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"Die Rollen haben sich ein bisschen vertauscht"

Kermani: AfD-Erfolg ist Gegenreaktion auf Öffnung Deutschlands

2009 lobte Navid Kermani bei einer Preisverleihung, dass Deutschland weltoffener und vielfältiger geworden sei. Dazu steht er noch heute – nur habe sich mittlerweile eine Gegenbewegung etabliert, die etwa die Gleichbehandlung Homosexueller ablehnt.


Navid Kermani gehört zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Gegenwart

  • 7. November 2019, 10:27h 16 3 Min.

Der Schriftsteller Navid Kermani betrachtet den derzeitigen Erfolg der AfD als eine Gegenreaktion auf die Öffnung Deutschlands in den vorhergehenden Jahrzehnten. "Jeder Pendelschlag in die eine Richtung bewirkt eine Bewegung in die andere", sagte der Friedenspreisträger in Köln der Deutschen Presse-Agentur. "Deshalb ist das, was widersprüchlich erscheint – etwa dass gleichzeitig die Grünen und die AfD stark werden – Teil einer gemeinsamen Entwicklung."

In seiner Dankesrede für den Hessischen Kulturpreis hatte Kermani 2009 gesagt, er fühle sich durch die Verleihung in seinem Eindruck bestätigt, "dass Deutschland in den letzten Jahren weltoffener und kulturell vielfältiger geworden" sei. Dieser Meinung sei er nach wie vor, sagte Kermani. Allerdings sei die Gesellschaft heute polarisierter als vor zehn Jahren.

"Rechte der Homosexuellen, Emanzipation der Frau, Deutschland als Einwanderungsland, Umweltschutz"

"Der grün-alternative Diskurs, der in den Achtzigerjahren noch widerständig war, hat sich inzwischen in weiten Bereichen der Öffentlichkeit und Politik als maßgeblich durchgesetzt: Rechte der Homosexuellen, Emanzipation der Frau, Deutschland als Einwanderungsland, Umweltschutz", erläuterte Kermani. "Das ist nun gleichsam der herrschende Diskurs geworden – und dagegen hat sich wiederum ein Gegendiskurs herausgebildet. Da haben sich die Rollen ein bisschen vertauscht."

In diesem Zusammenhang sprach sich Kermani dafür aus, mit AfD-Wählern im Gespräch zu bleiben. Als Reporter habe er es immer wieder mit Menschen zu tun, die andere, für ihn teilweise schwierige Ansichten vertreten würden. Das gelte auch für den Besuch einer AfD-Versammlung. "Aber auch dort habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn man auf die Menschen zugeht, ist viel mehr Austausch möglich, als man vorher gedacht hätte."

Kermani sieht sich nicht als AfD-Versteher

Es habe ihn beileibe nicht zum AfD-Versteher gemacht, die Ansichten halte er nach wie vor für fatal. "Aber man kann die subjektiven Gründe besser nachvollziehen, warum Wähler bei dieser Partei landen. Und das wäre doch auf der politischen Ebene eine Voraussetzung, um mit ihnen und gegen sie zu argumentieren."

Kermani gilt als einer der einflussreichsten deutschen Intellektuellen. Der 51-jährige in Siegen geborene Sohn iranischer Eltern ist habilitierter Orientalist und ein Kenner der deutschen Literatur. Er arbeitete als Regisseur und Dramaturg, recherchierte als Reporter in Kriegsgebieten. Als Autor ist er bekannt für seinen Roman "Große Liebe", das Kinderbuch "Ayda, Bär und Hase" und eine originelle Huldigung an die Musik des Rockstars Neil Young.

Der Schriftsteller ist ab Donnerstag auf Lesereise mit seinem soeben erschienenen Buch "Morgen ist da. Reden". Die Reise führt ihn unter anderem ins Thalia Theater Hamburg, zum Berliner Ensemble, in die Münchner Kammerspiele, an das Wiener Akademietheater, das Schauspielhaus Frankfurt, das Staatsschauspiel Dresden und an andere namhafte Theater. (dpa/dk)

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-w-

#1 schwulenaktivist
  • 07.11.2019, 12:22h
  • Ich bin nicht der Ansicht, dass es so klare "Gegen- oder Pendelbewegungen" gibt. Der Reaktionsbereich ist nicht so einfach zu definieren!
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#2 goddamn liberalAnonym
  • 07.11.2019, 12:51h
  • Antwort auf #1 von schwulenaktivist
  • Das Problem bei Kermani ist, dass er wie viele Intellektuelle wenig Bodenhaftung hat und deswegen wenig Gespür für primitive Instinkte und 'Blut und Boden' (auch unter seinesgleichen) aufbringt.

    Das, was sich heute in vielen Teilen Deutschlands an der Urne tut, zeichnete sich schon seit Jahrzehnten ab. 'Südländische' Leute aus meinem Bekanntenkreis konnten schon vor fast 30 Jahren keinen Urlaub in Sachsen oder im ländlichen Brandenburg machen.

    Die Wahlergebnisse in Gebieten wie Thüringen stehen sowieso in einer manifesten, mindestens hundertjährigen völkischen Tradition und haben auch nichts mit irgendwelchen Pendelbewegungen zu tun.
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#3 Taemin
  • 07.11.2019, 14:30h
  • Es ist schon was dran, wenn man sagt, dass zunehmende rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Minderheiten deren Gegner grad erst recht zu Diffamierung und Ausgrenzung anstacheln. Gründe dafür haben diese Leute aber auch vorher schon genug gefunden. Schutz der Jugend, Förderung der hergebrachten Familie, AIDS, christliches Menschenbild, öffentliche Ordnung, schlichter Ekel...
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