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Wortschöpfung

Vor 150 Jahren wurde die "Homosexualität" erfunden

Der Schriftsteller Karl Maria Kertbeny hat 1869 die Bezeichnung "Homosexualität" kreiert und erstmals öffentlich verwendet. Heute hat sich dieser Begriff für schwule und lesbische Liebe durchgesetzt.


Karl Maria Kertbeny (1824-1882) veröffentlichte mehrere Schriften über Homosexualität. Das Porträtfoto entstand um 1865 (Bild: James Steakley / wikipedia)
  • Von Erwin In het Panhuis
    20. Oktober 2019, 15:39h, 5 Kommentare

Über Jahrhunderte war die erotische Liebe zwischen Männern eine "namenlose Liebe" und der Sex zwischen Männern eine "unaussprechliche Sünde". In den 1860er-Jahren kam Bewegung in die deutsche Sprache und gleich drei neue Wortschöpfungen buhlten um Aufmerksamkeit. Karl Heinrich Ulrichs schuf den Begriff des "Uranismus" (1864) und Carl Westphal den Begriff "Konträrsexualität" (1869). Die bedeutendste Wortneuschöpfung stammt jedoch von Karl Maria Kertbeny, der den Begriff "Homosexualität" (1869) erfand und damit eine Terminologie erschuf, die auch noch 150 Jahre später das Schreiben und Sprechen über Schwule und Lesben bestimmt und in alle Weltsprachen Eingang fand.

Karl Maria Kertbeny

Karl Maria Kertbeny (vor 1847: Karl Maria Benkert, 1824-1882) war ein österreichisch-ungarischer Schriftsteller, der auch als Buchhändler, Soldat, Übersetzer und Weinhändler tätig war. Mit seinen diversen Schriften zur homosexuellen Emanzipation – lange bevor es eine Homosexuellenbewegung gab – zählt er zu den wichtigsten deutschsprachigen Theoretikern der Homosexualität im 19. Jahrhundert – gemeinsam mit Heinrich Hössli, Johann Ludwig Casper, Karl Heinrich Ulrichs, Carl Westphal und Richard von Krafft-Ebing.

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War Kertbeny homosexuell?

Kertbenys bezeichnete sich selbst immer als "Normalsexualer" bzw. als heterosexuell und verwies als Grund für sein Interesse an homosexuellen Themen auf den Freitod eines schwulen Freundes und auf persönliche Kontakte zu Homosexuellen. Die Autoren Jean Claude Féray und Manfred Herzer vermuten in der Schwulenzeitschrift "Capri" (Heft 3/1990, S. 3-18, hier S. 18), dass er seine Homosexualität sublimierte: "Vielleicht war Kertbenys Leben vor allem ein Schriftstellerleben, in dem das Schreiben über den Sex […] das Zentrum bildete […] und alles andere ganz dürftig […] blieb und verdrängt vom unaufhörlichen lebenslangen Geschäft des Schreibens."

In dem von Manfred Herzer zehn Jahre später herausgegebenen Band "Schriften zur Homosexualitätsforschung" (Verlag rosa Winkel, 2000) erschienen nicht nur Kertbenys wichtigsten Schriften zur Homosexualität als Reprint, sondern es wird in einem ausführlichen Vorwort auch der Forschungsstand wiedergegeben (S. 7-61). Dabei werden auch die durch Briefe überlieferten Hinweise genannt, die eine Aussage zu Kertbenys sexueller Orientierung ermöglichen.

So schreibt Kertbeny, er sei beim "sinnlichen Geschmack" ganz entgegengesetzt zu seinem Bruder (S. 12). Er wollte 1855 sogar eine Frau heiraten – nach eigener Angabe jedoch ohne dabei Leidenschaft zu empfinden (S. 25) und ohne dass er auf "Nachkommen rechnen" könne (S. 26). Auf sexuellem Gebiet war er "nicht immer ein Heiliger" (S. 27). Es sind Andeutungen, so der Herausgeber Manfred Herzer, die nicht nur auf Homosexualität, sondern auch auf "Impotenz oder sexuelle Triebschwäche" (S. 27) verweisen können. Kertbeny hatte ein enges Verhältnis zu seiner Mutter. Dies belegen die Inhalte von 182 Briefen an sie (S. 21). Ihr Tod im Jahre 1869 hat ihn erkennbar destabilisiert (S. 36).

