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1934 – 2019

Trauer um Manfred Bruns

Der frühere LSVD-Sprecher, über Jahrzehnte eine der wichtigsten Stützen der queeren Bewegung Deutschlands, starb am Dienstag im Alter von 85 Jahren.


2017 erhielt Bruns die Kompassnadel des Schwulen Netzwerks NRW (Bild: Dietrich Dettmann / Fresh)

Der ehemalige Bundesanwalt und LGBTI-Aktivist Manfred Bruns ist tot. Wie mehrere Szeneverbände am Dienstag öffentlich machten, starb der langjährige Sprecher und Vorstand des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) am Dienstagmorgen im Alter von 85 Jahren. Ein LSVD-Sprecher bestätigte gegenüber queer.de den Tod des altgedienten Aktivisten. Am späteren Nachmittag würdigte der Verband ihn in einem Nachruf als "einen Vorkämpfer der LSBTI-Emanzipationsbewegung" und "juristische Koryphäe des Verbandes und Gründungsstifter der Hirschfeld-Eddy-Stiftung" (kompletter Nachruf weiter unten in den aktualisierten Reaktionen).

Manfred Bruns war ab 1963 bis zu seiner Pensionierung 1994 Bundesanwalt am Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Als Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD) prägte er bis heute maßgeblich die jüngere deutsche Homosexuellenbewegung mit. In zahlreichen Veröffentlichungen und Vorträgen sowie als Gutachter und Sachverständiger trat Bruns für LGBTI-Rechte und für Menschen mit HIV und Aids ein, vertrat den LSVD etwa bei Anhörungen des Bundesverfassungsgerichts. Er beriet auch andere Verbände und Privatpersonen mit Rechtstipps.

Direktlink | 2016 nahm Bruns beim LSVD-Verbandstag Abschied aus dem Bundesvorstand

Für sein Engagement wurde Bruns mehrfach ausgezeichnet. 1994 erhielt er von Bundespräsident Roman Herzog das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse "für sein gesellschaftliches und gesellschaftspolitisches Engagement für die Emanzipation und Anerkennung Homosexueller, für den Schutz ihrer Rechte und für die Wahrung der Würde von Menschen, die HIV-positiv oder an Aids erkrankt sind". 2002 erhielt er die Magnus-Hirschfeld-Medaille, 2008 den Zivilcourage-Preis des Berliner CSD, 2012 den Rosa-Courage-Preis vom Osnabrücker Verein Gay in May und 2017 für seinen Einsatz für die Ehe für alle und in den letzten Jahre noch für die Rehabilitation der nach Paragraf 175 verurteilten Männer die Kompassnadel des Schwulen Netzwerks NRW.

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Ein bewegtes Leben

Bruns wurde 1934 in Linz am Rhein geboren. 1961 heiratete er seine Frau Helga, mit der er drei Kinder aufzog. 1963 begann seine Karriere bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Mitte der Achtziger, in der Mitte seiner Karriere und seines Familienlebens, outete sich Bruns nach einem Coming-out in der Familie auch im Beruf und öffentlich in Medien als schwul – für einen hohen Beamten damals ein keineswegs ungefährlicher Schritt, sein Vorgesetzter zog ihn als vermeintliches Sicherheitsrisiko von allen Staatsschutzangelegenheiten ab. Seit 1993 lebte Bruns mit seinem Lebensgefährten in Karlsruhe. Zu seiner Frau, mit der er verheiratet blieb, und seinen Kindern und Enkelkindern hielt er weiter guten Kontakt. Gegenüber Medien wie "Spiegel Online" sprach er in den letzten Jahren häufiger über sein früheres "Doppelleben".

Direktlink | Dankesrede von Manfred Bruns zum Erhalt der Kompassnadel 2017. Video der Laudatio

"Bruns entstammt einer Generation, in der ein öffentliches Coming Out alles andere als selbstverständlich war", sagte die damalige Bundesministerin für Justiz, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, in ihrer Laudatio, als Bruns 2012 den "Preis für das Engagement gegen Diskriminierung" der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erhielt. Bruns habe "mit Rückgrat, Geradlinigkeit und Mut einen Sieg nach dem anderen für Lesben, Schwule und Trans*" errungen. "Ein bequemes Herdentier war er nie", ergänzte die Ministerin. Die heutige Generation der Homo- und Bisexuellen und Transsexuellen verdanke seinem Eigensinn jedoch viel der heutigen Gleichberechtigung. (cw)

Erste Reaktionen

Der LSVD veröffentlichte am späteren Nachmittag einen ausführlichen Nachruf:

Wir verlieren einen Vorkämpfer der LSBTI-Emanzipationsbewegung

Heute ist Manfred Bruns verstorben. Mit seinem Tod verliert der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) in Deutschland eine prägende Persönlichkeit. Mit unglaublicher Energie hat er sich fast 30 Jahren im LSVD engagiert, war lange Jahre im Bundesvorstand und hat bis zu seinem Tod als Justiziar des LSVD weiter für die Gleichstellung und für die Emanzipation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans-* und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI*) gekämpft. Manfred hat nicht nur den LSVD mit aufgebaut und entscheidend geprägt, sondern war auch juristische Koryphäe des Verbandes und Gründungsstifter der Hirschfeld-Eddy-Stiftung.

