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Literaturgeschichte

Bälle, Flirten, Cruisen: Das schöne schwule Leben anno 1919

Vor genau 100 Jahren erschien unter dem Pseudonym Granand das Buch "Das erotische Komödien-Gärtlein" mit frechen schwulen Kurzgeschichten. Bis heute haben sie nichts von ihrem Reiz verloren.


"Trudchen" als Matrose beim Cruisen im Park. Illustration (Ausschnitt) von Ludwig Kainer aus der zweiten Auflage von "Das erotische Komödien-Gärtlein" (1920/1921, S. 57)
  • Von Erwin In het Panhuis
    26. Dezember 2019, 13:30h, 1 Kommentar

Erwin von Busse alias Granand nach einem Gemälde von Charles Horsfall

Erwin Oskar Leopold von Busse (1885-1939) war ein deutscher Maler, Theaterregisseur und Schriftsteller, der heute vor allem als Verfasser von "Das erotische Komödien-Gärtlein" bekannt ist. Dabei handelt es sich um fünf schwule Kurzgeschichten, die er unter seinem Pseudonym "Granand" veröffentlichte. Aufgrund von Inhalt und Form dieser Geschichten kann man vermuten, dass Busse schwul war, auch wenn es außerhalb dieser Schrift keinerlei Hinweise darauf gibt.

Die Sammlung erschien zunächst in zwei verschiedenen Ausgaben. Zuerst als "Privatdruck" in einer Auflage von 100 nummerierten Exemplaren im Winter 1919/1920 – mit sechs (einschließlich Cover sieben) Zeichnungen von Rudolf Pütz. Ein Jahr später, 1920/1921, erschien die Ausgabe mit dem Vermerk "Erste öffentliche Ausgabe 2. bis 5. Tausend" und sechs Zeichnungen von Ludwig Kainer. Sowohl die Illustrationen von Rudolf Pütz als auch die von Ludwig Kainer greifen einzelne Szenen aus den Geschichten heraus.

Die Nachdrucke – von gut bis gut gemeint

Ab den Dreißigerjahren sind Nachdrucke bekannt. In zwei Schweizer Schwulenzeitschriften – die online verfügbar sind – wurden zwei der fünf Novellen nachgedruckt. In "Menschenrecht. Blätter zur Aufklärung gegen Ächtung und Vorurteil" erschien 1938/1939 in drei Teilen die Novelle "Die Erscheinung" (1938, Heft 17, S. 4-5, 1938, Heft 18, S. 4-5 und 1939, Heft 1, S. 6-8), wobei der Teil in Heft 17 wegen der Streichung einer Nebenhandlung und – wenn auch nur leichten – Veränderungen am Text nur bedingt empfohlen werden kann. Die recht kurze Novelle "American Style" (Heft 7, S. 5-8 und Heft 8, S. 7-9) erschien im Nachfolger "Der Kreis" 1944 in ungekürzter Form.

In dem Band "Der heimliche Sexus. Homosexuelle Belletristik in Deutschland der Jahre 1920 bis 1970" (1979, S. 25-34) wurde "American Style" mit dem neuen Titel "Amerikanisches Abenteuer" abgedruckt. Warum der Herausgeber Joachim S. Hohmann glaubte, fünf erotische Sätze zensieren zu müssen, bleibt unverständlich: Dazu gehören ein Streicheln über die Männerbrust, eine Leidenschaft, "wie wenn der Niagara plötzlich über Chicago käme" (was wohl einen Orgasmus meint), und ein "Liebesduett" zwischen zwei Männern, "frei und kühn bei hellem Morgenlicht". Ein E-Book von 2016 (nach der Ausgabe von 1920/21) bietet zwar keine Bilder und keine Infos, aber immerhin den gesamten (und vermutlich unzensierten) Text zu unschlagbaren 99 Cent.


Cover-Illustration des Reprints aus dem Verlag rosa Winkel (1993)

Am meisten Respekt verdient der ungekürzte und lieferbare Nachdruck aus dem Verlag rosa Winkel von 1993. Er bietet nicht nur einen getreuen Nachdruck der Ausgabe von 1920/1921, sondern auch zwei gute Nachworte von Manfred Herzer (Historiker) und James W. Jones (Literaturwissenschaftler) zum Leben und Werk des Autors.

