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Schwule Mediengeschichte

"Du & Ich" – Glanz und Glamour der Siebziger

Vor 50 Jahren – im Oktober 1969 – erschien die erste Ausgabe von "Du & Ich". Nach mehreren Rettungsversuchen wurde die Schwulenzeitschrift 2014 endgültig eingestellt. Ein Nachruf.


Illustration aus der "Du&Ich"-Serie "Wie Homophile lieben" (Heft 12, 1970)

Die erste Ausgabe von "Du und Ich" (Heft 1, 1969)

"Du & Ich" erschien erstmals einen Monat nachdem der Paragraf 175 StGB im September 1969 wesentlich entschärft worden war und damit homosexuelle Handlungen unter erwachsenen Männern auch in Westdeutschland straffrei wurden. Aus diesem Grunde trug die Zeitschrift vorübergehend den politischen Untertitel "Nachseptembermagazin". In den ersten Jahren war sie die bedeutendste und bekannteste deutsche Schwulenzeitschrift und eine wichtige Stütze der frühen Homosexuellenbewegung.

Seit den Neunzigerjahren wurde es immer schwieriger. 2002/2003 wurde die Zeitschrift vom Jackwerth Verlag übernommen und seit 2007 nur noch alle zwei Monate statt bisher monatlich herausgegeben. Mit dem letzten Heft – der Doppelnummer August/September 2014 – hatte es "Du & Ich" auf 493 Ausgaben in fast 45 Jahren gebracht und war zu diesem Zeitpunkt die älteste noch erscheinende schwule Zeitschrift in Deutschland.

Der "Spiegel" zum ersten Heft

Zu den ersten beiden "Du & Ich"-Heften erschien im "Spiegel" am 8. Dezember 1969 (hier als PDF) ein Artikel, der diese neue Zeitschrift als etwas Besonderes darstellte, denn schließlich war es "das erste deutsche Homophilen-Magazin, das frei an Kiosken gehandelt werden darf – nachdem vom 1. September an die Homosexualität zwischen erwachsenen Männern nicht mehr strafbar ist." Mit dieser Formulierung hatte der "Spiegel" sogar Recht, denn die erste deutsche schwule Kiosk-Zeitschrift war die "Freundschaft" (1919-1933; zum 100. Jubiläum siehe queer.de), die allerdings zu einem Zeitpunkt erschien, als Homosexualität noch strafbar war.

Die erste Nummer der "Du & Ich" ging im Oktober 1969 mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren an den Start. Ab dem zweiten Heft war der erst 25-jährige offen schwule Udo J. Erlenhardt der Chefredakteur. Es ist spannend, von ihm bzw. vom "Spiegel" etwas über die anfängliche Personalpolitik zu erfahren. Für Erlenhardt war das erste Heft noch "ein Reinfall" gewesen, weil der Verleger mit Thomas Ralf Freiherr von Dalwigk zu Lichtenfels zwar einen adeligen Chefredakteur engagiert hatte, der aber nach Erlenhardt "leider nicht aus unseren Kreisen" war. Im Rahmen seiner Aufgabe, die Zeitschrift "aufzumöbeln", wurden denn auch "'alle Redaktionsmitglieder ausgebootet', die Homosexuelles nur theoretisch nachempfinden konnten, 'weil die Leser so was sofort merken'".

Die ersten Aktmodels fand Erlenhardt auf dem Münchner Strich – für 35 Mark Gage. Für einen Preis von 4,50 Mark sollte das Magazin "mehr Klatsch bringen", aber gleichzeitig auch "das Image der Homosexualität aufpolieren". "Die Zukunft des Homophilen-Magazins beurteilt Erlenhardt günstig. Bereits die Dezember-Nummer wird eine Auflage von 20.000 Exemplaren haben. Danach soll sich die Auflage kontinuierlich steigern". Mit dem Erreichen der 50.000-Marke wollte Erlenhardt laut eigenem Bekunden aufhören und einen "Deutschen Nationalen Homophilenverband" gründen. Auf einem Homophilen-Kongress im folgenden Jahr wollte er verdeutlichen, dass es "in keiner Minderheit so viele Leute von Ethik und Intellekt" gebe wie unter den Homosexuellen.

Einige Jahrzehnte später ging der "Spiegel" noch einmal auf das schillernde Leben von Udo J. Erlenhardt ein (23. Januar 1984, hier als PDF), der nun auch als Zeuge in der Kießling-Affäre bekannt wurde.


