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Queere Filmgeschichte

Über die "vollkommene Beziehung zwischen Mann und Mann"

Heute vor 50 Jahren – am 13. November 1969 – feierte Ken Russells Spielfilm "Liebende Frauen" seine Premiere. Der Höhepunkt: ein nackt ausgetragenes "Gay-Wrestling".


Homoerotische Szene aus "Liebende Frauen": Zwei Freunde wollen sich auch körperlich nah sein und tragen nackt einen Ringkampf aus
  • Von Erwin In het Panhuis
    13. November 2019, 06:33h, 1 Kommentar

Rupert wirft ein Auge auf seinen Freund Gerald – hier auf dem DVD-Cover von "Liebende Frauen" (1969)

Ken Russell schildert in seinem Film "Liebende Frauen" (Originaltitel: "Women in Love", 1969) das Leben von zwei Männern und zwei Frauen im England der Zwanzigerjahre. Die beiden Freunde Gerald und Rupert verlieben sich in die beiden Schwestern Gudrun und Ursula. Rupert ist zudem auch in Gerald verliebt und wünscht sich auch zu ihm eine ähnlich intensive Beziehung.

Der Film wurde nach seiner Premiere hochgelobt und erhielt viele Filmpreise wie etwa 1971 einen Oscar für Glenda Jackson als beste Hauptdarstellerin. Um den Film besser zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf den zugrundeliegenden Roman.

Der Roman "Liebende Frauen" (1920)

Der Roman "Liebende Frauen" (1920, dt. 1927) von D. H. Lawrence war die Grundlage für Russells gleichnamigen Film. Im Folgenden zitiere ich den Roman nach der Übersetzung von Petra-Susanne Räbel (2002). An mehreren Stellen des Buches wird Ruperts Liebe zu Gerald deutlich, unter anderem als er sich eine Blutsbrüderschaft wünscht, denn "natürlich hatte er Gerald die ganze Zeit über geliebt und es die ganze Zeit über geleugnet" (S. 344-346).

Weil sich Rupert wünscht, mit Gerald auch körperlich verbunden zu sein, tragen sie nackt einen Ringkampf aus. Beim Ringen üben sie Griffe und Würfe, "sie gewöhnten sich aneinander, an den Rhythmus des anderen, entwickelten ein gewisses Körpergefühl füreinander". Sie scheinen ihre Körper "tiefer und tiefer gegeneinander zu treiben, als wollten sie zu einer Einheit verschmelzen". Rupert scheint "in Geralds massigere, diffusere Gestalt einzudringen, mit seinem Körper den Körper des anderen zu durchtränken". Es ist, als ob Ruperts "gesamter physischer Scharfsinn mitten in Geralds Körper eindränge, als ob seine feine, sublimierte Energie in das Fleisch des fülligeren Mannes vorstoße" (S. 454-463).

Es sind Formulierungen, die Analverkehr anzudeuten scheinen. Ähnliche Andeutungen gibt es auch bei Ruperts sexuellem Verhältnis zu Ursula, wenn leidenschaftliche "Energie" aus den "dunkelsten Polen des Körpers" betont wird (S. 532), die sie in den Bereich der "geheimnisvollen Dunkelheit" vordringen lassen (S. 532-533), womit in ihre Beziehung ein "neues Geheimnis […] hinzugekommen" ist (S. 544).

Im Roman kommt auch ein offenbar schwules Paar vor: der Künstler Loerke und sein "Gefährte" Leitner (mit unbekannten Vornamen) sind "in höchster Vertrautheit zusammen angereist" und haben "Seite an Seite gelebt" (S. 702-706, 722-725). Wichtig für das Verständnis Ruperts sind zwei Aussprachen, die er mit Gerald und Ursula führt. Gegenüber Gerald verteidigt er die "Liebe von Mann zu Mann" als eine Beziehung, die "genauso fruchtbar, genauso heilig" sein kann wie die Liebe zwischen Mann und Frau. Gerald widerspricht ihm, weil die "Natur […] dafür überhaupt keine Grundlage" biete (S. 602-603).

