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Neu bei Männerschwarm

So viele Tode in Venedig

Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" fasziniert, obwohl über 100 Jahre alt, noch heute. Joachim Bartholomae zeichnet in "Aschenbachs Vermächtnis" das Echo nach, das die homoerotische Erzählung in der Literaturgeschichte hervorrief.


Szene aus dem Film "Tod in Venedig" von Luchino Visconti aus dem Jahre 1971, der auf der Novelle von Thomas Mann beruht

Ein älterer, ausgelaugter Intellektueller reist in den Süden, um Erholung zu finden. Er findet noch mehr: die schönste Schönheit, die seine Augen je vernahmen – den jungen Tadzio. Der Knabe zieht ihn vollständig in seinen Bann. So sehr, dass er daran zugrunde gehen muss. Oft wird Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" von 1911 auf seine Pädo- und Homoerotik reduziert.

Joachim Bartholomae begeht diesen Fehler nicht. Nachdem er mit seinen sehr persönlichen Erfahrungen die Motivation sowie seine Ziele erläutert hat, legt er Thomas Manns Werk knapp, aber umfassend und reichhaltig aus. Er geht auf historische und geistesgeschichtliche Bezüge ein, insbesondere auf den fürs Werk so tragenden Phaidros-Dialog sowie den Unterschied zwischen apollinischem und dionysischem Lebensgefühl.

Der Einfluss der Novelle reichte bis nach Japan


"Aschenbachs Vermächtnis" ist im Männerschwarm Verlag erschienen

Darauf aufbauend beginnt der langjährige Männerschwarm-Verleger seinen Ritt durch die Echos, die direkten und indirekten Anspielungen und intertextuellen Bezüge, die Manns Novelle in der Literaturgeschichte hervorgerufen hat. Zehn literarische Werke stellt Joachim Bartholomae in "Aschenbachs Vermächtnis" vor, dazu zwei filmische Adaptionen und eine für die Oper.

Es zeigt sich, das muss anerkannt werden, dass Bartholomae in seiner, zunächst gar nicht mit dem Ziel einer Publikation, sondern aus persönlichem Interesse erfolgten, Suche äußerst erfolgreich ist. Er behandelt vielfältige Werke aus sieben Jahrzehnten, und beweist so, dass "Der Tod in Venedig" auch weit über Europa hinaus Einfluss übte.

Dabei beschränkt er sich in seiner Auswahl nicht nur auf die inhaltlich offensichtlicheren Texte, sondern präsentiert etwa mit "Der Tod des Vergil" von Hermann Broch einen Roman, der sich eher in den Motiven der Moral und der Rolle der Kunst für die Gesellschaft mit Thomas Manns Novelle vergleichen lässt.

Die Kritik der Werke ist zu absolut

Schade ist, dass Joachim Bartholomae dabei ausschließlich narratologisch vorgeht und Stil oder Form kaum anspricht. Dies wird ihm insbesondere in der Kritik von Luchino Viscontis filmischer Adaption aus dem Jahr 1971 zum Verhängnis, wenn er konstatiert, dass der Film ohne den "reichen gedanklichen Hintergrund Thomas Manns Stoff auf das reduziert, was das Publikum auf der Leinwand zu sehen bekommt" – nicht nur ein in seiner Logik zweifelhaftes, sondern auch angesichts Viscontis Bildgewalt unangebrachtes Urteil. Ein Film lässt sich eben nicht mit Mitteln der Literaturkritik beurteilen.

Überhaupt sind es Bartholomaes Kritiken, die seinem erklärten Ziel, "zur Lektüre dieser Werke hinzuführen" und eben nicht "die Neugier der Leser und Leserinnen durch letztgültige Auswertungen abzuwürgen", entgegenlaufen. Dafür sind seine Urteile nämlich genau dies: Zu absolut, subjektiv und unwidersprochen – etwa, wenn er zu Hans Christoph Buchs "Tod in Habana" kritisiert, dass hier der "Klassiker herhalten muss, um einen Flickenteppich mehr oder weniger origineller Beobachtungen zusammenzuhalten".