Diverse Hefte von "Du und Ich" aus dem 2. Jg. (Heft 1-6, 1971)

"Freunde" und "Homophile"

Udo J. Erlenhardt war auch für den anfangs verwendeten Untertitel "Magazin für Freunde von heute" verantwortlich. Der Begriff verweist auf Freundschaft als Umschreibung für Homosexualität, wie sie auch aus der Bewegung der Zwanziger- und Fünfzigerjahre bekannt ist. Die Bezeichnung "schwul" war zu dieser Zeit – zumindest für viele der eher bürgerlichen Homosexuellen – noch eine Beleidigung.

In einem der ersten Hefte schrieb Udo J. Erlenhardt den Beitrag "Die schwule Sau" (Heft 1, 1970), wo er das Wort als "diffamierend" bezeichnet. "Ich sage es hiermit laut, deutlich: ich gehöre nicht zu den Schwulen". Er selbst präferierte den Begriff "Homophiler" und wollte auch von seinen Mitarbeitern das Wort "schwul" nicht mehr hören.

Die Siebzigerjahre – Politik und Gesellschaft

Heute sind es vor allen die "Du & Ich"-Ausgaben der Siebzigerjahre, die zum Lesen, Nachdenken und Schmunzeln verführen und die für diese Zeitschrift wohl wichtigste Epoche widerspiegeln. Wer Spaß am Stöbern in alten Artikeln bekommt, hat mehrere Möglichkeiten: Neben den schwulen bzw. queeren Archiven gibt es viele öffentliche Bibliotheken mit unterschiedlich großen Beständen (s. Zeitschriftendatenbank). Einen guten Einstieg bieten auch die drei Bildbände von Dietmar Kreutzer "Chronik der Schwulen", die jahrzehnteweise über die Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre erschienen sind und vielfach auf die Berichte in "Du & Ich" und andere Zeitschriften wie "Don" oder "Him" verweisen.

Stolz berichtete die "Du & Ich" von der Gründung der "Interessengemeinschaft Deutscher Homophiler" (IDH) im Februar 1970 (Heft 3, 1970). Die langfristigen Ziele dieses Vereins – "Altenbetreuung, Gründung von Clubhäusern und Freizeitheimen" – wurden in dem Artikel als "recht hochgesteckt" angesehen. Selbst für die Aktivisten war es noch unklar, ob sie wenigstens langfristig "gesellschaftsformenden Einfluß" erlangen würden. In der Überschrift steht "Historischer Augenblick?", den die Aktivisten dann sehen, wenn es ihnen gelingen sollte "den Mitgliedern das Bewußtsein einer gesellschaftsformenden Aufgabe zu vermitteln". Nur drei der sieben Mitglieder traten mit vollem Namen auf.

Zwei Hefte später wurde vom "Internationalen Homophilen-Kongreß" in Schweden berichtet (Heft 5, 1970), womit eine auch internationale Vernetzung beginnen sollte. Politisch hatte die Zeitschrift an vielen Fronten zu kämpfen. Eine davon hatte sogar unmittelbar mit ihr selbst zu tun: Schwulen Gefängnisinsassen war es verboten, die "Du & Ich" zu abonnieren, mit der Begründuzng, dass dies die "Wiedereingliederung" der Insassen gefährden würde (Heft 6, 1971).

Bei Dietmar Kreutzer kann man nachlesen, was die Szene ansonsten noch bewegte, wie etwa die Frage von Homosexualität am Arbeitsplatz (Heft 9, 1973). Heute verfolgen wir die rechtlichen Veränderungen bei der Ehe für alle und dem Adoptionsrecht. In den Siebzigern wurde verfolgt, wie im Juni 1973 das Schutzalter von 21 Jahren auf 18 Jahre gesenkt und die männliche Prostitution legalisiert wurde (Heft 10/1973). Heute problematisieren wir nur noch die Mauern in unseren Köpfen, früher musste der Umgang mit der Stasi und der DDR erörtert werden (Heft 3 und 7, 1978).

Die Siebzierjahre – schwule Bewegung


Foto von Chefredakteur Udo J. Erlenhardt in einem der ersten Hefte von "Du & Ich"

Ende 1970 wurde in der "Du & Ich" mit einem ganzseitigen und bis heute bekannten Foto über den ersten "Christopher Street Gay Liberation Day" in den USA berichtet (Heft 11, 1970). Das Wort "gay" wurde dabei noch in Anführungsstriche gesetzt. Ein US-Polizist wurde mit den Worten zitiert: "Wir werden uns wohl in Zukunft damit abfinden müssen, daß sie sich mitten unter uns bewegen und sich nicht mehr verstecken". Rund zehn Jahre später wird man sich in Deutschland an diesen US-CSDs orientieren, um auch in Deutschland gleiche Rechte einzufordern. Das Wort "gay" etablierte sich in den folgenden Jahren auch in der deutschen Schwulenszene.

