Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?35154

Enthüllungsbuch

Schwule Geheimnisse im Vatikan: "Sodom"

"Fifty shades auf gay". In einem Aufsehen erregenden Buch beschreibt der französische Autor Frédéric Martel den Vatikan als Schwulenhochburg und prangert die Doppelmoral der Katholischen Kirche an.


Ausschnitt aus dem Cover: Für sein Buch "Sodom – Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan" hat Frédéric Martel jahrelang recherchiert und 1.500 Interviews geführt
  • Von Sibylle Peine, dpa
    21. Dezember 2019, 17:02h, 7 Kommentare

Autor Frédéric Martel ist Journalist und Soziologe und selbst schwul (Bild: Astrid di Crollalanza)

Nachts schleichen sie sich heimlich aus dem Vatikan und suchen Stricher von der Straße auf. Oder sie leben mehr oder weniger offen mit einem "Assistenten" zusammen. Wieder andere belästigen junge attraktive Schweizergardisten mit ihren Avancen. Und nicht wenige nutzen ihre Reisen, um in der Ferne ungestört und hemmungslos ihren homosexuellen Neigungen frönen zu können. Auch schwule Pornografie wird hinter den Mauern des Vatikans eifrig konsumiert, manche Prälaten scheinen regelrecht süchtig danach zu sein. "Der Vatikan ist eine der größten homosexuellen Communitys der Welt", schreibt der Franzose Frédéric Martel in seinem Buch "Sodom – Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan".

Selbst in San Francisco gebe es nicht so viele Schwule wie hier. Mit dem Unterschied allerdings, dass der Vatikan auch eine Hochburg der Heuchelei sei. Denn das homosexuelle Doppelleben vieler Priester oder gar Kardinäle sei oft in der Öffentlichkeit mit einer "äußerst atemberaubenden Homophobie" gepaart. Papst Franziskus, der nach Ansicht des Autors selbst nicht der homosexuellen "Gemeinde" angehört, weiß über all das genau Bescheid. In einer Predigt prangerte er diese Scheinheiligkeit 2016 offen an: "Hinter der starren Strenge verbirgt sich immer etwas, in vielen Fällen ein Doppelleben. Aber das ist auch etwas Krankes."

Angriff auf das System Katholische Kirche

Der investigative Journalist Martel ist selbst homosexuell. Ihm geht es in seinem Buch nicht darum, die sexuelle Neigung vieler Kirchenmänner bloßzustellen. Er greift vielmehr das System Katholische Kirche an, vor allem das Priesterzölibat, das er eine "Fiktion" nennt. In ihm sieht er den Kern allen Übels. Die erzwungene Ehelosigkeit begünstige die Tendenz, dass sich vor allem Homosexuelle zum Priesteramt hingezogen fühlten. Da die Kirche aber Homosexualität offiziell verurteile, müssten sie ein Doppelleben führen. Das Thema ist natürlich hochbrisant und trifft die Katholische Kirche zu einem Zeitpunkt, da sie eh schon wegen der vielen Missbrauchsskandale schwer unter Beschuss ist.

Martel ist dabei kein windiger Schreiberling und auch kein Eiferer. Sein Buch ist das Ergebnis jahrelanger Recherche, die er in 30 Ländern zusammen mit vielen Helfern unternahm. Seine Belege sind erdrückend. 1.500 Interviews wurden geführt, und zwar alle vor Ort und persönlich. Sogar 41 Kardinäle waren zu Aussagen bereit. Sie werden von ihm namentlich aufgelistet. Auch mit normalen Priestern, Seminaristen und Schweizergardisten hat er gesprochen sowie mit Strichjungen aus Rom, zu deren bevorzugter Klientel Priester gehören ("Sie sind treu und zahlen gut.").

Szenen wie aus einem schlechten Film


"Sodom – Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan" ist im S. Fischer Verlag erschienen

Manche Stellen in dem Buch lesen sich wie in einem schlechten Film. So erzählt Martel in dem Kapitel "Der Ring der Wollust" von zwei schwulen Kardinälen, die ihre "Glanzzeit" unter Papst Johannes Paul II. hatten. Sie firmieren im Vatikan unter den Pseudonymen "Platinette" – nach einer bekannten Dragqueen – und "La Mongolfiera". Über einen anderen Bischof kursiert intern der Spruch "Spitze bei Tag, Leder bei Nacht". Martel gibt ihre Namen nicht preis, andere dagegen schon.

Ein besonders krasser Fall ist der des 2008 verstorbenen mächtigen kolumbianischen Kardinals López Trujillo. Unter Johannes Paul II. war er ein erbitterter Kämpfer gegen "Safer Sex" und führte einen Feldzug gegen Kondome. Dabei lebte er selbst zügellos und mit brutalen Mitteln seine Homosexualität aus. Anwerber in der ganzen Welt führten ihm junge Männer zu. Auch Papst Benedikt ist ein Kapitel gewidmet. Er ist für Martel eine tragische Figur. Der Autor unterstellt ihm homophile Neigungen, die er aber sublimiert habe. Vielleicht gerade deshalb habe bei Benedikt der Kampf gegen die Homosexualität eine neue Dimension angenommen. Nach Ansicht von Martel war das ungelöste Schwulenthema neben der niederschmetternden Serie von Missbrauchsenthüllungen auch ein Hauptgrund für seinen Rücktritt.

