Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?34773

"Specialitäten geschlechtlicher Verirrungen"

Der zweite Schwule in den Geschichtsbüchern

Heute vor 150 Jahren wurde Carl von Zastrow wegen der Vergewaltigung eines Jungen verurteilt. Seine Homosexualität wurde im Prozess breit behandelt und beeinflusste die Strafrechtsdiskussion und die Umgangssprache.


Eine Zeichnung von Carl von Zastrow aus der "Berliner Gerichts-Zeitung"

  • Von Jens Dobler u. Erwin In het Panhuis
    29. Oktober 2019, 08:49h, 4 Kommentare

Carl von Zastrow (1821-1877) wurde am 29. Oktober 1869 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er nach Meinung des Gerichtes den fünfjährigen Emil Hanke mit einem Stock anal vergewaltigt, stranguliert und dabei fast ermordet hatte. Im Prozess wurde Zastrows Homosexualität breit behandelt und dabei auch auf die homosexuellen Emanzipationsschriften von Karl Heinrich Ulrichs verwiesen. Eine Trennung von Homosexualität und Pädosexualität wurde von Karl Heinrich Ulrichs gefordert, aber weder vom Gericht noch von den Zeitungen vorgenommen. Zastrow starb im Februar 1877 im Gefängnis an Tuberkulose.

Die Vorgeschichte – die Ermordung Cornys 1867

Am 18. Februar 1867 wurde in Berlin der 15- bzw. (je nach Quelle) 16-jährige Bäckerlehrling Ernst Corny tot aufgefunden. Offenbar wurde er mit einem Stiel anal penetriert, wobei seine inneren Organe zerfetzt wurden. Die Polizei ermittelte fieberhaft in alle Richtungen. Dabei wurden bekannte Gewaltverbrecher polizeilich verhört, aber offenbar auch alle bekannten Homosexuellen vorgeladen. Dazu gehörte auch Zastrow, der festgenommen, aber wegen mangelnden Tatverdachtes wieder entlassen wurde.

Zu diesem Zeitpunkt war Carl von Zastrow bereits wegen "homosexueller Delikte" in Dresden und Berlin polizeiauffällig, aber nie verurteilt worden. Die Polizei wusste, dass er dafür bekannt war, bei Streifzügen durch das nächtliche Berlin Nachtarbeiter und Straßenbahnwärter in plumper und sehr direkter Form anzubaggern. Zu gewalttätigen Handlungen kam es dabei jedoch nie.

Karl Heinrich Ulrichs geht in seiner Schrift "Argonauticus" (1869, S. 48-49) kurz auf den Fall Corny ein, weil er hier zumindest einige Parallelen zum Fall Hanke sieht. In beiden Fällen wurden die Jungen mit einem Stock anal vergewaltigt und massive Verletzungen an Penis bzw. Hoden vorgenommen. Cornys Mörder ist nie gefasst worden. Bei dem Prozess gegen Zastrow 1869 wurde der Mordfall Corny mit Zastrow in Verbindung gebracht, aber nicht verhandelt.

Der Prozessauftakt im Juli 1869

Als Grundlage der Prozessbeschreibung haben wir die Berichte der "Vossischen Zeitung" gewählt, weil diese Zeitung ausführlich über den Prozess berichtete und die Artikel als Nachdruck in der schwulen Geschichtszeitschrift "Capri" (Heft 4; Nr. 2/1988, S. 3-15) für Interessierte leicht verfügbar sind. In ihren Ausgaben vom 6. Juli und vom 26. bis 30. Oktober 1869 berichtete die Zeitung über die jeweils einen Tag zuvor stattgefundenen sechs Verhandlungstage. Die genannten Seitenzahlen beziehen sich auf den Wiederabdruck in "Capri".

Am ersten Verhandlungstag, dem 5. Juli 1869, machte der Angeklagte auf den Berichterstatter "den Eindruck eines gebildeten, nicht unschönen Mannes". Zastrow bekannte: "Ich gehöre zu jenen Unglücklichen, welche durch irgendeinen Fehler […] für das weibliche Geschlecht keine Zuneigung fühlen. Ich habe mich darüber auch wiederholt zu Männern ausgesprochen, die mich dann gewöhnlich kalt und lieblos behandelten, so daß ich einsam und verlassen in der Welt dastand" (S. 4).