Eine wichtige Ergänzung zu den bisherigen Forschungen stellt der Beitrag der ungarischen Soziologin Judit Takacs "The Double Life of Kertbeny" (2004) dar, die wichtige Archivforschungen zu Kertbenys (ungarisch geschriebenen) Tagebüchern publizierte und damit wichtige Informationen über dessen mögliche Homosexualität erstmals zugänglich machte. Dieser Aufsatz ist online u.a. bei researchgate und academia im Volltext aufrufbar (siehe vor allem S. 31-39).

Die erste Nennung des Wortes "Homosexualität" (1869)

Aus Protest gegen eine geplante Strafandrohung für Homosexualität im Norddeutschen Bund veröffentlichte Kertbeny 1869 anonym die Broschüre "Paragraph 143 des Preussischen Strafgesetzbuches vom 14. April 1851". Der Text wurde durch die frühe Homosexuellenbewegung nachgedruckt, sowohl im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" 7 (1905) S. 3-66 als auch als Separatdruck (1905). Die beiden Nachdrucke sind – im Gegensatz zur Broschüre – heute online verfügbar.

In der Einleitung wird die Entstehungsgeschichte nachgezeichnet und auch versucht, die Verfasserschaft der ursprünglich anonym erschienenen Broschüre zu rekonstruieren: Von Kertbenys Verfasserschaft hatten die Herausgeber des "Jahrbuches" vom Homosexuellenaktivisten und Geschichtsforscher Ferdinand Karsch-Haack erfahren, der es von Karl Egells wusste, der es wiederum von Karl Heinrich Ulrichs wusste. Das hört sich ein bisschen wie Stille Post an. Zum Glück ist die Verfasserschaft Kertbenys aufgrund seines Nachlasses in der Nationalbibliothek Budapest heute zweifelsfrei geklärt.

Im Folgenden beziehen sich die Seitenangaben nicht auf die Originalbroschüre, sondern auf den Abdruck im "Jahrbuch", damit der queer.de-Leser die Textstelle mit dem oben genannten Link leicht nachlesen kann. Auf Seite 38 in diesem Text wird Kertbenys Wortschöpfung "Homosexualität" zum ersten Mal verwendet.


Auszug aus dem Text mit der ersten Textstelle über Homosexualität

Sie wirkt unscheinbar und wird auch nicht erklärt, sondern als ableitbar vorausgesetzt. Diese Schrift aus dem Jahr 1869 lässt sich mit Herbst sogar noch etwas genauer datieren, denn in Verbindung mit einem noch erhaltenen Brief vom 7. Oktober 1869 bekam Kertbeny von seinem Verleger die Druckbögen zugeschickt (s. "Capri", Heft 3/1990, S. 7), die wohl kurz danach in den Druck gingen.

"Homosexualität" oder "Homosexualismus"

Kertbenys politische Aussagen zur homosexuellen Emanzipation sind in dieser Broschüre klar und stringent. In seiner Terminologie schwankt er jedoch und präferiert dabei eher Wörter wie "homosexual". Bei den Adjektiven schreibt er sechsmal von "homosexualen" Leidenschaften, aber nur zweimal davon, dass es "homosexuelle" (S. 39) bzw. "homo sexuelle" Triebe (S. 54) gibt. Bei der Bezeichnung der betreffenden Personen geht er oft auf die "Homosexualen" (fünfzehnmal), die "Homosexualisten" (sechsmal) und die "Homosexualistinnen" (einmal) ein, aber nie auf die "Homosexuellen".

Nur der Gebrauch seiner sonstigen abgeleiteten Substantive wirkt sprachlich vertraut: Die uns bekannte "Homosexualität" (fünfmal, S. 38, 43, 45, 2x50) verwendet er sogar noch häufiger als den "Homosexualismus" (dreimal). Seine Wortschöpfung "homosexual" ist übrigens noch ein bisschen älter als die von "homosexuell". Kertbenys hatte sie wohl in einem Brief vom 6. Mai 1868 an den Homosexuellenaktivisten Karl Heinrich Ulrichs das erste Mal verwendet.

