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Regisseurin im Interview

"Ich habe mein Leben lang Filme geliebt, die mich als Frau eigentlich verachten"

Ihr lesbisches Historiendrama "Porträt einer jungen Frau in Flammen" läuft seit Donnerstag im Kino. Céline Sciamma über den weiblichen Blick, LGBTI-Repräsentanz im Film und warum es cool ist, 2019 zu leben.


Filmreigisseurin Céline Sciamma, geboren 1978 bei Paris (Bild: Filmfest Hamburg)
  • Von Patrick Heidmann
    1. November 2019, 16:04h, 1 Kommentar

Unter den nicht gerade wenigen interessanten Filmemacher*innen Frankreichs ist Céline Sciamma womöglich die spannendste. Aufgewachsen in einem Vorort von Paris studierte sie zunächst Literatur, dann Drehbuch an der legendären Filmhochschule La fémis und brachte 2007 mit "Water Lilies" schließlich ihren ersten Film als Regisseurin in die Kinos. Die Geschichte über drei pubertierende Mädchen brachte ihr prompt eine Nominierung für den César ein, anschließend erzählte sie in "Tomboy" (2011) von einer Zehnjährigen, die ein Junge sein will, und in "Bande de filles" (2014) über eine Clique schwarzer Mädchen in den Banlieues. Auch als gefragte Drehbuchautorin machte Sciamma von sich reden, etwa mit dem Oscar-nominierten Animationsfilm "Mein Leben als Zucchini" oder André Téchinés schwuler Teenager-Geschichte "Mit Siebzehn".

Nun läuft "Porträt einer jungen Frau in Flammen" in den deutschen Kinos, die wundervolle Liebesgeschichte einer Malerin und der von ihr Porträtierten im späten 18. Jahrhundert (queer.de rezensierte). Wir trafen die 41-jährige Regisseurin und Autorin beim Filmfestival in Cannes zum Interview, wo der Film mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde.


"Porträt einer jungen Frau in Flammen" ist am 31. Oktober im Kino angelaufen (Bild: Alamaode Film)

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Frau Sciamma, bislang galten Sie als Spezialistin für junge, sehr zeitgemäße Geschichten. Manche Kollegen engagierten Sie sogar extra, um einem Drehbuch einen modernen Touch zu verpassen. Wie verschlug es ausgerechnet Sie mit "Porträt einer junger Frau in Flammen" ins 18. Jahrhundert?

Es gab verschiedene Motivationen, die zu diesem Film und dieser Geschichte geführt haben. Nach meiner letzten Regiearbeit "Bande de filles (Mädchenbande)" vor fünf Jahren wollte ich unbedingt mal eine Liebesgeschichte erzählen, und zwar zwischen erwachsenen Menschen. Ich hatte Lust darauf, mal wieder mit professionellen Schauspieler*innen statt mit Laien zu arbeiten und ganz konkret mal wieder mit meiner Partnerin Adèle Haenel. Gleichzeitig hatte ich den Impuls, etwas über weibliche Künstler*innen zu erzählen. Deswegen kam mir die Idee einer Geschichte über eine Malerin und ihr Modell.

Und diese Geschichte hätte man nicht im Jahr 2019 spielen lassen können?

Ich hatte zumindest keine Lust drauf. Ich setzte mich intensiv mit der Kunstgeschichte und der Rolle, die Frauen darin spielen, auseinander und entdeckte dabei etwas Interessantes: in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es sehr viele Malerinnen! Davon hatte ich keine Ahnung, darüber lernen wir nichts. Eine Geschichte über eine dieser Frauen aus jener Zeit zu erzählen, erschien mir nicht altmodisch oder verstaubt, sondern frisch und modern, einfach weil sie eben noch nicht erzählt wurde. Und außerdem stand mir auch einfach der Sinn nach etwas, was ich so noch nicht gemacht hatte, selbst mein Job als Autorin und Regisseurin natürlich letztlich doch der gleiche war. So kam also einiges zusammen, das in dieser ganz bestimmten Geschichte mündete.

Adèle Haenel spielte bereits 2007 in Ihrem ersten Spielfilm "Water Lilies" die Hauptrolle. War Ihre Kollaboration dieses Mal eine andere?

Na klar. Wir haben in der Zeit dazwischen viel erlebt, gemeinsam genauso wie unabhängig von einander. Damals haben wir uns am Set kennen gelernt, wir waren ziemlich jung. Seither haben wir uns weiterentwickelt und verändert. Die Jahre dazwischen waren auch ein langer, intellektueller Dialog zwischen uns beiden, der nun direkt eingeflossen ist in "Porträt einer jungen Frau in Flammen".

