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Kampf für Sexualreform

Die Mutti der ersten deutschen Schwulenbewegung

Heute vor 150 Jahren, am 13. November 1869, wurde Helene Stöcker geboren. Als eine von wenigen Frauen – und mutmaßliche Hetera! – engagierte sie sich in der von Männern dominierten Homosexuellenbewegung.


Frauenrechtlerin, Sexualreformerin, Pazifistin und Publizistin: Helene Stöcker starb 1943 im Alter vom 73 Jahren im Exil in New York (Bild: Helene-Lange-Archiv)
  • Von Erwin In het Panhuis
    13. November 2019, 14:42h, 1 Kommentar

Helene Stöcker (1869-1943) war eine deutsche Frauenrechtlerin, Sexualreformerin, Pazifistin und Publizistin. Mit ihrer Dissertation über Johann Joachim Winckelmann gehörte sie zu den ersten promovierten Frauen Deutschlands. In jungen Jahren gehörte sie zum linken bzw. radikalen Flügel der Frauenbewegung und setzte sich hier vor allem für unverheiratete Mütter und ihre Kinder ein. Später engagierte sie sich in der Sexualreformbewegung und nach dem Ersten Weltkrieg in der pazifistischen Bewegung.

Die offenbar heterosexuelle Helene Stöcker fand den ersten Kontakt zur noch jungen und von Männern dominierten Homosexuellenbewegung rund um das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) vermutlich bei einem Treffen am 8. Oktober 1904, auf dem "Anna Rüling" (eigentlich: Theodora Anna Sprüngli) ihre inzwischen bekannte Rede hielt: "Welches Interesse hat die Frauenbewegung an der Lösung des homosexuellen Problems?"

Als 1909 die Strafbarkeit von Homosexualität auch auf Frauen ausgedehnt werden sollte, begann – vor allem ab 1911 – eine enge Zusammenarbeit zwischen Helene Stöcker und Magnus Hirschfeld – bzw. zwischen Hirschfelds WhK und Stöckers "Bund für Mutterschutz" (BfM). Dabei setzte sich Stöcker in Vorträgen und Publikationen für die Legalisierung von Homosexualität ein. Mitte Mai 1912 wurde Stöcker auf einer Versammlung des WhK sogar in den Kreis der "Obmänner" – einen erweiterten Vorstand – gewählt. An diesem Tag wurde auch der Homosexuellenaktivist Kurt Hiller in dieses Amt gewählt, der Helene Stöcker seit 1908 freundschaftlich verbunden war.

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"Mutterschutz" und "Die Neue Generation"


Helene Stöcker um 1900 (Bild: Unbekannt / wikipedia)

1905 gründete Stöcker den "Bund für Mutterschutz", dessen Publikationsorgan die Zeitschrift "Mutterschutz. Zeitschrift für Reform der sexuellen Ethik" (1905-1907) bzw. "Die neue Generation" (1908-1932) war. Weil Helene Stöcker während der gesamten Zeit die Herausgeberin dieser Zeitschrift war, können auch die Beiträge anderer Autoren über Homosexualität mit ihr in Verbindung gebracht werden.

Schon den ersten Jahrgängen merkt man die Nähe zu Magnus Hirschfeld an. In einer Rezension über Edward Carpenters Buch "Das Mittelgeschlecht" wird dieser Begriff mit Hirschfelds "sexuellen Zwischenstufen" verglichen (3. Jg., S. 405). Rezensionen des "Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen" (3. Jg., S. 217-218) und von Hirschfelds Buch "Die Transvestiten" (6. Jg., S. 369-371) sind wohlwollend und kritisch, während ein Hinweis auf die "Vierteljahrsberichte des WhK" (7. Jg., S. 554) schon wie eine unverhohlene Werbung für das WhK wirkt.

Später schrieb Hirschfeld selbst für diese Zeitschrift – allerdings zu nicht explizit homosexuellen Themen, sondern über "Die Vergeistigung des Geschlechtstriebs" (7. Jg., S. 411-421) und über "Sexualwissenschaft als Grundlage der Sexualreform" (8. Jg., S. 115-126). Kurt Hiller, wie erwähnt mit Stöcker freundschaftlich verbunden, rezensierte in ihrer Zeitschrift das Buch "Armee und Homosexualität" von Karl Franz von Leexow (7. Jg., 1911, S. 199-200).