Benkerts zweite Schrift

Am Rande sei hier auf eine zweite Broschüre von Kertbeny verwiesen, denn immerhin erschien sie kurz danach im selben Jahr, beim selben Verlag, und zum selben Thema: "Das Gemeinschädliche des § 143 des preussischen Strafgesetzbuches" (1869). Kertbenys politische Position ist erwartbar die gleiche und auch sprachlich ergibt sich hier ein ähnliches Bild wie bei seiner ersten Broschüre: Er schreibt recht oft von "homosexualen …" (fünfmal), "Homosexualen" (sechsmal) und "Homosexualisten" (dreimal), aber nie von "homosexuellen …" oder "Homosexuellen". Auch hier ist es wieder der Gebrauch der Substantive, die einen bekannter vorkommen, weil er häufiger von der "Homosexualität" (fünfmal: S. 23, 24, 49, 57, 64) als vom "Homosexualismus" (viermal) schreibt.

Verbreitung von "Homosexualität"

Für die weitere Verbreitung des Begriffes "Homosexualität" werden meistens zwei bis drei wichtige Bücher genannt. Das erste Buch ist Gustav Jägers "Entdeckung der Seele" (1880, hier 3. Aufl., 1884), für das Kertbeny ein Kapitel über Homosexualität beisteuern sollte, was allerdings an den Bedenken des Verlegers scheiterte. In drei Kapiteln über Homosexualität (S. 250-270) zitiert Jäger jedoch seinen "Korrespondenten" bzw. "Dr. M.". Anhand von Jägers Briefen an Kertbeny lässt sich heute leicht belegen, dass damit Kertbeny gemeint war, dessen Begriff "Homosexualität" (S. 268-270) von Jäger übernommen wurde.

Das Besondere an dieser Schrift ist, dass Jäger Kertbeny auch mit dem Begriff "Heterosexualität" (S. 255) zitiert. Es war das erste Mal, dass dieses Wort in Deutschland überhaupt verwendet wurde und Kertbeny gilt auch hier als dessen "Erfinder". Eigentlich sollte man über diese recht späte Verwendung irritiert sein, denn gerade der sprachsensible Kertbeny hätte schon früher erkennen müssen, dass sein favorisiertes "normalsexuell" nicht emanzipatorisch ist.

Die zweite Schrift, die zur Popularisierung des Wortes "Homosexualität" beitrug, ist Richard von Krafft-Ebings sexualwissenschaftlicher Bestseller "Psychopathia sexualis" (1886, hier 1892, S. 188-355; 407-430). Krafft-Ebing favorisiert zwar eigentlich andere Bezeichnungen wie "Päderastie", "conträre Sexualempfindung" und "Urning", übernimmt jedoch auch die von Kertbeny (bzw. Jäger) stammenden Begriffe wie "Homosexuale", "homosexueller Verkehr" (S. 191) und "Homosexualität" (S. 224), was zu deren weiterer Popularisierung führte. In den späteren Jahren wurde "Homosexualität" zum Standard bei der Umschreibung der sexuellen Orientierung. Als dritte wichtige Schrift wird Albert Molls "Die conträre Sexualempfindung" benannt.

Der Historiker Manfred Herzer schreibt zur weiteren Verbreitung: "Erst in der Zeit zwischen den Weltkriegen verdrängte Kertbenys 'Homosexualität' alle alternativen Begriffe weitgehend aus dem deutschen Sprachgebrauch". Dabei ging die Verbreitung schnell über Deutschland hinaus. So wurde von Daniel von Kászony die Terminologie ins Niederländische übernommen und auch das englisch-amerikanische Wort "homosexuality" verweist auf die Bezeichnung von Kertbeny.

Positionen anderer Homo-Aktivisten

Kertbeny war der Erste, der 1864 die Schriften des Homosexuellenaktivisten Karl Heinrich Ulrichs besprach und anschließend auch einen direkten Kontakt zu Ulrichs aufbaute (s. "Capri", Heft 3/1990, S. 3-18). Die Broschüren beider Männer erschienen teilweise im selben Verlag und in Ulrichs "Argonautics" erschien sogar eine Werbung für Kertbenys Schrift. Nach mehr als 50 Briefen brach Ulrichs diese Korrespondenz ab – auch aufgrund der von ihm angenommenen "Eifersucht" Kertbenys auf seine eigene Terminologie des "Urnings". Zu einer persönlichen Begegnung der beiden Männer ist es vermutlich nie gekommen.

