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Gedenktag

Auch Deutschland tötet trans Menschen

Am heutigen Transgender Day of Rememberance wird weltweit der Opfer von Transfeindlichkeit gedacht. Allein in diesem Jahr gab es bereits 331 Morde, vor allem in Südamerika. Doch auch hierzulande sind trans Leben bedroht.


Aktivistin in Washington D.C.: Der Transgender Day of Remembrance, auf Deutsch "Gedenktag für die Opfer von Transphobie", erinnert jährlich am 20. November an die Opfer transphober Gewalt (Bild: Capital Pride / twitter)

Der Transgender Day of Rememberance (TDoR) am 20. November ist der weltweite Gedenktag an die Opfer von Transfeindlichkeit. In diesem Jahr waren es 331 registrierte Mordfälle. Über die Hälfte dieser Hasskriminalität findet in Südamerika statt. Ganz oben auf der Liste stehen Brasilien und Mexiko. Aber auch in den USA und in Europa erleben wir immer wieder Gewalt gegen trans Personen. In den meisten Fällen sind es trans Frauen. Viele von ihnen sind Sexworker und People of Color. Seit Beginn der statistischen Erfassung wurden vom 1. Januar 2008 bis 30. September 2019 insgesamt 3.314 Mordfälle in 74 Ländern der Erde registriert. Die Dunkelziffern mag ich mir gar nicht vorstellen.

Wir in Deutschland sind da relativ sicher, mag man meinen. Wir sind ja tolerant, bei uns kommt sowas nicht vor. Viele Unternehmen haben längst den demografischen Wandel erkannt, dass Arbeitskräfte mehr Wert darauf legen, sich am Arbeitsplatz wohl zu fühlen und dafür auf ein höheres Gehalt verzichten. Wer am Arbeitsplatz geoutet ist und wenn die Inklusionsabteilung des Unternehmens gute Arbeit geleistet hat, der überlegt es sich zweimal, ob er für ein paar hundert Euro mehr woanders anheuert, dort aber den harten Weg des Coming-outs ein weiteres Mal überwinden muss. Studien belegen, dass zehn Prozent der Jugend sich in der queeren Community verortet. Die Zukunft ist divers, und große Konzerne werben regelrecht mit ihrer LGBTI-Freundlichkeit, weil geoutete akzeptierte Arbeitskräfte produktiver sind als solche, die ihr Geheimnis noch mit sich rumtragen müssen und darunter leiden.

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Gewalt gegen trans Menschen auch in Deutschland


Gastautorin Julia Monro (Bild: privat)

Doch ist Deutschland wirklich so tolerant wie es sich darstellt? In Leipzig wurde letztes Jahr eine trans Frau aufgefordert zu beweisen, dass sie eine Frau ist. Nachdem sie sich weigerte sich zu entblößen, hat der Angreifer ihr kurzerhand die Nase gebrochen (queer.de berichtete). Vor wenigen Tagen findet eine trans Frau in Oppenheim ein Plakat an ihrer Haustür mit der Aufforderung "Schlagt ES, bespuckt ES" mit dem Hinweis auf die Nazizeit "früher hätte man dich vergast" (queer.de berichtete).

Bei meinen trans Kids höre ich regelmäßig Beschwerden über Lehrkräfte, die "nicht an so einen Quatsch glauben" oder einen 13-jährigen trans Jungen vor der gesamten Klasse dazu auffordern "Erklär mal allen wer du bist: er, sie oder es?" Die wenigsten wissen, dass ein fehlendes unterstützendes Umfeld für trans Kinder und Jugendliche zu 54 Prozent in einem Suizidversuch endet. Die wenigsten wissen, dass die psychische Gewalt wesentlich fatalere Folgen haben kann als ein körperlicher Angriff. Konflikte werden heute längst nicht mehr auf der körperlichen Ebene ausgetragen. Psychische Gewalt ist da viel moderner und effektiver.