In der "Du & Ich" wurden regelmäßig schwule Bars und Cafés beschrieben. Damals wurden solche Beiträge vermutlich nur als schlecht getarnte Werbung angesehen. Heute sind sie wichtige Quellen, weil mit den publizierten Fotos und Informationen das schwule Leben der Siezigerjahre rekonstruiert werden kann.

Auf diese Weise wird in einem der ersten Hefte das "Moby Dick" in der Nähe des Berliner Kurfürstendamms beschrieben (Heft 3, 1970). Kurz danach wurden im "Moby Dick" Szenen für den Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt" (1971) gedreht, der die Szene polarisierte und pushte.

Mit der "groß angelegten Serie" "Wie Homophile lieben" (ab Heft 12, 1970) wollte die Zeitschrift über Homosexualität aufklären und informieren. "Stinknormale" sollten dabei einen "tiefen Einblick in die homophile Psyche" bekommen, während Homophile "Tips zur Gestaltung einer glücklichen 'Homo-Ehe'" erhielten. Die Autoren sahen sich selbst in der Tradition von Oswalt Kolle, während die Beantwortung von Leserbriefen eher an die Aufklärungsarbeit von "Dr. Sommer" aus der "Bravo" erinnert. Zumindest das frühere Selbst- und Fremdbild können diese Artikel gut verdeutlichen.

Die Siebzigerjahre – schwule Kultur

Einer der für mich interessantesten Artikel ist "Keiner soll mehr einsam sein! Hier beginnt das große Computer-Partnerspiel!". Darin wird die Leserschaft aufgefordert, einen Fragebogen auszufüllen, der von einem Computer ausgewertet werden sollte, um für jeden Mitspieler vier Partnervorschläge auszuwerfen, die den eigenen "Neigungen, Wünschen und Vorstellungen entsprechen" (Heft 9, 1970). Zu dieser Zeit waren bestimmt nicht alle Menschen davon überzeugt, dass sich Computer langfristig durchsetzen würden.


Computer helfen bei der Partnersuche

Auch ein weiterer Beitrag handelt von Medien. Schallplatten waren zwar kein neues Medium, aber eine damit verbundene Idee war neu: Vom Verlag "Du & Ich" wurden Schallplatten mit dem Titel "Andere Lieben. Homosexuelle berichten über sich selbst" vertrieben, die autobiografische Texte von Schwulen beinhalten (Heft 7/8, 1970).


Eine Schallplatte des "Du & Ich"-Verlages mit gesprochenen autobiografischen Texten (Bestand des Centrums Schwule Geschichte, Köln)

Im kulturellen Bereich erscheinen Rezensionen zu vielen Filme, die wegen ihrer immer noch anerkannten Bedeutung heute auch als DVDs vertrieben werden, wie "Unter der Treppe" (Heft 10, 1971), "Tod in Venedig" (Heft 11, 1971), "Die Zärtlichkeit der Wölfe" (Heft 11, 1973) und "Die Konsequenz" (Heft 7 und 11, 1977). Daneben wurden auch Bücher rezensiert, etwa zur wichtigen Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle" von Martin Dannecker und Reimut Reiche (Heft 3, 1975). Musikalisch wurde den Schwulen in den Siebzigerjahren fast nichts geboten. Eine wichtige Ausnahme ist Bernd Clüver, der im Oktober 1976 mit "Mike und sein Freund" den ersten deutschen schwulen Schlager sang (Heft 2, 1977), damit aber weder in der ZDF-Hitparade noch in der Sendung "disco" auftreten durfte.

Die Siebzigerjahre – Prominente

Prominente haben mediale Relevanz – nicht nur wenn sie polarisieren. Offen schwule Prominente waren für die Homosexuellenbewegung immer wichtige Identifikationsmöglichkeiten. In den Siebzigerjahren fehlte es an offen schwul auftretenden Männern, und selbst heterosexuelle Prominente wollten oft nicht mit einer Schwulenzeitschrift in Verbindung gebracht werden.

Unter der Überschrift "Interviews, die nie stattfanden" (Heft 5, 1971) ging "Du & Ich" in die Offensive und hob ihr Bemühen hervor, "den Segen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu erhalten", weil diese die Meinung über Homosexualität in der Öffentlichkeit positiv beeinflussen können. Schwule sollten sich "bekennen" und Heteros zu "Sympathiekundgebungen" bewogen werden. Um zu illustrieren, welche Prominenten nicht im schwulen Kontext genannt werden wollten, wurden Gesichter zwar gezeigt, aber mit einem kleinen Balken versehen. Hinter den Balken sind der (homophobe) bayrische CSU-Politiker Franz Josef Strauß und der (schwule) Schlagersänger Rex Gildo leicht zu erkennen.


