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Heimkino

Schwitzende Leiber im zeitlosen Dampf

Bei seiner Erstveröffentlichung 1997 wurde "Hamam – Das türkische Bad" als Meisterwerk gefeiert. Jetzt ist der queere Kultfilm von Ferzan Özpetek in digital restaurierter Fassung erschienen.


Regisseur Ferzan Özpetek nutzt in "Hamam" die homoerotische und höchst sinnliche Atmosphäre türkischer Bäder, um in verführerischen Bildern von einem sexuellen und kulturellen Erwachen zu erzählen (Bild: Edition Salzgeber)

Als Regisseur Ferzan Öztepek in seiner Wahlheimat Italien vor ein paar Wochen mit einem Verdienstorden in den Rang eines "Commendatore" erhoben wurde, blieb es in der queeren Presse erstaunlich still. Während viele türkische News-Dienste triumphierten, dass der Landsmann es nach seiner Auswanderung in den Stiefelstaat zum Ehrenbürger gebracht hat, und Öztepek selbst feierte, "dass die Italiener mich auf diese Weise als einen von ihnen annehmen", war von den Verdiensten, die der Filmemacher durch die konsequente Einbindung queerer Plots und Figuren in seine Leinwand- und Operninszenierungen der LGBTI-Szene erweist, kaum die Rede.

Vielleicht weil Öztepek selbst sehr beiläufig mit seinem Schwulsein umgeht (2016 heiratete er ohne viel Tamtam seinen langjährigen Partner Simone Pontesilli) und Homosexualität in seinen Filmen lieber als Selbstverständlichkeit behandelt, statt sie zur Identitätsfrage zu machen. 2010 äußerte er im "Männer"-Interview mit Patrick Heidmann: "Mich macht es wütend, ständig reduziert zu werden auf die Kategorie des 'schwulen Regisseurs' (…) Ich würde mir wünschen, dass man Begriffe wie homo- und heterosexuell eines Tages gar nicht mehr brauchen wird. Schließlich geht es doch einfach nur um Menschen, sowohl im Leben wie in meinen Filmen."


Bild: Edition Salzgeber

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Sechs Sekunden Abknutschen im heißen Dampf

Wenn jetzt mit "Hamam – Das türkische Bad" Öztepeks Debütfilm in digital restaurierter Fassung neu auf DVD erscheint, ist das eine schöne Steilvorlage, das Werk an der "Einfach nur um Menschen"-Aussage zu messen und über 20 Jahre nach der Erstaufführung im Jahr 1997 auf sein queeres Potenzial abzuklopfen. In der Internet Movie Data Base (imdb.com) belegt "Hamam" auf der inoffiziellen Liste von "30 schwulen Filmen, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt" Platz vier – vor "Brokeback Mountain" und hinter "Moonlight". Nicht schlecht für einen Film, dessen schwule Lovestory eigentlich nur in einer sechs Sekunden langen Kuss-Szene so richtig offensichtlich wird, sonst aber in der gesamten Handlung genauso wenig direkt thematisiert wird wie die sexuelle Orientierung der beiden Protagonisten, die sich im heißen Dampf des titelgebenden Bades abknutschen.

