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"So, als ob Du schwebtest"

Zwei Untote aus der Schlagerhölle

Eine queere Zeitreise zurück in die Siebzigerjahre: Im Berliner Tipi am Kanzleramt kann man noch bis Anfang Januar Ursli und Toni Pfister als Schlagerduo Cindy & Bert erleben.


Ursli Pfister als Cindy und Toni Pfister als Bert (Bild: Tipi am Kanzleramt)
  • Von Peter Fuchs
    16. November 2019, 07:05h, noch kein Kommentar

In die Mainzer Rheingoldhalle passen bis zu 5.000 Menschen, sie war in den Siebzigerjahren Austragungsstätte großer TV-Shows. Für die neue Revue "So, als ob du schwebtest. Ursli & Toni Pfister als Cindy & Bert" baut Bühnenbildner Stephan Prattes diese Rheingoldhalle kurzerhand in das Berliner Tipi-am-Kanzleramt-Zelt, aber natürlich viel schöner.

Seine riesige, glitzrigsilbrige Showtreppe führt direkt in den Schlagerhimmel. Doch wo es einen Himmel gibt, muss es auch eine Hölle geben. In dieses Schattenreich gewähren Christoph Marti und Tobias Bonn immer wieder kurzen Einblick, wenn sie als Deutschlands bekanntestes Schlager-Ehepaar Cindy und Bert durch einen Schlagerrausch führen. So gefriert dem Publikum bei allem "Immer wieder Sonntags"-Vergnügen zwischendurch auch das Blut in den Adern.

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Willkommen im Gute-Laune-Fernsehen


Akkurate Retro-Kostüme (Bild: Barbara Braun / Tipi am Kanzleramt)

"So, als ob Du schwebtest" ist eine dieser Fernsehshows, bei der sich Samstagabend die ganze Familie vor dem Fernseher versammelt hat. Schlager reiht sich an Schlager, dazwischen launiges Plaudern, das die ganze Gefühlslage zwischen Otto-Katalog, Toast Hawaii und unbekümmertem Chauvinismus à la Peter Frankenfeld heraufbeschwört. Klar hat auch bereits die 68er-Bewegung angeklopft, die wird aber mit aufgesetzt besorgter Miene mit einem oberflächlich sozialkritischen Song "Hallo Herr Nachbar" abgespeist ("Fußballplatz und volle Straßen; tausende Menschen, die rasen einfach drauflos – anstatt nach Jasmin, riecht es nach Benzin, warum sind wir bloß so rücksichtslos?") Ein Höhepunkt der Show! Fein auch, wie der wie immer bestens disponierte Jo Roloff mit seinen fünf Musikern gelegentlich den Disco-Funk aufblitzen lässt. Aber nicht zu viel, sonst fallen dem Käseigel vor dem Fernseher noch die Zahnnstocherstacheln ab.

Die Jo-Roloff-Singers fegen atemlos in origineller Choreographie von Danny Costello durch die Nummernrevue. Zu fünft füllen sie die Bühne wie das gesamte Ensemble des Deutschen Fernsehballetts. Und singen können sie auch! Was für eine Freude, wenn sie in den gefühlt 823 akkuraten Retro-Kostümen von Kostümbildnerin Heike Seidler auch mal Werbehits wie "Strahlerküsse schmecken besser" oder "Nuts hat's" hinreißend interpretieren. Doch im Laufe des Abends brennt sich auch der Schmerz ihres verkrampften Dauerlächelns in das Gedächtnis ein. Das Gute-Laune-Fernsehen tut manchmal ganz schön weh!

Chauvinismus zur Hauptsendezeit

Tobias Bonn spielt als Toni Pfister den Bert mit schwarzer Vokuhila-Frisur und offenbart den eingangs erwähnten Chauvinismus mit seiner unvergleichlichen Jovialität. Als Gundula von den Jo-Roloff-Singers die obligatorische Postkarte mit dem Einsendeschluss eines Gewinnspiels über die Bühne trägt, schaut er ihr hinterher auf den Po und adressiert lobend an das Publikum, dass Gundula so vielseitig sei. Ja, zur Hauptsendezeit. Auch Frauen mussten damals über diese sexistischen Bemerkungen lachen. Ist das die gute, alte Zeit, die sich #MeToo-Relativierer wieder herbeiwünschen?

Direktlink | Eindrücke von und nach der Premiere

Wobei wir bei der bemerkenswertesten Performance des Abends wären. Christoph Marti lässt seinen Ursli nicht wie sonst als gefeierte und sich selbst feiernde Diva auf die Bühne, sondern liefert die Cindy mit knallig kupferfarbener Perücke so zurückhaltend ab, dass es auffällt. Diese Frau scheint gefangen zu sein in den vorherrschenden Zuschreibungen, wie Frauen in der Schlagerwelt zu sein haben. Einer Welt, die jeden Ausbruchsversuch mit einer höheren Dosis Valium bestraft. Gedämpft, aber präzise, liefert diese Cindy jede Note des Schlagers, jeden Move der Choreographie ab. Großartig, wie Christoph Marti diese Rolle angelegt hat. Verschwindet Cindy dann mit ihrem Ehemann Bert im Schlagerhimmel, bekommt man Angst um sie. Was dort wohl mit ihr passiert?

Zum Glück brechen die Geschwister Pfister diese Angst, indem sie aus der Schlagerhölle zwei Untote auftauchen lassen, die das Publikum sofort wieder mit Klatschen und Stampfen ablenken. Ein smart durchdachter Abend, dem nur die "Rosen aus Malaga" fehlen und der am Ende ein wenig die Zeit überzieht. Genau wie bei den Samstagsabendshows in den Siebzigerjahren.

Infos zum Stück

Ursli & Toni Pfister als Cindy & Bert. So, als ob du schwebtest. Bis 5. Januar 2020 im Berliner Tipi am Kanzleramt (inklusive Silvestergala): Musikalische Leitung: Johannes Roloff. Kostüme: Heike Seidler. Bühne: Stephan Prattes. Choreographie: Danny Costello. Mit: Christoph Marti, Tobias Bonn, Chiara Cook, Robert Johansson, Anke Merz, Caro Schönemann, Tobias Stemmer.