Für die einige Jahrzehnte später sich gründende Homosexuellenbewegung wurde "Homosexualität" schnell zu einem bevorzugten Wort. Erinnert sei hier an "Der Fall Wilde und das Problem der Homosexualität" (1896), das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität" (ab 1899) oder auch Erich Mühsams Schrift "Die Homosexualität" (1903) – um nur einige zu nennen.

Das erste Kapitel in seinem Buch "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914) beginnt Magnus Hirschfeld mit einer Begriffserklärung von Kertbeny (S. 3) und betont dabei, dass das Wort "internationale Verbreitung" gefunden habe (S. 4). Über die "Karriere" des Wortes "Homosexualität" ist Hirschfeld allerdings verwundert, weil er in den zwei anderen Begriffen der 1860er-Jahre – "konträre Sexualempfindung" und "Uranismus" – "sprachlich und inhaltlich" entscheidende Vorteile sieht (S. 4-5, 10). An "Homosexualität" kritisiert er zunächst einmal die sprachliche "Bastardbildung" – dies man mit "Zwitter-" oder "Hybridbildung" auch positiver hätte umschreiben können.

"Homosexualität" bzw. "homosexuell" verbindet das griechische Adjektiv "homós" ("gleich"), mit dem lateinischen Substantiv "sexus" ("Geschlecht") und damit Elemente aus zwei verschiedenen Sprachen. Weil der zweite Teil des Wortes aus dem Lateinischen stammt, wird fälschlicherweise auch "homo" meistens (lateinisch) als "Mann" oder "Mensch" und nicht (griechisch) als "gleich" verstanden. "Homosexualität" wird dadurch manchmal fälschlicherweise mit männlicher Homosexualität gleichgesetzt, was sich auch an Formulierungen wie "Homosexuelle und Lesben" ablesen lässt. Verhängnisvoll findet Hirschfeld die Endung "sexuell", weil damit das Wort nur im Sinne einer sexuellen Handlung verstanden werde (S. 10-12).

Weil sich am Anfang des 20. Jahrhunderts "homosexuell" gegenüber "homosexual" durchgesetzt hat, kann man über die veränderte Schwerpunktsetzung Magnus Hirschfelds im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" irritiert sein. Er schrieb hier, dass Kertbeny "soweit ich sehe – der Präger des Wortes 'homosexual'" gewesen sei, welches Hirschfeld als das "jetzt soviel angewandte Wort" bezeichnet (6. Jg., 1904, S. 111-112).

Sodomiten, Päderasten und Lesben

Natürlich ist mit "Homosexualität" weder das erste noch das letzte Wort über die gleichgeschlechtlich liebenden Männer und Frauen gesprochen worden. Um den Stellenwert des Begriffes zu erfassen, lohnt sich ein Blick auf weitere wichtige Bezeichnungen.

Bis zum 18. Jahrhundert hat im Deutschen der Begriff "Sodomie" jede sexuelle Handlung bezeichnet, die nicht der Fortpflanzung diente, wie u.a. Homosexualität. Im Gegensatz zu anderen Sprachen veränderte sich im Deutschen der Begriff "Sodomie" und wurde ab dem 19. Jahrhundert nur noch für Sex mit Tieren verwendet.

Daniel Sanders hat mit seinem "Wörterbuch der deutschen Sprache" nicht nur dem Volk aufs Maul geschaut, sondern das auch gut dokumentiert. Im 1. Band von 1859/60 gehören dazu der Begriff "griechisch lieben" (S. 626) und die (auch schon damals) veralteten Begriffe "florenzen" (S. 467), "Ketzer" und "Sodomit" (S. 903). Im 2. Band von 1863 wird der "Päderast" u.a. mit dem Termini "Knabenschänder" (damals noch unabhängig von Alterspräferenz), "Arschficker" und dem veralteten Begriff "Puseronen" (S. 492) erklärt.

Für Lesben gab es historisch gesehen weniger Begriffe. Tribadie ist einer, der auf das antike Griechenland zurückgeht. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts waren "lesbische Frauen" einfach nur Frauen aus Lesbos. Erst danach wurden sie zu Frauen, die das eigene Geschlecht begehrten. Lesben bekamen damit nicht nur eine Bezeichnung – sie bekamen auch eine Geschichte, eine Identität und mit der Dichterin Sappho auch noch eine positive Möglichkeit der Identifikation. Die Alliteration "lesbische Liebe" ist nicht nur weitgehend positiv, sondern auch erotisch konnotiert.

