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Erinnerungskultur

Krefeld: Zwei neue Stolpersteine erinnern an schwule Nazi-Opfer

Gunter Demnig, der 1992 das Stolpersteine-Projekt ins Leben gerufen hatte, verlegte persönlich zwei Steine, die an schwule Männer erinnern.


Künstler Gunter Demnig mit den beiden Stolpersteinen für Carl Becker und August Kaiser (Bild: Jürgen Wenke)

In der niederrheinischen Großstadt Krefeld erinnern seit Donnerstag zwei Stolpersteine an schwule Männer, die von den Nationalsozialisten wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt worden waren. Der Kölner Künstler und Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig kam für das Projekt eigens nach Krefeld.

Dabei verlegte Demnig insgesamt neun Steine, davon zwei für schwule Opfer des nationalsozialistischen Unrechtsregimes – in der Dreikönigenstraße 29 (Krefeld-Mitte) einen für Carl Becker und in der Schützenstraße 17 (Krefeld-Uerdingen) einen für August Kaiser. Beide Steine wurde vor den Wohnungen eingelegt, in denen die beiden Männer vor der Verfolgung gelebt hatten.


Carl Becker wurde 1943 ins KZ Dachau deportiert

Carl Becker war 13. Februar 1885 in Duisburg-Neumühl geboren worden. Er heiratete eine Frau, die 1922 einen Sohn auf die Welt brachte. 1938 wurde er wegen homosexueller Kontakte zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Danach hatten ihn die Nazis auf dem Kiecker: Im August 1940 wurde er von einem Hausbewohner wegen Nichtzeigens des Hitlergrußes denunziert. Ab April 1941 war er in Untersuchungshaft wegen "widernatürlicher Unzucht", im November 1941 kam die zweite Verurteilung – dieses Mal zu 18 Monaten Zuchthaus. Nach der Haftverbüßung wurde er im Mai 1943 von der Gestapo in sogenannte Vorbeugehaft genommen.

Im Juli 1943 erfolgte die Deportation in das Konzentrationslager Dachau (Häftling Nr. 49907). Er wurde dann zur Zwangsarbeit für die kriegswichtige Luftwaffenproduktion abkommandiert. Im April 1945 erlebte er die Befreiung des KZs durch die amerikanische Armee. Er lebte noch bis Ende 1946 auf dem KZ-Gelände, danach zog er mit seiner Ehefrau in ein Wohnhaus in Dachau. Die Ehefrau starb im November 1947, Becker lebte bis zu seinem Tod im September 1953 in Dachau. Der gemeinsame Sohn Karl-Heinz Becker war Soldat im zweiten Weltkrieg geworden, er wurde im Januar 1944 im Raum Newel vermisst und im Jahr 1954 durch das Amtsgericht Krefeld für tot erklärt.

August Kaiser wurde am 7. Februar 1889 in Dülken bei Mönchengladbach geboren. Der Ingenieur wurde am 20. November 1941 durch die Kölner Polizei verhaftet. Der Vorwurf lautete auf "widernatürlich Unzucht". Am 8. Mai 1942 erfolgte die Verurteilung durch das Landgericht Krefeld wegen homosexueller Kontakte zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus unter Anrechnung von 4 Monaten U-Haft. Rechnerisches Strafende sollte der 8. Juli 1945 sein. Das Gericht ordnete auch die Entmannung (Kastration) an, die am 23. Juni 1942 durchgeführt wurde. Er kam am 27. Juni 1942 ins Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen. Während der Haft starb er am 24. Januar 1944. Die angebliche Todesursache war laut Zuchthauskarteikarte Herzmuskelschwäche. In seiner Sterbeurkunde aus Remscheid wurde ihm eine hochgradige allgemeine Körperschwäche diagnostiziert.


