Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?34680

Persönliche Geschichte als Zeitgeschichte

Die "fag hag" bei RotZSchwul

Mit "Der Schwule und der Spießer" hat Ulrike Heider ein wichtiges Buch über die Schwulen in den Siebzigern und Achtzigern geschrieben. Es sollten vor allem diejenigen lesen, die glauben, diese Zeit zu kennen.


Provokation und Kultur gleichermaßen: antiklerikales schwules Straßentheater in den Siebzigerjahren (Bild: Männerschwarm)
  • Von Erwin In het Panhuis
    15. Oktober 2019, 09:53h, 1 Kommentar

Ohne Zeitzeugen ist Geschichte kaum erfahr- bzw. vermittelbar. Die Siebziger- und Achtzigerjahre, die im neuen Buch "Der Schwule und der Spießer" von Zeitzeugin Ulrike Heider behandelt werden, sind unglaublich spannend erzählt. Es ist der Anfang der zweiten deutschen Schwulenbewegung, dem ja bekanntlich ein Zauber innewohnt. Es ist gut platziert, denn wir schreiben das Jahr 2019, in dem wir uns an 50 Jahre Stonewall, 50 Jahre Reform des Paragrafen 175 und 50 Jahre sexuelle Revolution erinnern.

Als eine radikal ehrliche Zeitzeugin tritt Ulrike Heider mit viel sprachlicher Feinfühligkeit auf. Sie war nicht nur hautnah dabei, sondern hat auch eine gute Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Als selbstbewusste "fag hag" hat sie zudem einen eigenen Blickwinkel auf die Szene. Das ist eine gute Ausgangssituation für ein Buch, dessen Inhalt sowohl als deutsche als auch lokale Geschichte beeindruckt.

Der rote Faden des Buches ist die Frankfurter Homosexuellengruppe "Rote Zelle Schwul" (RotZSchwul), die von Anfang bis Mitte der Siebzigerjahre bestand, und die Menschen hinter dieser Gruppe, vor allem der Lyriker Albert Lörken. Mit Biografien wie der seinigen werden die Geschichten vor dem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund der Zeit lebendig.

Ulrike Heider

Das Buch beginnt im Sommer des Jahres 1972 und mit dem Lebensgefühl in Frankfurt. Heider war aufgehoben in einem schwulen Freundeskreis, der ihr die Bestätigung gab, von der sie "nicht fähig war", sie von Heteros zu beziehen (S. 125-126). Sie ging selbstbewusst damit um, eine "fag hag" (Schwulenmutti) zu sein und eckte auch mit femininer Kleidung und hochhackigen Schuhen an (S. 38), was linke Frauen zu dieser Zeit nun mal nicht trugen. Auf einer Party der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) kam Heider ihrer langjährigen Freundin körperlich näher, war jedoch – wie sie schreibt – "weniger von der Lust selbst, als vom Ehrgeiz, sie zu gewinnen" besessen. Es war eine "Atmosphäre von Tabubruch [und] Geschlechterrollenverachtung" (S. 93-95).


Ulrike Heider war als links engagierte Studentin und Hausbesetzerin mit den Gründern der Politgruppe RotZSchwul befreundet (Bild: Männerschwarm)

Im Jahre 1972 war sie stolz, schon mit zehn Männern geschlafen zu haben (S. 15), erst mit Anfang 30 hatte sie genug von der Promiskuität (S. 124). Die Autorin hat einen sehr persönlichen Ansatz gefunden, um von früher zu erzählen. Ansatzweise erinnert dies an den Filmemacher Rosa von Praunheim, der ebenfalls ohne Distanz (bzw. distanzlos) arbeitet. Im Gegensatz zu ihm ist Heider jedoch feinfühliger, leiser und reflektierter.

Ein überzeugendes Beispiel für ihren persönlichen Zugang ist die Beschreibung einer Person, die sie für transsexuell hält. Bei ihren anschließenden Äußerungen wird zum einen deutlich klar, wie wichtig die Geschlechtsangleichung für die betreffenden Personen ist. Zum anderen schreibt Heider aber auch über ihre naiv wirkenden Gedanken: "Warum bleiben sie nicht so, wie sie jetzt sind, so charmant changierend zwischen Mann und Frau?" (S. 76).