Der Bundesanwalt a. D. war ohne Zweifel der Vorkämpfer in der deutschen LSBTI* Rechtsgestaltung und Gesetzgebung. Sein profundes juristisches Wissen und seine Hartnäckigkeit in der Durchsetzung der Gleichstellung war und ist immer noch die Grundlage der heutigen LSBTI* Gesetzgebung.

In den 80er Jahren war Manfred einer der wichtigsten Wegbereiter der liberalen Aids-Politik in der Bundesrepublik Deutschland. Gleichzeitig stritt er mehr als zwei Jahrzehnte lang mit dem LSVD für die Lebenspartnerschaft, die Gleichstellung und für die Öffnung der Ehe und war damit einer der Pioniere für die Ehe für alle.

Manfred Bruns Leben war durch die Gesetzgebung des Paragrafen 175 nicht einfach und geradlinig. Gerade deshalb hat er sich so intensiv für die Belange von LSBTI* eingesetzt, damit kommenden Generationen dieses Leid erspart bleibt. Er kämpfte unerlässlich für die Rehabilitierung der nach §175 StGB verfolgten Homosexuellen, wie für die Reform des Transsexuellen Gesetzes.

Zu seinem Lebenswerk gehören auch die Mitgestaltung am Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AGG) und bei der Modernisierung des Familien- und Abstammungsrechts. Bei Anhörungen im Bundestag, in Landtagen und bei Verhandlungen vor dem Bundesverfassungsgericht war er über Jahrzehnte unsere Stimme, die entschieden und so voller Sachkunde für die Rechte von LSBTI eintrat, das sie nicht abgetan oder ignoriert werden konnte.

In unermüdlicher Arbeit beriet er beim LSVD unzählige Menschen, darunter viele Geflüchtete und war für sie Ansprechpartner und Ratgeber. Seine gewissenhafte Sammlung und Ergänzung von Urteilen zu LSBTI*-Rechtsprechung ist für Jurist*innen in Deutschland immer noch ein unverzichtbares Arbeitsmittel. Die Hirschfeld-Eddy-Stiftung des LSVD hatte bereits 2012 Manfreds juristischem Wirken die Festschrift "Vom Verbot zur Gleichstellung" gewidmet.

Für sein ehrenamtliches Engagement erhielt Manfred Bruns vielen Auszeichnungen und Würdigungen. Er war Träger des Bundesverdienstkreuzes und erster Träger des Antidiskriminierungspreises der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Besonders gefreut hatte er sich aber immer über Auszeichnungen, die ihm von "seiner" Community verliehen worden sind. Dazu gehörten der Zivilcourage-Preis des CSD Berlin und die Kompassnadel des Schwulen Netzwerkes NRW.

Wir verlieren mit Manfred Bruns einen engen und lieben Freund und verneigen uns in tiefer Dankbarkeit vor seiner Arbeit. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und bei seinem Lebensgefährten.
Manfred wir werden Dich sehr vermissen und Deine Arbeit mutig weiterführen. Du bist und bleibst Teil unseres Verbandes.

Dein Lesben- und Schwulenverband (LSVD)
Bundesvorstand und Mitarbeitende

Der Grünen-Politiker Volker Beck, der an der Seite von Bruns und Günter Dworek den (L)SVD groß machte, schrieb zuvor bei Twitter: "Traurig & dankbar, daß wir ihn hatten. Ein Großer, ein Mutiger & die LGBT-Community hat ihm, seiner Charakterstärke, Intelligenz & Hartnäckigkeit unendlich viel zu verdanken. Wir haben viel miteinander erlebt, im @lsvd gekämpft & am Ende auch gemeinsam erreicht."

Twitter / Volker_Beck

"Manfred Bruns, großartiger Streiter für die Rechte von LGBTTI*, Träger der Kompassnadel (Schwules Netzwerk NRW), ist gestorben", beklagte die Aids-Hilfe NRW. "Wir verdanken ihm viel!" Der Cologne Pride schrieb: "Durch seine große juristische Kompetenz hat Manfred Bruns viele Verbesserungen in Sachen Gleichstellung und Gerechtigkeit erreicht. Er ist sozusagen der Ideengeber Ende der 80er für das Lebenspartnerschaftsgesetz gewesen. Auch seine rechtlichen Expertisen auf vielen anderen Feldern des Rechtes für LGBTIQ*, wie sein Einsatz zuletzt für die Reahbilitation aller nach dem § 175 Verurteilten, sind wichtige Meilensteine im Einsatz gegen die Ungleichbehandlung. Er wird fehlen und sein Platz wird schwer zu ersetzen sein. Seinen Angehörigen gilt unsere unsere herzlichste Anteilnahme." Der Münchner Sub e.V. betonte: "Die Liste der Dinge, die Manfred Bruns für die LGBTI Community getan hat, ist lange (…) Manfred Bruns hat das und noch viel mehr für uns und den Rechtsstaat getan und wir verneigen uns vor seiner Leistung!"