Erzählt wird die Geschichte des italienischen Yuppies Francesco, der seinen stressigen Alltag zwischen Verpflichtungen als Innenarchitekt und ewigen Streitereien mit Ehefrau und Kollegin Marta hinter sich lässt, um nach Istanbul zu reisen. In der Stadt am Bosporus will er ein Haus verscherbeln, das er nach dem Tod seiner Tante Anita geerbt hat. Eigentlich hat er für den Trip nur zwei Tage eingeplant, doch die Gastfreundschaft von Perran und ihrer Familie, mit der "Madame Anita" ihr Anwesen im historischen Ayakapı-Viertel geteilt hat, verlängert den Aufenthalt. Unverhofft erfährt Francesco eine Menge Details über das Leben der Tante, u.a. dass sie als "erste Abendländerin, die Domäne der allmächtigen Familienväter" aufbrach und ein türkisches Badehaus betrieb, das jetzt geschlossen ist und in einem Nebengelass des geerbten Hauses vor sich hinrottet. Francesco ist fasziniert von dem Gebäude. Auch weil ihn sein neuer Freund Mehmet in die Genüsse der Hamam-Kultur einführt. Francesco lässt den Hausverkauf platzen und beschließt, Anitas Badehaus wiederherzurichten. Ein Aufbruch in die Unbeschwertheit beginnt – bis auf einmal Ehefrau Marta auf der Matte steht und das schwerelose Gleichgewicht des Istanbuler Neuanfangs ins Wanken bringt.


Bild: Edition Salzgeber

Das Badehaus als nostalgisches Auslaufmodell

Wenn man von ein paar Neunziger-Jahre-spezifischen Eigenheiten wie monströsen (aber damals hochmodernen) Klapp-Handys und unablässiger Raucherei absieht, könnte die Geschichte von "Hamam" genauso gut heute spielen. Es geht um Gentrifizierung, kulturelle Unterschiede zwischen Orient und Okzident, die Rückbesinnung auf die Lebenslust in einem gehetzten Business-Alltag und um weibliche Emanzipation in der männerdominierten türkischen Gesellschaft.

Dass der Film auch nach über 20 Jahren nicht altmodisch wirkt, liegt aber vor allem daran, dass die Geschichte als nostalgisches Märchen angelegt ist. Die Welt der Istanbuler Yali-Holzhäuser, der traditionellen Riten und der Badehaus-Kultur, von der "Hamam" erzählt, war schon Ende der Neunziger ein nostalgisches Auslaufmodell. Zudem blendet Öztepeks Drehbuch politische Schattenseiten der türkischen Gesellschaft (Unterdrückung von Frauen, Homosexuellen und Andersdenkenden) weitgehend aus. Der Film liefert also eine mittels Fokussierung auf idyllische Refugien entschlackte Version der Wirklichkeit, die in ihrer Romantisierung zeitlos ist.

Eine unverhohlene Liebeserklärung an Istanbul


Die Edition Salzgeber hat die digital restaurierte Fassung des Kultfilms auf DVD veröffentlicht

Bezeichnend für diese Herangehensweise ist der Umgang mit dem schwulen Plot. Francescos Affäre mit Mehmet wird nur durch Marta problematisiert, die die beiden in der erwähnten Szene aus Versehen beim Knutschen beobachtet. Die Männer selbst geben sich nach außen unbefangen als platonische Kumpels und verbannen ihre körperliche Beziehung in die Sphäre des Privaten. Zu leiden scheinen die beiden unter dem Versteckspiel nicht. Vielleicht, weil keiner von ihnen vorhat, schwulen Sex in einen schwulen Lebensentwurf zu überführen, also das patriarchale Gesellschaftsmodell der Türkei durch eine öffentliche Beziehung zu konterkarieren. Schwule Helden sind Francesco und Mehmet also nicht.

Der Film hat sowieso keine Helden. Er hat nur Heldinnen. Da ist Tante Anita, die als Stimme aus dem Off poetisierte Weisheiten à la "Hier muss eine Frau doppelt so viel arbeiten, um die Hälfte zu erreichen" zum Besten gibt, da ist die liebevoll resolute Perran, die nicht nur bei ihren Gästen, sondern auch bei ihrem Mann keinen Zweifel daran lässt, wer in ihrem Haus die Hosen anhat, da ist Marta, die im Angesicht der tragischen Entwicklungen der letzten Filmminuten ihre Zickigkeit gegen menschliche Größe eintauscht und in Anitas Fußstapfen tritt. Und dann ist da noch die größte Heldin von allen – jene Schönheit, deren kühle, schmeichelnde Brise jeden Neuanfang erleichtert, und an die der Film eine unverhohlene Liebeserklärung ist: Istanbul.