Einer trans Person muss man nur lange genug einreden, dass sie abartig, pervers und dringend therapiebedürftig sei. In der Kirche erzählt man ihr, dass nur Gott sie heilen könne, und man versucht, mit Handauflegen Selbstdefinitionen wegzubeten, greift damit in Gottes Natur ein und wirft ihr vor Gottes Schöpfung in Frage zu stellen. Wie paradox.

Transfeindlichkeit auf der Behörde

Auch wenn Gesellschaft und Kirche nicht ihren diskriminierenden Beitrag leisten würden, so kann man sich spätestens dann darauf verlassen, Transfeindlichkeit zu erleben, wenn man auf behördliche Strukturen trifft. Seien es Arbeitsagenturen, die einen bei 21 Prozent Arbeitslosigkeit unter trans Personen nicht vermitteln können und zur Frührente zwingen, oder das Gesundheitssystem, das einem hohe Anforderungen auferlegt und zu permanenten Zwangsoutings nötigt. Denn die Namensänderung wird erst zugelassen, wenn diese auch juristisch durchgeführt wurde. So sitzt letztendlich die hübsche elegante Blondine im Wartezimmer beim Hausarzt und wird mit dem Namen "Walter" aufgerufen. Bravo Krankenkasse. Gut mitgedacht im Sinne der Gesunderhaltung eurer Versicherten.

Und last but least, sollte das alles halbwegs stimmig sein, kann man sich mindestens auf den Staat verlassen, der für einen simplen Verwaltungsakt zu einer psychologischen Begutachtung zwingt, weil man ja nicht in der Lage ist, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Ironischerweise gaukelt man ihnen dann auch noch vor, man wolle sie ja nur schützen. Schützen vor nachweislich über 99 Prozent richtig getroffener Entscheidungen? Eine Scheidung und häusliche Gewalt sind statistisch wahrscheinlicher, als dass bei einer Transition eine Fehlentscheidung getroffen wird. Aber wenn jemand seinen Personenstand ändert, indem er eine Ehe eingeht, da sind Schutzmaßnahmen oder Begutachtungen nicht erforderlich. Diesen schweren Eingriff ins Persönlichkeitsrecht wagt der Staat sich ja dann doch nicht. Aber bei den sowieso schon marginalisierten Randgruppen, die sind es ja gewöhnt, weil es historisch so gewachsen ist. Freie Entscheidungen lässt man da lieber nicht zu. Irgendwo muss der Staat ja ein klein wenig Kontrolle beibehalten…

Transfeindlichkeit mit System

Und bei all diesen Repressalien wundert man sich, dass trans Personen sich reihenweise das Leben nehmen? Der Leidensdruck, den die Krankenkassen fordern, der wird durch sie selbst erst erzeugt. Die Unterdrückung durch den Staat, Angriffe aus der Gesellschaft und die Nichtakzeptanz in der Kirche runden das Bild ab. Wenn diese vier existentiellen Säulen des Lebens bröckeln, welchen Ausweg sieht man dann noch? Transfeindlichkeit findet nicht nur auf der Straße statt, wenn mir jemand "Du blöde Transe" hinterherruft. Das ganze System ist von einem psychopathologisierenden Virus infiziert, der besagt, dass Trans* "falsch" ist. Wider die Natur. Man ist so nicht ok wie man ist. Auch wenn vereinzelt die Unterstützung durch gesellschaftliche Strukturen gewährleistet ist, spätestens bei Behörden hat man enorme Hürden zu meistern in einem über die Maßen geregelten Bürokratie-Deutschland. Menschenwürde und Nächstenliebe ist da Fehlanzeige. Regeln und Normen haben Vorrang

Es wird Zeit, dass die Bundesregierung den Handlungsbedarf nicht nur erkennt, sondern auch ernst nimmt. Die Kriminalstatistik in Deutschland sieht zwar besser aus als in Brasilien, doch die Erfassung ist kaum sichergestellt. Es gibt zu wenig geschultes Personal bei Polizei und Staatsanwaltschaft. Statistiken werden zwar unter politisch motivierter Hasskriminalität geführt, aber unter sexuellen Orientierungen subsummiert. Die meisten trauen sich gar nicht erst Anzeige zu erstatten, weil der Rechtsstaat auch die Täter schützen muss und die Erfolgsaussichten damit relativ gering ausfallen.