Franz Josef Strauß und Rex Gildo wollten nicht mit Homosexualität in Verbindung gebracht werden (Heft 5, 1970)

Spannend ist auch die Beratungstätigkeit von Beate Uhse in der "Du & Ich" (Heft 2, 1974) und das abgedruckte Interview mit Brigitte Bardot (Heft 11, 1978). Auch am Tod des Sexualwissenschaftlers Hans Giese (Heft 12, 1972) und am Suizidversuch des Schauspielers Helmut Berger (Heft 8, 1977) wurde Anteil genommen.

Die Siebzigerjahre – Mode und nackte Männer

Mit Schlaghosen und großen Brillen spiegelt die Mode der Siebziger die wilde Zeit der Rebellion und der Hippie-Bewegung wider. Die "freche Mode" in "Du & Ich" (Heft 9, 1970) wird erotisch beworben, denn gerade die Mode im Spätsommer 1970 ist "frech und offen, mit Gürteln und Tüchern. Und nackte Haut spielt eine Rolle".

Für nackte Männer brauchte man in Schwulenzeitschriften nun keine Legitimation mehr. In der Zeit vor dem Internet boten sie eine der wenigen Möglichkeiten sich stimulierende Bilder nackter Männer anzusehen. Die erotischen Fotos in der "Du & Ich" in diesem Jahrzehnt lassen sich im Spannungsfeld zwischen künstlerischer Freiheit, schwuler Ästhetik, Kitsch und Provokation verorten.

Ein Spannungsfeld, das auch der Artikel "Nackt oder nicht nackt, das ist hier die Frage!" aufgreift. Illustriert wird der Beitrag mit der griechischen Statue eines nackten Mannes, die als künstlerische Sublimierung homosexueller Sehnsüchte verstanden werden kann. Im Artikel wird beschreiben, dass die Legalisierung von Homosexualität auch in der bürgerlichen Presse zu einem Anstieg von Männerakten geführt habe, was dort jedoch angeblich mit der "Gleichberechtigung der Frau" begründet worden sei.

Die "Du & Ich" – so der Artikel – sei aufgrund ihrer Cover bzw. ihrer "nackten Verpackung" von Lesern kritisiert worden, die ihr Leben nicht auf die Sexualität reduziert sehen wollten. Der Autor hatte bei seiner Entgegnung darauf sicherlich nicht nur die Opposition gegen die herrschende Moral, sondern auch die Verkaufszahlen der "Du & Ich" vor Augen wenn er betont, dass die Zeitschrift auch weiterhin nicht auf die "Darstellung unseres Sex" verzichten wolle, nur um so die "gnädige Duldung der heterosexuellen Gesellschaft zu erfahren. Wir denken nicht daran". Sein Wunsch sei, dass sich die Gesellschaft an männliche Nacktheit so gewöhnt wie an die weibliche Nacktheit, aber dieser "Tag ist noch fern".


Erotische Fotos im Stil der Zeit

Die Siebzigerjahre – Sex mit Minderjährigen

Heute wird zu Recht eine Aufarbeitung des Missbrauchs in Institutionen wie der katholischen Kirche sowie frühere Haltungen zum Thema Pädosexualität in der Geschichte der Grünen gefordert. Im gleichen Maße sollte man auch deutlich dazu Stellung beziehen, dass es in den schwulen Print-Medien der Siebzigerjahre (und bis in die Achtzigerjahre hinein) weit verbreitet war, sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen zu legitimieren und positiv darzustellen. Es war typisch für diese Zeit, dass sich männliche Homosexuelle mit den Pädosexuellen solidarisierten. In den Siebzigern fehlte vielfach eine Opfersicht, und vor 1983 gab es keine Interessenvertretungen für Kinder als Opfer von sexuellem Missbrauch.

Zu den vielen Beiträgen, die nicht nur, aber auch in der "Du und Ich" Sex mit Jugendlichen positiv darstellten, gehörten Reisebeschreibungen und Werbeanzeigen für Filme bzw. Bücher. Als typisch für die Zeit erscheint mir der Artikel "Rendezvous der Außenseiter. Araberjungen erwarten uns mit Blumen" (Heft 9, 1970). Hier schreibt Alexander Ziegler (später bekannt durch den Roman und den Film "Die Konsequenz") von einem "Homophilen-Treffen" in Beirut (Libanon), an dem auch viele Prominente wie der französische Schriftsteller Jean Genet teilnahmen. Ein "Hollywood-Darsteller und Oscar-Preisträger" wollte nicht mit Namen genannt werden.