Ulrichs "Uranismus"

Als Schwule begannen sich zu positionieren, verschwanden zwar nicht die Beleidigungen, aber neue Selbstbezeichnungen tauchten auf: Der oben erwähnte Homosexuellenaktivist Karl Heinrich Ulrichs schrieb vom "Uranismus" und von "Urningen" (Schwule) und "Urninden" (Lesben). Es sind Begriffe, die er vom Planeten Uranus ableitete.

Über die Drucksache 11/3901 des Bundestages von 1989 hätte sich Ulrichs – gerade als Jurist – bestimmt gefreut. Die Grünen wählten für eine sogenannte "Große Anfrage" an die Bundesregierung "sein" Wort "Urninge". Der Hintergrund: Die Grünen wollten das Wort "Homosexuelle" vermeiden und durften zu dieser Zeit in amtlichen Drucksachen das Wort "Schwule" nicht verwenden. Diese Drucksache von 1989 ist damit nicht nur eine Reminiszenz an Karl Heinrich Ulrichs, sondern auch Ausdruck der Einstellung, dass jede Person das Recht hat, so genannt zu werden, wie sie genannt werden will.


Protest durch Rückgriff auf den "Urning": die Drucksache 11/3901 des Deutschen Bundestages (1989)

Westphals "Konträrsexualität"

Der deutsche Psychiater und Neurologe Carl Westphal (1833-1890) war nach Johann Ludwig Casper der zweite Mediziner, der Thesen über Homosexualität als möglicherweise angeborene, konstitutionelle Eigenschaft veröffentlichte und damit späteren Sexualmedizinern wie Richard von Krafft-Ebing und Albert Moll den Weg geebnet. Die erste Verwendung von Westphals Wortneuschöpfung "Konträrsexualität" lässt sich recht genau bestimmen, weil das Vorwort des betreffenden Heftes (1. Heft, 2. Bd.) der Zeitschrift "Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten" (1869, S. 73-108) auf den 1. August 1869 datiert ist. Westphals Aufsatz trägt den Titel: "Die Konträre Sexualempfindung: Symptom eines neuropathologischen (psychopathischen) Zustandes". Dieser Aufsatz ist online verfügbar und wird sogar in neu gesetzter und damit leicht lesbarer Form angeboten.

In seinem bekannten Standardwerk "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914) geht Magnus Hirschfeld mehrfach auf Carl Westphal ein und verweist auf einen zweiten Aufsatz von ihm zur Homosexualität (S. 969). Auch dieser Aufsatz "Zur konträren Sexualempfindung" (in: "Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten", 1876. S. 620-621) ist online verfügbar und gibt einen Einblick in seine Forschungen. Nach Hirschfeld haben gerade Mediziner Westphals Begriff der "Konträrsexualität" favorisiert (S. 6). Carl Westphal war auch Gutachter im sogenannten Zastrow-Prozess, der einen homosexuellen Hintergrund hatte und der sich demnächst zum 150. Male jährt.

Eigene, Freundlinge und sexuelle Zwischenstufen

In den 1890er-Jahren begann in Deutschland eine Homosexuellenbewegung. Die erste Schwulenzeitschrift "Der Eigene" (ab 1896) wurde von Adolf Brand den "eigenen Leuten" gewidmet, die auf "ihre Eigenheit stolz sind". Lesben interessierten ihn genauso wenig wie einige Jahre später den Homosexuellenaktivisten August Fleischmann. An Fleischmanns Beiträgen in seiner Schwulenzeitschrift "Der Seelenforscher" (ab 1902) spürt man deutlich, dass der Kampf um Homosexualität auch immer ein Kampf um die richtigen Selbstbezeichnungen ist. So versuchte er z.B. in seinem Artikel "Urning oder Freundling?" ("Der Seelenforscher" Nr. 4, S. 3) erfolglos seinen Begriff "Freundling" zu etablieren. Zur gleichen Zeit war der Homosexuellenaktivist Magnus Hirschfeld erfolgreicher und verwendete für Schwule und Lesben neben "Homosexualität" auch die Bezeichnungen "Drittes Geschlecht" und "sexuelle Zwischenstufen", um so die Selbständigkeit einer sexuellen Orientierung zu betonen. Das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" war die wichtigste Zeitschrift der frühen Bewegung.