"Die beabsichtigte Ausdehnung des § 175 auf die Frau"

Helene Stöcker schrieb in "Die neue Generation" wohl drei Beiträge über Homosexualität. Dazu gehören die Artikel "Der Prozess Eulenburg" (4/1908, S. 285-288) und "Abarten der Liebe" (10/1914, S. 375-387). Als ihr wichtigster Beitrag über Homosexualität wird ihr Aufsatz "Die beabsichtigte Ausdehnung des § 175 auf die Frau" (7/1911, S. 110-122) angesehen. Er wurde nicht nur in Ilse Kokulas Buch "Weibliche Homosexualität um 1900 in zeitgenössischen Dokumenten" (1981, S. 267-278) nachgedruckt, sondern wird auch von der Uni Hamburg (als Kopie des Originalsatzes) und vom "Feministischen Dokumentationszentrum" in Köln (als neu gesetzter Text ohne Fußnoten) online angeboten.

In diesem Text bringt Stöcker vieles gut auf den Punkt. Der "unselige § 175", "der schon so unsäglich viel Unglück und Herzeleid" verursacht habe, wird in der aktuellen und in der geplanten neuen Fassung kritisiert, auch weil er "eine neue Waffe zu Erpressungen und Willkür" sei. Stöcker kämpft auch deutlich gegen die Doppelmoral, die an Frauen und Männer unterschiedliche Erwartungen stellt. Emanzipatorisch geschickt und strategisch klug geht sie auf zwei mittelalterliche "Phantasiedelikte" ein, Hexerei und das "Verbrechen wider die Natur", und stellt damit den neuen Gesetzesentwurf als "erneuten Rückfall in mittelalterliche Unkultur" dar. Nicht Homosexuelle sollten als "pervers" oder "verkehrt" empfunden werden, sondern "die Einmischung Dritter oder des Staates in das Privatleben" des Bürgers.

Andere Äußerungen von ihr sind auch dann kritisch zu hinterfragen, wenn sie Ausdruck einer politischen Strategie sein sollten. Sie betont, dass eine strafrechtliche Verfolgung auch heterosexuelle Frauen treffen könne, was vielleicht dazu diente, möglichst viele politische MitstreiterInnen zu gewinnen. Vermutlich aus diesem Grund wertet sie Homosexualität gezielt ab: "Es ist selbstverständlich […], daß uns die normale Liebe, die Liebe zwischen Mann und Frau […] als das Höchste und Erstrebenswerteste erscheint." Sie nennt Homosexualität eine "Geschmacksverirrung, falls man es so bezeichnen will".

Für Stöcker ist weibliche Homosexualität erworben – durch schlechte Erfahrungen mit Männern, denn wenn ein Mann seiner Frau neben der "physischen Befriedigung" auch die "Herzenswärme" versage, "ist vielleicht mit ein Anlaß gegeben, daß die Frau […] ihre Befriedigung in einer innigen Freundschaft mit andern Frauen sucht". Bei "einsamen Frauen" könne dies ein "Surrogat für die Liebe" sein. "Wer selber glücklicher, d. h. normaler, veranlagt ist, soll sich seiner glücklicheren Anlage freuen", aber er solle "die weniger 'normal', weniger 'glücklich' Veranlagten […] in ihrer Art unverletzt" lassen.

Im Schlusssatz versucht sie zwischen Feminismus und homosexueller Emanzipation eine Brücke zu schlagen: Wenn der Staat die Lebensbedingungen von Frauen verbessere, "kämpft er einen besseren, erfolgreicheren Kampf gegen die ihm unsympathische gleichgeschlechtliche Liebe […] als durch die Ausdehnung des § 175 auf die Frau".