Zu den hier geschilderten Erlebnissen mit Einheimischen gehört ein 13-Jähriger, der einen Sex-Touristen mit nach Hause nimmt. Das Einverständnis seiner Eltern mit diesem Kontakt wird als angebliche Gastfreundschaft und Offenheit dargestellt. Der Artikel propagiert unverhohlen Sextourismus mit Kindern und Jugendlichen und sollte pädosexuellen Lesern den Eindruck vermitteln, in anderen Ländern ihre Neigung vermeintlich frei von der Gefahr einer Strafverfolgung ausüben zu können. Für solche Artikel muss man sich heute schämen, weil sie im Rahmen einer falsch verstandenen Akzeptanz die sexuelle Ausbeutung von Kindern unterstützten und zu legitimieren versuchten. Einige Heft später wurde die Fotoserie "Karsten, Sven und Manuel bei zärtlichen Spielen" mit dem Text beworben: "Die drei Lustknaben sind erst 12, 13 und 14 Jahre alt" (Heft 2, 1970).

Wo bleiben die Lesben?

Auf dem Cover einer "Du & Ich" (Heft 4, 1970) wurde eine Veränderung angekündigt, die bestimmt nicht jedem Schwulen gefallen haben wird: "Jetzt auch: Die Seite für die Freundin". Zu diesem Zeitpunkt war die Homosexuellenbewegung fast nur eine Schwulenbewegung. Der Gedanke an eine gemeinsame Zeitschrift mit Frauen war einigen Schwulen bestimmt so fremd wie der an eine mit Heterosexuellen.

Angelika Martin eröffnete die Rubrik. Ihre Formulierungen verraten, wie schwer wohl die ersten Schritte fielen: Als Lesbe wolle sie den Schwulen "die Hand zur Freundschaft reichen", weil es schließlich gemeinsame "Erwartungen an die Welt da draußen [gibt], die uns nicht versteht oder nicht verstehen will". In gemeinsamer Arbeit wolle sie "Anerkennung" für die vielen "Homophilen und Lesbierinnen" erreichen und dabei auch gegen Vorurteile in den eigenen Reihen kämpfen: "Nicht jeder Homophile ist ein Strichjunge – nicht jede Lesbierin ein frauenmordender Vamp".

Um dies zu erreichen, wünsche sie sich nicht nur ein Zweckbündnis, sondern eine "Zusammengehörigkeitsgefühl" von Schwulen und Lesben. Am Ende bittet sie die Schwulen um "Verständnis", weil sie nun einen Teil der Seiten in dieser Zeitschrift an Lesben abtreten müssen. Nach diesem Artikel hat es noch Jahrzehnte gedauert, bis Lesben in der Szene deutlich präsenter wurden und man von einem Zusammengehörigkeitsgefühl und gemeinsamen Interessen sprechen konnte. Nur ein Beispiel von vielen: Erst 1999 wurde aus dem SVD der LSVD.

Angelika Martin schrieb im gleichen Heft einen Artikel über die Probleme von Schwulen und Lesben auf dem schwierigen Wohnungsmarkt: "Sind wir Neger der Gesellschaft?" Wie sie die aktuellen Probleme auf dem Wohnungsmarkt beschreibt, kommt einem gleichermaßen vertraut und fremd vor.

Erinnerungen an die Achtzigerjahre

Für die heute 50- bis 70-Jährigen ist es oft die Jugendzeitschrift "Bravo", die Erinnerungen an die erste Liebe und den ersten Sex wachruft. Bei Schwulen funktioniert diese Form der Erinnerung häufig mit der "Du & Ich". Sie war nicht nur die bekannteste schwule Zeitschrift der Siebzigerjahre, sondern so voll mit Erotik, dass man die anderen Rubriken fast vergaß.

Es hat mich daher nicht gewundert, dass ich bei den Biografien schwuler Männern auch auf Erinnerungen an "Du & Ich" gestoßen bin. Peter Clös zitiert in seinem Roman "Das Montagskind" (2015, S. 175) aus einer Kontaktanzeige in "Du & Ich" (Januar 1982): Darin suchte ein 24-jähriger, "völlig unerfahren", einen Freund. Diese Kontaktanzeige stammte vom Autor selbst, der auf diese Weise endlich seinen Mann fürs Leben kennen lernen wollte.