Homophile, Schwule und 175er

Jahrzehnte später: Männliche Homosexualität wird 1969 legalisiert und es formiert sich noch einmal eine Bewegung. Das schon 1925 kreierte Wort "Homophilie" wurde in den 1950er- bis 1960er-Jahren zum Schlüsselbegriff der Schwulenemanzipation und bis in die 1970er-Jahre hinein verwendet – wohl auch, um Gegnern der Homosexuellenbewegung keine Angriffspunkte zu bieten. Das Wort "schwul" wie schwül beginnt sich zu etablieren, ist aber ähnlich wie "warmer Bruder" ursprünglich eine Beleidigung. Natürlich kann man den Spieß auch umdrehen – ähnlich wie bei dem Wort "Schwuchtel", das als provokanter Name einer Schwulenzeitschrift (1975-1977) gewählt wurde.


Ein klassischer Schwulenwitz: "Warme Berliner" in der Sex-Klamotte "Drei Schwedinnen in Oberbayern" (1977)

Mindestens seit den 1970er-Jahren ist der Begriff "Tunte" für Schwule mit affektiertem Verhalten bekannt. Dieser Begriff ist zwar recht neu, fusst aber offenbar auf dem Begriff der schwulen "Tante" mit ähnlicher Bedeutung, den es schon vor 100 Jahren gab.
In Anlehnung an die Strafbarkeit von Homosexualität nach § 175 StGB wurden Schwule früher auch "175er" genannt.

Gays, LGBT und Queers

Nach Stonewall 1969, aber vor allem in den 1980er- und 1990er-Jahren wird auch in Deutschland das Wort "gay" als schwule Selbstbezeichnung modern. Der Begriff findet sich in den Namen von mehr als 40 deutschen Schwulenzeitschriften mit zum Teil angestrengten Wortspielen wie "Gaymeinsam" (1993) und "Gayzette" (1994) wieder. Ende der 1980er-Jahre wurde vermehrt die Bezeichnung "Schwule, Lesben und Bisexuelle" verwendet, die in den Jahren danach zur Buchstabensuppe LGBT wurde. Begrifflich möchte man niemanden mehr ausschließen.

Dirk Ludigs schrieb am 20. Januar 2019 in der Zeitschrift "L-Mag" den Artikel "Schluss mit der LGBTQI*+-Buchstabensuppe". Bei seiner Kritik an diesem unaussprechlichen Buchstaben-Haufen bringt er ein wichtiges Argument: "Keines der Buchstabenmonster hat je geschafft, wofür sie mal erfunden wurden: einen Geist der Gemeinschaft im Kampf gegen die Diskriminierungen […] zu wecken. Viel mehr führt ihr fröhliches Wuchern und Wachsen zu einem zunehmend lähmenden Gefühl der Zersplitterung. Wie soll ich mich zu etwas zugehörig fühlen, das mich nicht einmal anständig benennen kann?". Ludigs präferiert anschließend den Ende der 1990er-Jahre entstandenen neuen Begriff "queer".

Auch queer.de ist übrigens ein Ausdruck dieser sprachlichen Entwicklung. Das Online-Magazin entstand aus der Zeitung "Queer", die sich 1998 durch eine Fusion von dem angestaubten Namen "Rosa Zone" trennte. Es ist eine gute Idee, mit "queer" kurz und bündig all das zu vereinen, was nicht heteronormativ ist. Ein solcher Begriff muss jedoch zwangsläufig schwammig bleiben.

Einstellungen, Konzepte und Identitäten

Die unterschiedlichen Bezeichnungen für Schwule und Lesben sind unterschiedlich alt, aus unterschiedlichen Gründen entstanden und beinhalten oft ein Konzept. Mit seinem zweibändigen Werk "Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen" hat der Sprach- und Literaturwissenschaftler Jody Skinner vorbildliche etymologische Arbeit für mehr als 1.000 Bezeichnungen geleistet und dabei gut erklärt, welche Begriffe wie alt sind und welche Zuschreibungen ihnen jeweils zugrunde liegen. Die Hintergründe der Bezeichnungen zu kennen ist auch für die eigene sprachliche Sensibilität wichtig. Mit Sensibilität meine ich jedoch nicht politische Korrektheit, denn manchmal kann es auch richtig sein, reflektierend und auch mal provozierend von "Schwuchteln" und "Arschfickern" zu reden

