Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?35067

Ab Donnerstag im Kino

Die resolute Oma und der schwule Enkel

Mit "Madame" setzt Stéphane Riethauser seiner Großmutter ein Denkmal – und erzählt dabei auch seine eigene Geschichte. Ein feinfühliges Doppelporträt über zwei Leben, die aus heteronormativen Strukturen ausgebrochen sind.


Stéphane Riethauser drehte "Madame" für seine vor 15 Jahren verstorbene Großmutter (Bild: Edition Salzgeber)
  • Von Fabian Schäfer
    10. Dezember 2019, 00:36h, noch kein Kommentar

"Hör auf, mich zu filmen", sagt Caroline zu ihrem Enkel Stéphane, ihrem Lieblingsenkel. Die Leute werden sie noch für die Haushexe halten. Sie, die Patriarchin, stark wie ein Mann, die Geschäftsfrau, die die Leute für eine schlechte Mutter hielten, wie Stéphane erklärt.

Kein Wunder. Eine Frau, die in den Zwanzigerjahren ihren Mann verlassen und die sich selbst etwas aufgebaut hat, war nicht nur rar, sondern auch unheimlich. Die zweite Frau in Genf, die einen Führerschein hatte. Was die Leute da dachten.

"Mit acht weiß ich, was eine Schwuchtel ist"


Poster zum Film: "Madame" startet am 12. Dezember 2019 im Kino

Der Schweizer Filmemacher Stéphane Riethauser erzählt in "Madame" von dieser Frau, von seiner Großmutter. Seit er 13 war, hat er sie und die ganze Familie auf seiner Kamera festgehalten. Der Vater wollte Regisseur werden, wurde stattdessen Steuerberater, und hat das Hobby des Sohnes immer gefördert. Was für ein Glück!

Caroline, damals über 90, erzählt ihm erstaunlich offen über ihre jungen Jahre. Über die Verheiratung, eine Vergewaltigung in der Ehe, wie sie alleine in den Wehen lag. "Das werde ich nie vergessen." Das sind Bilder, das merkt man ihnen an, die nicht gedreht werden, um veröffentlicht zu werden.

Stéphane Riethauser dreht "Madame" für seine vor 15 Jahren verstorbene Großmutter. Er spricht sie direkt an. Er erzählt ihr auch seine Geschichte. Die eines bürgerlich-privilegierten und klugen Jungen, der, wie wir alle, geprägt werden von heteronormativen Strukturen und Beleidigungen, die alles herabsetzen, was ihnen widerspricht.


Riethauser erzählt vom Verkleiden und Schminken, das nur an Karneval möglich war (Bild: Edition Salzgeber)

"Mit acht weiß ich, was eine Schwuchtel ist", sagt er. Etwas, was er nicht ist, weil er es nicht sein darf, weil es die Gesellschaft nicht erlaubt. Die Macht solcher Begriffe wird erst im Nachhinein offenkundig. Stéphane Riethauser erzählt vom Verkleiden und Schminken, das nur an Karneval oder im Zirkus möglich war. Die Gesellschaft ist ein enges Korsett, das nur hier und da gelockert werden darf, danach aber schleunigst wieder eng geschnürt wird.

Der Film ist ein Stück Zeitgeschichte

Mit 15 ist er mit seiner Familie in New York, dort ist zufällig Pride. Es kommen ihm erste Gedanken, er könne so sein wie die, die da auf den Straßen demonstrieren. Den Gedanken folgt die Scham. Nein. "Ich bin so, wie es sich gehört." Was würden die Leute da denken.

Noch während der Schulzeit merkt er, dass er eben doch dazugehört. Langsam akzeptiert er sich selbst. Geht zum Studieren in die USA, lernt Tim kennen. "Nur mein Tagebuch weiß, wie sehr ich ihn liebe." Es ist ein Prozess der Selbstfindung, den er schließlich auch mit seinen zunächst geschockten Eltern teilt.


Stéphane wurde schon früh von seiner flamboyanten Großmutter unterstützt (Bild: Edition Salzgeber)

Die Geschichte von Stéphane Riethauser und seiner Großmutter Caroline mag nicht einzigartig sein. Viele werden sich in den Sätzen, den Beleidigungen, den Gedanken wiederfinden. Doch die Bilder und Videos aus den vergangenen Jahrzehnten, mit der er sie erzählt, sind es allemal. Sie zeugen von einer tiefen, innigen Bindung von Großmutter und Enkel, von Familie, wie sie sein soll: Unterstützend, würdig, aneinander interessiert, nie konfliktfrei.

Es ist ein großes Glück, dass Stéphane Riethauser einen kleinen Teil dieser Unmenge an privaten Videos mit uns teilt. "Madame" wird so zu einem Stück Zeitgeschichte über zwei Menschen, die auf ihre Weise langsam das enge gesellschaftliche Korsett gelöst haben, um ihr Leben zu leben. Caroline kann, trotz (oder wegen?) aller Widrigkeiten, mit denen sie umgehen musste, in ihrem wachen Geist, durch den trockenen Humor und die Bewunderung für die Schönheit des Lebens ein Vorbild sein. Nicht nur für ihren Enkel.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film

Infos zum Film

Madame. Dokumentarfilm. Schweiz 2019. Regie: Stéphane Riethauser. Laufzeit: 94 Minuten: Sprache: deutsche und französische Fassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Edition Salzgeber. Kinostart: 12. Dezember 2019