Besorgniserregend ist die Auffassung, dass man sich an Transfeindlichkeit gewöhnt hat, da es traurigerweise zum Alltag schlichtweg dazugehört und man nicht täglich wegen jeder Kleinigkeit die nächste Polizeidienststelle aufsuchen will. Die gutgemeinten Aktionspläne einzelner Länder sind längst nicht ausreichend. Die Hürden in behördlichen Strukturen müssen abgebaut werden durch einfache Gesetze. Es sind Schutzmaßnahmen erforderlich, die Transfeindlichkeit explizit unter Strafe stellen und eine angst- und diskriminierungsfreie Transitionsphase gewährleisten, insbesondere an unseren Schulen bei den nachwachsenden Generationen.

Julia Monro ist Menschenrechtsaktivistin und engagiert sich bei der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Sie unterstützt Personen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung und leitet das Projekt Transkids.de



#1 WahrheitIstRelativAnonym
  • 20.11.2019, 10:08h
  • Wenn man Suizid durch Mobbing auch als eine Art Mord betrachtet, steht Deutschland nicht mehr so gut da...
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#2 Etwas off topicAnonym
#3 PeerAnonym
  • 20.11.2019, 12:13h
  • Die Bundesregierung muss endlich aktiv werden und die lange überfällige Reform der rechtlichen Situation von Trans- und Intersexuellen angehen.
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#4 Ich binAnonym
  • 20.11.2019, 13:45h
  • Unsere Regierung macht Versprechen um sie nicht einzuhalten. Die bekannte Partei die es groß versprochen hat ,hat sich andere Ziele gesetzt. Ich habe heute mein transfahne mit Trauerflor vor dem Fenster hängen. Es ist traurig wie ein so moderner Staat sich so mittelalterlich gibt. Länder auch Nachbarländer sind da schon weiter. Armes Deutschland
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#5 Anonyma
  • 20.11.2019, 14:35h
  • Der allerletzte Versuch, vielleicht doch noch eine Antwort auf eine quälende Frage zu bekommen:

    Warum, liebe Julia Monro, findet sich in Deinem Artikel eigentlich kein einziges Wort über die Rolle der forensischen Sexualpsychiatrie, die mit ihrer Pathologisierung, Medikalisierung und Psychiatrisierung von trans Menschen überhaupt erst die Grundlage für viele der beklagten Diskriminierungen in Deutschland geschaffen hat? Ist die "Identifizierung mit dem Angreifer" bzw. das "Stockholm-Syndrom" schon so extrem ausgeprägt, dass die zentrale Rolle dieser Institution vollständig dissoziiert wird?

    Warum werden trans Menschen von staatlicher Seite zu "fachpsychiatrischen Begutachtungen" gezwungen? Warum weigern sich Krankenkassen noch immer oft, die Kosten für die körperliche Behandlung zu übernehmen? Warum haben Krankenkassen Richtlinien erschaffen, die trans Menschen "hohe Anforderungen auferlegen"? Warum glauben Lehrkräfte, sie könnten trans Schüler gängeln und ignorieren? Warum tun sich Arbeitgeber mit der Einstellung von trans Menschen schwer?

    Könnte es vielleicht sein, dass die Grundlage all dieser Diskriminierungen das Bild ist, das die forensische Sexualpsychiatrie jahrzehntelang von trans Menschen gezeichnet hat? Könnte es sein, dass man trans Menschen wegen dieses Bildes hier in Deutschland für gestörte, unmündige und betreuungswürdige Pychiatriepatienten hält, die man sowieso nicht ernst nehmen muss? Könnte es möglicherweise sogar sein, dass man diese Art des bevormundenden Umgangs mit trans Menschen für die einzig denkbare hält, solange sich trans Menschen nicht von der forensischen Sexualpsychiatrie emanzipiert haben? Und wenn das alles so sein sollte: Warum kollaboriert man dann noch immer mit der forensischen Sexualpsychiatrie? Warum emanzipiert man sich nicht von ihr, sondern baut im Gegenteil ausgerechnet jene Strukturen, die das oben skizzierte Bild des "unmündigen psychosozialen Vollzeitpflegefalls" explizit fördern, irrsinnigerweise auch noch aus?