Helene Stöcker um 1927

Helene Stöcker und das WhK

Für die Verbindung Helene Stöckers zur frühen Homosexuellenbewegung rund um Magnus Hirschfeld und das WhK bietet sich als Quelle das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (JfsZ) an. Hier sind Hinweise auf mehrere Vorträge Stöckers zu finden. In einer Zeit ohne Radio und Fernsehen hatten solche Vorträge eine wesentlich größere Bedeutung als heute.

In zwei Vorträgen am 10. und 23. Februar 1911 äußerte sie sich über die geplante Ausdehnung der Strafbarkeit von Homosexualität auf Frauen. Die Versammlung verabschiedete zudem eine Resolution gegen diesen "schwerwiegenden Mißgriff", weil dieser "nicht eine Ungleichheit beseitigt, sondern eine Ungerechtigkeit verdoppelt". Das WhK betonte, dass dies die "erste öffentliche Protestkundgebung einer größeren Frauenorganisation" gegen das strafrechtliche Verbot von Homosexualität sei und dass sich der "Bund für Mutterschutz" hier "unstreitig ein Verdienst erworben" habe, das Thema auch in anderen Frauenvereinen in die Diskussion zu bringen (11. Jg., S. 254-257).

Einige Jahre später wurde auch der Vortrag von Helene Stöcker "Freundschaftskult in der Romantik" vom 20. Februar 1914 als eine Veranstaltung des WhK bezeichnet (14. Jg., S. 121, 372). Zwei Aufsätze von Helene Stöcker in der "Neuen Generation" – "Die beabsichtigte Ausdehnung des § 175 …" (12. Jg., S. 5-8) und "Abarten der Liebe" (17. Jg., S. 95-96) – werden erwähnt und zitiert. Ihr Vortrag "Zu Dr. Magnus Hirschfelds 50. Geburtstag" wird sogar vollständig abgedruckt (18. Jg., S. 44-47).

Zu Beginn der Weimarer Republik zeigte sich die Homosexuellenbewegung auch international vernetzt. Als Stöcker auf der "Internationalen Tagung für Sexualreform" am 16. September 1921 einen Vortrag über "Erotik und Altruismus" hielt (21. Jg., S. 178, 181), ähnelte er inhaltlich vermutlich ihrer gleichnamigen Publikation, die einige Jahre später erschien. Erst ab 1920 wurde Stöcker als Petitionsunterzeichnerin für die Abschaffung des § 175 RStGB genannt (20. Jg., S. 115; 23. Jg., S. 232). Im "Institut für Sexualwissenschaft" (1919 von Hirschfeld gegründet) hingen im Treppenhaus und in den einzelnen Räumen 412 Wandbilder bzw. Fotografien, darunter eine Fotografie von Helene Stöcker mit ihrer Unterschrift (20. Jg., S. 68). Auch dieses Bild brachte eine Unterstützung zum Ausdruck.

Stöckers weitere Schriften über Homosexualität


Stöckers Schrift "Erotik und Altruismus" (1924) über Homosexualität und Eugenik

Schon ihre erste Publikation kann vorsichtig im homosexuellen Kontext genannt werden: In ihrer Dissertation "Zur Kunstanschauung des 18. Jahrhunderts: Von Winckelmann bis zu Wackenroder" (1902/1904) wird deutlich, dass sie einige (im homosexuellen Kontext relevante) Schriften wie Friedrich Wilhelm Basilius von Ramdohrs "Venus Urania" (1798, S. 21) und Wilhelm Heinses "Ardinghello" (1786, S. 23) zumindest kannte. Man kann davon ausgehen, dass sie im Rahmen ihrer Beschäftigung mit Johann Joachim Winckelmann, "dessen ganzes Lebenswerk ein einziger großer Hymnus auf die […] Antike ist" (S. 28), auch von dessen Homosexualität erfahren hat. Andere Publikationen, mit denen sich Helene Stöcker in die öffentliche Diskussion über Homosexualität einbrachte, sind verstreut zu finden, wie ihr Aufsatz "Homosexualität und Geschlechtsbewertung" in "Geschlecht und Gesellschaft" (Heft 9/1914, S. 273-284).

Eine spätere Schrift, die im homosexuellen Kontext noch manchmal zitiert wird, ist "Erotik und Altruismus" (1924), worin sie sich u. a. mit Hans Blühers Schrift "Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft" und mit männlicher Prostitution auseinandersetzt (S. 29-31).

