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Didier Eribon

"Betrachtungen zur Schwulenfrage" – endlich auf Deutsch

Mit dem Roman "Rückkehr nach Reims" wurde der französische Philosoph Didier Eribon auch in Deutschland bekannt. Jetzt liegt endlich sein wichtiges theoretisches Werk als Übersetzung vor – 20 Jahre nach Erscheinen.


Didier Eribon, geboren 1953, vor zwei Jahren auf der Frankfurter Buchmesse (Bild: JCS / wikipedia)

"Am Anfang war die Beleidigung." Mit nichts weniger als einer Referenz zum Johannes-Evangelium beginnt Didier Eribon seine "Betrachtungen zur Schwulenfrage". Nur dass es bei dem französischen Philosophen nicht irgendein Wort ist, mit dem alles beginnt, sondern ein ganz besonderes. Die Beleidigung.

Die Beleidigung, die jeder Schwule irgendwann hört, häufig schon, bevor er sich selbst als schwul bezeichnet. Die Beleidigung, schreibt Eribon, sei ein Urteil auf Lebenszeit, an dem jeder Schwule seine Differenz merke – und ein Machtgefälle noch dazu. Worte, die selbst die stolzesten Schwulen fürchten, und die dazu führen, dass sie sich Strategien aneignen, ihnen (oder sogar physischer Gewalt) aus dem Weg zu gehen.

Ganz unbewusst, völlig verinnerlicht und daher kaum in Frage gestellt, ein kurzer Blick nach links und rechts, ein Scannen der Umgebung, bevor der Partner einen Kuss bekommt. Strategien, die die heteronormative Mehrheitsgesellschaft nicht braucht – und wahrscheinlich gar nicht kennt.

Assimilation vs. Subversion


"Betrachtungen zur Schwulenfrage" ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Das erste Kapitel von Didier Eribons Werk "Betrachtungen zur Schwulenfrage" trägt die Überschrift "Eine Welt voller Beleidigungen". Darin macht er eine Art soziologische Bestandsaufnahme homosexueller Lebensrealitäten, insbesondere in Frankreich und der westlichen Welt. Es ist der Versuch, bestimmte Phänomene zu erklären, über die man sich womöglich selbst schon Gedanken gemacht hat, oder über die Heteros einen fragen, weil man ja schwul sei und daher eine Erklärung dafür haben müsse, weshalb so viele Friseure schwul sind oder wofür "wir" eigene Stadtviertel brauchen.

Eribon findet für diese zwei wie für viele weitere Fragen aufschlussreiche Erklärungen. Seine Erklärungsmuster sind fundiert und, obwohl manchmal 15 Zeilen lang, erstaunlich und wohltuend verständlich wie unprätentiös formuliert. In seinen Deutungen bezieht er sich insbesondere auf Foucault, Sartre, Genet, Proust, Butler und Nietzsche. Er liefert jedoch nicht nur reine Erklärungen, sondern positioniert sich klar links und kapitalismuskritisch.

Eribon stattet einen nicht nur mit Gegenargumenten für bekannte homophobe Aussagen aus, er hat auch ganz klare Handlungsanweisungen, etwa gegen das Leben im Versteck oder wenn es um die zwei großen Pole zwischen Assimilation in eine Mehrheitsgesellschaft und Subversion ebendieser geht – und hebelt gleichzeitig diese vereinfachenden Gegensätze zugunsten einer realistischen, produktiven Betrachtungsweise aus.

Wer sind die Nachbeter eines gewissen Queer-Katechismus?

Denn es ist ja eine Debatte, die bis heute bei jedem Christopher Street Day (oder eben abseits davon) auftaucht: Wollen wir uns als spezifische Minderheit konstituieren? Oder wünschen wir uns nicht, als "Individuen betrachtet zu werden wie andere auch, deren Sexualität kein grundsätzliches Unterscheidungsmerkmal zu sein hat"? Die ganze Geschichte der Homosexualität sei zwischen diesen beiden Polen hin- und hergerissen. Von der Interaktion zwischen beiden Bestrebungen werde für Eribon "das, was man Schwulenbewegung oder Schwulenkultur nennt", sogar überhaupt erst konstituiert.

Manche Konflikte, etwa die offensichtlich herrschende Kritik an Uniformität innerhalb der Community, scheint heute dagegen etwas aus der Zeit gefallen – was bei einem 20 Jahre alten Werk, das erst heute und nach dem durchschlagenden Erfolg von "Rückkehr nach Reims" und "Gesellschaft als Urteil" ins Deutsche übersetzt vorliegt, kaum verwundert. Auch an manchen anderen Stellen wird deutlich, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten einiges verbessert hat – vieles aber auch weiterhin uneingeschränkte Gültigkeit besitzt.