Auch wenn Martel immer mal wieder auf Abwege kommt und er sich bisweilen in schwülstigen Details verliert, ist sein Buch doch alles in allem seriös und fundiert. Umso niederschmetternder ist der Inhalt. Er hat das Zeug, die Katholische Kirche weiter zu erschüttern. Der Autor selbst sieht sein Werk übrigens erst als Anfang einer längeren Enthüllungsgeschichte.

Infos zum Buch

Frédéric Martel. Sodom – Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan. Sachbuch. 672 Seiten. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2019. Gebundene Ausgabe: 26,00 € (ISBN: 978-3-10-397483-6). E-Book: 22,99 € (ISBN 978-3-10-491168-7)


#1 stephan
  • 21.12.2019, 19:02h
  • Der Artikel ist lesenswert. Das Buch zu lesen habe ich indes keine Lust, denn wenn man der röm.-kath- Kirche einmal sehr nahe stand, kennt man diese und viele andere Geschichten in immer neuen Abwandlungen aus eigenem Erleben ohnehin schon sehr gut.

    Und um nicht in solche Heuchelei zu geraten, anders zu leben, als man es nach außen zeigt, habe ich schließlich vor 30 Jahren nach 3,5 Jahren das Kloster wieder verlassen. Mein Mann und ich haben ihr offen vor kurzer Zeit 28 Jahre der Liebe gefeiert ...
  • Antworten » | Direktlink »
#2 antosProfil
  • 21.12.2019, 19:47hBonn
  • Antwort auf #1 von stephan
  • Was Du vielleicht so nicht kennst, sind die erzkonservativ und schwulenfeindlich auftretenden schwulen Funktionäre im Herzen des Vatikans - allein schon deshalb sollte man es lesen. Zusammen mit Eribons >Betrachtungen< ergibt sich ein grelles Tableau schwuler Selbstverleugnung und schwulen Selbsthasses, vor dem man nicht die Augen verschließen sollte.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 TomtomAnonym
#4 stephan
  • 21.12.2019, 21:44h
  • Antwort auf #2 von antos
  • Da könntest Du durchaus recht haben. Vom Klerus der Bistümer und von dem Geschehen in Rom hab ich mich ohnehin immer angewidert abgewandt. Aber Probleme der Selbstannahme und auch Selbstverleugnung habe ich in einem mittelgroßen Benediktinerkonvent mit ein paar Dutzend Brüdern studieren können: Wie gehen alte Männer, die in ihrem Leben nie über Sex gesprochen haben und sich vermutlich ihrer eigenen Homosexualität nicht einmal voll bewusst sind, mit ihren Gefühlen um? Wie leben junge Brüder mehr oder weniger offen und wo und wie entscheidet sich, ob sie im Kloster bleiben oder nicht? Bösartigen Selbsthass und daraus resultierenden Hass auf andere aber habe ich im Kloster nicht beobachtet, eher freundliches Wohlwollen der meisten Brüder untereinander! ... Ich schaue mir das Buch dann doch vielleicht einmal an ;)
  • Antworten » | Direktlink »
#5 Ralph
  • 22.12.2019, 09:39h
  • Ich glaube nicht, dass es einen Sinn hat, Zeit zu verschwenden mit dieser verlogenen, vollkommen unmoralischen Organisation. Jeder weiß, was das für Hassprediger und Volksverhetzer sind; jeder kennt den von ihnen verbreiteten Aberglauben. Wie ein mit Anstand und Vernunft begabter Mensch zur kath. Kirche nur stehen kann -nämlich ablehnend-, weiß auch jeder. Das braucht nicht mit Skandalgeschichten unterfüttert zu werden, erst recht nicht mit solchen, in denen Gerüchte gestreut werden, der Autor aber zu feige ist zu sagen, von wem er spricht.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 LotiAnonym
  • 22.12.2019, 10:58h
  • Antwort auf #2 von antos
  • Habe beide Bücher notiert und werde sie mit Sicherheit auch lesen. Neu kann ich mir diese Bücher nicht leisten. Also warte ich geduldig, bis mir auf Amazon ein guter Preis genannt wird für gebrauchte Bücher.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 Alexander_FAnonym
  • 22.12.2019, 13:52h
  • Allzu überraschend sind die Erkenntnisse von Herrn Martel wohl nicht, denn das der Vatikan es mit der von ihm selbst gepredigten Moral nicht ganz so hält und dass Männerbünde ganz allgemein zu solchen doppelmoralischen Erscheinungen neigen, ist ein offenes Geheimnis.

    Das Ausmaß dieser Enthüllungen scheint mir dann aber doch von völlig neuer Qualität zu sein, und ich hoffe, dass dadurch eine weitere, große Austrittswelle zustande kommt.
    Auf ein neues Jahrzehnt ohne muffige Heuchler!
  • Antworten » | Direktlink »