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Tiflis

Georgien: Ausschreitungen gegen queere Filmvorführung

Zur Premiere des Films "Als wir tanzten" verbrannten Gegendemonstranten eine Regenbogenflagge und warfen Feuerwerkskörper auf Polizisten. Auch in einer weiteren Stadt versammelten sich Homo-Hasser vor dem Kino.


Die Lage in Tiflis am frühen Freitagabend (Bild: Giorgi Tabagari / twitter)

Zu Update springen: Homophobe Proteste auch am Samstag (9.11.)

In der georgischen Hauptstadt Tiflis haben am Freitagabend wie vorab angedroht hunderte Gegendemonstranten – nationalistische, teils russlandnahe, und orthodoxe Gruppen samt einigen Priestern – eine queere Filmpremiere gestört und den Eingangsbereich blockiert. Auch in der Hafenstadt Batumi kam es bei der gleichzeitigen Vorführung des Films zu Protesten.

Man wolle einen "Korridor der Schande" bilden, hatte eine der homofeindlichen und rechtsextremen Gruppen, "Georgian March", im Vorfeld in Tiflis auf einer Pressekonferenz angekündigt. Ein Großaufgebot der Polizei versuchte, die Vorführung in der Hauptstadt zu sichern – laut Beobachtern zunächst recht halbherzig. Später kamen Polizisten in Krawall-Ausrüstung hinzu, die die Menschenmassen zur Seite drängten und Filmbesucher in das Kino geleiteten. Die Gegendemonstranten versuchten, in das Kino einzudringen, und setzten auch Feuerwerkskörper gegen Polizisten ein.

Direktlink | Eindrücke aus Tiflis vom späteren Abend (MEZ + 3h). Zusatzlink: Aktueller Livestream eines Nachrichtensenders bei Facebook

Ersten Meldungen zufolge wurden knapp über zehn Gegendemonstranten festgenommen. Eine Bürgerrechtlerin, laut dem Tiflis Pride eine CSD-Aktivistin, wurde verletzt und mit einem blutenden Gesicht zu einem Krankenhaus gebracht – der Pride betont, die Polizei habe zuvor homophobe Beschimpfungen in ihre Richtung ignoriert. Auch ein führendes Mitglied einer liberalen und oppositionellen Partei wurde vor dem Kino angegriffen. Zu weiteren Würfen von Feuerwerkskörpern kam es offenbar, als Besucher das Kino nach Beendigung der Vorführung unter Polizeischutz verließen. Am späten Abend Ortzszeit fanden sich noch immer hunderte Gegendemonstranten vor dem Kino ein – dort sollte noch eine Spätvorführung stattfinden.

Twitter / TbilisiPride

Das Innenministerium hatte am Freitagmittag angekündigt, Meinungsfreiheit und die Sicherheit der Kino-Besucher durchzusetzen. Bereits Stunden vor Beginn der Premiere hatten sich einige der Homo-Hasser versammelt, homofeindliche Reden gehalten und unter anderem eine (selbstgebastelte) Regenbogenflagge verbrannt. Die gleichen Gruppen, die in den letzten Jahren bereits gegen Pride-Kundgebungen und solche zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie vorgingen, zogen dann vor das Kino.

Twitter / OCMediaorg

Im Amirani-Kino fand die nationale Premiere des georgisch-schwedischen Films "Als wir tanzten" statt. Das Drama von Levan Akin über einen schwulen georgischen Tänzer ist der erste Langfilm mit LGBTI-Bezug, der in dem Land spielt (queer.de berichtete). Schweden hat den Film, der in Deutschland bereits auf dem queerfilmfestival in Berlin, München und Stuttgart lief und im März 2020 in die Kinos kommt, für den Internationalen Oscar eingereicht.