Der Roman endet mit der Aussprache mit Ursula: Sie hält Ruperts Vorstellung, dass er einen Freund brauche, für "eine Theorie, etwas Widernatürliches". Rupert entgegnet ihr, dass es für ihn gar keine Liebe geben könne, die "verkehrt" bzw. "unmöglich" sei (S. 827-828).

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Die Rezeption des Romans


Die deutsche Erstausgabe des Romans "Liebende Frauen" mit einem Foto von D. H. Lawrence auf dem Cover (1927)

Schon frühe Rezensionen merkten dezent an, dass es bei diesem Roman um "Verderbtheit in allen Formen" gehe. In der bedeutenden "Encyclopædia Britannica" wird nicht nur auf die Zensurgeschichte des Romans, sondern auch auf den persönlichen Hintergrund des Autors verwiesen: In diesem Roman werde der Konflikt deutlich, dass Lawrence ab 1915 seine eigene sexuelle Orientierung in Frage gestellt und sich seine Ehefrau Frieda immer frei genug gefühlt habe, Liebhaber zu haben.

Zu verweisen ist hier auch auf Alfred Andris' Aufsatz "Homosexualität im Werk von D. H. Lawrence" (in: Forum Homosexualität und Literatur, Nr. 15, 1992, S. 5-40), der ebenfalls auf eine mögliche homo- bzw. bisexuelle Orientierung Lawrences eingeht. Für den "eigentlichen Helden" Rupert soll Lawrence sich selbst zum Vorbild genommen haben – seine Frau Frieda wurde im Roman wohl zu Ursula (S. 10). Bei der Ringkampfszene mit Rupert und Gerald kommt Andris zu dem Schluss, dass angesichts dieser Deutlichkeit (nacktes Ringen als Sex-Ersatz) zum eigentlichen Sex nur noch die Penetration und der Orgasmus fehlten. Andris geht auch auf Analverkehr ein, der sich – seiner Meinung nach – im Roman nur auf Heterosexualität beziehen lässt. Dabei lässt sich Ruperts Analverkehr mit Ursula wohl als Ersatz für den mit Gerald interpretieren (S. 10, 28).

Auch andere Autoren wundern sich über den angedeuteten Analverkehr zwischen Rupert und Ursula: So heißt es in "Living at the edge", einer Biografie über das Ehepaar Lawrence von Michael Squires und Lynn K. Talbot (2002): "Readers who have followed Lawrence's fascination with male love will wonder both how the novel expresses it and how anal intercourse (as the zone of gay men) completes heterosexual passion" (S. 339).

Hans Peter Rodenberg wird in seinem Buch "Das überschätzte Kunstwerk" (2010) sogar noch deutlicher: "Vermutlich spricht Lawrence […] von Analverkehr zwischen Ursula und [Rupert] Birkin, und vermutlich war das Wort wegen der Zensur nicht akzeptabel. Aber das Vermeiden des technischen Begriffs hat bei Lawrence wohl auch Methode. Er hält den Akt in einer Rhetorik von Abstraktionen und Metaphern. […] Aber der Leser, der seine fünf Sinne beisammen hat, fragt sich doch, warum ausgerechnet der Analverkehr die Erlösung bringen soll" (S. 82-83).

In seinem Nachwort der oben genannten Buchausgabe von "Liebende Frauen" (2002) ist Dieter Mehl daher nicht sehr überzeugend, wenn er apodiktisch erklärt, dass mit Ruperts "Ideal einer männlichen Blutsbrüderschaft […] keineswegs eine homosexuelle Bindung gemeint" sei (S. 854).

