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Klappen-Kultur

100 Jahre alte schwule Klo-Sprüche

Schon vor 100 Jahren haben Wissenschaftler und Hobbyforscher Texte und Zeichnungen auf öffentlichen Toiletten gesammelt. Viele verweisen auf die sexuellen Wünsche homo- und bisexueller Männer.


Eine Klappe in West-Berlin: Filmszene aus "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der erlebt"

In der Wissenschaftszeitung "Spektrum" erschien vor einigen Tagen Henrike Wiemkers Artikel "'Bekanntschaft mit geilem Jüngling gesucht'". Der Hintergrund ist folgender: "Vor gut 100 Jahren dokumentiert ein Stockholmer Hobbyforscher die Kritzeleien auf öffentlichen Toiletten. Seine Notizen werden erst zensiert und dann vergessen. Heute sind sie zugänglich und zeugen von einer florierenden Kontaktbörse zwischen jungen Männern."

Viele der von 1906 bis 1932 gesammelten Zitate sind wenig spektakulär: "Da gibt es Reime, die sich ums Darmentleeren drehen, Klagen darüber, dass kein Klopapier da ist, und sogar Klagen über die vielen Kritzeleien." Beim Sex jedoch "zeigen sich die öffentlichen Toilettenwände als florierende Kontaktbörse für Männer, die sexuelle Kontakte zu anderen Männern suchen". Auffallend ist: "Gerade Gardisten und Marinesoldaten sind in den Kritzeleien populär." Das mag – so die im Artikel zitierte Historikerin Michaela Carlberg – an den schönen Uniformen liegen, vielleicht aber auch daran, dass es früher nicht unüblich war, dass Soldaten für Sex käuflich waren.

Die gesammelten Klo-Sprüche sind so frech, dass man schon fast vergessen könnte, dass homosexuelle Handlungen während der gesamten Zeit illegal waren. Schwulen Klappen-Sex möchte Carlberg – was sehr angenehm ist – nicht in Kategorien packen, denn die "damaligen Kategorien für Sexualität entsprächen eben nicht denen von heute". Sie dokumentiert die Arbeit des Stockholmer Hobbyforschers Bengt Claudelin, der in seiner Sammelleidenschaft durchaus akribisch vorgegangen ist. So schrieb er in einigen seiner Notizbücher alphabetische Register über alle vorkommenden Wörter, teilweise sogar mit Übersetzungen. Das schwedische Wort "arsle" etwa übersetzt er ins Lateinische, "anus", und ins Deutsche, "Arsch". Leider bleibt die Autorin viele Beispiele, wie das im Titel verwendete Zitat, schuldig.


Das Skizzenheft des Stockholmer Hobbyforschers Bengt Claudelin

Die "geschlechtliche Moral" in der "Anthropophyteia"

Für 100 Jahre alte schwule Toilettensprüche gibt es noch eine andere spannende Quelle: Die "Anthropophyteia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral". Diese Jahrbücher sind eine einzigartige Sammlung von Quellen der ethnologischen Sexualforschung. Das Jahrbuch wurde von Friedrich S. Krauss gegründet und erschien von 1904 bis 1913. Obwohl es nur als Privatdruck erschien und renommierte Mitarbeiter hatte (wie die Sexualforscher Iwan Bloch und Albert Eulenburg), schützte das den Herausgeber nicht vor Prozessen und Beschlagnahmungen, was die heutigen hohen Antiquariatspreise erklärt.

In unverkrampfter und offener Form wurde hier häufig über Homosexualität berichtet. Ein Teil der einschlägigen "Anthropophyteia"-Beiträge stammt von dem bekannten Homosexuellen-Aktivisten Eugen Wilhelm (Pseudonym: Numa Praetorius), der auch regelmäßiger Autor für das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" war. Die online verfügbaren Ausgaben der "Anthropophyteia" habe ich in meine Online-Bibliographie zur Homosexualität aufgenommen und inhaltlich erschlossen.

Die schwulen Klappensprüche in der "Anthropophyteia"

Die Toilettensprüche beziehen sich oft auf Wünsche nach heterosexuellem Sex oder haben ganz allgemeinen skatologischen Charakter. Nicht selten sind jedoch auch Äußerungen über schwulen Sex zu finden, wie man sehr gut an den online verfügbaren Ausgaben von 1907 bis 1912 dokumentieren kann.

Im ersten online verfügbaren Band von 1907 (4. Jg.) wird unter der Nr. 50 ein Spruch aus der Bahnhofstoilette von Halle aus dem Jahr 1905 abgedruckt, mit dem in geschlechtsneutraler Form ein junger "Mensch" zum "Ablutschen" und "Arschficken" gesucht wird (S. 322). Der Band von 1908 (5. Jg.) beschäftigt sich auf zehn Seiten mit Abortinschriften (S. 265-275) und weist dabei auf das "Arschficken" von Soldaten in Berliner Abortinschriften hin. Die Hinweise auf begehrte Soldaten sind hier ebenso historisch spannend wie die Nennung benachbarter Homosexuellenkneipen. Wenn im Zusammenhang mit den Inschriften auf die "bekannten Skandalprozesse" verwiesen wird (S. 269), ist damit die sogenannte Eulenburg-Affäre gemeint. Im Band von 1909 (6. Jg.) geht es acht Seiten lang um Toilettensprüche (S. 432-439), u.a. einen Spruch mit der Nr. 18 aus dem Riesengebirge in gewohnt derber Form: "Ich sah, wie sich zwei Männer fickten, den Schwanz tief in das Arschloch drückten" (S. 433).