Doch nicht alles, was Eribon schreibt, kann widerspruchsfrei stehen gelassen werden. Sicher bietet "Betrachtungen zur Schwulenfrage" Potential, seine eigenen Kritikpunkte hier und da vorzubringen. So irritiert etwa ein Seitenhieb auf die "die Nachbeter eines gewissen Queer-Katechismus", die als solche nicht weiter benannt werden – eine Kritik, die sich so nicht entfaltet und eher herablassend wirkt.

Literarische Sichtbarkeit führte wieder zu Homophobie

So dient dieses erste Kapitel als ungemein interessante, lebensnahe, theoretische Untersuchung im Essay-Stil, aber auch als Streitschrift und Geschichtsbuch. Ein Kapitel, in dem Homosexuelle (aber auch andere queere Menschen) sich oft in ihrem Verhalten ertappt fühlen werden, und das die Kraft hat, auch Heterosexuellen zu erklären, weshalb manches so ist, wie es ist.

Darauf folgt mit "Oscar Wildes Gespenster" das zweite Kapitel, das literaturgeschichtlich untersucht, wie wichtig die Literatur für die Herausbildung von schwulen Identitäten war und ist und welche Diskurse etwa durch Oscar Wilde in Gang gesetzt wurden (auch wenn für Eribon "nichts abstoßender ist als seine elitäre Haltung, sein aristokratischer Ästhetizismus").
Zwar verliert sich Eribon darin teilweise in Nacherzählungen, wer wann welches Werk geschrieben hat und damit wen beeinflusst hat, doch zeichnet sich das Kapitel aus durch erhellende Thesen und Feststellungen. Dazu gehört, dass Werke, die wir heute als "Gründungstexte der modernen Schwulenkultur" lesen, dazu beigetragen haben, "die Themen, Bilder und Kategorien des homophoben Diskurses zu formen und zu perpetuieren." Das, was heute als literarische Sichtbarkeit gilt, hat gleichzeitig homophobe Diskurse geprägt und ihnen Stoff geliefert.

Außerdem hält das Kapitel insbesondere Literaturinteressierten eine Fülle an Hinweisen bereit und würdigt etwa das Werk von Walter Pater, der immensen Einfluss auf Oscar Wilde ausgeübt hat sowie das von John Addington Symonds. Beide schufen durch ihre Konzentration auf Griechenland und ihre Interpretation des griechischen Denkens im 19. Jahrhundert "Raum für einen neuen Diskurs" – und somit die Voraussetzungen dafür, "dass ein homosexueller Legitimationsdiskurs beginnen konnte, sich Gehör zu verschaffen."

Frankreich hat laute schwule Stimmen, die anderswo fehlen

Es folgt das letzte, komplexeste und am wenigsten massentaugliche Kapitel, "Die Heterotopien Michel Foucaults". Didier Eribon veröffentlichte bereits zehn Jahre vor "Betrachtungen zur Schwulenfrage" eine Biografie des einflussreichen französischen Philosophen. Darauf nimmt er Bezug, wenn er nun einen 130-seitigen Ritt durch dessen Werk unternimmt und unter anderem aufzeigt, wie sehr Foucaults persönliches Leben mit seinen akademischen Tätigkeiten verwoben ist.

Eribon bietet einen präzisen Kommentar zur Werkgeschichte Foucaults in Hinblick auf Äußerungen zur Homosexualität, kontextualisiert die Entwicklungen vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund seiner Entstehung, betont Widersprüche und versucht, sie zu deuten. So werden Parallelen im Werk Wildes und Foucaults deutlich, die beide den ständigen Versuch unternehmen, sich gegen die Macht der Gesellschaft zu wehren und auf Abstand zu Normen zu gehen.

Es ist ein großes Glück, dass "Betrachtungen zur Schwulenfrage" endlich auf Deutsch vorliegt und so noch breiter rezipiert werden kann. Das Werk gilt bereits als Klassiker der Queer Theory und wird diesen Status durch die Übersetzung sicher festigen. Es bietet Anknüpfungspunkte nicht nur für die verschiedenen Disziplinen, sondern auch – insbesondere im ersten Kapitel – für interessierte queere Menschen.

Wieder einmal wird zudem deutlich, dass mit Didier Eribon, seinem Partner Geoffroy de Lagasnerie und Édouard Louis Frankreich drei laute, linke, schwule Stimmen hat, die in Deutschland völlig zu fehlen scheinen.