Zastrow war schon früher mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und wegen "unzüchtiger Anträge", die er einem jungen Mann in Dresden gemacht hatte, von dort ausgewiesen worden. Wegen seiner Neigung für 20- bis 30-jährige Männer wollte Zastrow keine Frau heiraten. Laut dem Berichterstatter der "Vossischen Zeitung" dehnte das Gericht seine Befragungen danach "auf Specialitäten über die geschlechtlichen Verirrungen des Angeklagten aus, die wir nicht weiter berühren können". Solche Hinweise wurden von der Zeitung später noch mehrfach wiederholt. Da Zastrows Zurechnungsfähigkeit in Zweifel stand, wurde die Verhandlung verschoben.

Der Prozess im Oktober 1869

Am Montag, den 25. Oktober wurde "aus Gründen der Sittlichkeit" die Öffentlichkeit ausgeschlossen und nur die Presse zugelassen. Über Zastrow heißt es: "Nach seinen mündlichen Auslassungen will der Angeklagte zu denjenigen Männern gehören, welche in einer Schrift des Referendar Ullrich [sic] als Urninge bezeichnet werden. Er zählt diese Männerklassen zu der Kategorie derjenigen, welche von der Natur in irgend einer Weise vernachlässigt worden seien." Dann wurde über den aufgefundenen Jungen berichtet. Am Tatort seien "die nackten Beine – die Beinkleider waren heruntergezogen – mit Blut geröthet" gewesen (S. 6). Der Hals habe Strangulationsmerkmale aufgewiesen und ein Fleck auf der linken Wange des Knaben sei durch "eine sogenannte Ansaugung entstanden" (S. 7).


Ein Einblick in die Rolle der Homosexualität in der Gerichtsverhandlung: Die "Vossische Zeitung" vom 25. Oktober 1869

Bei der Verhandlung am 26. Oktober 1869 (S. 7) wurde auch Emil Hanke vernommen, der nach der Tat rund fünf Wochen im Krankenhaus hatte behandelt werden müssen. Mit der anschließenden Äußerung eines Sachverständigen wurde deutlich, was es mit dem Stock auf sich hatte, der in der Verhandlung häufig thematisiert wurde. Der Gutachter erklärte, "daß die in Unthätigkeit gesetzten Schließwerkzeuge des Mastdarmkanals zwar noch nicht wieder in dem normalen Zustande seien, daß aber nachtheilige Folgen nicht zu befürchten seien" (S. 8).

Am 27. Oktober (S. 9) wurde unter anderem thematisiert, dass auch Zastrows Wunsch, zur katholischen Kirche zu konvertieren, von seiner Homosexualität bestimmt sei, da – Zastrows Meinung nach – die katholische Kirche mehr als die evangelische "die Sinnlichkeit des alten Griechenthums" in sich aufgenommen habe (S. 10). Später ergänzte er, dass er in der katholischen Kirche die "Billigung seiner widernatürlichen Neigungen finden" wolle (S. 13).

In der Sitzung am 28. Oktober 1869 wurde Zastrows "besondere Animosität" gegen Frauen behandelt und dass er schon häufiger durch seine Kontaktsuche zu Männern aufgefallen war. So hatte der Buchhalter Westphal auf eine Belästigung von ihm mit einer Ohrfeige reagiert, ein Restaurantbesitzer hatte einen Mann "vor den ekeln Liebkosungen" des Angeklagten in Schutz genommen und ein 15-jähriger Lehrling berichtete, wie Zastrow ihn zu "widernatürlichen Handlungen [habe] missbrauchen" wollen (S. 11).

Am 29. Oktober 1869 – dem letzten Verhandlungstag – kamen die Gutachter zu Wort. Prof. Carl Skrzecka, Gerichtsmediziner und Professor für Staatsarzneikunde an der Universität Berlin, schilderte die "seiner Meinung nach nicht angeborne Neigung des Angeklagten als eine solche, die verhältnißmäßig sehr häufig vorkomme". Bei einer solchen Neigung für das gleiche Geschlecht könne es "gut vorkommen", dass die Neigung auf Kinder ausgedehnt werde. Der Biss sei hier als "Akt der Wollust" anzusehen.