Auch im Band von 1910 (7. Jg.) finden sich auf mehreren Seiten Toilettensprüche (S. 399-406), u.a. "Abortinschriften aus Peru" mit Bezug auf "cachero", den aktiven, und "chachado/maricon", den passiven Homosexuellen. "Caccha" ist eine "Tribade" bzw. Lesbe. Der Autor entdeckte auch "Spuren" sexueller Handlungen in der Toilette: "Der Schreiber hatte also die Tat dem Worte folgen lassen oder auch umgekehrt" (S. 399-400). In Wien wurde auf der Toilette der Philosophischen Fakultät der Universität der Spruch gefunden: "Ich lasse mich aus Liebe Arschbudern und Maulwetzen von einem nur jungen feschen Studenten mit großer Nudel" (S. 400-401).

Mein persönlicher Lieblingsreim wurde auf der Toilette eines Eisenbahnwagens gefunden: "Wenn zwei einander küssen, Und gehn dann pissen, Und kommen dann nicht wieder – Sind's warme Brüder". Dabei wird ergänzt, dass dieser Vers sogar nach einer bestimmten Melodie gesungen werden könne. Auf derselben Seite erfahren wir durch eine Abortinschrift in Kopenhagen, dass es dort mal einen Mann gab, der in "Weiberkleidern" und einer "Votze aus Schweineleder" die ganze Welt umreisen möchte, um sich "immer ganz umsonst vögeln [zu] lassen" (S. 406).


Auch das "Cafè Achteck" am Senefelderplatz in Berlin war eine beliebte Klappe (Bild: Paul David Doherty / wikipedia)

Der Band von 1911 (8. Jg.) verweist anhand von Abortinschriften in Thüringen ebenfalls auf die Zunahme von Inschriften seit der Eulenburg-Affäre (S. 407-410), kurz danach geht es um "Homosexuelle Pissoirinschriften aus Paris" (S. 410-422), Abortinschriften eines süddeutschen Universitätsgebäudes – mit Beispielen zum Paragraf 175 (S. 424) und "Abort- und Pissoirinschriften aus verschiedenen Gegenden" (S. 425-426). Im Jahrgang von 1912 (9. Bd.) wird es für die Frankfurter spannend (Nr. 6), weil auf der Toilette am Uhrturm an der Kaiserstraße vielfache "Aufforderungen zum päderastischen Verkehr" zu finden seien. "Ob gerade dieser Abort von den betreffenden Kreisen für solche Zwecke bevorzugt wird, ist mir nicht bekannt" (S. 494).

Fazit


Buchtipp zum Thema: 1983 erschien im Verlag rosa Winkel Wilfried Eigeltingers Band "Graffiti für Vespasian: Die Kunst im Pissoir"

Als Magnus Hirschfeld in seinem bedeutenden Werk "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, S. 697) auf öffentliche Toiletten als homosexuelle Treffpunkte zu sprechen kommt, betont er: "Die Inschriften und Zeichnungen, die man in Bedürfnisanstalten antrifft, enthalten oft Hinweise auf die Homosexualität, sei es, daß sie lediglich gleichgeschlechtliche Obszönitäten in Wort und Bild behandeln, sei es, daß sie bestimmte Angebote, Nachfragen oder Verabredungen zum Gegenstand haben." Seine Äußerungen sind ein gutes Beispiel dafür, dass man über vollkommen anspruchslose und manchmal unterhaltsame Kritzeleien und Texte auch anspruchsvoll berichten kann.

Auch den Machern der "Anthropophyteia" ist im Rahmen der oben zitierten Klosprüche anzumerken, dass sie mit ihren Texten einem ernsthaften wissenschaftlichen Interesse folgten. Die "Anthropophyteia" hat dabei durchaus einen wissenschaftlichen Charakter und gehört in den Bereich der Volkskunde (heute Teilbereich der Ethnologie). Auch in anderen Bereichen haben die Macher wichtige Pionierarbeit geleistet, zum Beispiel bei den Sammlungen von umgangssprachlichen Formulierungen zu tabuisierten Bereichen wie Sexualität oder auch Kot. Die Jahrbücher haben Themen behandelt, die man ansonsten nirgendwo findet. Und auch die rund 25 Seiten über Sprüche in Toiletten (auch "Café Wellblech" genannt) dokumentieren einen wichtigen Teil ansonsten verloren gegangener Sprache. Durch die Berichte von Klappen aus aller Welt wird zudem deutlich, wie international diese Treffpunkte und wie ähnlich die Texte waren. Gleichzeitig sind sie lokalhistorisch von Bedeutung, weil sie zeigen, wie sich eine Szene vor Ort entwickelte. Ansatzweise lassen sich sogar favorisierte Fetische erkennen.