Neben den Zeichnungen von Ludwig Kainer sind hier auch die von Rudolf Pütz (aus der Ausgabe von 1919/1920) vollständig abgedruckt. Sogar ein Gemälde von Busse wurde recherchiert und mit aufgenommen. An diesem Reprint gibt es nur ein kleines Manko: Alle Zeichnungen werden (vom Cover abgesehen) nur in Schwarz-Weiß wiedergegeben. Bei einem Vergleich mit den hier auf queer.de nach den Originalen wiedergegebenen Farbzeichnungen wird der Unterschied schnell deutlich.

Die ersten drei Geschichten


Das Cover der ersten öffentlichen Ausgabe (1920/1921)

In "Nocturne" (S. 5-39, siehe Reprint von 1993) macht der (feminine) Freddy in seinem violett eingerichteten Schlafzimmer nachts die Bekanntschaft mit dem (maskulinen) Einbrecher Schorchi, der vor allem an seinen Kronjuwelen interessiert ist. In einer absurd wirkenden Geschichte nähern sie sich auch körperlich an und Freddy fordert ihn sogar auf, ihn besonders festzuhalten und hochzuheben. Es kommt sogar zu einem Kuss und dem Versprechen, Freunde zu bleiben.

In "American Style" (S. 40-61) fährt Franz mit einem Zug nach Mailand. Als der Zug kräftig bremsen muss, landet ein Amerikaner auf seinem Schoß, den er auf diese Weise kennen lernt. Sie übernachten gemeinsam in Mailand und besuchen am nächsten Tag das Wandgemälde "Das letzte Abendmahl" von Leonardo da Vinci. Gemeinsam genießen sie eine gemeinsame Zeit. Franz lächelt wie die Mona Lisa, sie machen eine Kissenschlacht, haben Sex und gehen später wieder getrennte Wege.

"Die Nemesis" (S. 62-106) beginnt beim Cruisen im Berliner Tiergarten, wo Erich einen femininen Mann in Matrosenuniform mit dem Namen "Trudchen" kennen lernt. Sie fangen an sich zu küssen und wollen des "anderen Hauch spüren". Danach wird ihr Besuch zweier Bälle geschildert: In den "Paradiessälen" werden Nelken verkauft, manchmal sitzt ein Mann auf dem Schoß eines anderen Mannes, und in den Ecken wird geknutscht. Ein Mann sagt zu Erich "Bubi", was in diesem Kontext "Ich liebe dich" bedeutet. Auf einem anderen Ball in den "Dianasälen" geht es weniger um Soldaten und Arbeiter, sondern um "die Bügelfalte, das Parfüm herrscht vor".

Was in diesen Geschichten auffällt, ist, dass einige Protagonisten sehr feminin sind, womit der Autor aber nur vordergründig ein Klischee bedient. Im Gegensatz zu stereotypen Darstellungen, in denen feminine Schwule als schwach und weibisch dargestellt werden, sind sie in diesen Geschichten starke Persönlichkeiten. Jones verweist in seinem Nachwort zu Recht auf die ungewöhnlich deutliche Erotik dieser Geschichten. Diese ist umso bemerkenswerter, als in der zweiten und dritten Erzählung die Handlungen den privaten Bereich verlassen und damit die "Sicherheit des Reservates" aufgeben.

Die vierte und fünfte Geschichte

"Kadetten" (S. 107-131) handelt zunächst vom Drill in einer Berliner Kadettenanstalt. Aber "den kalten Militarismus durchflutet lebendige Wärme" (S. 118), was hier homoerotisch zu verstehen ist, denn hier schlüpft der Soldat Schäfer unter die Bettdecke seines Kameraden Alberti, legt seinen Arm um ihn und küsst ihn auf den Mund (S. 125). Die Liebe zwischen Soldaten wird offenherzig beschrieben – wenn sie auch letztendlich als nicht lebbar dargestellt wird.