Der Film "Liebende Frauen" (1969)

Der Film zeigt sehr ausführlich den nackt ausgetragenen Ringkampf beider Männer – vor einem lodernden Kaminfeuer, bei romantischem Kerzenschein und bei vorher abgeschlossener Tür. Weil man mit einem "steifen Hemd" schlecht kämpfen kann, entledigen sie sich ihrer Kleidung und kämpfen nackt. Dieser Kampf unter Freunden ist – gerade wegen seiner offenbar beabsichtigten Gleichzeitigkeit von Sexualität und Gewalt – sehr überzeugend inszeniert. Nach dem Kampf betont Rupert zu Gerald: "Wir beide sind uns seelisch und geistig sehr nah. Ich meine, darum sollten wir uns auch physisch nah sein. […] Wir sollten schwören, uns zu lieben" (50:30-1:01.20 Min.).

Direktlink | Die berühmte Wrestling-Szene

Im Gegensatz zum Roman sind die beiden Männer Loerke und Leitner im Film wesentlich deutlicher als schwules Paar erkennbar, was etwa an einer Bettszene liegt. Bei einem Spielen mit historischen Rollen übernimmt Loerke die Rolle des russischen Komponisten Pjotr Tschaikowsky, was für sich genommen schon als homosexuelle Anspielung gereicht hätte (und einen Vorverweis auf Russells "Tschaikowsky"-Film von 1970 darstellt). Loerke betont sogar noch ausdrücklich: "Ich bin ein homosexueller Komponist." Sexualisierte Anspielungen wie "Achtung! Unser Zug fährt jetzt in einen Tunnel" und "Ratte in der Kloake" lassen sich im Kontext der Filmszenen als Anspielungen auf Analverkehr verstehen (1:33:40, 1:58:20 Min.).


Gemeinsam im Bett: Leitner (links liegend) und sein Freund Loerke (rechts sitzend)

Die beiden Aussprachen Ruperts sind recht nah am Roman: Gegenüber Gerald betont er, dass er neben der Bindung zwischen Mann und Frau auch an eine "zusätzliche vollkommene Beziehung zwischen Mann und Mann" glaubt, die "schöpferisch" und gleichermaßen "geheiligt" sei, was jedoch Gerald nicht erwidern kann (1:24:55-01:26:45 Min.). Wie im Roman bildet auch im Film das Gespräch mit Gudrun den Abschluss: Gudrun hält Ruperts Wunsch nach einem "Mann als Freund" für "eine Theorie, eine Perversität", woraufhin Rupert entgegnet: "Das glaube ich einfach nicht" (2:02:55-2:04:30 Min.).

Die Rezeption des Films – Penisvergleiche und Verbote

"Liebende Frauen" war einer der ersten Kinofilme, in denen männliche Genitalien zu sehen waren. Dabei wurde die nackt ausgetragene Ringkampfszene von vielen Rezensenten aufgegriffen und hinsichtlich der Moralvorstellungen der Zeit als besonders eindrucksvoll hervorgehoben.

Entsprechende Quellen lassen sich auf britischen Internet-Seiten – wie der des "Telegraph" – mit dem Filmtitel und dem Stichwort "Wrestling" leicht finden. Der "Spiegel" (1993, Heft 46, S. 298 – hier als PDF) schrieb von einer "der eindrucksvollsten Szenen" des Films, und für Jörg Helbig in "Geschichte des britischen Films" (2016) ist dieser Kampf "virtuos" inszeniert (S. 253).

Das "Filmkuratorium" geht auch auf "wilde Anekdoten" ein, die sich um die Entstehungsgeschichte dieser Szene ranken: So sollen die beiden Schauspieler Oliver Reed und Alan Bates "zuvor betrunken einen Penisvergleich vorgenommen" haben.

Die IMDB betont unter "Trivia", dass gerade diese Szene zu Problemen mit der britischen Zensur führte. In der Türkei soll der Film aufgrund dieser Szene sogar verboten worden sein, weil sie als schwule Sexszene angesehen wurde. In der IMDB ist auf derselben Seite vermerkt, dass die schwule Figur Loerke dem Maler Mark Gertler – einem Freund von D. H. Lawrence – nachempfunden worden sein soll.

