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Neu bei Männerschwarm
So viele Tode in Venedig
Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" fasziniert, obwohl über 100 Jahre alt, noch heute. Joachim Bartholomae zeichnet in "Aschenbachs Vermächtnis" das Echo nach, das die homoerotische Erzählung in der Literaturgeschichte hervorrief.

Szene aus dem Film "Tod in Venedig" von Luchino Visconti aus dem Jahre 1971, der auf der Novelle von Thomas Mann beruht
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27. November 2019, 13:47h 4 Min.
Ein älterer, ausgelaugter Intellektueller reist in den Süden, um Erholung zu finden. Er findet noch mehr: die schönste Schönheit, die seine Augen je vernahmen – den jungen Tadzio. Der Knabe zieht ihn vollständig in seinen Bann. So sehr, dass er daran zugrunde gehen muss. Oft wird Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" von 1911 auf seine Pädo- und Homoerotik reduziert.
Joachim Bartholomae begeht diesen Fehler nicht. Nachdem er mit seinen sehr persönlichen Erfahrungen die Motivation sowie seine Ziele erläutert hat, legt er Thomas Manns Werk knapp, aber umfassend und reichhaltig aus. Er geht auf historische und geistesgeschichtliche Bezüge ein, insbesondere auf den fürs Werk so tragenden Phaidros-Dialog sowie den Unterschied zwischen apollinischem und dionysischem Lebensgefühl.
Der Einfluss der Novelle reichte bis nach Japan

"Aschenbachs Vermächtnis" ist im Männerschwarm Verlag erschienen
Darauf aufbauend beginnt der langjährige Männerschwarm-Verleger seinen Ritt durch die Echos, die direkten und indirekten Anspielungen und intertextuellen Bezüge, die Manns Novelle in der Literaturgeschichte hervorgerufen hat. Zehn literarische Werke stellt Joachim Bartholomae in "Aschenbachs Vermächtnis" (Amazon-Affiliate-Link ) vor, dazu zwei filmische Adaptionen und eine für die Oper.
Es zeigt sich, das muss anerkannt werden, dass Bartholomae in seiner, zunächst gar nicht mit dem Ziel einer Publikation, sondern aus persönlichem Interesse erfolgten, Suche äußerst erfolgreich ist. Er behandelt vielfältige Werke aus sieben Jahrzehnten, und beweist so, dass "Der Tod in Venedig" auch weit über Europa hinaus Einfluss übte.
Dabei beschränkt er sich in seiner Auswahl nicht nur auf die inhaltlich offensichtlicheren Texte, sondern präsentiert etwa mit "Der Tod des Vergil" von Hermann Broch einen Roman, der sich eher in den Motiven der Moral und der Rolle der Kunst für die Gesellschaft mit Thomas Manns Novelle vergleichen lässt.
Die Kritik der Werke ist zu absolut
Schade ist, dass Joachim Bartholomae dabei ausschließlich narratologisch vorgeht und Stil oder Form kaum anspricht. Dies wird ihm insbesondere in der Kritik von Luchino Viscontis filmischer Adaption aus dem Jahr 1971 zum Verhängnis, wenn er konstatiert, dass der Film ohne den "reichen gedanklichen Hintergrund Thomas Manns Stoff auf das reduziert, was das Publikum auf der Leinwand zu sehen bekommt" – nicht nur ein in seiner Logik zweifelhaftes, sondern auch angesichts Viscontis Bildgewalt unangebrachtes Urteil. Ein Film lässt sich eben nicht mit Mitteln der Literaturkritik beurteilen.
Überhaupt sind es Bartholomaes Kritiken, die seinem erklärten Ziel, "zur Lektüre dieser Werke hinzuführen" und eben nicht "die Neugier der Leser und Leserinnen durch letztgültige Auswertungen abzuwürgen", entgegenlaufen. Dafür sind seine Urteile nämlich genau dies: Zu absolut, subjektiv und unwidersprochen – etwa, wenn er zu Hans Christoph Buchs "Tod in Habana" kritisiert, dass hier der "Klassiker herhalten muss, um einen Flickenteppich mehr oder weniger origineller Beobachtungen zusammenzuhalten".

Autor und Männerschwarm-Verleger Joachim Bartholomae (Bild: Jens Wormstaedt)
Für Literaturinteressierte und Mann-Liebhaber
Dass Joachim Bartholomae teleologisch vorgeht und scheinbar eine zunehmende "Trivialisierung des Stoffes" erkennt, wirkt zudem kulturpessimistisch. Er verkennt, dass 2003 – und damit später als alle behandelten Werke – John Neumeier sich vom "Tod in Venedig" zu einem Ballett inspirieren ließ, genau wie Richard Wherlock erst 2018 am Theater Basel zur Musik von Dmitri Schostakowitsch. Thomas Ostermeier hat 2013 die Novelle an der Berliner Schaubühne inszeniert – das Echo ist also sehr wohl noch spürbar, es scheint jedoch die Buchseiten zunehmend zu verlassen und weitere Kulturakteur*innen zu treffen.
Dennoch ist "Aschenbachs Vermächtnis" eine informative, wohl recherchierte kleine Studie, die sich sprachlich irgendwo zwischen Habilitationsschrift und Schüleraufsatz einpendelt und Ausschläge in beide Richtungen kennt. Der Band ist für Literaturinteressierte im Allgemeinen sowie Mann-Liebhaber im Besonderen interessant, auch wenn manche Verweise auf einschlägige Forschungsliteratur vermissen werden.
Joachim Bartholomae: Aschenbachs Vermächtnis. Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" und ihr Echo in der Literaturgeschichte. 146 Seiten. Männerschwarm / Salzgeber Buchverlage. Berlin 2019. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-86300-287-9). E-Book: 13,99 €
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