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- 22. September 2005 4 Min.
Ein 22-jähriger Schwuler, der aus dem Iran in die Türkei fliehen konnte, berichtet von Folter in seinem Heimatland. Sein Körper ist der Beweis.
Von Norbert Blech
Eine persische Homo-Organisation mit Sitz in der Türkei hat Fotos eines im Iran gefolterten Schwulen veröffentlicht. Der 22-jährige Amir konnte aus seinem Heimatland fliehen, nachdem er für Homosexualität 100 Peitschenhiebe erhalten haben soll.
Party verpfiffen
Amir, der nun in der Türkei auf Asyl hofft, berichtet in einem Interview mit dem US-Homo-Magazin "Gay City News", er sei bereits vor zwei Jahren einmal wegen seiner Homosexualität verhaftet worden. Zusammen mit 25 anderen schwulen Jugendlichen wurde er bei einer Party aufgegriffen, nachdem ein Teilnehmer die Gruppe verraten hatte. Die Polizei ging bereits bei der Verhaftung mit Schlägen und Pfefferspray auf die Jugendlichen los, beim Verhör in einem Gebäude des Innenministeriums seien die Jugendlichen misshandelt worden.
Nach einem Verhör, bei dem Amir mit zugebundenen Augen geschlagen wurde und die Auspeitschung seiner Füße mithilfe eines Kabels erdulden musste, durchsuchten die Behörden seine Wohnung, zeigten homoerotische Fotos von seinem Computer seiner Mutter und outeten ihn damit. Mit dem Material setzten sie zudem eine richterliche Verurteilung zu einer hohen Geldstrafe durch. Der Richter sagte bei der Urteilsverkündung, sollte ein Arzt im Auftrag des Gerichtes erfolgten Analverkehr bei Amir feststellen, drohe ihm die Todesstrafe.
Blind Date mit der Polizei
Als Amir ein Jahr später über einen schwulen Chat-Raum bei Yahoo ein Treffen mit einem Unbekannten vereinbart, wird er bei diesem verhaftet - die Polizei hatte die Anonymität des Internets genutzt, um Schwule aufzuspüren. Sein Chatpartner stellte sich als Polizist heraus. Im Innenministerium sei es erneut zu Folter gekommen, berichtet Amir in dem Interview.
Der damals 21-Jährige habe auf einem metallischen Stuhl sitzen müssen, der von einem Bunsenbrenner von unten erhitzt wurde. Ihm wurde Vergewaltigung im Gefängnis angedroht ebenso wie das Einführen einer Softdrinkflasche. Irgendwann gesteht Amir seine bis dahin abgestrittene Homosexualität, landet in einer Zelle mit mehreren anderen Schwulen. Einer erzählt, die Polizei habe ihn gezwungen, Kontakt zu anderen Schwulen im Internet herzustellen.
Vor Gericht wurden die Jugendlichen und jungen Männer zu einer öffentlichen Prügelstrafe verurteilt, Amir erhielt 100 Peitschenhiebe, wurde jedoch deutlich vorher bewusstlos. Als er aufwachte, war sein Körper rot: "Sie hatten mir gesagt, wenn ich geschrien hätte, hätten sie noch fester geschlagen. So habe ich so hart in meine Arme gebissen, dass ich jetzt tiefe Wunden in beiden Armen habe", erzählt Amir in dem Interview. Eine Lokalzeitung berichtete von den Verurteilungen in Shiraz und outete die jungen Männer in der ganzen Stadt.
Nach der Hängung zweier Jugendlicher im Juli in Mashad hätten die Behörden den Druck noch verschärft: Amir berichtet, Polizisten seien täglich in sein Haus gekommen und hätten ihn bedroht, ihn teilweise auf Schritt und Tritt verfolgt, einen Freund von ihm vergewaltigt, ihm Hausarrest auferlegt oder gedroht, ihn zu hängen "wie die Jungen in Mashad".
Amir glaubt nicht, dass in dem Fall, der weltweit für Entsetzen sorgte, die Jugendlichen einen Jungen vergewaltigt haben, wie ihnen vorgeworfen wurde: "Wir wissen alle, dass die Jungen schwul waren - die Vergewaltigungsvorwürfe waren erfunden (...) Wenn Du verhaftest wirst, zwingen sie dich mit Schlägen, Folter und Drohungen, Kriminelles einzugestehen, dass du nicht begangen hast", so Amir in dem Interview mit den "Gay City News". "Das passiert andauend, es ist schon meinen Freunden passiert."
Da Amir mit solchen Schikanen andauernd rechnen musste, zudem aufgrund des Outings keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz mehr hatte, flüchtete er über die Grenze in den Iran und von dort mit Bus in die Türkei. Dort nahm sich die Persian Gay and Lesbian Organisation seinem Fall an und will für ein Bleiberecht kämpfen. Zurück in den Iran will Amir nicht: "Die werden mich dort töten". Die Schwulen im Iran seien auf Druck und Hilfe des Auslands angewiesen, der Druck des Regimes auf Schwule sei nicht auszuhalten. Ein guter Freund von ihm, Nirma, habe sich erst im letzten Jahr in Shiraz das Leben genommen.
Outrage fordert Aufwachen
Die britische Homogruppe hat nach Bekanntwerden von Amirs Geschichte ein "Aufwachen" von Homo- und Bürgerrechtlern weltweit gefordert. Der Fall der beiden in Mashad gehängten Jugendlichen habe gezeigt, dass viele eher den offiziellen Verlautbarungen des Regimes getraut hätten als protestiert. "Wo sind die Kampagnen von linksgerichteten Aktivisten im Westen, um den Friedenskampf der iranischen Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen, Frauen, Demokraten, Sozialisten und Arbeiter zu unterstützen?", fragt Outrage.
22. September 2005, 16.25h
Links zum Thema:
» Interview mit Amir (Gay City News, engl.)
» Persian Gay and Lesbian Organisation (engl.)
» Outrage (engl.)