"Wir trauern um Bundesanwalt a.D. Manfred Bruns, der heute verstorben ist", schrieb die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld am Dienstag bei Facebook. "Manfred Bruns hat großartiges für die Emanzipationsbewegung geleistet – das Lebenspartnerschaftsgesetz z.B. hätte es ohne ihn nicht gegeben. Wir verlieren einen Ausnahme-Juristen, mutigen Kämpfer für die Entstigmatisierung und Gleichstellung und unermüdlichen Rechtsratgeber für LSBTTIQ-Menschen aus allen Teilen Deutschlands." Die Antidiskrikiminierungsstelle des Bundes ergänzte dazu: "Eine sehr traurige Nachricht. Deutschland verliert einen großen Bürgerrechtler."

Twitter / ADS_Bund

"Danke Manfred Bruns für Deinen Einsatz, Dein Engagement. Du hast gezeigt, das es nie und für nichts zu Spät ist", betonte der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Brunner. "Und das war gut so! Danke." Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) schrieb bei Twitter: "Manfred Bruns war ein grosses Vorbild für mehrere Generationen von LGBTIQ, die für Gleichbehandlung streiten. Wir werden ihm ein ehrendes Gedenken bewahren." Der Regisseur und Aktivist Rosa von Praunheim schrieb bei Facebook: "Manfred Bruns, eine Schlüsselfigur im Kampf um queere Rechte, hat uns verlassen. Ruhe in Frieden 🌹🌹🌹 In Dankbarkeit, Rosa".



#1 FredericAnonym
#2 TimonAnonym
  • 22.10.2019, 19:09h
  • Ein wahrer Held, der nach einem erfüllten Leben gestorben ist, der aber nicht vergessen wird.

    Schön, dass er noch so viele Früchte seiner Arbeit erleben konnte.
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#3 HeckmeckAnonym
  • 22.10.2019, 19:21h
  • Ja, da haben wir wirklich Grund zur Dankbarkeit. Schön, dass ihm ein langes Leben gegönnt war.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 MircoAnonym
#5 stephan
  • 22.10.2019, 19:27h
  • Ich bin zutiefst traurig über den Tod von Manfred Bruns und weiß nicht, ob ich seine Verdienste im Kampf um unsere gleichen Rechte in vollem Umfang zu würdigen weiß. Man kann seinem Beitrag zu unserer rechtlichen Gleichstellung in den letzten Jahrzehnten wohl kaum überschätzen. Manfred Bruns war ein großer und besonnener Kämpfer für unsere Rechte und ein großer Mann! Mein herzliches Beileid seinen Angehörigen!
  • Antworten » | Direktlink »
#6 MerciAnonym
#7 Robert NiedermeierAnonym
#8 goddamn liberalAnonym
  • 22.10.2019, 20:05h
  • Ich bin sehr dankbar und sehr traurig!

    Er hatte immer ein offenes Ohr, war für uns unermüdlich engagiert, war ein brillanter und erfahrener Jurist, der seinen Stand und seine sehr deutschen Besonderheiten hierzulande aus eigener leidvoller Erfahrung (Rebmann etc.) sehr gut kannte.

    Ein großer Verlust!

    Allen Angehörigen mein herzliches Beileid!
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#9 Maik SergejAnonym
  • 22.10.2019, 21:10h
  • Ein Vorkämpfer der Homosexuellenrechte lebt nicht mehr. Wir haben Dir viel zu verdanken. Du hast gemeinsam mit uns Musterprozesse geführt und zum Erfolg gebracht. Immer ein offenes Ohr und eine rechtliche Einschätzung bei Problemen. Die Community ist Dir zu Dank verpflichtet für Deinen Kampf gegen § 175 und für die Öffnung der Ehe. Lieber Manfred, vielen Dank!
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#10 Petrus50Anonym
  • 22.10.2019, 22:36h
  • Antwort auf #9 von Maik Sergej
  • Ein ganz tüchtiger, kluger und fähiger Mensch ist von uns gegangen.

    Ich bin dankbar, ihn privat über den LSVD ab 1999 kennen gelernt zu haben, und das er meinen Ehemann und mich einmal besucht hat, obgleich wir sehr ländlich in NRW wohnen.

    Mein Beileid gilt seinem Mann, seiner Familie und seinem Umfeld. Möge er in Frieden ruhen...
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