Der Film soll von Freitag bis Sonntag in fünf Kinos der Hauptstadt und in einem in Batumi gezeigt werden – rechte und christlich-fundamentalistische Aktivisten hatten angekündigt, alle Vorführungen verhindern zu wollen. Auch in Batumi konnte die Vorführung am Freitag nur unter Polizeischutz stattfinden. Rund hundert Gegendemonstranten warfen Eier auf die Eingangstür, auf Besucher und Polizisten.


Ausschnitt aus einem Live-TV-Report aus dem Kino in Batumi

Die orthodoxe Kirche hatte sich in einer Stellungnahme gegen den Film als "Popularisierung von Sodomitenbeziehungen" und als "großen Angriff auf die Kirche und die nationalen Werte" ausgesprochen. Die schon immer homofeindliche Kirche steht unter Druck: Sie war vor wenigen Tagen von einem Skandal erschüttert worden, als ein früherer Erzbischof Kirchenoberhaupt Ilia II. und weiteren führenden Kirchenvertretern sexuelle Handlungen mit Männern und Kindern vorwarf.

Gewalt überschattet alles

In Tiflis hatte es im Juli den ersten CSD des Landes gegeben – nach etlichen Gewaltandrohungen im Vorfeld fand er als kleine Demonstration vor dem Innenministerium statt, das den CSD lange nicht schützen wollte, während rechte Gruppen in der Innenstadt gegen LGBTI-Rechte demonstrierten (queer.de berichtete). In den Wochen zuvor war es zu Bombendrohungen gegen queere Verbände gekommen und zu Gewalt durch Gegendemonstranten, als LGBTI-Aktivisten vor dem Parlament die Abhaltung des Pride einforderten.

Direktlink | Ausschreitungen gegen einen Bus mit queeren Aktivisten am 17. Mai 2013

Aus Sicherheitsgründen hatte die Szene lange keinen Pride gewagt. Vor allem ein Datum ist in Tiflis in steter Erinnerung: Am 17. Mai 2013 hatte in Tiflis eine aufgebrachte Menge einen Bus mit LGBTI-Aktivisten angegriffen, die eine Kundgebung zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie abgehalten hatten (queer.de berichtete). Rund 20 Personen wurden dabei verletzt. Bereits im Vorjahr waren zum IDAHOBIT rund 50 LGBTI-Aktivisten auf über 200 größtenteils orthodoxe Gegendemonstranten gestoßen (queer.de berichtete). Auch in den letzten Jahren kam es immer wieder zu Gewaltvorfällen bei kleineren Protesten der Szene (queer.de berichtete), während Homo-Gegner größere jährliche Demonstranten – und einen homofeindlichen "Weltkongress der Familie" abhielten (mehr Details im unteren Teil diesen Berichts). (nb)

mehrfach aktualisiert


 Update  9.11., 18.40h: Homophobe Proteste auch am Samstag

Auch am Samstag demonstrierten mehrere homofeindliche Gruppen nach einer Kundgebung in einem Park vor mehreren Kinos in Tiflis, in denen am Abend der Film "Als wir tanzten" erneut gezeigt wurde. Der Hauptprotest fokussierte sich erneut auf das Amirani-Kino, wo eine große Kette aus Polizisten Besucher Medienberichten zufolge aber besser von den weniger Gegendemonstranten als am Vortag abschirmte. Auch die Straße vor dem Kino blieb diesmal befahrbar.


Die Auseinandersetzung um den Film wurde auch am Samstag zum Aufmacher georgischer Nachrichtensendungen

Alle Vorführungen fänden derzeit wie geplant statt, betonte ein Polizeisprecher am frühen Abend. Die Homo-Hasser zeigten bei ihrem Protest Plakate wie "Stoppt LGBT-Propaganda in Georgien" und "Homosexualität ist Sünde und Krankheit". Vor einem Kino in Batumi, in dem der Film ebenfalls gezeigt wurde, nahm die Polizei am Samstag einen Mann fest, der Besucher beleidigt hatte.