Die Geschichte ist nicht nur meine, sondern in echter Zusammenarbeit mit Adèle entstanden. So wie auch das Verhältnis zwischen Malerin und Modell im Film eine Zusammenarbeit ist. Das war uns ganz wichtig: hier geht es nicht darum, dass die eine bloß eine Muse ist. Denn meiner Meinung ist die Idee der Muse ohnehin nur ein Konstrukt. Das Wort wurde erfunden um zu verschleiern, dass diese Frauen wirklich beteiligt waren an der Entstehung von Kunstwerken. Die Kunstgeschichte verdammt sie lieber zum Schweigen und reduziert sie zur schönen, fetischisierten Frau in der Ecke.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zu "Porträt einer jungen Frau in Flammen"

Die zweite Hauptdarstellerin, Noémie Merlant, ist heterosexuell. Wie stehen Sie als lesbische Regisseurin zu den Debatten, die dieser Tage oft geführt werden, wenn Hetero-Schauspieler*innen queere Rollen übernehmen?

Nun, ich habe dazu eine Antwort für hier und heute und unsere gegenwärtige Situation. Und eine, die ich Ihnen hoffentlich in fünf oder zehn Jahren geben kann. Man kann so etwas nicht kategorisch beantworten, sondern muss sehen: was ist in diesem Moment wichtig und dringend. Wenn wir nun zum Beispiel Trans-Schauspieler*innen nehmen, dann würde ich sagen, dass es da aktuell eine echte Dringlichkeit gibt. Ihre Stimmen, ihre Erfahrungen müssen gehört werden, und es ist nicht nur wichtig, dass ihre Geschichten erzählt werden, sondern auch dass sie von Menschen erzählt werden, die sich damit wirklich auskennen. Es geht nicht um Prinzipien, sondern um Prioritäten. Nicht um allgemeingültige Regeln, sondern um den Moment. Natürlich können gute Schauspieler*innen alles spielen, unabhängig von Geschlecht, Identität etc. Aber aktuell befinden wir uns als Gesellschaft an einem Punkt, wo man vielleicht nicht darauf pochen sollte, was man kann und darf, sondern wo es wichtiger ist, zuzuhören, was andere zu sagen haben.

Die vermutlich bekannteste, aber auch umstrittenste lesbische Liebesgeschichte, die es in den vergangenen Jahren im Kino zu sehen gab, ist "Blau ist eine warme Farbe" von Abdellatif Kechiche. Verstehen Sie "Porträt einer jungen Frau in Flammen" in gewisser Hinsicht auch als Antwort darauf?

Nein, denn ich stehe weder im Dialog mit Kechiche noch mit seinem Film. Und ich kann ganz offen sagen, dass ich "Blau ist eine warme Farbe" gerne mochte. Kechiches Film ist ganz klar geprägt von seinem durch und durch männlichen Blick. Aber mein weiblicher Blick ist nicht dazu da, seinen zu korrigieren. Und mein weiblicher Blick ist auch nicht losgelöst vom männlichen. Als Kino-Zuschauerin und Filmemacherin bin ich schließlich ein Produkt des männlichen Blicks. Ich bin damit aufgewachsen und kannte es kaum anders. Ich bin damit groß geworden, mich mit Superman zu identifizieren und mich in heterosexuelle Männer hineinzuversetzen, denn nur die hatte das Kino zu bieten. Und selbst mein Frauenbild, mein Empfinden, was sexy ist, ist geprägt vom männlichen Blick, schließlich hat der auch all die Frauen geschaffen, die ich auf der Leinwand gesehen habe. Man könnte durchaus sagen, dass ich als Frau mein Leben lang Filme geliebt habe, die mich als Frau eigentlich verachtet haben. Aber gerade deswegen haben wir Frauen hinter der Kamera so viel zu bieten. Unser Blick hat eine Hybridität: wir kennen den männlichen Blick, weil wir in ihm leben, aber wir sind nicht in ihm gefangen, sondern können ihn kritisch betrachten und auch davon freimachen.

Alle diese Themen werden im Moment oft und auch heftig diskutiert. Aber haben Sie auch das Gefühl, dass sich tatsächlich etwas verändert?

Ja, das habe ich. Und ich finde, dass es ein großes Glück ist, das aktuell mitzuerleben. Beispielsweise ist unter Frauen derzeit ein Gefühl von Schwesternschaft und Solidarität entstanden, dass nicht immer eine Selbstverständlichkeit war. Anders als Männern waren wir Frauen nicht eine eingeschworene Gemeinschaft, denn wir wurden ja dazu erzogen, von Männern geliebt zu werden und sie glücklich zu machen. Andere Frauen kamen in diesem Selbstverständnis eigentlich nicht vor. Doch das ändert sich gerade gewaltig.

2015 fing ich an, "Porträt einer jungen Frau in Flammen" zu schreiben, und heute fühlt sich das an wie ein anderes Jahrhundert. Deswegen finde ich es enorm cool, im Jahr 2019 zu leben. Und ich finde, wir sagen das viel zu selten, wie toll das ist.

Infos zum Film

Porträt einer jungen Frau in Flammen. Originaltitel Portrait de la jeune fille en feu. Drama. Frankreich 2019. Regie: Céline Sciamma. Darsteller: Noémie Merlant, Adèle Haenel, Luàna Bajrami, Valeria Golino, Christel Baras, Armande Boulangar. Laufzeit: 120 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Alamode Film. Kinostart: 31. Oktober 2019