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Ab Donnerstag im Kino

So unschuldig wie eine verbotene lesbische Liebe sein kann

Eine Malerin soll eine junge Adlige porträtieren, die von der Mutter zwangsverheiratet wird – doch die beiden Frauen kommen sich näher. "Porträt einer jungen Frau in Flammen" ist ein bewegendes, vielleicht aber zu solides Drama.


Die französische Regisseurin Céline Sciamma erzählt die Geschichte zweier Frauen, die nicht den Konventionen des späten 18. Jahrhunderts entsprechen wollen (Bild: Alamode Film)
  • Von Fabian Schäfer
    28. Oktober 2019, 16:24h, noch kein Kommentar

Das Porträt, um das es geht und das dem Film seinen Namen gibt, sehen wir gleich zu Anfang. Eine junge Frau im langen, brennenden Kleid am Strand. Stoisch steht sie da, keine Panik im Gesicht. Ein Gemälde, das viele Assoziationen weckt: Von Hexenverbrennungen in der Frühen Neuzeit bis zu den vom Protest geleiteten Selbstverbrennungen in Tibet. Das Gemälde hat eine Schülerin der Malerin Marianne (Noémie Merlant) hervorgeholt, die Klasse sitzt um die Modell sitzende Lehrerin.

Dann, Rückblick ins Jahr 1770, nur wenige Jahre zuvor: Marianne wird auf eine Insel in der Bretagne geschickt, um ein Porträt der jungen Adligen Héloïse anzufertigen. Das Problem: Die hat darauf gar keine Lust. Aus Protest gegen ihre geplante Verheiratung lässt sie sich nicht malen. Marianne soll ihr eine Begleiterin sein, mit ihr am Strand spazieren gehen und aus diesen Eindrücken das Porträt malen.

Es entsteht eine eigenartige, sich zunächst nur langsam entwickelnde Beziehung zwischen den beiden jungen Frauen, die doch voller Dramatik an den Klippen beginnt. Marianne ist mit einem eindeutigen Auftrag gekommen, darf ihr Vorhaben aber nicht offenbaren. Die langen Spaziergänge am Strand werden noch länger, die Gespräche intensiver, persönlicher. Langsam entsteht schließlich auch ein Entwurf des Porträts.

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Wenig Filmmusik, umso mehr Meeresrauschen


Poster zum Film: "Porträt einer jungen Frau in Flammen" startet am 31. Oktober im Kino

Gemeinsam mit der Haushälterin Sophie spielen sie im Kerzenlicht Kartenspiele und lesen sich vor. Ganz langsam taut Héloïse auf, es entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen ihr und Marianne. Zum ersten Mal, und darauf hat Marianne so lange gewartet, lacht Héloïse, und zwar richtig.

Ein lautes, leidenschaftliches, ehrliches Lachen, das fast zu Gelächter wird, konnte Marianne ihr entlocken. Beide gemeinsam sind irgendwie frei, so eng und einengend der Raum, die eben erst abgeschlossene Klosterschule, die fordernde Mutter auch sind. Die Enge besteht sogar in der Weite des Meeres, denn die Insel ist abgeschieden, menschenleer, ein Gefängnis ohne Mauern. Mit Marianne kann Héloïse zwar keine endgültige Rettung, aber zumindest einen kurzzeitigen Ausbruch erfahren, der in einem von beiden – und den Zuschauenden – lang ersehnten, gefühlvollen ersten Kuss gipfelt.

"Porträt einer jungen Frau in Flammen" ist ein ganz zart und ruhig und fast zu unschuldig erzähltes Drama, das fast ohne Filmmusik, aber umso mehr Meeresrauschen auskommt. Die Räume sind bloß von Kerzen oder vom Kamin erleuchtet, die Stimmung ist oft atmosphärisch, düster, geheimnisumwoben. Viele Bilder der Regisseurin Céline Sciamma ("Tomboy", "Mädchenbande") könnten selbst Gemälde sein.

Alle Figuren sind Frauen

Dass das Drehbuch in diesem Jahr in Cannes als bestes Skript ausgezeichnet wurde, überrascht aufgrund seiner Längen dann aber doch. Die Geschichte ist in seiner Ausweglosigkeit und Determiniertheit vorhersehbar, und wird – immerhin – höchstens zum Ende hin kitschig, als sich die zwei Liebenden im Bett gegenüberliegend erzählen, wann sie einander zum ersten Mal küssen wollten.

Dennoch ist "Porträt einer jungen Frau in Flammen" in seinem Thema der weiblichen Lust im späten 18. Jahrhundert, der weiblichen Blicke, der Abtreibung von Sophie (die wohl stärkste Szene im Film) und Identifikation und schließlich des Casts ein sehenswerter und zu seltener Vorreiter. Der zukünftige Ehemann der jungen Gräfin hat nicht einmal einen Namen, außer dass er in Mailand wohnt, ist nichts bekannt. Regie, Drehbuch (Céline Sciamma), Produktion und Kamera (Claire Mathon) sind in weiblicher Hand.

Mehr Vielfalt im queeren Kino

Nach dem eher schwachen "Elisa & Marcela", der auf der diesjährigen Berlinale uraufgeführt wurde, ist dies bereits der zweite international beachtete Film des Jahres über eine historische lesbische Liebe. An sich ist das kein Problem, aber wo bleiben die mutigen, frischen, experimentellen Lesben-Filme?

Ein lesbisch-zuckersüßes "Love, Simon" oder "Die Mitte der Welt" sucht man ebenso vergeblich wie eine Lesben-Version des bildgewaltig-rauschhaften "Nevrland". Das liegt sicher weniger am Publikumsinteresse als Produktionsprozessen und Machtstrukturen. Das muss sich ändern. Denn auch das queere Kino muss in sich noch vielfältiger werden.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Porträt einer jungen Frau in Flammen. Originaltitel Portrait de la jeune fille en feu. Drama. Frankreich 2019. Regie: Céline Sciamma. Darsteller: Noémie Merlant, Adèle Haenel, Luàna Bajrami, Valeria Golino, Christel Baras, Armande Boulangar. Laufzeit: 120 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Alamode Film. Kinostart: 31. Oktober 2019