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Modetrend

Wenn Cis-Heteros herumstöckeln

Nicht nur trans Frauen, Dragqueens und Schwule beim CSD tragen High-Heels. Auch Helge Buchholz, heterosexueller Ehemann und Vater, liebt hohe Absätze – und ist damit nicht allein.


"Pumps sind die Perfektion der Ästhetik" (Bild: Thomas Hobbs / flickr)

"Man schlüpft rein, man ist erhabener, man hat ein ganz anderes Auftreten – ich fühle mich damit wohler." Helge Buchholz aus Mainz klingt selbstbewusst, mutig und gleichzeitig auch ein bisschen überrascht, als er das sagt.

Klack. Klack. Klack. Laut klackernd kündigt sich der 47-Jährige schon von weitem an. Sein Outfit ist durchdacht: Der petrolfarbene Kapuzenpulli passt perfekt zu seinem glänzenden Schuhwerk – circa acht Zentimeter hohe Lack-High-Heels.

"Pumps sind die Perfektion der Ästhetik", findet er. "Das ist nichts Verrücktes, nichts Perverses, sondern eine Liebe, die Carrie Bradshaw und Co. auch teilen." Die Hauptfigur aus der amerikanischen Serie "Sex and the City" ist bekannt für ihre Liebe zu teuren Pumps. Das teuerste Paar von Helge hat 160 Euro gekostet. Insgesamt besitzt er über 100 hohe Hacken – und damit ist er nicht alleine.

Mode-Statement – und ein bisschen Provokation

In dem von ihm gegründeten Online-Forum "Men on High-Heels" (deutsch: Männer auf hohen Schuhen) tauscht er sich mit rund 230 anderen Schuhliebhabern aus dem deutschsprachigen Raum aus – anonym oder mit richtigem Namen. Alle präsentieren sich mit schicken Absatzschuhen auf ihren Profilbildern. Pink, mit Pfennigabsatz, Plateau oder in klassisch schwarzen Pumps posieren die Männerfüße für die Kamera. Im Forum berichten sie über Erlebnisse in High-Heels oder machen interne Umfragen über den eigenen Schuhbestand.

Auch eine Beinrasur wird diskutiert, weil es einfach bequemer unter den Seidenstrümpfen ist oder besser aussieht. Das Forum sei für Männer, die sich über "das Interesse und die Freude an hochhackigen Schuhen" austauschen wollen, steht in der Beschreibung der Seite. Mit einem Fetisch habe das nichts zu tun. Homosexuell sind nach eigenen Umfragen nur wenige von ihnen, die meisten mögen einfach nur High-Heels.


Die Beinrasur ist im Forum von Helge Buchholz ein wichtiges Thema (Bild: Tony Alter / flickr)

"Es kann ein Mode-Statement sein, es kann bisschen Provokation sein, oder es kann ein wirkliches Bedürfnis sein", beschreibt Trendforscherin Christiane Varga den Mann in hohen Schuhen. Der High-Heel hebe die weiblichen Attribute hervor. "Der Gang ändert sich, es wird sexyer, die Hüfte schwingt mit, das Bein wird verlängert."

"Es gehört eine Portion Mut und Eier dazu"

Das schätzt auch Helge Buchholz an dem Schuh. Er fühle sich nicht weniger männlich auf High-Heels. Vielmehr bestärke es ihn in seiner Männlichkeit. "Es gehört eine Portion Mut und Eier dazu."

Das erste Mal mit High-Heels in der Öffentlichkeit war für viele aus dem Forum eine Überwindung. Ein Mann aus Dresden schrieb, er habe sich schließlich getraut, morgens um halb fünf mit zehn Zentimetern Absatz unter den Füßen einen Brief einzuwerfen. Allerdings habe er sich noch ein bisschen unbeholfen in den hohen Hacken bewegt. Unter dem Eintrag reihen sich die Gratulationen von Männern hinter High-Heel-Fuß-Profilfotos, die Ähnliches erlebt haben. Unter ihnen ein Bild mit einem knalligen, pinken Paar – die Füße und Schuhe von Buchholz.

Auch er tat sich am Anfang schwer. Mit elf oder zwölf Jahren habe er seine Liebe zu den hohen Schuhen der Mutter entdeckt. "Seitdem bin ich dem Ganzen verfallen", sagt er verschmitzt. Mit 18 Jahren kaufte er sich dann das erste Paar. Das musste damals schnell gehen, war mit viel Stress und Überwindung verbunden. Am Schlimmsten aber war: Die gekauften Pumps passten nicht. Jetzt fühle er sich mit hohen Schuhen sicher und wohl in seiner Haut und auf der Straße. Auch seine Familie – seine Frau und Kinder -, einige Freunde und Kollegen wüssten davon. "Ich mag die Schuhe, ich trage sie gerne und das ist es ja dann auch." Diese Erklärung sei für die meisten ausreichend.

Neuer Markt für Schuhdesigner

High-Heels für Männer sind ein Markt, den auch Daniel Bush für sich entdeckt hat. Der Schuhdesigner aus Mainz gestaltet den High-Heel für den modebewussten Mann. Der oftmals sehr schmale Frauenschuh sei nicht so geeignet für breite Männerfüße. Er will den hohen Absatz für den Mann alltagstauglich machen. Selbst trage er sie eher selten. Seit Januar verkauft Bush unter dem Label "Cross Sword" Schuhe online. Der hohe Schuh für den Mann ist dezent, wie Anzugschuhe mit schmalem hohen Absatz.

"Gender Equality (deutsch: Geschlechtergleichheit) ist nicht frauenbezogen, sondern dürfte auch die Männer umfassen", findet Buchholz. Da sei in der Gesellschaft noch ein bisschen was zu tun.