Albert Lörken

Albert Lörken kam aus Düren und besuchte das dortige Gymnasium. Aufgrund seines Uni-Stipendiums kam er schon 1977 ins schwulenbewegte San Francisco. Einer von Lörkens Liebhabern war Gottfried Ensslin, der Bruder der Terroristin Gudrun Ensslin. Im Buch gibt es eine Beschreibung, wie Gottfried Ensslin in der Frankfurter Börse randaliert und damit "in den Gedärmen des Kapitalismus gewühlt" habe (S. 84).

Auch Lörken wird nicht nur als intelligent und geistreich, sondern auch als provokant beschrieben. So ließ er sich mit seinem späteren Liebhaber Helles vor Grenzpolizisten der DDR auf eine wilde Knutscherei ein und wurde deshalb verhaftet (S. 102). Für das "promiske Leben auf der Uniklappe" hat Lörken – so Heider – seine "Unikarriere geopfert" (S. 103). Sie betont, dass einige Albert Lörken "eine glänzende Karriere als Theatermann, Künstler oder Akademiker" voraussagten (S. 32-36). Nach diesem Buch hätte ich Albert Lörken tatsächlich gerne einmal kennen gelernt – ob er eine Karriere durchlaufen hätte oder nicht, wäre mir dabei ziemlich egal gewesen.

Die Szene und Promiskuität als Motor der Identität

Die schwule Szene wird als sehr lebendig beschrieben und als eine, in der Bisexualität verpönt war. "Allzu viele hatten unter diesem Etikett sich selbst, ihre Freunde und unglückliche Legitimationsfrauen hinters Licht geführt" (S. 24). Schwule kämpften dabei nicht nur für ihre Sexualität, sondern auch für besseren Wohnraum: "Raus aus den Löchern, rein in die schwule Kommune" (S. 85) – das hört sich heute schon fast wieder modern an.

Viele Schwule wollten mit ihrem Herumtucken provozieren und "begannen, mit dem eigenen Zerrbild zu sympathisieren" (S. 19). Schwule waren gleichermaßen brav und provokant. Es gab nicht nur politisierende Kaffeekränzchen, sondern auch spontane Straßentheater mit fickenden Bauern und deutlicher Kritik am Papst. Nach der Melodie von "Vom Himmel hoch da komm ich her" wurde gesungen: "Liebt Frau gar Frau und Mann gar Mann – so trifft sie alle der päpstliche Bann" (S. 99-100).

Sexualität war identitätsprägend. Weit und breit gab es nur heilbare Geschlechtskrankheiten. Promiskuität war heroisch, tabuniederreißend und machte einen zum Nicht-Spießer. Es gab nicht nur ein Bekenntnis zur Tuntenrehabilitierung, sondern auch zur Promiskuität und "ein noch vorsichtiges Bekenntnis zur Arschfickerei" (S. 59). Im Kontext von Sex fragte Ulrike Heider auch nach der zwischenmenschlichen Utopie: "Die Vorstellungen von der nicht spießigen Beziehung, Partnerschaft oder Freundschaft blieben vage" (S. 69).

Heiders Äußerungen decken sich mit den Äußerungen von "Dr. Sommer" der Jugendzeitschrift "Bravo", Martin Goldstein, den ich vor einigen Jahren zu dieser Zeit interviewte. "Dr. Sommer" war der Meinung: Die Aktivisten der 68er-Bewegung "hielten zwar Sex für politisch, schlossen aber nur die genitale Sexualität in ihre Forderungen ein. […] Eine Offenheit auf emotionalem Gebiet war dort entsprechend nur sehr schwach vertreten" (queer.de berichtete).

"Nicht der Homosexuelle ist pervers"


Ein neues Buch voll Geschichte und Poesie: "Der Schwule und der Spießer"

Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt" (1971) wird von Heider in der ihm gebührenden Ausführlichkeit besprochen. Der Film bricht nicht nur mit sexuellen, sondern auch mit filmischen Konventionen. Üblicherweise soll sich der Zuschauer mit dem Inhalt bzw. den Protagonisten identifizieren. Mit diesem Film sollte sich aber "niemand identifizieren, zumindest nicht mit dem, was damals die Norm war, denn alles sollte anders werden" (S. 33).