Alle Bezeichnungen – vom "Sodomiten" bis zum "Arschficker" – spiegeln immer auch eine Einstellung wider. Mit den neuen Eigenbezeichnungen aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wie "Urningen" und "Homosexuellen" gab es nicht nur neue Definitionen, sondern vor allem neue Identitäten: Der Homosexuelle wurde nun zu einer Persönlichkeit. Michel Foucault – Philosoph und Historiker – fasste das so zusammen: "Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies."

Informativ und unterhaltend


Kertbeny-Denkmal in Albesti (Bild: BrThomas / wikipedia)

Sich mit den Bezeichnungen für Schwule und Lesben zu beschäftigen, muss keine trockene Sprachwissenschaft und deprimierende Opfergeschichte sein. Wolfgang Müllers Artikel "Der Urning, der Samthans [Dildo] und der Duden. Über die Lust an und in den Wörterbüchern" ("Capri". Heft 24, Oktober 1997, S. 44-45) ist nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam. Nach dem "Spiegel" ("Special", 01.08.1996) zeugen die Bezeichnungen für Schwule zwar "mal von Toleranz, mal von Verachtung", aber sie regen auch "zu kreativem Umgang mit der Sprache" an. Als Beispiele führt er die USA an, wo "das gebräuchliche gay auch diskret mit member of the same church oder friend of Dorothy" umschrieben wird – nach der Schwulenikone Judy Garland als Darstellerin in dem Film "The Wizard of Oz".

Für die, die sehr kritisch jede Selbstbezeichnung von Schwulen und Lesben auf die Goldwaage legen, bleibt letztendlich jeder Begriff kritisierbar. Wie soll es denn auch ein Wort geben, das gleichzeitig alle Facetten schwulen und lesbischen Lebens umfasst, nicht reduziert und nicht verschleiert, das sachlich ist und Lebensfreude ausdrückt und auch dem ständig sich verändernden Zeitgeist entspricht? Ich glaube daher, dass sich mit dem Wort "Homosexualität" – auch nach 150 Jahren – immer noch gut leben lässt. Es ist ein bisschen distanzierend, aber im Ganzen angenehm sachlich gehalten. Die Endung reduziert zwar mein Denken, Fühlen und Handeln als schwuler Mann auf die Sexualität, aber aufgrund der Form, in der es verwendet wird, sollte man diese Kritik nicht überbewerten.

Sprache lebt durch Mitmachen

Zu den unterschiedlichen Bezeichnungen für Schwule und Lesben schrieb Matthias Heine in der "Welt" vor einigen Jahren einen guten Artikel: "Sind Sie LGBTI? Oder eine sexuelle Zwischenstufe?" (18.06.2014). Dieser fasst die vorigen 150 Jahre so zusammen: "Grob gesagt geht die sprachliche Bewegung von der Poesie und der humanistisch-bildungsbürgerlichen Verklärung der eigenen Sexualität in Richtung eines bürokratischen Terminus, mit dem alle zufrieden sind, aber keiner glücklich ist."

Der Artikel handelt von der favorisierten Formulierung LGBTI und stellt die Frage, ob dies der "Endpunkt einer langen Suche nach dem richtigen Wort" sei. Diese Frage ist rhetorisch und daher leicht zu verneinen. Ich erinnere an den Artikel "Die Aktiviste und leine Idee" (queer.de, 3.2.2019), wo die Schaffung eines neuen grammatikalischen Genus empfohlen wird, um eine geschlechtsneutrale Sprache ohne Geschlechterdualismus zu erreichen. Auch 2019 sind die Auseinandersetzungen um die richtigen Wörter nicht zu Ende, sondern haben gerade erst begonnen.

Was bleibt

Mit seinen Texten über Homosexualität hat Kertbeny schwule Geschichte geschrieben, die auch noch nach 150 Jahren – heute wahlweise auch in digitaler Form – zum Nachlesen und Nachdenken einlädt. Auf sein Vokabular wie "Homosexualität" haben unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen Intentionen zurückgegriffen, wie die frühe Homosexuellenbewegung, die Nationalsozialisten und auch die schwulen- und lesbenfreundlichen Sexualwissenschaftler der Gegenwart.

