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Geschichte

Die Bundespost hielt Magnus Hirschfeld für zu wenig bekannt

Bereits vor knapp 50 Jahren gab es einen Vorstoß, den Sexualwissenschaftler und Begründer der ersten deutschen Homosexuellenbewegung mit einer Briefmarke zu ehren – die Deutsche Bundespost lehnte ab.


Der Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868-1935) war Begründer der ersten homosexuellen Bürgerrechtsbewegung (Bild: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin)

Wie zumindest queer.de-Leser*innen wissen, wurde Magnus Hirschfeld – der Sexualwissenschaftler und Begründer der ersten deutschen Homosexuellenbewegung – im vergangenen Jahr anlässlich seines 150. Geburtstags von der Post mit einer eigenen Briefmarke geehrt (queer.de berichtete).

Wie erst jetzt aus einem Artikel in der Schwulenzeitschrift "Der Weg zu Freundschaft und Toleranz" vom Januar 1970 (PDF) bekannt wurde, hatte die Post den Vorschlag für eine Hirschfeld-Briefmarke zu seinem 100. Geburtstag noch abgelehnt, weil er zu unbekannt sei. Man sehe "keine Möglichkeit, sein Andenken durch die Herausgabe eines Sonderpostwertzeichens zu ehren", heißt es im dort dokumentierten Absageschreiben der Bundespost. "Der international anerkannte Gelehrte, der von 1868 bis 1938 lebte, ist weniger der Allgemeinheit als fachwissenschaftlichen Kreisen bekannt."

Vielleicht lag es aber auch an den nicht näher ausgeführten "etlichen Beschränkungen", denen die Landespostdirektion in Berlin nach eigener Aussage unterlag…

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Zweiter Vorstoß im Jahr 1995

Im Jahr 1995 initiierte der Verein Homosexuelle und Kirche einen weiteren Vorstoß für eine Hirschfeld-Briefmarke – zum 100. Jahrestag der Gründung von Hirschfelds wissenschaftlich-humanitären Komitee im Jahr 1997. Das Bundespostministeriums lehnte erneut ab, formulierte die Absage (PDF) aber diesmal etwas diplomatischer: "Es ist verständlich, daß das vorliegende Ergebnis nicht allen Wünschen gerecht werden kann. In einem Ausgabeprogramm mit einer begrenzten Zahl von Sondermarken lassen sich aber nicht alle Vorschläge, auch wenn sie noch so wohlbegründet sind, verwirklichen."

Mit der Macht der 2011 gegründeten Bundesstiftung Magnus Hirschfeld im Rücken, führte der dritte Vorstoß schließlich zum Erfolg: Am 12. Juli 2018 wurde das 70-Cent-Postwertzeichen "150 Jahre Magnus Hirschfeld" veröffentlicht.


Ein Zehnerblock der Hirschfeld-Briefmarke

Ein Beleg, dass sich in den letzten 50 Jahren vieles verändert hat – der Bekanntheitsgrad von Magnus Hirschfeld, die öffentliche Meinung über Homosexualität und die Ansichten der Post. Auch wenn das Motiv der Sondermarke, das Hirschfelds Theorie der "sexuellen Zwischenstufen" symbolisieren soll, auf den ersten Blick nicht wirklich als Deutschlands erste queere Briefmarke erkennbar ist… (eihp, mize)