Heider verdeutlicht, dass die Bewegung der Siebzigerjahre die Gesellschaft erstmalig radikal umgestalten wollte (was mit der Bezeichnung wie "zweite deutsche Schwulenbewegung" häufig untergeht). Das ist etwas gänzlich anderes als die vorsichtigen früheren Reformbemühungen von Homosexuellen, die "nur" ein bisschen weniger diskriminiert werden wollten. Die Schlussszene des Films vergleicht sie – nicht zu Unrecht – mit einem Vorstellungsgespräch bei einer Partei (S. 35). Die "aggressive Spießerschelte" des Films (S. 31) kannte Heider auch aus der Studierendenbewegung. Für Heider ist Rosa von Praunheim "bis heute" ein "Seismograph des Zeitgeistes" der Bewegung (S. 34). Es wäre zu ergänzen, dass Praunheim als "Seismograph", d.h. als Person, der weiß, wie die Szene tickt, schon seit Jahrzehnten häufig nicht richtig zu funktionieren scheint.

In diesem Film wird der Slogan "Raus aus den Toiletten" propagiert. Dies war ein Punkt, bei dem die Schwulen und die Polizisten in Frankfurt einer Meinung zu sein schienen. Es gab sowohl Schwule als auch Polizisten, die nicht verstanden, warum anonyme Orte der Lustbefriedigung nach der Legalisierung noch notwendig seien (S. 59), und auch Ulrike Heider findet dafür keine Erklärungen (S. 61-62). Sie stellt spannende Fragen und befreit sie dabei vom Moralischen.

Die Tunte wird zum Held

In den Siebzigerjahren trat das Machohafte der Dreißiger- bis Fünfzigerjahre in den Hintergrund, und das Androgyne schien auf dem Siegeszug zu sein. Der klassische Mann wurde zum Gegenmodell, der Schwule zur Avantgarde. Die "Schwuchtel" wurde zur "Heldin der Emanzipation" erhoben (S. 69-70). Die Schwulen wackelten mit dem Arsch, "nannten sich Schwestern, gaben sich weibliche Namen, frönten ihrer Verehrung von Idolen wie Marlene Dietrich, Liza Minelli und Zarah Leander und verbreiteten jene übersexualisierte Atmosphäre und exhibitionistische Euphorie, die bald auch in der Subkultur die depressive Stimmung der 1950er und 60er Jahre ablöste". Schwule zwängten sich in enge Kleider und hohe Stöckelschuhe hinein (S. 71). In jedem Schwulen steckte eine Tunte – so hieß es zumindest.

Kurz bevor man beim Lesen das Gefühl hat, eine Szene aus einem alten Ralf-König-Comic zu erleben, wird die Autorin ernst. Es war eher ein "Schwuchtelspielen und Tölen" und für einige auch mit einem Gruppenzwang verbunden. Heider sieht einen großen Unterschied zwischen diesen Männern in Frauenkleidern und einer Person wie Quentin Crisp, der in England schon in den Dreißiger- und Vierzigerjahren im Fummel herumlief und dafür verhöhnt, verprügelt und gedemütigt wurde. Heider hatte zwar auch Spaß am Verkleiden, fand jedoch, dass bei den Männern auch eine "generelle Weiberverachtung" mitschwang. Mit Supermännern und Überweibern hätte man auch anders abrechnen können – "zugunsten eines weniger in seinem Geschlecht gefangenen Menschentyps" (S. 73).

Der Rosa Winkel und die Nazi-Zeit

Das Buch "Die Männer mit dem Rosa Winkel" (1972) wird von Ulrike Heider als ausschlaggebend dafür angesehen, den Rosa Winkel in seiner Bedeutung umzudrehen. "Aus einem Schandmal sollte ein Identitätsstifter werden" (S. 78). Das hat sogar geklappt: Schwule trugen den Winkel stolz an ihrer Brust und aus einem Stigma wurde ein Symbol des Stolzes. "Man könnte daraus schließen", so die Autorin, dass sich die Aktivisten mit den Opfern identifizierten, aber das sei ein "Irrtum", denn es sei "vor allem eine Abrechnung mit der Überangepasstheit dieser angstgeschlagenen Generation" gewesen.