Nackte Soldaten bei zärtlichen Spielen. Illustration von Ludwig Kainer (2. Aufl., 1920/1921, S. 93)

In "Die Erscheinung" (S. 132-153) kann ein älterer Mann in Paris zwar hin und wieder noch "eine fröhliche Stunde" genießen, wenn er ein "schönes Gesicht sieht" – seinen Glauben an eine langfristige Beziehung zu einem Mann hat er jedoch bereits aufgegeben. Dann lernt er den jungen Racontin mit seinen "vollen sinnlichen Lippen" kennen (S. 139), der in dieser Geschichte die unterdrückte homoerotische Liebe verkörpert. Nur in diesen beiden Geschichten spielt die gesellschaftliche Ächtung von Homosexualität eine Rolle, die aber eng mit der Vorstellung von Akzeptanz verbunden bleibt.

Rezeption

Das Werk scheint in der Weimarer Republik nicht breit rezipiert worden zu sein. In der Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene" (14.8.1920, Heft 8, S. 7) erschien zum ersten Privatdruck eine durchweg positive Rezension. Einige Jahre später fand es Magnus Hirschfeld "verheerend", wie Menschen an literarischen Werken wie dem "'Erotischen Komödien-Gärtlein' des feinen Dichters Granand" Ärgernis nähmen (Hirschfeld: "Von einst bis jetzt", 1986, S. 70-71).

Zensur

Damit deutet Hirschfeld die Verurteilung Busses an, der kurz nach der Veröffentlichung eine Strafanzeige wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften bekam, woraufhin er sich mit der Bitte um Hilfe an den Kölner Intendanten Max Martersteig wandte. Dieser gehörte nicht nur zur damaligen Theater-Prominenz, sondern war auch in Bezug auf Homosexualität kein Unbekannter (s. hierzu mein Buch "Anders als die Andern" von 2006). So hatte Martersteig als Theaterleiter die Uraufführung des homoerotischen Dramas "Der Zorn des Achilles" von Wilhelm Schmidtbonn inszeniert und stand mit einigen homosexuellen Männern auch in persönlichem Kontakt (wie den Schriftstellern Hermann Breuer und Peter Hamecher). Mit mehreren Bekannten (wie Luise Dumont, Herbert Eulenberg, Hanns Heinz Ewers und Wilhelm Schmidtbonn) unterzeichnete er zudem 1922 die Petition zur Abschaffung des Paragrafen 175 und brachte damit deutlich seine Offenheit bzw. seinen Gerechtigkeitswillen zum Ausdruck.

Von Erwin von Busse sind zwei Briefe an Max Martersteig überliefert, in denen er am 19. Februar und 1. Mai 1921 um ein Gutachten zu seinen Gunsten über sein "Erotisches Komödien-Gärtlein" bat. Auch wenn das Gutachten nicht überliefert ist, geht aus dem erhaltenen Briefwechsel (Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität Köln) hervor, dass Martersteig das Gutachten ausstellte. (Die beiden Briefe sind zudem ein Beleg, dass die pseudonym erschienene Schrift tatsächlich von Busse stammt.) Die Richter der Landgerichte Berlin und Leipzig zeigten sich jedoch von Martersteigs Gutachten unbeeindruckt und entschieden 1920 bzw. 1921, dass die Bücher verboten, eingezogen und unbrauchbar gemacht werden mussten. Dies erklärt die Seltenheit der Bücher auf dem heutigen Antiquariatsmarkt.

Was bleibt – sind die Zeichnungen


Nackte Soldaten bei zärtlichen Spielen. Illustration von Rudolf Pütz (1. Aufl., 1919/1920, S. 123)

Über die Zeichnungen von Rudolf Pütz und Ludwig Kainer schreibt Manfred Herzer im Anhang zum Reprint von 1993, dass die meisten dieser Bilder "zwar nackte junge Männer und einander umarmende Jünglingspaare [zeigen], doch sind die Darstellungen durchweg von einer solchen Dezenz und diskreten Keuschheit, daß sie nur sehr indirekt die Texte illustrieren, die an unverhüllter Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig lassen". Das stimmt nur bedingt, weil auch die Texte eher andeuten als deutlich werden. Dass sie tatsächlich "wenig zu wünschen übrig lassen", liegt eher daran, dass sie mehr als die Zeichnungen die Phantasie beflügeln können. Die Zeichnungen erinnern an die der Künstlerin Renée Sintenis für Hans Siemsens "Das Tigerschiff" (1923). Auch dies sind zarte homoerotische Zeichnungen mit anatomisch viel zu kleinen Penissen, die mit ihrer dezenten Darstellung an antike Vasen erinnern und wohl auch helfen sollen, das erotische Element nicht zu stark zu betonen.