Angesichts dieses Hintergrundes scheint der Begriff "Homosexualität" nicht mit einem eindeutigen Konzept oder einer eindeutigen Wertung gekoppelt zu sein und erweckt den Anschein, als wäre er in seiner Bedeutung neutral. Im oben schon erwähnten Buch "Schriften zur Homosexualitätsforschung" (2000) schreibt Manfred Herzer am Ende seiner Einleitung: "Kertbenys Wörter sind offensichtlich für die vielfältigsten und gegensätzlichsten Verwendungen geeignet. Darin liegt vielleicht gerade das Geheimnis ihres Erfolges" (S. 57).

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#1 JeanAnonym
#2 LinguistAnonym
  • 21.10.2019, 09:07h
  • Übrigens:
    da manche ja immer Probleme mit dem Wortbestandteil "sexuell" haben und sagen, dass sich das nicht nur auf die eigene "Sexualität", sondern auf das ganze Empfinden bezieht und dass es ja auch um Liebe und nicht nur um Sex geht.

    (Und noch heftiger kritisiert wird dies beim Ausdruck "Transsexualität".)

    Es stimmt natürlich, dass es nicht nur um Sex geht. Aber das ist auch kein Widerspruch zum Begriff. Denn sowohl "Homosexualität" als auch "Transsexualität" kommt vom lateinischen "Sexus", was eben nicht Geschlechtsverkehr meint, sondern Geschlecht.

    Deswegen beziehen sich diese Ausdrücke auch nicht auf den Sex im Sinne von Geschlechtsverkehr, sondern auf das lateinische Sexus für Geschlecht.
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#3 la_passanteAnonym
#4 lotosblüteAnonym
  • 21.10.2019, 18:14h
  • Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel!
    Zu einem Punkt muss ich etwas anmerken:
    Zitat:
    "Bei seiner Kritik an diesem unaussprechlichen Buchstaben-Haufen bringt er ein wichtiges Argument: "Keines der Buchstabenmonster hat je geschafft, wofür sie mal erfunden wurden: einen Geist der Gemeinschaft im Kampf gegen die Diskriminierungen [] zu wecken. Viel mehr führt ihr fröhliches Wuchern und Wachsen zu einem zunehmend lähmenden Gefühl der Zersplitterung. Wie soll ich mich zu etwas zugehörig fühlen, das mich nicht einmal anständig benennen kann?". Ludigs präferiert anschließend den Ende der 1990er-Jahre entstandenen neuen Begriff "queer"."

    Wie kann ein Geist der Gemeinschaft entstehen, wenn sich einzelne in sektiererischer Weise die Deutungshoheit über einen Begriff anmaßen und sich dadurch berufen fühlen, zu diskriminieren und zu segregieren?

    Ein Beispiel aus einem Interview mit der Transgender-Pionierin Rose Wood:
    Zitat: ""Die Aids-Krise war schrecklich, aber sie hat ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen, und wir haben sie überlebt", sagt Rose Wood. Heute gebe es viel Streit innerhalb der Bewegung etwa darüber, wie man Transsexuelle bezeichnen solle. "Wir dürfen nicht mehr das Wort 'tranny' benutzen, weil es ein hate word ist", erklärt Rose, die selbst Frauenkleider trägt. Davon hält sie nicht viel. Einmal habe eine junge Transfrau ihr gesagt, wenn sie queer sein wolle, müsse sie vegan leben. "Was hat das miteinander zu tun?", fragt Rose. "Wir streiten uns über Genderbezeichnungen und ob 'Pussy March' ein politisch korrekter Begriff ist, und in anderen Ländern werden Schwule eingegraben, gesteinigt und an Kränen aufgehängt.""

    aus:
    www.zeit.de/2019/26/christopher-street-day-stonewall-aufstan
    d-homosexualitaet/komplettansicht
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#5 Ralph
  • 22.10.2019, 21:13h
  • Um die Unterscheidung Homosexualität - Heterosexualität kommen wir wohl nicht rum. Aber als unmittelbar auf Menschen bezogenes Adjektiv lehne ich "homosexuell" ab. Es gibt schwule Männer und es gibt lesbische Frauen. Das Wort mit "h" brauchen wir nicht.
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