Die Aktivisten hätten Kontakte zu den schwulen Überlebenden der Nazi-Zeit aufnehmen können, denn in den Bars waren sie noch anzutreffen, "auffällig unauffällig" gekleidet, überkorrekt, überhöflich und vorsichtig in ihrem Verhalten. Aber zwischen den Jungen und den Alten gab es keine Verbindungen. Einer der "Jungen": "Wir konnten diesen anpasslerischen Ton, dieses Diskretionsgetue dieser Generation, das konnten wir nicht ab, dieses Doppelleben, das Verhuschte, dieses Warnende immer, treibt's nicht zu wild" (S. 88-89).

Als Identifikationssymbol prägte der Rosa Winkel (wie auch die Farbe Rosa) die Szene der Siebziger- und Achtzigerjahre. Erst in den Neunzigern wollten die Schwulen nicht mehr auf diese Opferrolle reduziert werden und übernahmen (aus diesen und anderen Gründen) den Regenbogen als positiven Ausdruck ihrer Vielfalt.

"Der gewöhnliche Homosexuelle"

Schon zu Beginn des Buches wird Martin Dannecker vorgestellt. Er war Schwulenaktivist, Mitbegründer von RotZSchwul und gab dieser Gruppe viele wichtige Impulse. Als einflussreicher Sexualwissenschaftler wurde er in der Szene als "schwuler Papst" angesehen, der – stets wortgewandt – eine "wissenschaftliche und professionelle Distanz" hatte. Heider: "Seine Souveränität muss Balsam für die offenen Wunden und aufgewühlten Seelen der gerade erst Entkriminalisierten gewesen sein" (S. 40-42). Gemeinsam mit dem Sexualforscher Reimut Reiche und einem Mitglied von RotZSchwul wohnte Martin Dannecker in einer WG in Frankfurt (S. 133).

Martin Dannecker und Reimut Reiche veröffentlichten 1974 die Ergebnisse ihrer Studie unter dem Titel "Der gewöhnliche Homosexuelle". Ohne die bahnbrechende Bedeutung dieser Studie in Frage zu stellen, begründet Heider auf mehreren Seiten (S. 108-112), warum sie das Buch in Teilen für eine "wissenschaftlich verpackte Spießerkritik" hält (S. 110). Sie verurteilt nicht die Ergebnisse der Studie, aber durchaus einige veraltete Schlussfolgerungen und ein manchmal zu strenges Urteil der beiden Autoren (S. 110-111).

"Wir sind schwul" im "Stern"

Das "Stern"-Cover "Wir sind schwul" (5. Oktober 1978) erinnerte nicht zufällig an das "Stern"-Cover "Wir haben abgetrieben" (2. September 1971). Beide Themen passen gut zusammen: Die Verletzung von Frauenrechten und die von Schwulenrechten haben oft ähnliche Ursachen, und die beiden relevanten Paragrafen 175 und 218 StGB sind eher Symbole als Strafrechtsnummerierungen. Im "Stern"-Heft von 1978 haben sich 682 Männer geoutet, 66 Männer sogar mit einem Bild. Was das für einen Schwulen in dieser Zeit bedeutete, kann man heute wohl nur noch erahnen.

Auch die beiden Frankfurter Aktivisten Gottfried Ensslin und Walter Grimm gehörten zu diesen Männern. Nach der Veröffentlichung des Artikels wurde in Frankfurt über diesen Artikel diskutiert. Walter Grimm: "Aber natürlich wäre ich lieber ganz normal […] das würde doch alles vereinfachen" (S. 133-135).

Die Szene verändert sich und die Moral kippt

"Die Zeiten ändern sich und der Sex mit ihnen" (frei nach einem lateinischen Sprichwort, S. 171). Auch der schwule Sex und die schwule Szene veränderten sich von den Siebziger- zu den Achtzigerjahren. Deutlich wurde dies in der Gastronomie: In Kneipen musste man nicht mehr schellen, und aus Hinterhofkneipen wurden offene Straßencafés. "Trotz unveränderten Ghettocharakter war der Fluch der Geschlossenen Gesellschaft von ihr gewichen" (S. 152).