Hintergründe zum Autor und zum Regisseur

Der Schriftsteller David Herbert Lawrence (1885-1930) – meistens abgekürzt als D. H. Lawrence – gilt als einer der wichtigsten englischen Autoren den 20. Jahrhunderts. Sein bekanntester Roman "Lady Chatterley's Lover" (1928) war eines der ersten ernstzunehmenden Werke der Weltliteratur, das Sexualität detailliert darstellte. Im oben erwähnten Aufsatz betont Alfred Andris, dass zwar auch in anderen Werken von Lawrence homosexuelle Andeutungen vorkommen, jedoch nie so deutlich wie in "Liebende Frauen". Ergänzend zu den Hinweisen auf weitere Werke Lawrences bei Andris lässt sich noch die Novelle "The Fox" (1922) über ein Frauenpaar benennen. Diese Novelle wurde 1967 verfilmt; der gleichnamige Film findet auch in der Dokumentation "The Celluloid Closet – Gefangen in der Traumfabrik" (1994, 56:20-56:50, 58:40 Min.) eine kurze Erwähnung.

Bei "Liebende Frauen" führte Ken Russell (1927-2011) die Regie, der in der schwulen Filmgeschichte seinen festen Platz hat: Neben "Liebende Frauen" (1969) drehte er die beiden Künstlerbiografien "Tschaikowsky – Genie und Wahnsinn" (1971) und "Valentino" (1976/1977); später auch die Filme "Salomes letzter Tanz" (1988) und "Der Regenbogen" (1989, siehe unten).

Hintergründe zum Drehbuchautor und zu zwei Schauspielern

Das Drehbuch von "Liebende Frauen" schrieb der schwule US-Autor, Dramatiker und schwule Aktivist Larry Kramer (*1935), der für dieses Drehbuch mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde. Kramer ist vor allem als Drehbuch-Autor von "The Normal Heart" (2014) bekannt, das auf seinem eigenen gleichnamigen Theaterstück (1985) basiert. Er schrieb zudem das Buch "Faggots" (1978), das als "Schwuchteln" (2011) auch in Deutschland erschien. Rosa von Praunheim interviewte ihn in seinem Film "Positiv" (Aids-Trilogie, 1990). In der IMDB ist unter "Trivia" vermerkt, dass Russell Kramers Drehbuch wegen der Abweichungen vom Roman grundlegend umgeschrieben habe.

Die Schauspielerin Glenda Jackson (*1935, im Film "Gudrun") spielte in mehreren Filmen von Ken Russell wie "Salomes letzter Tanz" und "Der Regenbogen" (s. unten) mit. Weiterhin sind ihre schauspielerischen Leistungen als Alex in dem schwulen Film "Sunday, Bloody Sunday" (1971) und als die lesbische Solange in "Die Zofen" (1975) zu erwähnen. Kleiner fun fact am Rande: In "Liebende Frauen" tut sie in einer kurzen spielerischen Szene so, als wäre sie Antonina Milyukova, die Frau des schwulen Komponisten Tschaikowsky. Zwei Jahre später verkörperte sie in Russells "Tschaikowsky – Genie und Wahnsinn" (1971) tatsächlich diese Ehefrau.

Dem Schauspieler Alan Bates (1934-2003, im Film "Rupert") werden in Biografien zahlreiche schwule Beziehungen nachgesagt. Er bestritt, homosexuell zu sein, übernahm jedoch mehrere homo- und bisexuelle Filmrollen. Neben Rupert in "Liebende Frauen" gehörte dazu auch die Rollen von Frank in "We Think the World of You" (1988) und des Englischlehrers Ben Butley in "Butley" (1974). In "Nijinski" (1980) verkörperte er Sergei Diaghilev und im Theaterstück "John Osborne's A Patriot For Me" den aufgrund seiner Homosexualität erpressten Alfred Redl.

Das lesbische Pendant: "Der Regenbogen" als Buch

D. H. Lawrence teilte 1914 das Manuskript, an dem er gerade arbeitete, in zwei Teile auf, die er anschließend unter den Titeln "Der Regenbogen" (Originaltitel: "The Rainbow", 1915, dt. 1922) und "Liebende Frauen" (1920, dt. 1927) separat publizierte, womit "Liebende Frauen" inhaltlich zur Fortsetzung von "Der Regenbogen" wurde.