#1 Ralph
  • 10.11.2019, 17:41h
  • Man kann sich ja auch mal überlegen, ob es nicht eine gute Idee sein kann, zu Unrecht wenig bekannte Personen durch die Herausgabe einer Sondermarke stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Ohne dass ich jetzt auf Anhieb Namen nennen könnte, scheinen mir doch recht häufig Personen mit Sondermarken geehrt zu werden, die nicht zu kennen vielleicht nicht gut ist, aber auch nicht als Bildungslücke gelten kann.
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#2 schwulenaktivist
  • 10.11.2019, 18:03h
  • Zumindes hätte Hirschfeld mit einem Porträt "geehrt" werden können. So wäre wenigstens ein Bild bekannt geworden...
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#3 _hh_Anonym
  • 10.11.2019, 18:27h
  • Danke für diesen sehr interessanten historischen Hinweis. Dazu aber zwei Anmerkungen:
    a) Der Initiator und Autor des Artikels von 1970, Johannes Werres, war nicht irgendjemand, sondern eine wichtige Figur der "Homophilen"-Bewegung der 1950er und 1960er Jahre. Bis in die 1980er Jahre hinein publizierte er weiter Artikel, geriet jedoch allmählich ins Abseits, weil die neue linke Schwulenbewegung nichts mehr mit ihm anfangen konnte und er nicht mir ihr. Diese Info gehört meiner Ansicht mit dazu.
    b) Das Absageschreiben des Postministeriums an die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft von 1995 ist nicht, wie ihr schreibt, "diplomatisch" abgefasst, sondern ganz offensichtlich ein Standardbrief, der mit Sicherheit gleichlautend an über 300 Empfänger*innen geschickt wurde (im Brief ist von 350 Anregungen für Sondermarken die Rede, wovon nur 25 hätten berücksichtigt werden können). Dass es sich um ein Standardschreiben handelt (heute würde man von "Textbausteinen" sprechen), wird schon daraus deutlich, dass der Name Hirschfeld darin gar nicht genannt wird.
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#4 NiLaterneProfil
#5 Ralph
  • 11.11.2019, 13:03h
  • Antwort auf #4 von NiLaterne
  • Ich bezog mich ja auch nicht auf Hirschfeld, sondern auf viele wenig oder kaum bekannte Personen,denen Sondermarken gewidmet werden. Dieses Jahr ist z.B. Else Lasker-Schüler darunter, nicht unbedingt allererste Garnitur. Dazu drei Sorten Fledermäuse. Und der Grüffelo - der ist allerdings neben Alexander von Humboldt dieses Jahr sicher der prominenteste Geehrte. Mit Humboldt und Fritz Bauer haben wir 2019 immerhin zwei Schwule auf Briefmarken. (Wenn wir annehmen, dass der Grüffelo das Grüffelokind als schwuler Vater adoptiert hat, möglicherweise per Leihmutter, denn eine Grüffelofrau gibt es ja offenbar nicht, haben wir sogar drei Schwule.)
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#6 _hh_Anonym
  • 11.11.2019, 20:25h
  • Antwort auf #5 von Ralph
  • Es ist schön und richtig, verdienstvollen schwulen Persönlichkeiten Sondermarken zu widmen. Es ist aber ein Unding, dies gegen Else Lasker-Schüler auszuspielen und diese - eine der bedeutendsten deutschen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts - als "kaum bekannt" zu bezeichnen. Zudem musste Lasker-Schüler - ebenso wie Magnus Hirschfeld - vor den Nazis fliehen und starb im Exil. Aus beiden Gründen steht es der Deutschen Post gut an, ihr eine Sondermarke zu widmen - ebenso wie Hirschfeld.
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#7 Ralph
  • 12.11.2019, 14:07h
  • Antwort auf #6 von _hh_
  • Nu, so war das nicht gemeint. Ich bezog mich nur auf die Argumentation der Post, dass Hirschfeld nicht hinreichend in der Öffentlichkeit bekannt sei. Das ist Lasker-Schüler auch nicht. Obwohl recht belesen und an Literatur interessiert, muss ich gestehen, dass ich nicht mal den Namen kannte, als das Theater in der benachbarten Stadt entschied, seinen Literaturpreis nach ihr zu benennen. Sie rangiert nun mal nicht auf einer Ebene mit Ricarda Huch oder Anna Seghers, um mal zwei wahrlich berühmte Zeitgenossinnen zu nennen, die beide bedeutende Schriftstellerinnen und prominente Gegnerinnen des NS-Regimes waren. Ricarda Huch gebührt sogar die Ehre, als allererste Dichterin -noch vor Thomas Mann- den Nazis eine Abfuhr erteilt zu haben: Als die MItglieder der Preußischen Akademie der Künste aufgefordert wurden, das neue Regime durch ihre öffentliche Unterstützung zu adeln, antwortete sie: "Dieses Ja" (gemeint: zur neuen Regierung) "kann ich aber um so weniger aussprechen, als ich verschiedene der inzwischen von der neuen Regierung vorgenommene Handlungen auf das schärfste missbillige. Auf das Recht der freien Meinungsäußerung will ich nicht verzichten. Ich nehme an, dass ich durch diese Erklärung automatisch aus der Akademie ausgeschieden bin." (Huch am 24.3.1933) Sie blieb in Deutschland und überlebte unangetastet.
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