Die Autorin beschreibt allerdings auch negative Entwicklungen. So wird aus einer sexuell enttabuisierten Sprache eine mitunter rohe Sprache: "Kannst doch keine Fotze mitbringen" sagte ein Türsteher zu Albert Lörken im Beisein von Ulrike Heider, als sie gemeinsam ausgehen wollten (S. 136-137). Die Kleidung der Schwulen wurde "männlicher". Sie zitiert ihren Freund Hellmuth Roth, der in diesem "Einzug des Männlichen in die schwule Kultur" auch eine Form von "Normalisierung und Normierung" sah (S. 142).

Der Film "Querelle" (1982) von Rainer Werner Fassbinder wurde zu einem "Meilenstein" – vielleicht auch deshalb, weil er typisch für das schwule Männlichkeitsbild der Achtzigerjahre stand. Nicht mehr "Tunten", sondern "Kerle" bestimmten nun die Szene (S. 173). Die Lederszene fand in dieser Zeit starken Zulauf. Wenn es über die Lederszene heißt, dass eine "Grenzenlosigkeit" nun "als emanzipatorisch galt" (S. 141-142), ist dies mit dem Hinweis auf einen zum Teil ungeniert ausgelebten Nazi-Fetisch gut begründbar (S. 139). Wie lässt sich ein solcher Fetisch bei einem pazifistisch eingestellten Mann erklären (150-151)? Auch bei den schwulen Vergewaltigungsfantasien eines Frank Ripploh (S. 140) kommt die Autorin erkennbar an ihre Grenzen. Seit Aids wurde auch Promiskuität wieder neu diskutiert und legte für die Autorin "eine Rückbesinnung nahe" (S. 142).

Die Einstellung der Homosexuellenszene zu Pädosexuellen veränderte sich in dieser Zeit deutlich und nachhaltig. Breit diskutiert wurde der Fall Peter Schult, dem 1976 sexuelle Kontakte zu einem 15-jährigen Stricher vorgeworfen wurden. Einige Jahre später wurde selbst Sex mit 16- und 17-Jährigen nicht mehr akzeptiert (S. 153-154). Jeder kennt sexuelle Bereiche, die er nicht mehr akzeptiert. Ulrike Heider hat in ihren Büchern – auch bei Themen wie Pornografie und Prostitution – eine Form der Grenzziehung gefunden, die eine Diskussion um Sexualität nie verengt oder abwürgt, sondern bereichert.

Aids im "Spiegel"

Ausführlich geht Heider auf die ersten Artikel über Aids im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ein (S. 174-180) – insbesondere auf den Artikel vom 31. Mai 1982 (hier als PDF) und die Titelstory vom 6. Juni 1983 (hier als PDF). Sie findet deutliche und kritische Worte: "Die widerliche Mischung von schiefen historischen Parallelen, Untergangsvision, Homophobie und scheinheiligem Mitleid ließen mich wie viele andere an dem wahren Kern der Spiegel-Botschaft, an der Tatsache einer neu entdeckten Krankheit, zweifeln" (S. 176). Ihre gut begründete Kritik am "Spiegel" sei all denen empfohlen, die applaudierten, als der "Spiegel" – trotz massiver Proteste der Aids-Hilfe – im Jahre 2013 vom "Schwulen Netzwerk NRW" für seine "Förderung der gesellschaftlichen Akzeptanz" ausgezeichnet wurde (queer.de berichtete).

Ulrike Heider gibt zu, dass die netten roten Schleifen und die engagierten Aktionen zum Welt-Aids-Tag heute unsere Erinnerungen an frühere Zeiten überdecken. "In dieser Zeit rollte eine antischwule Welle übers Land, die zu vergessen wir uns angesichts bestimmter neuerer Entwicklungen nicht leisten können" (S. 177). Ulrike Heider – und vermutlich viele Schwule mit ihr – vermissen den Sex der Siebzigerjahre. "O schöner, guter, heilsamer Sex der 1970er Jahre. […] vertrieben von der Seuche Aids [und] unwiederbringlich verloren" (S. 205).