    Deutschland könnte eins der besten Länder für trans Menschen auf diesem Planeten sein, wenn die "Betroffenen" bloß nicht immer wieder aus Angst vor der eigenen Courage über die eigenen Füße stolpern und sich ausgerechnet hinter der Institution verstecken würden, die Ursache für die meisten der in diesem Land existierenden Probleme ist.
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#6 AlwinaAnonym
  • 20.11.2019, 14:48h
  • Schickt diesen Bericht nach Berlin! Dort sitzen die Verursacher des Unglücks, dass Transmenschen nicht ernstgenommen werden. Ich selbst habe es bereits 4x gemacht.
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#7 Carsten ACAnonym
  • 20.11.2019, 16:01h
  • Antwort auf #6 von Alwina
  • Bei Union und SPD stoßen doch alle Appelle an die Vernunft auf taube Ohren.

    Die machen doch gar nichts mehr.

    Die reden nur viel, setzen aber letztlich nichts davon um.

    Außer Blabla können wir von dieser Regierung nichts mehr erwarten...
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#8 DramaQueen24Profil
  • 20.11.2019, 16:03hBerlin
  • In Deutschland werden Transpersonen selten getötet, meist ist die Gewalt verbal, körperlich oder institutionell. Was sich aber "Dank" der AfD schnell ändern kann.
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#9 Carsten ACAnonym
  • 20.11.2019, 16:06h
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    Einer trans Person muss man nur lange genug einreden, dass sie abartig, pervers und dringend therapiebedürftig sei. In der Kirche erzählt man ihr, dass nur Gott sie heilen könne, und man versucht, mit Handauflegen Selbstdefinitionen wegzubeten, greift damit in Gottes Natur ein und wirft ihr vor Gottes Schöpfung in Frage zu stellen. Wie paradox.
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    Ein weiteres Beispiel dafür, dass diese Gehirnwäsche-"Therapien" nicht nur für manche Altersgruppen, sondern für ALLE Altersgruppen verboten gehören...
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#10 RicardoAnonym
  • 20.11.2019, 16:38h
  • "Bei meinen trans Kids höre ich regelmäßig Beschwerden über Lehrkräfte, die "nicht an so einen Quatsch glauben" oder einen 13-jährigen trans Jungen vor der gesamten Klasse dazu auffordern "Erklär mal allen wer du bist: er, sie oder es?" Die wenigsten wissen, dass ein fehlendes unterstützendes Umfeld für trans Kinder und Jugendliche zu 54 Prozent in einem Suizidversuch endet. Die wenigsten wissen, dass die psychische Gewalt wesentlich fatalere Folgen haben kann als ein körperlicher Angriff. Konflikte werden heute längst nicht mehr auf der körperlichen Ebene ausgetragen. Psychische Gewalt ist da viel moderner und effektiver. "

    Mir treibt es die Tränen in die Augen bei dem Gedanken, dass meine Kolleg*innen sich derart grausam und menschenverachtend verhalten können! Ich schäme mich in deren Namen.

    Umgekehrt bin ich stolz darauf, aktuell einen Transjungen begleiten und unterstützen zu dürfen. Es zeigt mir selbst, dass es viele Bereiche gibt, in denen ich selbst noch dazu lernen kann und führt mir auch vor Augen, wie viel Unterstützung es in dieser schweren Zeit braucht. Mir war ganz wichtig, dass ich ihm von Anfang an (als Reli-Lehrer) sagen konnte, dass er ein wertvoller Mensch ist und dass er ein Recht auf seine persönliche Entfaltung hat. Artikel 8 der UN-Kinderrechtskonvention ist voll auf seiner Seite, auch wenn er noch minderjährig ist.

    DAS sind die Dinge, die meiner Auffassung nach den Trans-Jugendlichen vermittelt werden müssen.
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