Bis in die Neunzigerjahre hinein waren Toiletten als Orte anonymer Sexualität beliebt. In der NS-Zeit erlebten Toiletten sogar eine Art Renaissance, weil sie eine der wenigen übrig gebliebenen (und sehr gefährlichen) Möglichkeiten waren, Kontakte zu knüpfen und seine Sexualität auszuleben. Aber den Klappensex, wie er in den Filmen "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von Rosa von Praunheim (1971) und "Taxi zum Klo" von Frank Ripploh (1980) behandelt wird, gibt es heute nicht mehr. Klappen haben heute in Deutschland so gut wie keine Bedeutung mehr, was vor allem an der Schließung bzw. Kommerzialisierung und Überwachung öffentlicher Toiletten liegt. In anderen Ländern mag das noch anders sein: George Michael wurde 1998 nach dem Besuch einer Klappe verhaftet und drehte später sogar ein Musikvideo darüber.

Für Historiker bleiben Klappen ein spannendes Forschungsfeld zur schwulen Geschichte. Im oben genannten Aufsatz über die Notiz- bzw. Kritzelbücher des Stockholmers Bengt Claudelin kommt auch Thomas Wimark, Kulturgeograf an der Universität Stockholm, zu Wort: "Viele historische Quellen, die uns etwas über die Geschichte von LGBTQ erzählen, wurden im Lauf der Jahre zerstört. Man fand es nicht angemessen oder wichtig, sie aufzubewahren. […] Erst jetzt fängt man an, Dokumente wie die Kritzelbücher in der Forschung als legitime, interessante Quellen zu betrachten."

Ich bin froh, dass damit die Bücher von Bengt Claudelin nach 100 Jahren endlich die Bedeutung bekommen, die ihnen zustehen.



#1 lindener1966Profil
#2 DramaQueen24Profil
  • 25.11.2019, 00:48hBerlin
  • Also, ehrlich, ich fand diese Texte und Zeichnungen schon damals, vor meinem transsexuellen Coming out, einfach nur obszön und widerlich. Und das hatte nicht nur etwas mit meiner mormonischen "Erziehung" zu tun!
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#3 WanndererAnonym
#4 stromboliProfil
#5 TheDadProfil
  • 25.11.2019, 10:18hHannover
  • Antwort auf #2 von DramaQueen24
  • ""Und das hatte nicht nur etwas mit meiner mormonischen "Erziehung" zu tun!""..

    Klär doch die Leserschaft mal über die vorgeblich anderen Gründe dazu auf..
    Ich bin dort schon sehr gespannt, welche Verbeugungen sich da herauskristallisieren werden, die angeblich mit der Verdummbibelung so rein gar nichts zu tun haben sollen..
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#6 Moritz_*Anonym
  • 25.11.2019, 10:18h
  • Anmerk.: Das Beispiel aus der Überschrift wird doch vergleichsweise ausführlich nochmals im Text angesprochen und ergänzt (Folke). Die Autorin bleibt da mEn nichts schuldig.
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#7 SarkastikerAnonym
#8 KörmetAnonym
  • 25.11.2019, 15:41h
  • "dass man schon fast vergessen könnte, dass homosexuelle Handlungen während der gesamten Zeit illegal waren. "

    Das ist so pauschal nicht richtig. Dazu hier:

    "Am 1. Juli 1853 bestätigte das Preußische Obertribunal die bisherige Rechtsauffassung, dass gegenseitige Onanie zwischen Mann und Mann straflos sei.[4]"

    Die Quelle:

    de.wikipedia.org/wiki/%C2%A7_175

    Strafbar war der Geschlechtsverkehr(!), also das Einführen des männlichen Geschlechtsorgans in eine Körperöffnung des Partner, also Oral - oder Analverkehr.
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#9 Ralph
  • 25.11.2019, 16:27h
  • Antwort auf #8 von Körmet
  • Ja, die sog. beischlafähnliche Handlung. Erst die Nazis haben den § 175 so verschärft, dass seit 1935 bis 1969 alles strafbar war. Es war fortan nicht mal mehr nötig, dass beide Partner einander berührten.

    Bei der Gelegenheit: Ich hab nie den ersten von mir in einer Toilettenkabine entdeckten Spruch vergessen. Möge die Redaktion mir das Zitat erlauben: "Wer Schwänze lutscht und Ärsche leckt, dem schmeckt auch Haribo-Konfekt." Darunter der Name des Schöpfers ("Dein Haribo-Bär") und seine Telefonnummer.
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#10 HiHiAnonym
  • 25.11.2019, 16:50h
  • Antwort auf #9 von Ralph
  • Yep :-))))

    Auf dem Düsseldorfer Uniklo gabs den Spruch leicht abgewandelt worden, aber auch nicht schlecht:

    "Wer Ärsche leckt und Schwänze kaut, der trinkt auch das was "Hannen" braut"
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