Albert Lörken stirbt an den Folgen von Aids

Seit den Achtzigerjahren hat Aids das schwule Leben maßgeblich und nachhaltig verändert. Auch Albert Lörken, der immer so gerne promisk lebte, erkrankte und gehört damit zu denen, die dieser Krankheit ein Gesicht geben. Einige Monate vor seinem Tod 1992 traf Ulrike Heider ihn noch einmal. In seinem Heimatdorf hatte Lörken sich nicht geoutet. Zu Ulrike Heider sagte sein früherer Lehrer: "Es gibt ja Leute, die behaupten, er habe Aids gehabt." "Er hatte Aids", antwortete Heider gereizt, weil es ihr "schwer fällt, die Mischung aus Aufgeschlossenheit und Verschwiegenheit, von Progressivität und Konservatismus" zu akzeptieren. In der Wohnung dieses Lehrers im katholischen Dorf sieht sie ein Heiligenbildchen, das sie an die Vertreibung aus dem Paradies und an gefallene Engel erinnert (S. 244).

Heiders Annahme, dass Aids der Schwulenbewegung langfristig "eher genützt als geschadet" habe (S. 227-228), ist richtig. Dies trifft jedoch nur für Deutschland zu, und es ist ein "Nutzen", der sehr teuer erkauft wurde.

Wer schreibt, der bleibt

Mit "Der Schwule und der Spießer" legt Ulrike Heider ihr elftes Buch vor. Es ist ihr erstes Buch mit durchgehend schwuler Thematik, auch wenn sie sich schon in früheren Büchern wie "Vögeln ist schön" bereits mehrfach mit Homosexualität auseinandersetzte.

Grundlage für das Buch war übrigens ein Radio-Feature von 2007, für das sie 2008 für den Felix-Rexhausen-Preis nominiert war. Damals wurde Ulrike Heider in der Kurz-Laudatio dafür gelobt, dass sie mit ihrem Porträt "ein starkes Stück Zeitgeschichte" geschrieben habe.

Typische Zeitzeugenberichte sind meistens mit Vorsicht zu genießen, weil sie nicht objektivierbar sind und auch nicht sein wollen. Ulrike Heider ist zwar auch eine Zeitzeugin, aber mit ihren Büchern gänzlich anders zu bewerten. Der große Unterschied ist, dass sie mit ihren Büchern eine Objektivierbarkeit des Geschehenen nicht nur anstrebt, sondern sie auch erreicht. Der erzählerische Ton darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei ihren Büchern um Sachbücher handelt. Die für den Leser eines Sachbuches ungewohnte persönliche Sicht bedeutet hier keine Einengung der Perspektive, sondern eine Erweiterung des Horizonts. Möglicherweise halten Leser und Leserinnen das Buch für eine Autobiografie oder sind über die Mischung aus Sachbuch und Roman irritiert. Das ist vermutlich auch der Grund, warum Heider mit diesem Manuskript zunächst keinen Verlag fand. Bei Männerschwarm ist es nun in den besten Händen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich auch Jung-Schwule für dieses Buch interessieren, aber noch nie etwas vom Paragraf 175 oder von Rosa von Praunheim gehört haben. Vielleicht werden auch geschichtsinteressierte Heteros und Heteras zur Leserschaft gehören. Ich bin mir nicht sicher, ob sie zur Zielgruppe des Buches gehören und ob sie ausreichend mitgenommen werden. Ich bin mir jedoch vollkommen sicher, dass dieses Buch so oder so uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Infos zum Buch

Ulrike Heider: Der Schwule und der Spießer. Provokation, Sex und Poesie in der Schwulenbewegung. Bibliothek rosa Winkel Bd. 76. 256 Seiten. Paperback. Männerschwarm. 18 €. ISBN 978-3-86300-076-9

Lesungen
01.11 2019: Berlin, Buchladen Eisenherz. Motzstraße 23, 10777 Berlin. 20.30 Uhr
07.11.2019: Wien, Buchladen Löwenherz. Berggasse 8, 1090 Wien. 19.30 Uhr
22.11.2019: Berlin, Buchladen Schwarze Risse. Gneisenaustraße 2, 10961 Berlin. 20.00 Uhr