Dagegen sprach Dr. Carl Westphal, der mit seinen Publikationen für die Theoriebildung zur Homosexualität eine wichtige Rolle spielte, von einer "angeborenen Neigung". "Jeden Pflicht sei es, diese Neigungen den Forderungen der […] Gesellschaft unterzuordnen und die Strafgesetze zu beachten."

Am Ende betonte die Staatsanwaltschaft, dass Zastrows "ganzes Sein und Denken" auf die Befriedigung seiner Neigung ausgerichtet sei. Bei Tag und bei Nacht habe er auf Straßen und Plätzen Männer angesprochen. An seiner Schuld habe die Staatsanwaltschaft nicht den geringsten Zweifel (S. 13). Das Gericht verurteilte Zastrow zwar nicht wegen Mordversuchs, aber wegen "widernatürlicher Unzucht" und Vergewaltigung zu 15 Jahren Zuchthaus (S. 14).

Weitere Tageszeitungen

Neben der "Vossischen Zeitung" haben auch viele andere Blätter ausführlich über den Prozess berichtet. Die damals in Österreich erscheinenden Zeitungen sind heute in digitalisierter Form leicht zugänglich. Wir möchten nur auf zwei verweisen. Der Autor der Wiener "Neuen freien Presse" (26.1.1869, S. 2-3) gibt vor, Zastrow persönlich zu kennen, und bringt als Einziger die Todesstrafe ins Gespräch.

Als der Prozess wieder aufgenommen wurde, berichtete die Zeitung (30.10.1869, S. 5-6) auch über den Buchhalter Westphal, der eines der umworbenen "Objecte" Zastrows gewesen war und die "Brautwerbung" [= Anmache] mit einer Ohrfeige quittiert hatte. Die Zeitung geht auf fünf weitere Anmachversuche bei Hausknechten und Bahnwärtern ein und darauf, wie Zastrow dabei die "griechische Liebe" angepriesen habe.

Ein gutes Beispiel für die Vorverurteilung Zastrows durch einige Blätter bietet "Die Presse" (27.1.1869, S. 3-4), die ebenfalls in Wien erschien und einige Tage vor dem Urteil schrieb: "Seine Schuld ist gleichwohl erwiesen. Auch daß der v. Zastrow der Mörder Corny's ist oder den Mord mit ausgeführt hat, scheint keinem Zweifel zu unterliegen. […] es existirt [sic] hier unter unseren sogenannten Vornehmen eine förmlich organisirte Bande, die auf Knabenschändung ausgeht." "Die öffentliche Moral […] schreit laut nach Rache […]." Am Ende fordert der Autor eine "größere Behutsamkeit der Presse", von der er selbst jedoch ziemlich weit entfernt ist.

Karl Heinrich Ulrichs positioniert sich

In den 1860er-Jahren publizierte Karl Heinrich Ulrichs zwölf wichtige Schriften zur homosexuellen Emanzipation. Im Prozess hatte sich Zastrow auf die ersten Publikationen von Ulrichs bezogen, dessen Schrift "Memnon" er wohl auch besaß. Auch Zastrows Selbstbezeichnung als Angehöriger des "dritten Geschlechts" fußt auf Ulrichs' Schriften.

Durch den Fall geriet auch Ulrichs mit seinen Veröffentlichungen in die Kritik, und ihm war erkennbar daran gelegen, sich noch während des Prozesses zu positionieren. Seine beiden Broschüren "Incubus" (8. Schrift, Mai 1869) und "Argonauticus" (9. Schrift, Oktober 1869) handeln fast nur vom Zastrow-Prozess und werden heute nicht nur als Reprint, sondern auch online angeboten. Weil sich "Argonauticus" (161 Seiten) als eine erweiterte Fassung von "Incubus" (94 Seiten) versteht, werden wir nachfolgend nur aus "Argonauticus" (Untertitel: "Zastrow und die Urninge des pietistischen, ultramontanen und freidenkenden Lagers") zitieren, um Ulrichs' Position zu veranschaulichen.