Zurecht auf Platz vier der besten schwulen Filme

Warum also Platz vier auf einer Best-of-Liste mit "schwulen" Filmen? Erstens, weil "Hamam" als erster türkischer Film überhaupt gilt, der auch einen homosexuellen Plot hatte, zweitens, weil allein der Blick des Regisseurs das Ganze dezidiert schwul macht. Schwitzende Männerleiber und starke Frauen – mit diesen Zutaten hat auch Almodóvar die Hälfte seiner Karriere bestritten. Und zeitlose Märchen über das Suchen und Finden der (Selbst-)Liebe haben queere Seelen seit jeher beflügelt. Vor allem, wenn sie mit so federleichter Poesie daherkamen wie dieses meisterhaft leichtfüßige Debüt.

Der digital restaurierten Fassung ist hoch anzurechnen, dass sie die Zeitlosigkeit des Films nicht durch übertriebene HD-Optik und übersteuerte Bonbonfarben kaputtmacht. Es wurden lediglich Krissel und Unschärfen entfernt, sodass die epischen Aufnahmen von Istanbul stärker leuchten und die jungen Versionen von Alessandro Gassman (Franceso) und Mehmet Günsür (Mehmet) sowie der Heldinnen Serif Sezer (Perran) und Francesca d'Aloja (Marta) noch mehr strahlen, als sie es in den Neunzigern auf der Leinwand taten. Auch die Tonspur kommt rauschfrei daher, sowohl in der italienisch-türkischen Originalfassung als auch in der gelungenen deutschen Synchronisation. Also auch ohne schwules Happy-End oder sonstige queere Eindeutigkeiten: Ein schöner Film. Immer noch. Und immer wieder.

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Vimeo / Salzgeber & Co. Medien GmbH | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Hamam – Das türkische Bad. Spielfilm. Digital restaurierte Fassung. Italien, Türkei, Spanien 1997. Regie: Ferzan Öztepek. Darsteller: Alessandro Gassmann, Halil Ergün, Carlo Secchi. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung, italienisch-türkische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Edition Salzgeber


#1 remixbeb
#2 antosProfil
  • 23.12.2019, 20:47hBonn
  • >Die Männer selbst geben sich nach außen unbefangen als platonische Kumpels und verbannen ihre körperliche Beziehung in die Sphäre des Privaten. Zu leiden scheinen die beiden unter dem Versteckspiel nicht. Vielleicht, weil keiner von ihnen vorhat, schwulen Sex in einen schwulen Lebensentwurf zu überführen, also das patriarchale Gesellschaftsmodell der Türkei durch eine öffentliche Beziehung zu konterkarieren.<

    Solche Filme (re-) inszenieren immer wieder und immer wieder gleich und ad nauseam und dann extra noch einmal aufs neue das Märchen, das wir uns - interessiert man sich nur ein wenig für schwule Geschichte, weiß man es - seit wahrscheinlich Jahrhunderten ängstlich-erregt zur Beruhigung selbst erzählen: das Märchen der harm- und leidlosen Unschuld, aufgeführt von glatten jugendlichen Körpern >im zeitlosen Dampf<. Früher wären die beiden sicher Griechen gewesen. - Bevor die Realität mit ihren >Schwuchtel<-Rufen und Prügelandrohungen in die Kulisse einzubrechen droht ist der Abspann dann schon gelaufen. Ein Glück!
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#3 qwertzuiopüAnonym
  • 23.12.2019, 23:49h
  • ich kann den Wunsch gut nachvollziehen, ohne Identitätsfrage einfach seinen Wünschen nachzugehen. In der Realität funktioniert das allerdings nicht. Wenn die eigenen Wünsche nicht zum Ideal der Gesellschaft passen, bekommt man das schnell zu spüren, und wer dagegen aufbegehrt, muss sich rechtfertigen. Et voilà, Identitätsfrage.
    In der Realität profitiert der, der unpolitisch seinen Wünschen nachgeht, von denen, die ihm diese Freiheit geschaffen haben.
    Das Ideal ist natürlich, dass man abgetrennt von der Gesellschaft nach seinen Wünschen leben kann, aber ich halte es für gefährlich zu glauben, dieses Ideal kann tatsächlich ganz erreicht werden.