In dem Roman "Vögelchen" von Friderike Marie von Winternitz (bzw. Friderike Maria Zweig) sieht sie offensichtlich einen lesbischen Roman, weil hier eine Frau nach schlechten Erfahrungen mit Männern glaubt, bei einer Freundin die "seelischen Seiten der Erotik tiefer erleben und genießen zu können" (S. 45-47). In diesem Buch wird auch deutlich, dass Helene Stöcker Eugenik befürwortete (die sie an anderer Stelle als eine "Hebung der Rasse" positiv hervorhebt) und dass sie diese Einstellung auch auf Homosexualität überträgt. Sie verweist auf den Physiologen Prof. Eugen Steinach aus Wien und seine "erfolgreichen Operationen" mit denen "die anormalen Empfindungen der Homosexualität beseitigt" werden sollten (S. 68). Eine solche Einstellung wurden von großen Teilen der früheren Sexualreformbewegung, einschließlich Magnus Hirschfeld, geteilt – was an dieser Stelle als Erklärung und nicht als Rechtfertigung gemeint ist.

Publikationen von Ilse Kokula

Schon seit Anfang der 1980er-Jahre hat Ilse Kokula in der "UKZ. Unsere kleine Zeitung von und für Lesben" (1982, Heft 2; 1994, Heft 6) zwei kleinere Aufsätze über Stöcker publiziert. In ihrem Aufsatz "Der linke Flügel der Frauenbewegung als Plattform des Befreiungskampfes homosexueller Frauen und Männer" in dem Buch "Geschichtsdidaktik" (1986, S. 46-64) beschäftigt sie sich ausführlich mit Stöckers Leben und Werk.

In weiten Teilen sehr ähnlich ist ihr kurz zuvor erschienener und mittlerweile online verfügbarer Aufsatz "Helene Stöcker, der Bund für Mutterschutz und die Sexualreformbewegung mit besonderer Berücksichtigung des Emanzipationskampfes homosexueller Frauen und Männer" in den "Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft" (Nr. 6, August 1985, S. 5-24). Hier wird Helene Stöcker als wichtige Person der ersten deutschen Frauenbewegung porträtiert, die die Konzeption einer "Neuen Ethik" entwickelte, wonach nicht die Ehe, sondern die Liebe den Sex legitimiere. Dies bildete "auch für ihre Zusammenarbeit mit den homosexuellen Männern" den Rahmen und führte sicher dazu, dass sie "für die Aufhebung der Diskriminierung und Kriminalisierung der Homosexualität eintrat".

Stöcker blieb die einzige führende Frauenrechtlerin, die so eng mit Männern zusammenarbeitete. Der "Bund für Mutterschutz" (BfM) – als wichtiges Bindeglied zwischen Frauenbewegung und Sexualreform – spielte eine "bedeutende Rolle" im Kampf um die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität. Stöcker war mit Hirschfeld darüber hinaus auch im Rahmen ihres pazifistischen Engagements verbunden, und auch die Gründung des "Instituts für Sexualwissenschaft" (1919) wird mit Stöcker in Verbindung gebracht.

Kokula geht auch auf die "1. Internationale Tagung für Sexualreform" 1921 ein, wo Hirschfeld über "Sexualwissenschaft und Sexualreform" und Stöcker über "Erotik und Altruismus" sprach (also Reden, die in publizierter Form online verfügbar sind). Das Miteinander von Homosexuellen- und Frauenbewegung beschreibt Kokula als guten und konstruktiven Austausch. Das WhK trat 1911 dem "Internationalen Kongreß für Mutterschutz und Sexualreform" bei. 1927 war es umgekehrt: Der "Bund für Mutterschutz" trat der "Weltliga für Sexualreform" bei. Eine vergleichbar gute Zusammenarbeit verband Stöcker auch mit dem Homosexuellenaktivisten Kurt Hiller, der in Stöckers "Die neue Generation" schrieb, während Stöcker in Hillers "Ziel"-Jahrbüchern publizierte.