"Argonauticus" ist eine der beiden Broschüren von Karl Heinrich Ulrichs zum Zastrow-Prozess

Hinsichtlich der Vorwürfe gegen Zastrow stellt Ulrichs zunächst unmissverständlich fest: "Diese Schrift ist keine Vertheidigungsschrift" (S. 7). Als Beleg, wie seine Schriften fälschlicherweise als Legitimierung von Vergewaltigung verstanden worden sei, zitiert er die "Berliner Börsenzeitung" vom 20.2.1869: "Offen und mit Vorliebe ergeht er [Zastrow] sich in Bekenntnissen seiner Männerliebe, einer Liebe, welche in den vielgenannten Schriften des früheren hannoverschen Amtsassessors Ulrichs [geschildert] wird. Den Inhalt dieser Schriften hat er sich sehr zu eigen gemacht." Andere Journalisten hätten sogar angedeutet, dass Ulrichs solche Verbrechen "beschönigen" wolle, und geschrieben, die "Urningsliebe sei an sich geeignet, zu solchen Verbrechen zu führen".

Ulrichs stellt daher fest, dass die im Prozess verhandelten Taten zwar von ihm "verabscheut" würden (S. 13-14), dass aber Zastrows "offene[s] Bekennen seiner Männerliebe" eine "vollste Sympathie" wecke (S. 11-12) bzw. er für Zastrows "grosse Trost- und Haltbedürftigkeit" "tiefes Mitleid" empfinde (S. 123). Zudem kritisiert er das "Geschrei des Pöbels" und die Presse, weil sie die "blinde Wut mehr anstachelt als zügelt" (S. 81). Auch die vom Richter und der Presse vorgenommene Gleichsetzung von Pädo- und Homosexualität stellt er in Abrede. Für Ulrichs schloss sich die Liebe zu Männern und zu unreifen Knaben gegenseitig aus (S. 127), und er war dazu "geneigt", die "Geschlechtsneigung zu unreifen Knaben für krankhaft zu halten" (S 42).

Der Gutachter Carl Liman in Caspers "Handbuch"

Der Rechtsmediziner Johann Ludwig Casper (1796-1864) hatte seit 1852 in medizinischen Aufsätzen das Leben homosexueller Männer auch anhand persönlicher Dokumente wie Tagebüchern beschrieben. Damit trug er nicht nur zu einem anderen und weiteren Blickwinkel, sondern auch zur Enttabuisierung von Homosexualität bei und erwarb sich damit Verdienste um die homosexuelle Emanzipation. Zu seinen Publikationen gehört sein "Practisches Handbuch der gerichtlichen Medicin", das rund 25 Biographien schwuler Männer enthält.

Nach Caspers Tod wurde das Handbuch von Dr. Carl Liman – ein Neffe Caspers und einer der Gutachter im Zastrow-Prozess – in Caspers Sinne weitergeführt. In den Auflagen ab 1871 fügte Liman eine zehnseitige Textpassage über den Zastrow-Prozess hinzu, die das durch die Tageszeitungen gewonnene Bild von Zastrow gut ergänzen. So erfährt der Leser in der "Handbuch"-Ausgabe von 1871 (5. Aufl., S. 490-500) Näheres über die Kindheit und Jugendzeit Zastrows und darüber, wie sich dieser als Mensch des dritten Geschlechtes gefühlt habe: "Er habe die Eva in sich, das Frauenzimmer in ihm suche den Penis" (S. 497).

Liman geht auch auf die "absurden Lehren" Karl Heinrich Ulrichs' ein, die Zastrow mit beeinflusst hätten (S. 499). Seine körperliche Untersuchung Zastrows habe ergeben, dass dieser eine Phimose und einen After ohne "Abnormitäten" habe (S. 491). Ähnlich detailliert berichtet er auch über Zastrows Auftreten und seine Umgangsformen. In diesem Zusammenhang zitiert er sogar ein Liebes-Sonett Zastrows an einen anderen Mann (S. 492).