Am Freitag hatte die Polizei ihren Angaben vom Samstag zufolge insgesamt 28 Personen in Tiflis und Batumi festgenommen. Eine Person wurde verhaftet – es handelt sich um den mutmaßlichen Angreifer auf die LGBTI-Aktivistin. Die Polizei gab bekannt, dass auch zwei ihrer Beamten verletzt worden waren und behandelt werden mussten. Das Portal OC Media hat derweil eine Reportage zu den Ereignissen veröffentlicht, in der auch die Hauptanführer der Proteste vorgestellt werden.

Direktlink | Eindrücke vom Freitag von Radio Free Europe

Levan Akin, der Regisseur von "Als wir tanzten", schrieb am späten Freitagabend bei Instagram: "Ich bin so stolz darauf, dass keines der Theater eine der geplanten und ausverkauften Vorstellungen zurückgezogen oder abgesagt hat, sondern Solidarität zeigte. Das georgische Publikum durfte den Film endlich sehen! Dieser Kampf ist noch lange nicht vorbei und ich bin so inspiriert und bewegt von all den mutigen Kinogängern, die sich behaupten konnten und sich nicht einschüchtern ließen."

Direktlink | Trailer des Films

Während am Freitag Bilder der homophoben Proteste um die Welt gingen, gewann Levan Gelbakhiani für seine Rolle im Film den Preis als bester Hauptdarsteller – beim Minsk International Film Festival im ebenfalls homophoben Weißrussland. Der Georgier war bereits bei Filmfestivals in Odessa und Sarajevo ausgezeichnet worden; am Samstag erhielt er eine Nominierung bei den European Film Awards. (nb)



#1 marbellaAnonym
  • 08.11.2019, 18:36h
  • dass von den Gegnern niemand daran denkt, dass Dinge die versucht werden von anderen zu verhindern oder verbieten zu wollen gerade deswegen noch viel interessanter werden. Und die Anstrengungen in diese Richtung größer werden.
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#2 oekoAnonym
  • 08.11.2019, 23:59h
  • Dieser Film wurde gerade auf den Queerstreifen in Münster gezeigt. Von den Gewaltszenen rund um die Premiere in Tiflis wurde auch in der Anmoderation berichtet - gruselig.
    Ein bewegender Film. Meine Note 1,0
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#3 TbilisiAnonym
#4 AndreAnonym
#5 FinnAnonym
  • 09.11.2019, 09:19h
  • Wenn jemand diesen Film nicht sehen will, soll er ihn sich halt nicht ansehen. So einfach ist das.

    Aber was bilden die sich ein, auch anderen vorschreiben zu müssen, was sie sehen dürfen oder nicht.
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#6 Carsten ACAnonym
  • 09.11.2019, 14:59h
  • Das zeigt wieder mal die totalitäre Gesinnung von Homohassern, Rechten und religiösen Fanatikern.
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#7 Ralph
  • 10.11.2019, 10:53h
  • Immerhin gibt es einen wichtigen Unterschied zum benachbarten Russland: Die Regierung scheint sich nicht von den Extremisten vor deren Karren spannen zu lassen. In Russland wäre die Polizei nicht gegen den religiösen Mob vorgegangen, sondern gegen die Kinobesucher. Wie weit das Verhalten der Regierung auf eigene Überzeugung zurückgeht oder der Rücksicht auf die Wirkung in Westeuropa geschuldet ist, wissen wir allerdings nicht. Dass der erste Schritt auf dem langen Wege zur gesellschaftlichen Akzeptanz ein Gesinnungswandel der Regierenden ist, wissen wir aber gerade in Deutschland sehr wohl. Bei uns liegen zwischen Gefängnis und Standesamt gerade mal 50 Jahre. Historisch ist das eine kurze Zeit und ohne den genannten Gesinnungswandel von Politikern und Parteien nicht denkbar.
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#8 AlfyAnonym