Publikation von Heide Schlüpmann

Erwähnen möchte ich auch Heide Schlüpmanns Aufsatz "Homosexualität in der Zeitschrift 'Die neue Generation'" in der Publikation "Feministische Studien" (1989, S. 124-130). In sehr guter Form stellt sie den Inhalt von "Die neue Generation" in den zeitgenössischen Kontext und betont dabei, dass gerade in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sich Lesben nur sehr zurückhaltend an der öffentlichen Diskussion über Homosexualität beteiligten. Zu Recht betont sie, dass die "Ansätze zu einem feministischen Standpunkt in der Homosexualitätsfrage […] in der 'Neuen Generation' nicht sehr entwickelt [sind], aber sie sind vielleicht doch die avanciertesten, die es zu dieser Zeit in Deutschland gab".

Für die Freundschaft zwischen Helene Stöcker und Kurt Hiller bietet Schlüpmann eine gute Erklärung. In seiner strafrechtsphilosophischen Dissertation "Das Recht über sich selbst" hatte sich Hiller mit Homosexualität, Freitod und Abtreibung beschäftigt. Seine Arbeit erfüllte damit eine wichtige Brückenfunktion zwischen männlichen Homosexuellen und Frauen, da beiden Gruppen damals verwehrt wurde, über ihren Körper zu bestimmen. (Darüber hinaus war sie mit ihm – wie auch mit Hirschfeld – über die pazifistische Bewegung verbunden).

In einigen Punkten möchte ich der Autorin jedoch auch widersprechen: Zum oben genannten Aufsatz Stöckers "Die beabsichtigte Ausdehnung des § 175 …" schreibt Schlüpmann: "Es geht in diesem Artikel nicht darum, die lesbische Liebe aus dem gestörten Verhältnis der Geschlechter zu erklären" (S. 127), während ich genau das herauslese. Trotz der vielfältigen Kooperationen zwischen Homosexuellen- und Frauenbewegung teile ich auch nicht die Annahme der Autorin, dass "Die neue Generation" – wenn auch nur zum kleinen Teil – "zum Organ der Homosexuellenbewegung" wurde (S. 124). Schlüpmann hebt positiv hervor, dass Stöcker die Veranlagungstheorie (z. B. von Hirschfeld) in Frage gestellt habe (S. 128), wobei ich mich frage, was positiv daran sein soll, als Ursache weiblicher Homosexualität schlechte Erfahrungen mit Männern anzunehmen.

Was bleibt

Die Bedeutung von Helene Stöcker lässt sich ansatzweise auch an der Menge der Sekundärliteratur erkennen, der heute verfügbar ist. Mittlerweile gibt es mindestens sechs Autor*innen, die sich in eigenen Werken ausschließlich mit Stöckers Leben und Werk beschäftigen, wobei Christl Wickert mit "Helene Stöcker 1869-1943. Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin. Eine Biographie" (1991) als Standardwerk eine besondere Beachtung verdient. Es mangelt hier nicht an Literatur, und so bietet der Frauenmediaturm zu Helene Stöcker eine Literaturliste mit 98 Titeln an.

Eine Auseinandersetzung mit Helene Stöcker lohnt sich gerade deshalb, weil Frauen in der frühen Homosexuellenbewegung so stark unterrepräsentiert sind. Allenfalls Johanna Elberskirchen und "Anna Rüling" (Theodora Anna Sprüngli) waren hier von ähnlicher Bedeutung. In ihrem "taz"-Artikel "Mannweiber unerwünscht" (1997) kritisiert die Autorin Constanze von Bullion an der großen "Goodbye to Berlin"-Ausstellung über die Geschichte der Homosexuellenbewegung, dort sei nur kurz angemerkt worden, dass in Hirschfelds Komitee "die Frauen eine einflußlose Minderheit blieben". Statt diesen Umstand einfach nur zu kritisieren, "hätte man untersuchen können, warum das so war. Hätte man die uralten Querelen zwischen Schwulen und Lesben thematisieren können, das Mißtrauen gegen frauenfeindliche Männerbünde und männerfeindliche Emanzen. Mitten in der Gegenwart wäre man damit gelandet."