Ebenso deutlich beschreibt Liman jedoch auch Zastrows Übergriffigkeiten gegenüber anderen Männern, denen er manchmal direkt ans Geschlechtsteil gegriffen habe mit Äußerungen wie: "Sie haben einen guten Sack" (S. 493-496). Es lägen keine Hinweise auf "consumirte[r] Päderastie [= Analverkehr] vor (S. 496). Die Zastrow-Passagen in den späteren Auflagen des Handbuchs von 1876 (6. Aufl., S. 509-519) und 1881 (7. Aufl., S. 487-496) sind weitgehend identisch.

Alltagssprache

Die große Bedeutung der früheren Homosexuellenskandale lässt sich leicht anhand der tabuisierten Alltagssprache über Homosexualität feststellen. So wurden in Anlehnung an die Verurteilung Oscar Wildes nach 1895 schwule Männer "Oscar" genannt, und das homosexuelle Vergehen eines Offiziers wurde 1909 in Anlehnung an die Eulenburg-Affäre als "Eulenburgerei" bezeichnet.

In seiner Schrift "Argonauticus" (1869, S. 111-114) geht Karl Heinrich Ulrichs ausführlich auf den Einfluss des Zastrow-Prozesses auf die Umgangssprache ein. So sei "zastrieren" zum Verb für vergewaltigen geworden, mit "Zastrow" würden – auch ohne homosexuellen Hintergrund – andere Personen denunziert, und vermeintliche Homosexuelle würden auch als "Zastrows Bruder" oder "2ter Zastrow" bezeichnet.

Ulrichs' Äußerungen lassen sich anhand von Zeitungsberichten bestätigen: Die Wiener "Morgen-Post" (1.4.1870, S. 3) berichtete unter der Überschrift "Die Geheimnisse des Stadtparkes" über das, was wir heute "Cruising" nennen und was die Zeitung mit "Vergnügungen im Geschmacke des Zastrow" vorsichtig umschrieb.

Magnus Hirschfeld und das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen"

Magnus Hirschfeld äußerte sich in seinem Werk "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914) ebenfalls über die Bedeutung des Zastrow-Prozesses für die Alltagssprache (S. 26), über Ulrichs und seine Zastrow-Broschüren (S. 959) und teilte einige Hintergründe über die drei medizinischen Gutachter mit (S. 960).

Nach Hirschfeld zeigte sich die in Zeitungen zum Ausdruck kommende öffentliche Meinung über Homosexualität eher schwankend, was vor allem bei Skandalen zum Ausdruck komme. In vielen Fällen hätten Zeitungen während des Krupp-Skandals die Beseitigung des Paragrafen 175 befürwortet, während sie bei anderen Skandalen eine höhere Bestrafung gefordert hätten. Als Skandale bzw. Verurteilungen mit negativer Wirkung auf die Berichterstattung und die Öffentlichkeit benennt Hirschfeld die – national unterschiedlich intensiv diskutierten – Prozesse um Oscar Wilde (England, 1895), Franz Desgouttes (Schweiz, 1817) und Carl von Zastrow (Deutschland, 1869), "und so ist es noch heute, wo Fälle, die blitzartig grell das Schlachtfeld beleuchten, sich gehäuft haben, nicht etwa weil die Homosexualität als solche häufiger geworden ist, sondern weil ihre Publizität zugenommen hat" (S. 1006).

Die von Hirschfeld genannten drei Strafverfahren lassen sich gut vergleichen. Nach dem Todesurteil gegen Franz Desgouttes, der 1817 seinen Liebhaber ermordet hatte, schrieb Heinrich Hössli sein Buch "Eros" und die Verurteilung des irischen Schriftstellers Oscar Wilde im Jahre 1895 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus trug mit dazu bei, dass sich in Deutschland eine Homosexuellenbewegung gründete. Zur Bedeutung des Prozesses gegen Zastrow werden wir weiter unten kommen.