Infos zum Buch

Didier Eribon: Betrachtungen zur Schwulenfrage. Original: Réflexions sur la question gay. Aus dem Französischen von Achim Russer und Bernd Schwibs. Sachbuch. 600 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2019. Hardcover mit Schutzumschlag: 38,00 € (ISBN 978-3-518-58740-9). E-Book: 32,99 € (ISBN 978-3-518-76314-8)
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#1 antosProfil
  • 21.12.2019, 11:53hBonn
  • Eines der besten Bücher, das ich in diesen Jahr lesen konnte - unbedingte Empfehlung!
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#2 WanndererAnonym
  • 21.12.2019, 12:06h
  • Auch wenn Lukas in der Weihnachtszeit präsenter ist, war hier bestimmt das Johannes-Evangelium gemeint. ;-)
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  • Anm. d. Red.: Stimmt, ist geändert, danke für den Hinweis!
#3 Ralph
  • 21.12.2019, 16:47h
  • Ich kämpfe mit mir, ob ich mir diesen Wälzer antun soll. Mal sehen. Auf keinen Fall möchte ich aber eine heftige Kritik am Titel versäumen. Wie kann man ernsthaft -erst recht im deutschen Sprachraum- nach dem Dritten Reich noch auf die Idee kommen, das Wesen, den Bestand, die Eigenarten, die Geschichte oder den Umgang mit einer sozialen Gruppe als "Frage" zu bezeichnen! Beim ersten Blick auf diesen Titel wird doch jeder nicht völlig Ahnungslose vom Gespenst der "Judenfrage" überwältigt. Ich brauche das Wort "Frage" in Bezug auf eine soziale Gruppe nur zu hören oder zu lesen und denke sofort an die Antwort, die man in Deutschland auf solche "Fragen" gegeben hat: Konzentrations- und Vernichtungslager. Wieso konnte sich der die Übersetzung herausgebende Verlag nicht beherrschen, einen Titel zu wählen, zwischen dessen Buchstaben der Name Auschwitz aufscheint und der nahelegt, es handele sich um ein Buch, das auf eine Endlösung der von ihm betrachteten "Frage" abzielt???
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#4 antosProfil
  • 21.12.2019, 17:21hBonn
  • Antwort auf #3 von Ralph
  • Ich finde den deutschen Titel (französischer Titel: Réflexions sur la question gay) passend gewählt, beschwört er doch - durch Anspielung auf die zahlreichen Betrachtungen zur >Judenfrage< im 19. Jahrhundert (auch die Dreyfus-Affäre ist z. B. im Buch präsent) - genau die Atmosphäre der >kollektiven Beleidigung< und schwuler Reaktionen darauf, die ein wesentliches Thema eben dieser Betrachtungen sind.

    Lies den Wälzer, Ralph, er ist so geschrieben, dass Du nicht merkst, wie die Zeit vergeht: ein Pageturner, randvoll mit erhellenden Betrachtungen und Verweisen! Es gibt wenig vergleichbares im deutschsprachigen Raum - und das 20 Jahre nach Eribons Werk.

    Zur Buchbesprechung hier: Eribon eine dezidiert >antikapitalistische< Perspektive unterzujubeln ist so naja. Worin soll die sich äußern? Eribon ist ein an Pierre Bourdieu und Michel Foucault geschulter kritischer Soziologie, der sich unter anderem auch gegen die psychoanalytische Pseudo-Wissenschaft ausspricht. Ebenfalls lesenswert:

    www.amazon.de/Psychoanalyse-entkommen-Didier-Eribon/dp/38513
    28728/ref=sr_1_6
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#5 schwulenaktivist
  • 21.12.2019, 18:58h
  • Wo immer "antikapitalistische" Mobilisierung sich hervortut sollte beachtet werden, dass die ganze AIDS-Forschung ohne Kapital und Forschung fehlen und was das heute bedeuten würde!
    Kritik am heutigen Kapitalismus ist notwendig und unentbehrlich. Aber "sofort" abzuschaffen ist der nicht...
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#6 lindener1966Profil
  • 21.12.2019, 20:05hHannover
  • Ja, wo sind in Deutschland die Intellektuellen (Literaten, Philosophen, Künstler) , die sich ernsthaft mit queeren Themen beschäftigen und was zu sagen hätten????
    Und zur Kapitalismuskritik: Ganz bestimmt erzeugt der Kapitalismus Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse, aber solange das Individuum einen Mehrwert erzeugt und konsumiert, gibt dieses dem Individuum daneben auch viele Freiräume. Gesellschaften, die eher auf dem "Gemeinschaftsgedanken" aufbauen - hört sich erstmal ja gut an- legten bisher auf individuelle Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten keinen gesteigerten Wert.
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#7 MarcAnonym
  • 21.12.2019, 20:48h
  • Antwort auf #4 von antos
  • Danke für den Tipp, hab mir beides bestellt. Allerdings versuche ich - gerade bei 'Szenethemen' -, Bestellungen nicht amazon, sondern dem Buchladen Erlkönig in Stuttgart zukommen zu lassen (von dort kann man sich die Bücher auch schicken lassen):

    www.buchladen-erlkoenig.de/shop/index

    Es gibt nicht mehr allzu viele schwule Buchläden, die will ich nicht auch noch durch die Großhändler plattgemacht sehen.
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#8 antosProfil
  • 21.12.2019, 21:00hBonn
  • Antwort auf #7 von Marc
  • Das finde ich gut. Amazon verlinke ich wegen der Leserrezensionen, die können zusätzlich hilfreich sein. Wie ich grad sehe, bietet der Erlkönig leider keine E-Books an - schade!
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#9 TheDadProfil