Eine ausführliche Nebenhandlung im Roman "Der Regenbogen" im Kapitel "Scham" handelt von der lesbischen Beziehung der Schülerin Ursula zu ihrer Lehrerin Winifred Inger. Ursula erkennt "das Vorhandensein einer merkwürdigen Übereinstimmung" mit ihrer 28-jährigen Klassenlehrerin. Zwischen ihnen keimt "dies seltsame Einverständnis und dann jene wortlose Vertraulichkeit empor". Im Hallenbad hätte sie ihre Lehrerin "zu gern berührt, sie angefaßt, sie gefühlt". Nach einem Wettschwimmen fasst die Lehrerin Ursula "um die Hüfte, so daß sie sie einen Augenblick an sich preßte", und für Ursula erscheint es damit so, als hätten "sie sich ihre Liebe schweigend eingestanden".

Die Lehrerin lädt Ursula am Wochenende sogar in ihre kleine Hütte ein und überredet sie zum Nacktbaden. Als "sie ans Wasser kamen, schlang sie die Arme um sie und küßte sie. […] Ganz still lag Ursula in ihrer Lehrerin Armen, ihre Stirn an die geliebte, sie so wahnsinnig machende Brust gepreßt. […] Sie wünschte mit ihrer Lehrerin zusammen zu sein." Danach werden sie "sehr vertraut miteinander", und ihre Leben scheinen "völlig zu verschmelzen". Als Ursulas Schulzeit zu Ende geht, zieht Inger jedoch nach London – Ursula geht nicht mit. Das Buch wurde zensiert, was – nach der "Encyclopædia Britannica" – an dieser lesbischen Episode lag.

"Der Regenbogen" als Film

Ken Russell verfilmte auch diesen Roman von Lawrence und zeigte in seiner Version von "Der Regenbogen" (1989) die lesbische Beziehung in mehreren Szenen. Die Szene im Hallenbad und beim Nacktschwimmen orientiert sich recht genau am Roman. Zusätzlich enthält der Film zwei zärtliche bzw. erotische lesbische Szenen: eine Massage vor dem offenen Kaminfeuer und eine Szene im Bett.


Lesbische Liebe vor einem romantischen Kaminfeuer

Bei einem Vergleich zwischen Russells "Der Regenbogen" und "Liebende Frauen" kann man vor allem Gemeinsamkeiten erkennen. Gemeinsam ist beiden Filmen, dass die Homosexualität bei eigentlich heterosexuellen ProtagonistInnen verdeutlicht wird. In der Form der jeweiligen Inszenierung sind die Massage bzw. das Ringen der nackten ProtagonistInnen deutlich erkennbare Substitutionen homosexueller Handlungen. Das romantische Kaminfeuer im Film von 1989 kann als Referenz auf das Kaminfeuer im Film von 1969 angesehen werden.

Ein Vergleich mit dem Film "Women in Love – Liebende Frauen" (2011)

Die BBC ließ mit der 180-Minuten-Mini-Serie "Liebende Frauen – Women in Love" (2011) die beiden Romane "The Rainbow" und "Women in Love" verfilmen. Die Szene, in der Rupert seinem Freund Gerald ein Messer für die Blutsbrüderschaft reicht, ist noch recht nah am Roman. Die lesbische Affäre fehlt und der Rest wurde einfach dazugedichtet – und noch nicht einmal besonders gut. Während Rupert im Roman eine starke Persönlichkeit ist und sich zusätzlich zur Ehe eine gleichwertige Männerfreundschaft wünscht, wirkt er in diesem Film vor allem schwach und verzweifelt. Als er mit einem Soldaten etwas Sexuelles anfangen möchte, wird er verprügelt und ist kurz danach als reuiger Sünder in der Kirche zu sehen. Als er versucht, Ursula zu erklären, warum er gerne mit ihr schlafen möchte, obwohl er sie nicht liebt, fängt er an zu weinen. Er wirkt glücklich, als er später mit ihr Sex hat.