Zwei online verfügbare Artikel über den Zastrow-Prozess von Hugo Friedländer beinhalten zwar zusätzliche Informationen, machen aber insgesamt einen eher unseriösen Eindruck, weil der Autor zur Übertreibung und Ungenauigkeit neigt. Zuerst publizierte Friedländer den Beitrag "Der Prozeß gegen den Leutnant a. D. von Zastrow" in dem Buch "Kulturhistorische Kriminal-Prozesse der letzten vierzig Jahre" (1908, S. 11-16). Der Beitrag verweist auf angeblich 14 (statt sechs) Verhandlungstage. Einige Jahre später schrieb er unter seinem Pseudonym "F. Hugländer" den in weiten Teilen identischen Beitrag "Aus dem homosexuellen Leben Alt-Berlins" für das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1914, S. 48-52). Hier findet sich zusätzlich die falsche Schreibweise "Alexander v. Zastrow" (S. 48). Manfred Herzer nennt in "Capri" (Heft 4; Nr. 2/1988, S. 3) diesen Beitrag eine "äußerst fehlerhafte Darstellung".

Die Quellenlage


Das Deckblatt der Gerichtsakte zum Zastrow-Prozess im Landesarchiv Berlin

Beim Zastrow-Prozess haben wir es mit einer insgesamt sehr guten Quellensituation zu tun. Es existieren Presseartikel (einschließlich Fachbuchbeiträge) und sogar Broschüren. Sogar die seltene Broschüre "Der Prozeß gegen den Maler und Lieutnant a. D. von Zastrow" lag zur Auswertung für diesen Beitrag vor. Die Gerichtsakte zum Prozess ist noch vorhanden und wartet mit rund 100 schwer entzifferbaren Seiten im Landesarchiv Berlin (Signatur: A Pr. Br. Rep. 030, T 198B, Nr. 1) auf eine ausführliche Untersuchung.

Was leider fehlt, sind weitere Bilder. Die Zeitung "Tribüne" vom 6. Juli 1869 wurde mit dem Hinweis auf fünf enthaltene Zeichnungen vom Prozess beworben. Weil diese "Tribüne"-Ausgabe heute leider verschollen ist, lässt sich auch dieser queer.de-Artikel leider nur sehr spärlich illustrieren – mit einer Zeichnung von Zastrow aus der "Berliner Gerichts-Zeitung".

Was bleibt

Was von der Beschäftigung mit dem Fall Zastrow bleibt, ist zunächst einmal das ungute Gefühl, dass hier im Zentrum der Aufmerksamkeit der Täter und nicht das Opfer Emil Hanke steht. Einige Mediziner verwiesen darauf, dass er körperlich "wiederhergestellt" sei. Wir gehen davon aus, dass sich damals niemand darum gekümmert hat, wie Emil Hanke diesen Angriff wohl psychisch überwunden bzw. verarbeitet hat.

Es bleibt legitim, den Aspekt der Homosexualität zu fokussieren. Manfred Herzer schrieb in dem oben genannten "Capri"-Aufsatz: "Die Bereitschaft zur Verurteilung […] war anscheinend durch Zastrows öffentliches Bekenntnis als Urning begünstigt worden." Das erscheint tatsächlich wahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie negativ die damalige gesellschaftliche Einstellung zur Homosexualität war. Homosexuell zu sein und kleine Kinder zu vergewaltigen schien für viele gut zusammenzupassen. In diesem Artikel geht es uns allerdings nicht darum, ob Zastrow die ihm vorgeworfenen Taten tatsächlich begangen hat und ob ihm mit der Verurteilung Unrecht angetan wurde. Andere Aspekte an diesem Fall sind weitaus interessanter.

Es ist zunächst einmal spannend, wie die Presse über Homosexualität berichtete und wie sie unter anderem sprachlich mit Homosexualität umging. Gerade in der breiten Rezeption bietet sich hier viel Gelegenheit, die Rezeption zu bewerten. Zastrow war vermutlich – nach Karl Heinrich Ulrichs – der zweite Mann, der öffentlich über seine Homosexualität sprach. Es ist gut, dass Karl Heinrich Ulrichs als erster offen schwuler Mann in den Geschichtsbüchern steht, der sich gut zur Identifikation eignet – und eben nicht Zastrow.