    Nichtsdestotrotz geht es bei einem Film nicht um Realität, Ideale sind auch wichtig, und den Film werd ich mir anschauen.
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#4 LarsAnonym
  • 24.12.2019, 07:18h
  • Antwort auf #2 von antos
  • Aber der FIlm thematisiert doch genau das, was passiert, wenn sich Homosexuelle in einem patriarchalischen Land aus der gesicherten, heimlichen Athmosphäre des Hamams (der hier, wie das Private Familienleben, als matriarchalische Insel gezeigt wird) herausbewegen wollen - und zwar mit größtmöglichster Brutalität.

    Meines Erachtens ist es ein nostalgischer Film, kein Emanzipationsfilm. Er respektiert aber die Würde der Frauen und Männer, die über Jahrhunderte quasi im Geheimen gelebt haben und erklärt, wie das z.T. bis zur Moderne auch funktionieren konnte, ohne es zu verklären.
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#5 HagenAnonym
  • 24.12.2019, 10:45h
  • Antwort auf #2 von antos
  • Danke, lieber Antos, für deinen Kommentar, deine Haltung. Hat mich erfrischt. Auch der geniale Text
    von Elfriede kam mir wieder in Erinnerung. Gleich ist Heiligabend, ich werde als Weihnachtsmann bei den Nachbarn schauspielern und vielleicht einen Moment an den klugen Antos denken.
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#6 LarsAnonym
  • 24.12.2019, 11:15h
  • Antwort auf #2 von antos
  • Der Titel des Artikels ist sicher verkaufsfördernd für die DVD, aber wenn man den Film sieht, wird man eben eher etwas anderes sehen, nämlich hauptsächlich eine Auseinandersetzung mit sozialen und familiären Umbrüchen in der Moderne, wobei die kapitalistische Seite der Moderne auch kritisch beleuchtet wird.
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#7 antosProfil
#8 daVinci6667
  • 24.12.2019, 12:29h
  • Auch ich gratuliere Antos zu seinem hervorragenden auf den Punkt gebrachten Kommentar in #2.

    Ich erinnerte mich bei der Beschreibung der Szene im Hamam automatisch gleich an einen alten Cadinot-Streifen. Man möge mir verzeihen. Auch so ein schwules Märchen.

    Passender zu Weihnachten wünsche ich allen hier die das wollen, einen ECHTEN lieben, geilen Weihnachtsmann der Sack und Rute schenkt. Einer mit dem Mann ein richtiges schwules Leben führen kann und kein Märchen.

    In dem Sinne @Alle hier inkl Queer-Redaktion:
    Merry Christmas Everyone!
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#9 antosProfil
  • 24.12.2019, 13:20hBonn
  • Antwort auf #8 von daVinci6667
  • Ja, ein >richtiges schwules Leben< ist definitiv besser und erstrebenswerter als dieser Andeutungskrampf. Schöne Feiertage.

    @Lars: Ich habe den Film in den 90ern im Kino und danach noch x-mal gesehen, dennoch danke für die Hinweise.
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#10 remixbeb
  • 24.12.2019, 18:41h
  • Antwort auf #6 von Lars
  • Sehe ich genauso. Mich hat der Film als Jugendlicher sehr beeindruckt. Aber heutzutage wird ja ohnehin überall das Haar in der Suppe gesucht.
    Özpetek hat mit seinen Filmen ganz bestimmt einiges bewegt in der Nicht-Homosexuellen Welt.
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