Was bleibt – sind die Texte

Es ist ein Gewinn, dass es Busses Geschichten auch noch nach 100 Jahren zu lesen gibt. Sie sind ruhig und romantisch erzählt, lustig, voll absurden Humors und manchmal auch ziemlich kitschig. Nur eines sind sie ganz sicher nicht: typisch für diese Zeit. Denn dafür sind sie viel zu freizügig und die schwulen Charaktere viel zu selbstbewusst. Die Geschichten handeln schließlich nicht vom schrecklichen Paragrafen 175 RStGB, sondern vom homoerotischen Begehren, schönen Bällen und vom Cruisen im Park.

Gleichzeitig sind sie natürlich nicht aus der Zeit gefallen und verdeutlichen mit der Symbolik und zeitgenössischen homosexuellen Anspielungen auch das schwule Leben vor 100 Jahren. Schon in den ersten fünf Zeilen der ersten Geschichte wird auf das violette Schlafzimmer eines Mannes verwiesen – farbsymbolisch verweist dies schon zu Beginn auf Homosexualität. Wenn Franz dann in der zweiten Geschichte wie die Mona Lisa lächelt und sich das Wandgemälde "Das letzte Abendmahl" anschaut, verweist dies auf die angenommene Homosexualität Leonardo da Vincis. Die Nelken in der dritten Geschichte waren wiederum – seit der Verurteilung Oscar Wildes 1895 – als homosexuelles Erkennungszeichen bekannt. Neu war für mich, dass "Bubi" früher auch "Ich liebe dich" bedeuten konnte. In seinen Geschichten greift Busse – wie auch andere Autoren (Thomas Manns "Tod in Venedig") – auf Italien und Griechenland als Topoi zurück. Es sind südliche Länder, die kulturhistorisch mit der Akzeptanz von Homosexualität in Verbindung stehen.

Jones' Nachwort im Reprint

James W. Jones verweist in seinem Nachwort (Reprint, 1993) auf etwas, das in den Kurzgeschichten erkennbar fehlt: den zu dieser Zeit omnipräsenten medizinischen Diskurs – das ganze angeblich Krankhafte oder zumindest nicht Normale an der Homosexualität. Gerade dieses Fehlen – ein Novum in der deutschen Literatur – macht das Schwulsein in diesen Geschichten zu etwas herrlich Selbstverständlichem. "Das erotische Komödien-Gärtlein" habe – so Jones – sogar einen Diskurs über positive und realistische Literatur zur Homosexualität eröffnet und mit dazu beigetragen, dass die Literatur sich bald danach dem medizinischen Einfluss entzogen habe.

Es gibt nur wenige Romane, die das ebenfalls von sich behaupten können, wie zum Beispiel Otto Julius Bierbaums "Prinz Kuckuck" (1906-1908) und Bruno Vogels "Alf" (1929). In engen Grenzen trifft dies auch auf Anna Elisabet Weirauchs "Der Skorpion" (1919-1931) zu. In diesen Romanen können die homosexuellen Charaktere "innerhalb der sie verurteilenden Gesellschaft eine lebbare Identität entwickeln".

Busses Novellensammlung hat sich über die Zeit ihre Lebendigkeit bewahrt und "gewährt einen Einblick in die Welt der Homosexuellen um 1920". Jones lässt sein Nachwort mit den Worten enden: "Gute Literatur enthüllt die Bedingungen menschlicher Existenz und ermuntert zu Hoffnung. Granands [= Busses] Erzählungen gehören dazu."



#1 Yeoj_Profil
  • 27.12.2019, 09:10hFFM
  • Ich habe mir vor einigen Jahren schon die Ausgabe des Rosa Winkels zugelegt und kann interessierten Lesern das "erotische Komödien-Gärtlein" wirklich ans Herz legen. Viele positive Eigenschaften der Erzählungen verrät der Artikel hier ja bereits, sodass nicht viel hinzuzufügen ist - außer, dass man keine Angst vor "Sprachbarrieren" haben muss. Trotz des 100jährigen Alters sind die Texte leicht und verständlich zu lesen und können nach wie vor mitreißen!
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