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Sachbuch

Wenn evangelische Christ*innen über Familienvielfalt diskutieren

Zwei Jahre nach einer gemeinsamen Tagung von Hirschfeld-Stiftung und evangelischen Einrichtungen ist der Sammelband "Familie von morgen. Neue Werte für die Familie(npolitik)" erschienen.


Ein Kapitel des Sammelbands beschäftigt sich exklusiv mit Regenbogenfamilien (Bild: Norbert Blech)
  • Von Bodo Niendel
    7. November 2019, 11:58h, noch kein Kommentar

Im Jahre 2017 fand in Berlin der Fachtag "Familie von morgen" statt, eine Kooperation zwischen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, der Evangelischen Akademie und dem Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte, unterstützt von der Diakonie Deutschland. Eine ungewohnte Kooperation zu einem in Kirchenkreisen umstrittenen Thema, und vielleicht liegt es auch daran, dass nunmehr erst zwei Jahre später die auf der Tagung gehaltenen Referate in Buchform vorliegen.

Kurz vorweg: Die Beiträge im Sammelband "Familie von morgen. Neue Werte für die Familie(npolitik)", erschienen im Verlag Barbara Budrich, nähern sich dem Thema höchst unterschiedlich an. Ihnen gemeinsam ist allerdings, dass sie die "familiale Vielfalt anerkennen" wollen, so die beiden Herausgeberinnen Carolin Küppers und Eva Harasta in der Einleitung.

Langen Schatten der NS-Zeit ignoriert


Der knapp 200 Seiten starke Reader ist im Verlag Barbara Budrich erschienen

Der Eröffnungstext von Christopher Neumaier geht im Schnelldurchlauf durch die Familienformen der Moderne und erklärt, wie die christlichen Religionsgemeinschaften diese in Deutschland beeinflussten. Mehr als ein Fauxpas ist jedoch der Sprung von den Zwanzigerjahren zur Nachkriegszeit unter Auslassung des Faschismus. Den bedingt erhellenden Einblicken in die Familienkonstellationen der Bundesrepublik fehlt der Einbezug des langen Schattens des Nationalsozialismus und das Mitwirken der Kirchen an den postfaschistischen Familienformen und wie diese sich etwa gegen Aufhebung des Paragrafen 175 wandten.

Ute Gause beschreibt, wie der Protestantismus Ehe und Familie konstituierte. Befremdlich wirkt ihre Distanz zu einer feministischen Kritik. Wenngleich sie schreibt, dass "das Konzept des ganzen Hauses und des Patriachats des Hausvaters […] vorausgesetzt" wird, so betont sie die gleichzeitigen "Domestizierungen von Männlichkeit und Weiblichkeit" durch den Protestantismus. Die ungleiche Domestizierung zu Lasten der Frauen wird damit beschönigt. Katharina Gerats forschte qualitativ zu Erziehung aus der Sicht der Kinder. Ein spannender Ansatz, der zeigt, dass sich Kinder durch "aktiven Widerstand" in die Erziehung einmischen und "auch in jungen Jahren eine Idee von Erziehung haben". Mit dieser Forscher*innenperspektive käme mensch aus meiner Sicht zu weiteren spannenden Ergebnissen, die die Akzeptanz neuer Familienformen befördern könnte.

Die Potentiale von Mehrfachpartnerschaften

Während die vorangegangenen Beiträge die Norm der Heterosexualität weitgehend unterschlagen, so beinhaltet die Betrachtung von Cornelia Schadler zu Elternschaft in Mehrfachpartnerschaften auch Familien von Lesben und Schwule. Kinder in sogenannten neuartigen Familienkonstellationen wie der Co-Elternschaft wachsen jenseits traditioneller Geschlechterrollen auf. Aufgaben und Konflikte werden hier anders gelöst. Wenngleich diese Familienformen nur eine Minderheit darstellen, so zeigen sich bei näherer Betrachtung – und weiterer Forschung – interessante Potentiale auch für Zweierfamilienformen, egal ob homo oder hetero.

Der Beitrag von Anita Christans-Albrecht widmet sich der Pflege in der Familie. Sie preist die Familie "als Einladung Gottes". Diese garantiere "Verantwortung, Verbindlichkeit und Verlässlichkeit" über Generationen hinweg. Eine aus meiner Perspektive gewöhnungsbedürftige Sicht. Michael Plaß behandelt in seinem kurzen Beitrag endlich auch einmal exklusiv Regenbogenfamilien. Er bringt es auf den Punkt, was noch zu tun ist, denn für Lesbe und Schwule mit Kindern ist die Akzeptanz durch die Gesellschaft "allerdings noch eine Wunschvorstellung".

Der Beitrag von Ralf Evers am Ende des Buchs ragt heraus. Denn hier wird endlich einmal eine theologische Perspektive, verbunden mit neueren philosophischen Ansätzen, als Chance und Öffnung für Neues verstanden. Er schreckt nicht vor Kritik an der theologischen Zunft zurück, die sich meist auf Orientierungshilfe beschränke. Evers geht es um Freiheit als Ermöglichung neuer Chancen, und er lobt die Vielfalt, zu der neue Familienformen – wie eben auch Regenbogenfamilien – beitragen.

Warum das Buch trotz Schwächen ein Anfang ist

Zweifellos hat dieses Buch Schwächen. Einige Beiträge sind lediglich kurze Statements. Es fehlen Perspektiven auf Familie, die diese in patriarchale Verhältnisse einordnen. Außerdem werden die ökonomischen und politischen Verwerfungen und ihre Folgen für die Familien wie sinkende Einkommen der unteren Schichten meist komplett ausgeblendet. Auch wäre eine stärkere redaktionelle Bearbeitung der Beiträge im Hinblick auf einen roten Faden wünschenswert gewesen.

Dennoch war die Tagung und ist dieses Buch unisono wichtig – und einige Beiträge zeigen spannende Potentiale auf. In Zeiten, in denen christlich-fundamentalistische Kreise und Rechtsextremisten sowie -populisten ein rückwärtsgewandtes Bild von Familie in die Gesellschaft tragen und der LGBTI-Community gar die Zerstörung der Familie vorwerfen, ist es umso wichtiger, dass Religionsgemeinschaften und queere Menschen sich über Gemeinsamkeiten und Unterschiede austauschen. Dieses Büchlein ist ein Anfang. Beide Seiten können von den unterschiedlichen Sichtweisen profitieren.

Es wäre schön, wenn der Dialog auch mit dem Katholizismus und den islamischen Gemeinden verstärkt beginnen würde. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sollte diesen Weg des Austauschs weiter beschreiten, trotz aller Widrigkeiten.

Unser Rezensent Bodo Niendel ist Referent für Queerpolitik der Bundestagsfraktion Die Linke.

Infos zum Buch

Carolin Küppers, Eva Harasta (Hrsg.): Familie von morgen. Neue Werte für die Familienpolitik. 195 Seiten. Taschenbuch. Verlag Barbara Budrich. Leverkusen 2019. 28 €. ISBN 978-3-8474-2211-2