Zastrow und die parallele Strafrechtsdiskussion

In anderer Hinsicht spannend ist der zeitliche Zusammenhang mit der parallelen Strafrechtsdiskussion – wo Wechselwirkungen deutlich erkennbar sind. Man kann die gesellschaftliche Situation ein wenig mit der während des Erscheinens des Films "Die Zärtlichkeit der Wölfe" (1973) über den schwulen Serienmörder Fritz Haarmann vergleichen, der auch deshalb kontrovers diskutiert wurde, weil parallel dazu auf politischer Ebene das "Schutzalter" für homosexuelle Kontakte von 21 auf 18 Jahre gesenkt werden sollte.

Bernd-Ulrich Hergemöller schreibt in seinem Buch "Mann für Mann" (2010, 2. Bd., S. 1307), dass "der 'Fall Zastrow' […] mitten in den Beginn der Theoriedebatte über die Selbst- und Fremddefinition der 'Homosexuellen' und in die Diskussion um eine Novellierung des Homosexuellenstrafrechts fiel". Der Fall erhielt dadurch "eine Bedeutung, die weit über seinen strafrechtlichen Aspekt hinausreichte. Das Interesse an der Privatperson des Beschuldigten und an der Aufklärung der Kriminalfälle Corny und Hanke wurde dabei völlig in den Hintergrund gedrängt."

Die Stimmung im Vorfeld des Prozesses war eher für eine Legalisierung von Homosexualität, so wie es in halb Europa nach dem Vorbild Frankreichs bereits der Fall war. Die Kirchenmoral beeinflusste viele Leute nicht mehr maßgeblich, Fortschrittsglaube und persönliche Freiheitsrechte standen im Fokus vieler Betrachtungen. Die Beibehaltung der Strafbarkeit wurde vor allem mit der Beibehaltung der "öffentlichen Moral" begründet, das Volk sehe in diesem Delikt kein Laster, sondern ein Verbrechen.

Obwohl alles, was im Zastrow-Fall thematisiert wurde, nichts mit dem zu tun hatte, was mit Bezug auf Homosexualität unter Strafe stand, lieferte der Fall genau die Munition, die man für eine entsprechende Argumentation brauchte: Seht her, so sind sie, diese Zastrows, sie schrecken selbst vor der Vergewaltigung kleiner Kinder nicht zurück. Hätte man Zastrow freigesprochen, hätte man im Urteil verdeutlichen müssen, dass homosexuell veranlagt zu sein nicht gleichbedeutend ist mit der Vergewaltigung eines Kindes. (Zu Zastrow und der parallelen Strafrechtsdiskussion siehe auch den Aufsatz von Jens Dobler: "Wie öffentliche Moral gemacht wird. Die Einführung des § 175 in das Strafgesetzbuch 1871" in der Broschüre "Queer Lectures. Schriftenreihe der Initiative Queer Nations e. V.", 7. Jg., Heft 14, Juli 2014).

Die zeitliche Nähe von Zastrow-Prozess und Strafrechtsdiskussion verdeutlicht auch der Umstand, dass Karl Maria Kertbeny seine Schrift gegen die geplante Strafandrohung für Homosexualität ebenfalls im Oktober 1869 publizierte (und dabei seine Wortneuschöpfung "Homosexualität" erstmals öffentlich verwendete). Seine Broschüre "Paragraph 143 des Preussischen Strafgesetzbuches vom 14. April 1851 […]" (hier als Nachdruck, 1905) ist Ausdruck einer Diskussion in dieser Zeit.

Ein halbes Jahr später wurde die Strafbarkeit männlicher Homosexualität letztendlich beibehalten und im neuen Strafgesetzbuch für den Norddeutschen Bund (31.5.1870, S. 230) geregelt. Der Paragraf bzw. die Strafbestimmung über Homosexualität erhielt dabei erstmals die Nummer 175. Ein Jahr später wurden der Inhalt und die Nummer in das Reichsstrafgesetzbuch aufgenommen, das in der Bundesrepublik Deutschland weitergalt. Aufgrund dieser Nummerierung (in Verbindung mit der sprachlichen Tabuisierung) wurden Schwule seitdem auch als "175er" diskreditiert. Für die Streichung des Paragrafen wurde mehr als 120 Jahre lang gekämpft. 1994 wurde der Paragraf 175 ersatzlos gestrichen und ist heute – wie auch der Fall Zastrow – Geschichte.