Ein Beklagen der fehlenden Präsenz von Frauen bzw. Lesben in der frühen Bewegung, ohne nach den Hintergründen zu fragen, findet sich in ähnlicher Form auch in der Sekundärliteratur zu Stöcker wider. Warum waren nicht Lesben, wie eigentlich man annehmen könnte, sondern ausgerechnet die vermutlich heterosexuelle Helene Stöcker hier so engagiert?


Eine Gedenktafel für Helene Stöcker in Berlin (Bild: OTFW, Berlin / wikipedia)

Auch in anderer Hinsicht kommt mir die oben genannte Sekundärliteratur manchmal zu glatt vor. Ich halte es für falsch, Helene Stöcker auf ein Podest zu stellen, statt ein authentisches Bild von ihr zu zeichnen. Aus diesem Grund gefällt mir der Aufsatz von Sabine Hark "Welches Interesse hat die Frauenbewegung an der Lösung des homosexuellen Problems?" in der Zeitschrift "Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis" (1989, Heft 25/26; Schwerpunktheft "Lesben", S. 19-27) so gut. Statt Widersprüche zu verdrängen, versucht Hark sie herauszuarbeiten: "In der Person und Politik Helene Stöckers zeigt sich diese Ambivalenz besonders deutlich. Sie, die am vehementesten von allen Frauen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung für die Frau fordert, sich für die Straffreiheit einsetzt, staatliche Eingriffe bei der 'gleichgeschlechtlichen Partnerwahl' ablehnt und mit den Männern der homosexuellen Emanzipation eng zusammenarbeitet, spricht zugleich von den "anormalen Empfindungen' der Homosexualität" (S. 24, s. a. 23, 26).

Ambivalenzen herauszuarbeiten, ist vor allem in Bezug auf Eugenik nötig, die Helene Stöcker – wie auch Magnus Hirschfeld – zumindest zeitweise befürwortete. Gerade bei ausführlichen Lebensbeschreibungen sollte dieser Hintergrund zwar nicht überbetont, aber auch nicht verschwiegen werden. Bei beiden Aktivist*innen bildet die Eugenik eine Art Achillesferse und macht sie angreifbar. Es lässt sich jedoch recht schnell erkennen, ob heutige Autoren über historische Hintergründe aufklären oder – wie im Online-Artikel "Hirschfeld, Stöcker und die Rassenhygiene" (2000) – nur diskreditieren möchten.

Aber auch bzw. gerade wegen ihren Brüchen und scheinbaren Widersprüchen ist Helene Stöcker für mich eine spannende Persönlichkeit, wenn ich auch nicht alle ihre Meinungen teile. Als Frauenrechtlerin hat sie vieles bewegt und erreicht – ohne sich dabei unnötig zu verbiegen. Als Hedwig Richter in der "FAZ" unter dem Titel "Geistig sei die große Liebe und gut der Sex" (2016) an die große Frauenrechtlerin erinnerte, schrieb sie am Ende ihres Artikels, dass Stöcker nicht habe ahnen können, "dass ein Großteil ihrer Ideen zuletzt obsiegen würde".

Helene Stöcker verband mit Magnus Hirschfeld und Kurt Hiller nicht nur ein erfolgreiches Engagement für die Homosexuellenbewegung und Sexualreform. Leider teilten sie auch eine vergleichbare Geschichte der Verfolgung. Auch Stöcker musste vor den Nazis fliehen und starb 1943 in den USA im Exil.



#1 Carsten ACAnonym
  • 13.11.2019, 15:18h
  • Es gab und gibt immer mutige Menschen, die nicht selbst von etwas betroffen sind, sich aber dennoch solidarisieren.

    Das sind die Menschen, die in die Geschichte eingehen und die zu genauso Helden sind, wie die Betroffenen, die für ihre Rechte kämpfen.

    Das sind die Menschen, die wirklich etwas verändern, auch wenn sie selbst es oft nicht mehr mitbekommen.

    Danke dieser wunderbaren Heldin...

    Sie wird niemals vergessen werden und ihr Andenken wird immer in Ehren gehalten werden.
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