Andreas Ferentz beschreibt in seinem Buch "Soul Bites" (2016, S. 44), wie er während seiner Ausbildung von der "Du & Ich" erfuhr. "Eine neue Welt tat sich vor mir auf. Erfahrungsberichte, Partys, Clubs, Mode, Politisches usw., eine parallele Schwulenwelt. Ich war überwältigt und begeistert."

In den Siebziger- und Achtzigerjahren hatte die Zeitschrift eine große Bedeutung, hat Menschen im Coming-out geholfen und für viele bestimmt auch die Szene und die Familie ersetzt. Kontaktanzeigen wurden per Post, ohne Bild und mit einem Vorlauf von einigen Wochen geschaltet. Erst im 21. Jahrhundert hat "GayRomeo" bzw. "PlanetRomeo" gezeigt, wie schnell man Kontakte aufnehmen, aber genauso schnell auch wieder abbrechen kann.

"Du & Ich" und die Anderen


Eines der letzten Hefte von "Du & Ich" (Heft August/September 2013)

In ähnlicher Hochglanzmanier versuchten sich schwule Konkurrenzblätter wie "him" bzw. "him applaus" (1970-1981) zu behaupten. Auch "Don" (1972-1987) und "Adonis" (1983-1987) kamen auf den Markt und schlossen sich später zu "Don & Adonis" (1987-1995) zusammen.

Den journalistischen Beginn dieser Bewegung beschreibt der "Der Spiegel" (Heft 11/1973, hier als PDF) so: "Mit dem Tauwetter [der Legalisierung 1969] sprossen die ersten Homo-Magazine aus der Marktlücke". Zwischen dem sachlich-informativen Anspruch und den auch erotischen Käuferinteressen gab es ein Spannungsverhältnis, dass der Chef der "him" so ausdrückt: "Ein Schwanz-Bild weniger = 5000 Käufer eingebüßt". Dieses Spannungsverhältnis "zwischen missionarischem Selbstverständnis" und kommerziellen Interessen spiegelt sich auch in den Heften wider. "Mal ähneln sie [nach der Meinung des "Spiegels"] dänischer Porno-Produktion, mal deutscher Gartenlaube. Und der ewige Streit, ob es tunlicher sei, sich der Gesellschaft anzupassen oder ihr zu trotzen, führt zu permanentem Eiertanz der Redaktionen". Es war ein "Eiertanz", den die Zeitschriften über viele Jahre zumindest kommerziell erfolgreich aufführten – wenn auch nicht ganz so erfolgreich wie die "Du & Ich".

In der linken idealistischen Bewegung wurden diese Hochglanz-Boulevardblättchen mit ihrem insgesamt einfachen journalistischen Niveau – irgendwo zwischen schwuler "Bravo" und schwuler "Gala" – eher kritisch gesehen und galten vielen als zu konsumorientiert. Anspruchsvollere Zeitschriften hatten es dagegen fast nie geschafft, finanziell lange zu überleben, wozu auch "Magnus" (1989-1996) gehörte. Linke Schwule machten sich auch über die spießige "Du & Ich" lustig – wie zum Beispiel Ralf König in seinem "Schwul Comix 2" (1984): Hier gibt es nicht nur eine Parodie auf die fiktive Schwulenzeitschrift "Homoglück. Die Zeitschrift für Ihn & Ihn" (S. 40), sondern einige Seiten später auch das Comic "Schwule wie Du & Ich" (S. 72-73), wo die "Interessengruppe unästhetischer Schwuler" versucht, den gängigen Schönheitsidealen etwas entgegen zu setzen.

Ein Teil der frühen Schwulenbewegung ist gestorben

Im Rahmen eines Rückblickes auf den schwulen Journalismus seit 1969 ist es nicht möglich, alle Jahrzehnte so zusammen zu fassen, wie ich es für die ersten Jahre dieser Zeitschrift versucht habe. Spätestens in den Neunzigerjahren hat "Du & Ich" massiv an Bedeutung verloren und damit auch den Glanz und Glamour, der mit den Siebzigern verbunden ist.

Als das Magazin im August/September 2014 eingestellt wurde, erschien auf inqueery.de (2014) eine Art "Nachruf", der durchaus den richtigen Ton traf: "Für Branchenkenner kommt die Entscheidung nicht überraschend, es sei eher erstaunlich, dass sich die Du & Ich wirklich so lange habe halten können. Seit den 90er Jahren gibt es zunehmende Konkurrenz durch die schwulen Stadtmagazine, die kostenlos in der Szene ausliegen und alle wesentlichen Infos für die Community enthalten. Mittlerweile hat das Internet als Informationsquelle ohnehin die Monatszeitschriften abgelöst."