Autor und Männerschwarm-Verleger Joachim Bartholomae (Bild: Jens Wormstaedt)

Für Literaturinteressierte und Mann-Liebhaber

Dass Joachim Bartholomae teleologisch vorgeht und scheinbar eine zunehmende "Trivialisierung des Stoffes" erkennt, wirkt zudem kulturpessimistisch. Er verkennt, dass 2003 – und damit später als alle behandelten Werke – John Neumeier sich vom "Tod in Venedig" zu einem Ballett inspirieren ließ, genau wie Richard Wherlock erst 2018 am Theater Basel zur Musik von Dmitri Schostakowitsch. Thomas Ostermeier hat 2013 die Novelle an der Berliner Schaubühne inszeniert – das Echo ist also sehr wohl noch spürbar, es scheint jedoch die Buchseiten zunehmend zu verlassen und weitere Kulturakteur*innen zu treffen.

Dennoch ist "Aschenbachs Vermächtnis" eine informative, wohl recherchierte kleine Studie, die sich sprachlich irgendwo zwischen Habilitationsschrift und Schüleraufsatz einpendelt und Ausschläge in beide Richtungen kennt. Der Band ist für Literaturinteressierte im Allgemeinen sowie Mann-Liebhaber im Besonderen interessant, auch wenn manche Verweise auf einschlägige Forschungsliteratur vermissen werden.

Infos zum Buch

Joachim Bartholomae: Aschenbachs Vermächtnis. Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" und ihr Echo in der Literaturgeschichte. 146 Seiten. Männerschwarm / Salzgeber Buchverlage. Berlin 2019. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-86300-287-9). E-Book: 13,99 €


#1 Ralph
  • 27.11.2019, 15:21h
  • Diese Novelle hat ein Negativbild von schwulen Männern geprägt wie kaum ein zweites literarisches Werk. Da haben wir den ältlichen Mann, der besessen ist von der sexuellen Attraktion eines Jungen an der Grenze zwischen Pädos und Ephebos und der weil er davon nicht lassen kann an einer schaurigen Seuche stirbt. Kein katholischer oder evangelikaler Fanatiker hätte sich das besser ausdenken gekonnt.
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#2 WanndererAnonym
  • 27.11.2019, 16:00h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Wenn du dir den Mann auf dem Boot anschaust, der krampfhaft jünger wirken will, um junge Männer ins Bett zu bekommen, dann ist damit ein Typus beschrieben, den man auch heute noch oft in der Community findet.
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#3 Ralph
  • 27.11.2019, 17:37h
  • Antwort auf #2 von Wannderer
  • "Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner Gemeinschaft mit den Freunden zu." Nichts schlimmer als eine alte Tunte, die immer noch auf junge Tunte macht, ja. Auch diese Figur dient schon gleich zu Anfang der Verächtlichmachung schwuler Männer.
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#4 LotiAnonym
  • 27.11.2019, 20:24h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Moment mal, verstehe ich Deinen Kommentar jetzt richtig? Ältere Männer dürfen Jugendliche Männer ab 15 nicht mehr attraktiv finden? Ich war damals recht angetan von diesem Film. Gebe ich unumwunden zu. Noch heute mit 68 würde ich junge Männer vorziehen. Tue es aber nicht. Schon aus finanziellen und gesundheitlichen Gründen nicht. Hier gleich mit Pädophil daherzukommen, ist echt reichlich übertrieben. Aber so ist eben auch die Community, wehe man steht auf jüngeres Gemüse, dann ist man gleich der Kinderschänder. Ich kann sehr gut nachvollziehen, weshalb sogenannte Boyliebhaber mit der Schwulen Subkultur rein gar nichts zu tun haben wollen.
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#5 goddamn liberalAnonym
  • 27.11.2019, 21:41h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Seh ich anders.

    Der Mann hat einen schönen ruhigen Tod im Angesicht der männlichen Schönheit.