Auf die Wrestling-Szene mit Rupert mit seinem Freund wollte man offenbar nicht verzichten. Ausgangspunkt ist hier jedoch nicht Ruperts Wunsch nach körperlicher Nähe, sondern Geralds Aggressivität im Rahmen eines Streites.


Aus einem schwulen Wunsch nach Nähe im Roman wird in diesem Film heterosexuelle Aggression

In einer Rezension in der Internet Movie Database (2011) werden diese Veränderungen gelobt. Für den Rezensenten ist es plausibler, dass die berühmte Ringkampfszene weniger erotisch angelegt ist. Die eigentlich erwartbare Schlussszene des Films – die Diskussion über "Perversität" – fehlt und wird vom IMDB-Rezensenten als überflüssig angesehen ("This has already been portrayed and would be superfluous").

Das Besondere an diesem Film

Mit unverschämt viel nackter Haut und entblößten Genitalien stellt "Liebende Frauen" von 1969 bis heute etwas Besonderes dar. Die Szene mit dem "Wrestling" ist so bekannt, dass sie die Ausgangsgeschichte der zwei jungen Schwestern und ihrer Liebhaber schon fast überdeckt. Das Ausmaß, in dem der Film von Sittenwächtern und Moralaposteln kritisiert wurde, zeigt auch gut die Grenze dessen auf, was im Mainstream-Kino offenbar möglich war. Ähnliches gilt wohl auch für den Roman, der Homoerotik noch dezenter formulierte.

Ich finde es spannend, dass "Liebende Frauen" – genauso wie "Der Regenbogen" – deutliche Nacktszenen beinhaltet und dabei erfrischend offen verschiedene Formen von Sexualität behandelt. Meinen tiefen Respekt haben Russells Filme und Lawrence Bücher aber vor allem deshalb, weil hier gleichermaßen authentisch und anspruchsvoll über sexuelle und emotionale Wünsche reflektiert wird.

Dabei behandelt der Film nicht nur das zeitlos wirkende Spannungsfeld von romantischer Liebe und sexueller Begierde. Er ist sozusagen doppelt spannend – sowohl wegen der Zeit, in der die Handlung spielt, als auch wegen der Zeit, in der der Film entstand. In den Zwanzigerjahren begann eine freiere Epoche, die das Viktorianische Zeitalter (England) bzw. die Wilhelminische Kaiserzeit (in Deutschland) hinter sich ließ. Ende der Sechzigerjahre begann die sexuelle Revolution, die den moralischen Mief der Fünfzigerjahre hinter sich ließ.

Zwischen beiden Epochen stellt der Film eine Brücke dar. Gerade für Schwule und Lesben hatten beide Epochen eine elementare Bedeutung, denn schließlich führte der Anspruch auf individuelle Lebensgestaltung zu starken Brüchen mit den bisherigen traditionellen heterosexuellen Geschlechterrollen. Wenn in Deutschland von der ersten und zweiten Homosexuellenbewegung geredet wird, kennzeichnet das diese beiden Epochen. Darin wird die Rebellion gegen die Konventionen der jeweiligen Zeit besonders deutlich.

Für Ken Russell bedeutete "Liebende Frauen" seinen großen Durchbruch. Dass er wegen dieser anspruchsvollen Literaturverfilmung das Etikett eines unverbesserlichen Skandalfilmers und notorischen Provokateurs bekam, hat ihm bestimmt nicht geschadet. Russell starb 2011 im Alter von 84 Jahren. Im Nachruf der "Süddeutschen Zeitung" wird "Liebende Frauen" als sein wichtigster Film bezeichnet.



#1 lindener1966Profil
  • 13.11.2019, 23:54hHannover
  • "Is this the BRUDERSCHAFT you wanted?"
    "Perhaps. Do you think it pledges anything?"
    "I don´t know," laughed Gerald.
    "At any rate, one feels freer an more open now -- and that is what we want." (273)

    Interessant, dass Lawrence für "das", was die beiden verbindet, ein deutsches Wort verwendet
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