu seiner zweiten Heimat machte, und seinen "hoch anspruchsvollen Trivialroman".


Schwule Babys beim Karneval auf Gran Canaria (Bild: Giuseppe Sp / flickr)
  • Von Joachim Bartholomae
    12. Oktober 2019, 07:36h, 4 Kommentare

Sebastian, gerade ist dein Roman "Winterpride" erschienen; darin beschreibst du das schwule Treiben auf Gran Canaria. Die spanische Urlaubsinsel steht im Ruf, eine Art "Ballermann" für Schwule zu sein. Du kennst die Insel seit langem, was fasziniert dich so an Gran Canaria?

Es ist kaum zu glauben, dass sieben Inseln, die so dicht beieinander liegen wie die Kanaren, derart unterschiedlich sein können. Lanzarote als schwarze Lava-Mondlandschaft, La Gomera als grünes Paradies, Fuerteventura als riesige Sanddüne, Teneriffa mit dem höchsten Berg Spaniens… Gran Canaria hat von allem etwas. Spektakuläre Berge, wilde Landschaft, großartige Strände und auch eine vitale Metropole. Ich rede von der Hauptstadt Las Palmas, nicht von der Touristenhochburg in der Südkurve der Insel. Die meisten Touristen sehen aber nicht viel anderes als dieses Playa del Inglés. Daher der fragwürdige Ruf der Insel. Wenn man aber Playa del Inglés für Gran Canaria hält, dann glaubt man wahrscheinlich auch, dass Los Angeles nur aus Disneyland besteht.


Sebastian Castro ist mit einem Canario liiert, liebt aber auch Venedig (Bild: privat)

Du verbringst selbst einen großen Teil des Jahres auf der Insel, du bist mit einem Einheimischen befreundet. Gehen dir diese verrückten Schwuppen nicht auf die Nerven, die einmal im Jahr so richtig die Sau rauslassen wollen? Ich selbst wohne auf St. Pauli, wo sich inzwischen viele Anwohner über die saufenden und kotzenden Touristen beschweren. Oder freust Du Dich über den ständigen Zustrom von Frischfleisch?

Siehst du, selbst du denkst, dass Gran Canaria nur aus enthemmten Homos besteht! Ich habe im Übrigen gar nichts gegen verrückte Schwuppen. Die allermeisten sind handzahm und freuen sich hier sein zu dürfen. Auf Gran Canaria sind sie ein treues Publikum, und gekotzt wird eigentlich nur in Ausnahmesituationen wie beim Karneval. Wir leben allerdings auch ziemlich fern vom Touri-Trubel. Und wenn ich ab und zu unbedingt mal die internationale Regenbogenfraktion sehen will, dann fahre ich eben runter nach Playa del Inglés. Frischfleisch gibt es aber auch sonst genug auf der Insel. (lacht.)

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Im Roman liegt der Schwerpunkt auf den deutschen Touristen, aber das ist ja zahlenmäßig gar nicht die am stärksten vertretene Nationalität. Wie erlebst du das Nationalitätengemisch am Strand und in den Kneipen? Oder mischen sich die gar nicht?

Keine Ahnung, ob aktuell die Deutschen die Nase vorn haben, aber unter den vier Millionen, die jedes Jahr auf die Insel kommen, sind sie immer vorn dabei. Klar mischen sich die Nationalitäten auch. Spätestens wenn sie abends alle ins selbe große Loch gefallen sind, das Yumbo Center heißt. Dort gibt's mehr schwule Lokale als in ganz Italien. Für ziemlich jeden Geschmack ist was dabei. Von der Schunkelstube bis zur Lederbar, von der Sauna bis zum Club. Und da ist oft die nonverbale Kommunikation deutlich wichtiger als sich über die Herkunft der Männer viel Gedanken zu machen.


Sebastian Castros Roman "Winterpride" ist Anfang August im Männerschwarm Verlag erschienen

Gegen Ende des Romans landet ein Flüchtlingsboot am Strand von Maspalomas, was die schwulen Touristen ziemlich überfordert. Wie politisch darf ein fröhliches Urlaubsbuch werden?

Mir war es wichtig, diese Szene im Buch zu haben, denn sie ist so ähnlich auch schon passiert. Das ist ja auch keine politische Meinung, sondern Realität. Flucht und Vertreibung sind nun mal Alltag. Und wenn dieser Alltag in den Ausnahmezustand einer Urlaubspartyidylle einbricht, darf man ruhig auch mal kurz das Hirn anschalten. Womit natürlich nicht gesagt sein soll, dass "Winterpride" nicht auch sonst ein hoch anspruchsvoller Trivialroman ist!

"Winterpride" ist gewissermaßen die Fortsetzung des Romans "Unter Geiern", den du vor zehn Jahren geschrieben hast. Wird es in zehn Jahren eine weitere Fortsetzung geben?

"Unter Geiern" wäre ein schöner Titel! Der Roman hieß allerdings "Unter Männern". Es mag da aber durchaus Parallelen geben. Und wer weiß, vielleicht erscheint ja dann in weiteren zehn Jahren noch ein Roman, der dann "Unter Geiern" heißt. Ich habe "Unter Männern" geschrieben, weil ich den kurzweiligen Tunten-Trash-Roman "Elvira auf Gran Canaria" aus den frühen Neunzigerjahren gelesen hatte, der schon damals was charmant Antiquiertes hatte: Nicht nur viele der Orte, an denen Elvira unterwegs war, existierten nicht mehr, es gab auch eine neue Generation Schwule, die sich nicht mehr unbedingt mit weiblichen Vornamen ansprach. Jetzt, nach weiteren zehn Jahren, war es dann an der Zeit mal zu schauen, was aus den Helden von "Unter Männern" geworden ist.

Und?

Sie sind immer noch ein schräger Haufen.

Infos zum Buch

Sebastian Castro: Winterpride. Rückkehr nach Gran Canaria. Roman. 176 Seiten, Männerschwarm Verlag. Berlin 2019. Taschenbuch: 14 € (ISBN 978-3-86300-286-2). E-Book: 9,99 € (ISBN 978-3-86300-290-9)


#1 Peter SiloAnonym
  • 12.10.2019, 15:08h
  • Anstatt "Unter Geiern" als Romantitel, finde ich in diesem Fall "Unter Eiern" passender.
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#2 CieloAnonym
  • 12.10.2019, 18:08h
  • Herr Brauchtisch hat jetzt einen neuen Namen? Ok! " UNTER MÄNNERN" WAR SCHON NICHT DER ERFOLG. Nun wieder ein neues Thema - Winterpride! Wenn man nur noch mit lockenden Events den Tourismus bestreitet, wie auch den alles inklusiv Tourismus tut das der Wirtschaft hier nicht gut! Alles Gute! Liebe Grüße Boris
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#3 Ralph
  • 13.10.2019, 10:37h
  • Das Buch ist ganz nett zu lesen und kultiviert Elvira Klöppelschuh. Wenn der Autor aber meint, damit diese putzige Art schwulen Lebens in die Gegenwart zu holen, irrt er sich meiner Meinung nach. Statt dessen führt er die Leserschaft zurück in die Siebziger und frühen Achtziger. Wenn es auf Gran Canario wirklich immer noch so läuft wie ehedem, dann ist zumindest ein Teil der Community erstaunlich nostalgisch veranlagt. Es sei ihnen gegönnt.
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#4 MichaelTh