    Deren Wert wird durch den Text nach 2000 Jahren Christentum wiederentdeckt. Die griechischen Sagen, die im Text vorkommen, waren für mich als jugendlichem Leser ein gutes Gegengift gegen die Bibel. Sie haben mein schwules Selbstbewusstsein gestärkt.

    Dass Jugend unwiederbringlich ist, erfahren auch Heteros, die gerade heutzutage sich genauso unfreiwillig komisch verhüngen wollen wie Aschenbach.
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#6 Ralph
  • 28.11.2019, 13:49h
  • Antwort auf #4 von Loti
  • Das hab ich nicht gesagt. Mir ging es darum, dass Thomas Mann hier genau jenes Bild vom ältlichen Schwulen, der Jungs hinterhersteigt, geschaffen hat, das bis auf den heutigen Tag von Christen zur homofeindlichen Stimmungsmache missbraucht wird.

    Nebenbei: Zwischen meinem Mann und mir liegen 20 Jahre, und mit 20 hatte ich kurze Zeit auch schon einen doppelt so alten Freund. Das macht mich hoffentlich unverdächtig.
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#7 Ralph
  • 28.11.2019, 14:01h
  • Antwort auf #5 von goddamn liberal
  • Man sollte nicht nur die letzten Sätze vom scheinbar ruhigen Tod lesen, sondern seine Aufmerksamkeit auf die vorangehende Symptomatik lenken: "Sein Kopf brannte, sein Körper war mit klebrigem Schweiß bedeckt,sein Genick zitterte, ein nicht mehr erträglicher Durst peinigte ihn (...)." - "Er hatte mit (...) Schwindelanfällen zu kämpfen, die von einer heftig aufsteigenden Angst begleitet waren, einem Gefühl der Ausweg- und Aussichtslosigkeit (...)."

    Gar so schön stellt sich Thomas Mann den Tod im Angesicht von Jugend und Schönheit denn doch nicht vor.
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#8 LotiAnonym
  • 28.11.2019, 15:11h
  • Antwort auf #6 von Ralph
  • Danke für diese Antwort. War wohl hier ein deutliches Missverständnis. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie einige aus der Schwulen Szene in Westberlin damals auf mich reagiert hatten, als ich diese etwas prickelnde Rolle im Film Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof zu übernahm. Darin spielte ich den Freund und Liebhaber des Detlef. Den Rolf. Kommt im Film gar nicht so zum tragen. Ums kurz zu machen, als der Film rauskam, wurde ich als Boyliebhaber kritisiert. Letzteres hatte mich tief verletzt, da dies nicht zutraf. Da obendrein enge Bekannte von mir das Gerücht verbreiteten, ich würde ja nur auf Jungs stehen. Und ja, ich fühle mich eher zu jüngeren Männern hingezogen, als zu Gleichaltrigen.
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#9 TheDadProfil
  • 28.11.2019, 22:07hHannover
  • Antwort auf #6 von Ralph
  • ""Mir ging es darum, dass Thomas Mann hier genau jenes Bild vom ältlichen Schwulen, der Jungs hinterhersteigt, geschaffen hat,""..

    Der homosexuelle Thomas Mann hat hier nichts "erfunden", sondern mE nur sich selbst beschrieben..
    Vielleicht war das Ganze gar zur "Abschreckung" an seine beiden Queeren Kinder gedacht..
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#10 goddamn liberalAnonym
  • 28.11.2019, 22:37h
  • Antwort auf #7 von Ralph
  • Na ja:

    "Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam der
    Bewegung des draußen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsam
    dem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so daß seine Augen von
    unten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenen
    Ausdruck tiefen Schlummers zeigte. Ihm war aber, als ob der bleiche
    und liebliche Psychagog dort draußen ihm lächle, ihm winke; als ob er,
    die Hand aus der Hüfte lösend, hinausdeute, voranschwebe ins
    Verheißungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu
    folgen."

    Das ist ein antiker Todesengel, der mir schön genug ist.
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