Ein Wort in eigener Sache
Hinter gutem Journalismus stecken viel Zeit und harte Arbeit – doch allein aus den Werbeeinnahmen lässt sich ein Onlineportal wie queer.de nicht finanzieren. Mit einer Spende, u.a. per Paypal oder Überweisung, kannst Du unsere wichtige Arbeit für die LGBTI-Community sichern und stärken. Abonnent*innen bieten wir ein werbefreies Angebot. Jetzt queer.de unterstützen!


#1 MatainaAnonym
  • 29.10.2019, 10:07h
  • Wow - das ist ja mal ein anspruchsvoller Artikel im Essay-Format. Davon gerne mehr!
    Für den heutigen Leser, der nach 5 Absätzen schon überfordert ist, mag das anstrengende Kost sein, doch für diejenigen, die etwas tiefer in die Materie eintauchen möchten, ist das guter Lesestoff.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Ralph
  • 29.10.2019, 10:37h
  • Antwort auf #1 von Mataina
  • Ich frage mich allerdings, weshalb ausgerechnet ein Gewaltverbrechen an einem fünfjährigen Kind zum Aufhänger dient, Einblick in die Homosexuellenfeindlichkeit und -verfolgung der damaligen Zeit zu nehmen. Das ließe sich allenfalls rechtfertigen, wenn der Angeklagte nachweislich unschuldig gewesen und vom Gericht wider besseres Wissen verurteilt worden wäre. Auch der Hinweis, dass die Verurteilung wegen widernatürlicher Unzucht erfolgte, lässt den unschönen Gedanken aufkommen, dass die Tat in einem Rechtssystem ohne Homosexuellenverfolgung gar nicht strafwürdig gewesen wäre, wovon bei derartig brutaler Körperverletzung natürlich keine Rede sein kann.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 marmotamarmotaProfil
  • 30.10.2019, 14:15hKoblenz
  • Antwort auf #2 von Ralph
  • Vermutlich liegt es einfach daran, dass die Überlieferung in diesem Fall gerade wegen der besonderen Grausamkeit besser ist als bei anderen aus dieser Zeit. Eben weil es so schlimme Umstände waren haben die Zeitungen darüber berichtet, und die Zeitungsberichte sind ja die hier herangezogene Quelle. Auch die Gerichtsakte ist vielleicht gerade wegen der Umstände und weil der Fall so ein Aufsehen erzeugt hat, aufbewahrt worden.
    Daher kennt man hier viele Einzelheiten, die bei "normalen" Gerichtsverfahren wegen § 175 in dieser Zeit nicht überliefert sind, vor allem wenn es sich nicht um prominente Personen gehandelt hat. Die Gefahr, dass der Fall missbraucht wird, um eine Nähe zwischen Mord bzw. Missbrauch/Vergewaltigung von Jugendlichen und Homosexualität zu konstruieren ist vielleicht wirklich gegeben, aber man kann ja auch nicht nur noch das erforschen, was in dieser Hinsicht "ungefährlich" ist - das wäre nämlich einmal unwissenschaftlich und zum Zweiten ein Einknicken vor denen, die es missbrauchen könnten.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 VermutungAnonym
  • 30.10.2019, 16:15h
  • Antwort auf #2 von Ralph
  • Hängt zum einen wohl damit zusammen, dass in diesen Zeiten die einst mal von den Religioten konstruierte Idee, Homosexualität sei mit Pädophilie gleichzusetzen, zu den meisten "Experten-Sichtweisen" gut dazu passte, und so anhand eines Fallbeispiels mit grausigen Einzelheiten repliziert und erhalten werden konnte. So konnte man Homosexuelle kollektiv zu Monstern machen, neben ihrer damals so etikettierten "Nicht-Natur" noch zusätzlich vor ihnen warnen. Da war Von Zastrow das passende Instrument, sonst wäre das Strafrecht vielleicht viel früher vermildert ausgefallen.
    Der Artikel zeigt auf, wie einfach es sein kann, die Ansichten einer ganzen Gesellschaft zu modellieren, und das nachhaltig. Obwohl es in der Zeit schon recht fortgeschrittene Strömungen gab, die das Schwulsein neu zu konzipieren suchten.
  • Antworten » | Direktlink »