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Coming-of-Age

In fünf Melodramen zurück zu sich selbst

In Dennis Stephans neuem Roman "Und in mir ein Ozean" wird Arthur an seinem 18. Geburtstag von seiner Mutter verlasssen – und geht auf eine weite Entdeckungsreise zu sich selbst.

  • Von Fabian Schäfer
    3. November 2019, 08:05h, noch kein Kommentar

"Und in mir ein Ozean" ist im Berliner Querverlag erschienen

Und dann ist Arthurs Mutter weg. Er wacht auf, an seinem 18. Geburtstag, und nach einem Spaziergang ("um zu sehen, ob das Meer noch an Ort und Stelle oder längst auf und davon war") findet er Papiere auf dem Frühstückstisch. Ein Schenkungsvertrag, das Haus gehört ihm, von der Mutter keine Spur.

Nachdem er nicht zur Abiprüfung gegangen ist, tritt der Außenseiter Arthur die Flucht nach vorne an. Weg von der Ostseeküste, vom Haus am Meer. Nach Hamburg zum Zivildienst soll es gehen. Das ist, nach der Geschichte mit der Mutter, der zweite Teil des Romans. Fünf Teile hat "Und in mir ein Ozean" insgesamt.

Fünf Teile, die für fünf verschiedene Orte stehen, fünf Mal komplett neue Personen, und aus dem vorherigen (Lebens-)Abschnitt nimmt Arthur nur das Nötigste mit – an Gegenständen wie an Erkenntnis. Fünf Mal ein neues Leben, das, so zieht es sich melodramatisch durch den ganzen Roman, mit einem lauten Knall, Streit oder Unfall beendet wird, und stets mit den zufälligsten Zufallsbegegnungen beginnt.

Alles ist immer so dramatisch

Diese Erzählstrategie nutzt sich ab, wirkt unkreativ, unglaubwürdig und allzu konstruiert. Arthur zieht es nach einer dekadent-ekstatischen Zeit in Hamburgs Halbwelt, finanziert durch einen Gönner, in die Niederlande. Er kommt in Amsterdam an – und bei den ersten zwei Menschen, die er in einem Café trifft, zieht er ein, freundet sich an, verliebt sich. Valium-Sucht? Egal, zwei Wochen später tauscht er Drogen gegen Henna und Hugo Boss gegen Biosupermarkt. Eine ganz schön schnelle Wandlung. Die nächste Station lautet Berlin, wo er zufällig landet, und sein erstes Gespräch am Snackautomaten des Bahnhofs mündet, wie sollte es anders sein, darin, dass er bei der Gesprächspartnerin Fleur einzieht.

Das alles verpackt Autor Dennis Stephan in eine oft schwulstige und überladene Sprache. An Metaphern und Vergleichen, die sich irgendwo zwischen schief und kitschig bewegen, mangelt es nicht, und alles ist immer so überbordend dramatisch: "Zwischen ihren Schenkeln rauschte der brandende Ozean", "Wir pellten einander bis auf die Gänsehaut", "Nie fühlte ich mich losgelöster von dem grauen Alltag der irdischen Qualen als zu jener Zeit", es ging "ums Überleben wahrscheinlich. Ums Lebenlernen vielleicht.", "Menschen brauchen einander, um sich zu berühren."

Es gibt sie, die klugen Gedanken

Jeder Teil für sich gleicht so einem ganz okayen ZDF-Fernsehfilm unter der Woche, hat eine steile Exposition, einen krachenden oder emotionalen Höhepunkt und endet im Paukenschlag. Statt davon aktiv zu erzählen, berichtet der Ich-Erzähler aus der vermeintlichen Gegenwart über die Vergangenheit – im Präteritum und in wenig Dialog, was eine Distanz zum Text schafft.

Das alles ist schade, denn immer wieder beweist Dennis Stephan sein Gespür für klischeefreie, interessante Gedanken (die dann leider zu oft spirituell aufgeladen werden – der Echium!) und feine Erzählstränge. Die Beschreibung der aus dem Ruder laufenden Amsterdamer Ménage à trois, was Daniëlle zu sagen hat ("Wir Menschen streben nach Vollendung, selbst wenn diese immer das Ende bedeutet"), das ist klug und überzeugend geschildert.

Auch Arthurs Zeit in Berlin, und insbesondere die sehr queere Figur Fleur, ist stärker – tolle Dialoge, authentischer, die Beschreibungen ausgearbeiteter, aber auch etwas vorhersehbarer. Schade, dass sich dieser Duktus nicht durch den gesamten Roman zieht. Überhaupt wird das Ende fundierter, aber so eine wahre Erkenntnis, die will sich bis zum Schluss hin dann doch nicht wirklich ergeben.

Infos zum Buch

Dennis Stephan: Und in mir ein Ozean. Roman. 304 Seiten. Querverlag. Berlin 2019. Taschembuch: 16 € (ISBN 978-3-89656-281-4). E-Book: 9,99 €