Trendforscherin Christiane Varga sieht den Mann auf hohen Hacken derzeit auch als Trendphänomen. Allerdings sei es auch ein Zeichen von gesellschaftlichem Wandel, wenn nicht nur Frauen stöckeln. "Die Geschlechtszugehörigkeit ist nicht mehr so festgelegt." Es zeigt sich ein Trend der Individualisierung; man wolle nicht mehr in starren Normen leben und sei freier. "Wenn Frauen Boyfriend-Jeans tragen, kann ich auch Pumps tragen", findet Buchholz.

Am Ende eines langen Tages sei das Geschlecht egal, jeder freue sich, endlich die High-Heels auszuziehen, sagt Buchholz. "Schuhe aus, Luft ran und gut sein lassen", ist der Tipp des Schuhliebhabers. Trotz Liebe zum Absatzschuh trägt er meistens Turnschuhe.



#1 Eberhard WüstlingerAnonym
  • 03.11.2019, 22:11h
  • Stimmt schon, hohe Schuhe bei Kerlen sind aktuell DER Modetrend überhaupt. Keine Eckkneipe, kein Einkaufszentrum und kein Fussballstadion ohne genderfluide Heterogruppen in High Heels/Overknees/Stripperstiefeln. Danke, dass ihr diesen Megatrend aufgreift.
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#2 Ana NymAnonym
  • 03.11.2019, 23:11h
  • Interessant.
    An die unrasierten Beine müsste ich mich erst etwas gewöhnen ;-)
    In den 70ern, da gab es doch schon mal so Cowboy Stiefel (für Männer) mit deutlich erkennbaren Ansätzen. High Heels, weiß ich nicht (mehr).
    War total in bei den coolen Jungs.
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#3 DominikAnonym
#4 tomtomAnonym
#5 TheDadProfil
  • 04.11.2019, 10:00hHannover
  • ""Mit einem Fetisch habe das nichts zu tun.""..

    Wieso muß man sich immer vorbeugend von irgendetwas distanzieren ?

    Und wieso versucht man immer noch diesen Begriff "Fetisch" in der Schmudelecke zu halten ?

    Natürlich hat das was mit Fetisch zu tun !

    So wie andere ausschließlich Arbeitsklamotten tragen, oder blaue Jeans, karierte Hemden, oder weit häufiger, die "gegengeschlechtliche Unterwäsche" unter dem Zweireiher..

    So what ?

    Wenn Mann sich jetzt noch dazu durchringen könnte zu den Pumps auch konsequent Röcke zu tragen, wäre es auch ein Statement gegen zugeschriebene Rollenbilder..
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#6 UebertriebenAnonym
  • 04.11.2019, 21:59h
  • Außer an Drag Queens und Transvestiten sehe ich so gut wie nie Stöckelschuhe an Männern... weder an Heteros noch an Schwulen.
    Einen Trend erkenne ich nicht.
    Auch die Unterscheidung zwischen heterosexuellen und homosexuellen bezüglich gegengeschlechlicher Kleidung ( bzw. was dem zugeschrieben wird) leuchtet mir nicht ein.
    Warum sollte ein Cis Schwuler daran mehr Interesse haben als ein Cis Heteromann? Drag Queens mal ausgenommen.
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#7 Ralph
  • 05.11.2019, 10:38h
  • Wieder mal wird ein absolutes Minderheiten- oder Nischenprogramm zum Trend, ja gar zum Megatrend hochgejubelt. - In den 70ern gab es übrigens Stiefeletten mit hohen Sohlen und Absätzen. Aber die 70er waren ja die Goldenen Jahre des schlechten Geschmacks. Ich weiß heut gar nicht mehr, wie ich als 15-, 16-, 17jähriger auf diesen Stelzen laufen konnte, ohne mir die Knöchel zu brechen.
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#8 GwenAnonym
#9 TheoAnonym
  • 05.11.2019, 15:53h
  • Antwort auf #7 von Ralph
  • Wenn du schreibst, dass du in den 70ern im Teenageralter warst, darf ich davon ausgehen, dass du heute mindestens mal Ende 50, gar Anfang 60 bist.
    Da ist halt die Physiologie anders ;)
    Früher waren die Bänder, Sehnen und was weiß ich geschmeidiger. Wenn du jetzt durchgehend solche Schuhe getragen hättest, dann wären die da dran gewöhnt, aber durch die "Vernachlässigung" ist das heute wohl schwieriger.

    Zum Thema: Auch ich habe es mal mit Highheels probiert und ich muss sagen: Es ist einfach toll. Trotz meiner 1,90, mit denen ich sowieso die Welt schon eher von oben betrachte, haben die 20cm mehr noch mal ne ganz andere Perspektive ermöglicht. Es durfte mir lediglich nichts runterfallen, das war sonst verloren XD
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#10 Ralph
  • 05.11.2019, 17:23h
  • Antwort auf #9 von Theo
  • Jo... ich bin 57. Über 1,75 bin ich nicht hinausgekommen. Aber ich trug die Dinger nicht, um größer zu wirken, sondern sie gefielen mir einfach - und sie waren damals Standardschuhwerk. Sie sahen aber auch nicht wie diese komischen High Heels aus, sondern einfach wie "normale" Schuhe mit Riesensohlen und Riesenabsätzen. Dazu gab es natürlich Schlaghosen, kurze Jeansjacken und Haare bis auf die Schultern und Koteletten. Damals kamen wir uns keineswegs komisch vor. Betrachte ich heute Fotos dieser Zeit, komme ich mir vor wie eine Karikatur von Peter Wynegard (hahahahaha).
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