Anders ausgedrückt: Diese Zeitschrift hat schon lange niemand mehr gebraucht. Trotzdem kann man bedauern, dass sie nicht mehr erscheint – und das nicht nur, weil sie zu Beginn der Schwulenbewegung einmal wichtig war. "In den 70er Jahren war das Blatt ein wichtiger Begleiter der Schwulenbewegung. Wenn der Titel nun eingestellt wird, wird symbolisch nun auch ein weiterer Teil dieser Anfänge zu Grabe getragen."

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#1 FinnAnonym
  • 27.10.2019, 10:29h
  • Die Zeitschrift mag auch ihre dunklen Kapitel gehabt haben (vor allem die zeitweise Verharmlosung von Pädophilie), aber sie ist dennoch ein jahrzehntelanges Stück schwuler Kulturgeschichte.

    Und auch hier wieder Kultur, die vom Internet vernichtet wurde.
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#2 Carsten ACAnonym
  • 27.10.2019, 12:30h
  • Vor allem scheute sich dieses Magazin auch nicht vor Nacktheit.

    Heutzutage hat man ja teilweise sogar bei schwulen Medien das Gefühl, die versuchen verzweifelt, bloß keinen sichtbaren Penis zu zeigen.

    Das ist diese Tabuisierung von Geschlechtsteilen, die nach jahrzehntelanger religiöser Indoktrinierung, Nacktheit und Sexualität seien was dreckiges und perverses, in den 1970ern und 1980ern endlich aufgebrochen wurden, aber seitdem wieder einem Rollback unterworfen sind.

    Ich finde Penisse schön, toll, wunderbar - egal ob schlaff oder steif, klein oder groß, dick oder dünn, beschnitten oder unbeschnitten, hell oder dunkel, glatt oder schrumplig, gerade oder krumm - ich finde sie schön. Und ich finde ein tolles Aktfoto einfach ansprechend, weil zur Schönheit des menschlichen Körpers eben auch der ganze Körper gehört.

    Übrigens:
    es ist keineswegs (wie manche es gerne hinstellen) verboten, einen nackten Penis zu zeigen. Selbst einen erigierten Penis darf man zeigen, wenn es entweder in einem künstlerischen Kontext oder in einem dokumentarischen oder Bildungs-Kontext ist.

    Ich kann mich noch gut erinnern, als in einer Sonderschau des Kölner Museums Ludwig ein erigierter Penis zu sehen war. Da wollten genug religiöse Eiferer, dass das Bild entfernt wird oder zumindest eine Alterskontrolle stattfinden. Glücklicherweise hat sich das Museum damals gewehrt und Recht bekommen.

    Heute würden viele das in vorauseilendem Gehorsam entfernen oder erst gar nicht zeigen.
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#3 Carsten ACAnonym
  • 27.10.2019, 12:36h
  • "Für die heute 50- bis 70-Jährigen ist es oft die Jugendzeitschrift "Bravo", die Erinnerungen an die erste Liebe und den ersten Sex wachruft. Bei Schwulen funktioniert diese Form der Erinnerung häufig mit der "Du & Ich". "

    Bei mir als schwulem Mann ist es dennoch die Bravo. Ich wusste damals als pubertierender Jugendlicher nicht mal, dass es solche Zeitschriften gibt, geschweige denn, wo ich sie bekommen könnte. Und selbst wenn, hätte ich mich nie getraut, in ein Geschäft zu gehen, die aus dem Regal zu nehmen und damit zur Kasse zu gehen um sie zu bezahlen.

    Damals hat die Bravo ja auch noch diese Rubrik gehabt, wo sich junge Männer und Frauen nackt fotografieren ließen und interviewt wurden. Das war sehr gut, weil viele ja immer Probleme mit dem eigenen Körper haben. Gerade wenn man eh schon einen eher kleinen Schwanz hat, denkt man immer, man sei der einzige. Aber dank Bravo wusste man dann, dass es bei Penissen genauso eine Bandbreite an Größen, Farben und Formen gab, wie beim Rest des Körpers und dass das alles normal ist. Normale Varianz.