Die Nazi-Akte von August Kaiser, von dem kein Porträtfoto mehr existiert. Darauf ist zu sehen, dass er als "moorunfähig" (sehr krank) eingestuft und seine "Entmannung" angeordnet wurde

Für das Projekt der Stolpersteine wurden in den letzten 27 Jahren mehr als 70.000 Steine in Deutschland um 23 weiteren europäischen Ländern verlegt. Viele der Stolpersteine, die in Erinnerung an Homosexuelle verlegt werden, sind den Recherchen des Aktivisten Jürgen Wenke zu verdanken. (pm/dk)



#1 Jürgen WenkeAnonym
  • 15.11.2019, 16:41h
  • Danke an Queer.de für die Veröffentlichung.

    Vielleicht finden sich Menschen, die weitere Forschungen unterstützen wollen, derzeit finanziere ich die notwendigen Sachausgaben selbst. Die Forschungen mache ich ehrenamtlich auch weiterhin.

    Weitere Infos unter:
    www.stolpersteine-homosexuelle.de
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#2 ErinnerungLebtAnonym
  • 15.11.2019, 20:02h
  • Bin ja Fan von dem Projekt und habe auch die Petition Stolpersteine in München unterstützt, wo sie anscheinend lange nicht gewollt wurden.

    Der Künstler und seine Helfer haben ein Lebenswerk geschaffen, das Erinnerung lebendig hält und dazu hin Wissen über diese grausame Zeit und ihre Opfer vermittelt, deren Gedenken aus dem Nebel vieler Millionen holt. So über Menschen, Lebensgeschichten zu "stolpern" weckt ein Bewusstsein dafür, oder verstärkt das Vorhandene zu der Sicherheit darin, dass so etwas wie damals nie wieder geschehen darf.

    In den Zeiten heute, wo die blau-braune Brut wieder mit Ignoranz und Arroganz marschiert, wünscht man sich, mehr müssten stolpern, und über die Namen auf den Stolpersteinen nachlesen.
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#3 Patrick SAnonym
  • 16.11.2019, 08:31h
  • Ein großer Mann, der diese großartigen Stolpersteine ins Leben gerufen hat. Es wichtig, dass die Menschen, die Opfer der Nazi-Diktatur wurden, in Erinnerung bleiben. Hier in Frankenthal gibts auch welche, aber bisher erst für jüdische Opfer.
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#4 dellbronx51069Anonym
  • 16.11.2019, 08:36h
  • Grosses Danke an diese Ehrenamtler. Man kann es nicht oft genug sagen!!!
    Gerade in Zeiten des aufkeimenden globalen Rechtsrucks.
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#5 Ralph
  • 18.11.2019, 17:36h
  • Antwort auf #2 von ErinnerungLebt
  • Stolpersteine werden in München weiterhin nicht gewünscht und können dort nur auf Privatgelände gesetzt werden, nicht im öffentlichen Verkehrsraum. Das liegt daran, dass die Gedenkkultur in München weitgehend unter der Deutungshoheit der Frau Charlotte Knobloch steht, die intellektuell nicht fassen kann, was Stolpersteine sind, und sie ablehnt, weil man Gedenken nicht mit Füßen treten dürfe. Inzwischen hat man in München begonnen, an Stelle von Stolpersteinen Stelen zu errichten. Erstaunlicherweise hat Frau Knobloch das misslungene 175er-Denkmal nicht verhindert. Dieses besteht ausschließlich aus Bodenplatten, auf denen die Passanten herumtrampeln, und ist für den unbefangenen Besucher bestenfalls als Kunstwerk im Gehweg erkennbar, aber nicht als Mahnmal für Opfer des Nationalsozialismus - wenn sich der Blick nicht gerade zu dem vor der Hauswand stehenden Schild verirrt. Damit will ich Frau Knobloch keine Homophobie unterstellen (ich weiß, dass dieser Vorwurf falsch wäre), aber seltsam ist dieses Verhalten sowohl der Frau Knobloch wie der Stadt München schon. Überhaupt ist es beklagenswert, wie groß der negative Einfluss einzelner Personen in der Gedenkkultur sein kann. In Kaiserslautern verhinderten zwei Mitglieder der Stolpersteininitiative jahrelang, dass ein schon angefertigter Stolperstein für einen Schwulen gesetzt werden durfte. Erst als eine der beiden die Stadt verlassen hatte, konnte der Widerstand überwunden und inzwischen sogar ein zweiter Stein verlegt werden.
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