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Visionärer Roman

Sind wir bereit für eine Welt jenseits von Geschlecht?

Ry Shelley, Arzt und trans Mann, liebt den KI-Experten Victor Stein, der wie sein Namensvetter Frankenstein am "neuen Menschen" arbeitet. "Frankissstein" von Jeanette Winterson ist ein schaurig-lustiger Blick in eine transhumanistische Zukunft.


Keine Unterscheidung mehr zwischen männlich/weiblich, schwarz/weiß, arm/reich, Kopf/Herz? Ry und Victor sind fasziniert vom entkörperten Menschen (Bild: Linus Bohman / flickr)
  • Von Fabian Schäfer
    17. November 2019, 10:50h, noch kein Kommentar

Es gibt diese Bücher, die bereits ab der ersten Seite die Erkenntnis erweitern. Die man gar nicht in einem Rutsch durchlesen kann, weil man zwischendurch Zeit zur Reflexion braucht. Weil man das Ganze sacken lassen muss, wie man so schön sagt. "Frankissstein" von Jeanette Winterson ist so ein Roman.

Nicht etwa, weil der Inhalt so hart oder ergreifend oder gruselig oder dramatisch wäre. Nein, weil "Frankissstein" Zukunftsvisionen darstellt, die gar nicht unwahrscheinlich sind, an denen sogar gearbeitet wird. Weil wir uns vor 50 Jahren auch nicht vorstellen konnten, was heute möglich ist. Weil es uns heute wahrscheinlich genauso geht.

Doch eins nach dem anderen. Es geht um Ry Shelley, einen Arzt und trans Mann, der sich in Victor Stein, einen anerkannten Experten auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz, verliebt. Die Namensgleichheit macht es deutlich: Hier geht es auch um Mary Shelleys "Frankenstein", ein Schauerroman, geschrieben vor ziemlich genau 200 Jahren.

Eine unkonventionelle Liebesgeschichte


"Frankissstein" ist im Schweizer Verlag Kein & Aber erschienen

Autorin Jeanette Winterson verwebt sehr geschickt die Ereignisse von heute zwischen Ry und Victor und der Geschichte ebendieser Mary Shelley. Sie beschreibt, nah an Überlieferungen, aber doch mit der nötigen Freiheit, wie die junge Autorin mit ihrem Mann Percy Shelley den Sommer 1816 am Genfersee verbringt und dort, mit nur 19 Jahren, niederschrieb, was später Welterfolg wurde.

Das ist, alleine schon weil Mary Shelley eine herausragend intelligente und progressive Persönlichkeit ist, ungemein interessant. Jeanette Winterson schafft eine bislang unbekannte Nähe zu Shelley, an die nicht einmal das Biopic von Haifaa Al Mansour aus dem Jahr 2017 heranreicht.

Noch mehr Platz nimmt jedoch die undogmatische und unkonventionelle Liebesgeschichte zwischen Ry und Victor ein. Beide interessieren sich für den neuen Menschen, für Cyborgs, Transhumanismus. Der entkörperte Mensch, nur noch Bewusstsein, sonst nichts. Künstliche Intelligenz sei grenzauflösend, keine Unterscheidung zwischen männlich/weiblich, schwarz/weiß, arm/reich, Kopf/Herz mehr.

"Du bist exotisch und zugleich real"

Das sind keine neuen Gedanken. Das hat, noch radikaler, bereits 1985 die feministische Postmodernistin Donna Haraway in ihrem "Cyborg Manifesto" beleuchtet. Und dennoch bekommt es heute, wo von KI allerorten die Rede ist, eine neue Relevanz.

Die Beziehung zwischen Ry und Victor ist so intensiv wie unbehaglich. Victor betrachtet Ry durch sein forschendes Auge (und Herz), sieht ihn als Vorboten der Zukunft. Ry bezeichnet sich selbst als Hybrid, als zwischen den Geschlechtern stehend. "Du, Ry, wunderschönes Jungenmädchen, wunderschöner Mädchenjunge, was auch immer, hast dein Geschlecht umwandeln lassen. Hast bewusst in deine eigene Evolution eingegriffen. Das reizt mich. Du bist exotisch und zugleich real."

Ry hat nicht nur mit solchen fetischisierend-objektifizierenden Aussagen zu kämpfen ("Ich möchte widersprechen, aber es erregt mich" ist seine Reaktion gegenüber Victor), sondern auch mit purer Transphobie. Da ist Ron, der in Sexrobotern das große Zukunftsgeschäft wittert. "Hören Sie, Ryan oder Mary oder wie immer Sie heißen. Ich will nicht persönlich werden, aber haben Sie einen Schwanz?"

Um diese Themen kommen wir nicht herum


Jeanette Winterson zählt zu den angesehensten Autorinnen Großbritanniens (Bild: Sam Churchill)

An diesen zwei Charakteren verdeutlicht Jeanette Winterson ein Dilemma: Sind wir, was sich Victor Stein wünscht, wirklich bereit für eine transhumane Zukunft? Für eine entkörperlichte Welt, jenseits von Geschlecht und Geschlechtszuschreibungen? Wenn es Typen wie Ron gibt, denen nichts wichtiger zu sein scheint, als die Frage, welche Geschlechtsorgane jemand besitzt? Wenn Geschlecht in vielen Köpfen so tief verankert scheint, eine so wichtige Bedeutung hat?

Es ist eine großartige Leistung, die Jeanette Winterson mit "Frankissstein" vollbracht hat: Sie verwebt nicht nur historische mit aktuellen posthumanen Visionen, und zeigt dabei erstaunliche Gemeinsamkeiten auf, sie bettet auch unterschiedliche Positionen ein, ohne sich mit einer gemein zu machen oder lehrhaft zu wirken. Es gibt keine Urteile.

Vor allem bleibt "Frankissstein" bei diesem anspruchsvollen und herausfordernden Thema unterhaltsam: Wie Ron über seine Sexroboter spricht und mit seiner christlich-fundamentalistischen Geschäftspartnerin Claire streitet, wie sie Ry erklärt, was Teledildonik sei, wie die aufdringliche Journalistin Polly alles für irgendeine Geschichte tut, das ist durch die genauen, feinen, authentischen Schilderungen unfassbar komisch.

Das Urteil aus dem Blick, wie in der Vergangenheit über Zukunft gedacht wurde, und wie dies heute geschieht, mag zwischen gruselig und hoffnungsvoll schwanken. Klar ist, dass es sich um Themen handelt, um die wir nicht herumkommen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen.

Infos zum Buch

Jeanette Winterson: Frankissstein: Eine Liebesgeschichte. Original: Frankissstein. A Love Story. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger und Brigitte Walitzek. Roman. 400 Seiten. Kein & Aber Verlag. Zürich 2019. Hardcover: 24,00 € (ISBN 978-3-0369-5810-1). E-Book: 18,99 € (978-3-0369-9420-8)