    Leider gibt es diese Rubrik heute nicht mehr in der Bravo.
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#4 FliegenAnonym
  • 27.10.2019, 12:43h
  • ...wäre schön wenn es noch ne aktuelle Zeitschrift am Kiosk geben würde ! Nicht nur teure Hochglanz/ Livestyl Hefte wie mate und Manschaft !!!
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#5 seb1983
  • 27.10.2019, 14:26h
  • Antwort auf #2 von Carsten AC
  • Vor 30 Jahren gab es auch noch einen "potz blitz da sieht man ja den Lümmel" Effekt.
    Heute ist das nächste Schwanzbild nur einen Wisch weit entfernt auf dem Handy, und offenbar genügt das den meisten.
    Nur mit ein paar Nacktbildern lockt man keinen schwulen Mann mehr hinter dem Ofen hervor, leider bieten deutsche schwule Zeitschriften aber auch ein dazu passendes Niveau alla Praline und Wochenend.
    Das allermeiste ist einfach schlecht, schlecht, schlecht, man kann es nicht anders sagen. Und dann Geld dafür ausgeben nur weil es sonst nichts schwules gibt? Nein Danke.

    Bin was Zeitschriften angeht recht faul und digital geworden. Mit einem Freund teile ich mir ein Spiegel+ Abo (ok Netflix auch), so stimmen dann aber Preis und Leistung.
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#6 KikOAnonym
  • 27.10.2019, 14:45h
  • Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit schlagendem Herzen etwa in der Mitte der 1980er Jahre meine erste Schwulenzeitschrift im Bahnhofsbuchhandel gekauft habe. Ich glaube, dass es eine "Don" war. Dafür musste ich in die nächste Großstadt fahren. In unserem kleinen Städtchen gab es solche Zeitschriften in keiner Handlung zu kaufen.

    Nach dem Kauf war mir so, als hätte ich eine schwere kriminelle Handlung begangen. Aber was ich zu sehen und zu lesen bekam, war genau meine Welt. Dabei waren die Fotos von den nackten Kerlen so harmlos....
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#7 Harmloser BoyAnonym
  • 27.10.2019, 16:32h
  • Eine oft mutige Zeitung, die ganz sicher ihre Höhen und Tiefen hatte!!

    Ein Tiefpunkt der Zeitung lag sicher im Jahr 1970, als deren Chefredakteur das Wort "schwul" leider bestritt.

    Insgesamt aber schade, dass die Zeitung "Du und Ich" im Jahr 2014 so lapidar eingestellt wurde!! Daran sieht man wieder mal, dass nicht finanzielle Erwägungen, sondern die Qualität der Inhalte für den Weiterbetrieb einer Zeitung entscheidend sein sollten!!!

    ... Und ich bin schwul, und ich bin sehr stolz darauf!
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#8 YannickAnonym
  • 27.10.2019, 18:10h
  • Antwort auf #2 von Carsten AC
  • Ja, das ist die immer weiter um sich greifende Prüderie, die Nacktheit und Sexualität als pfui und igitt brandmarken will.

    Dabei sind Nacktheit und Sexualität was ganz natürliches. Und auch so schönes...

    Schlimm... Noch vor 10 Jahren hätte ich nicht gedacht, dass es so schnell so weit kommt.
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#9 YannickAnonym
  • 27.10.2019, 18:17h
  • Antwort auf #5 von seb1983
  • "Nur mit ein paar Nacktbildern lockt man keinen schwulen Mann mehr hinter dem Ofen hervor,"

    Darum geht es ja auch nicht.

    Aber man sollte halt auch nicht versuchen, Schwänze auf Teufel komm raus zu verbergen.
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#10 YannickAnonym
  • 27.10.2019, 18:22h
  • Antwort auf #6 von KikO
  • Ja, auch ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mit wild pochendem Herz in unsere Bahnhofsbuchhandlung (denn nur da bekam man sowas damals in unserer Stadt) ging, um mir zum ersten mal so ein Heft (ich weiß gar nicht mehr genau welches) zu holen. Und wie ich zig mal an dem Regal vorbei gegangen bin und immer geguckt habe, wer sonst noch im Laden ist.

    Aber letztlich war auch das ein Stück weit Emanzipation und Erwachsenwerden. Wer ein schwules Magazin gekauft hat, hatte sich zumindest schon mal vor dem Kassierer oder der Kassiererin geoutet. Dann fiel es später auch leichter, sich vor anderen zu outen.

    Und das schöne an so einem Heft war:
    es hatte einen begrenzten Umfang. Man konnte das ganz durchlesen und hatte dennoch noch viel Zeit. Heute hat man ja im Internet immer die Gefahr vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen und dann wieder mal Stunden verloren zu haben. Viele fühlen sich ja heute von der digitalen Welt extrem gestresst, weil man so viele Nachrichtenkanäle zu bearbeiten hat. E-Mails-Messenger, Blogs, Webseiten, etc. etc. etc.
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