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Jahresrückblick, Teil 1

Höhepunkte des Jahres 2019

Was brachte 2019 aus LGBTI-Sicht? Im ersten Teil unseres Jahresrückblicks stellen wir die zehn besten Geschichten und Entwicklungen des zu Ende gehenden Jahres vor.


Die Rammstein-Gitarristen zeigen im Osten Europas, was man Homo-Hassern entgegensetzt (Bild: Instagram / rammsteinofficial)

150 Jahre Homosexualität, 50 Jahre Stonewall
Zwar geht aus alten Schriften hervor, dass es gleichgeschlechtliche Liebe schon immer gab, allerdings feierte der Begriff Homosexualität dieses Jahr erst seinen 150. Geburtstag. Er geht auf den österreichisch-ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny zurück – und setzte sich durch. Für LGBTI-Aktivsten war es stets hilfreich, anerkannte Worte zu haben, mit denen sie ihre Situation umschreiben konnten und mehr Rechte einforderten.

Rein zufällig ereignete sich genau 100 Jahre nach der Wortschöpfung Stonewall, der legendäre Aufstand der Community in New York City, der die moderne LGBTI-Bewegung hervorbrachte. In New York und weltweit wurde dieses Jubiläum gebührend gefeiert.

Sarah Connors "Vincent"
Man mag Sarah Connors mit einem Bambi prämierten Song "Vincent" mögen oder auch nicht. Das Lied über einen schwulen Jungen in der Pubertät, das gleichzeitig ein Plädoyer für Liebe und Toleranz ist, stieß auf jeden Fall eine Diskussion über Homophobie in den Medien an. Denn während öffentlich-rechtliche Sender wie das in der queer.de-Redaktion ständig laufende WDR 2 das von Peter Plate (Rosenstolz) mitgeschriebene Lied hoch und runter spielten, erklärten Sender wie Antenne Bayern das Lied für jugendgefährdend – mit einer Begründung, die bei Songs über heterosexuelle Liebe nie akzeptiert werden würde. Die Kontroverse machte das Lied besonders erfolgreich: In Deutschland wurde "Vincent" mit Gold ausgezeichnet, in Österreich und der Schweiz sogar mit Platin.

Evangelische Kirchen homofreundlicher
Die evangelische Kirche hat in diesem Jahr große Schritte in Richtung Gleichbehandlung getan. Queere Themen waren nicht nur auf dem Kirchentag sehr präsent, es haben auch fünf weitere evangelische Landeskirchen die Trauung für alle beschlossen. Dabei handelt es sich um die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover, die Evangelische Kirche der Pfalz, die Lippische Kirche, die Nordkirche und die Westfälische Kirche. Insgesamt bieten damit 13 von 20 Landeskirchen Trauungen für Homosexuelle an.

Freilich ist nicht alles Gold: Die Landeskirche Württemberg zeigte etwa auch dieses Jahr wieder, wie man sich Fortschritt verschließt und an homophoben Reflexen festhält: Dort ist selbst die Segnung von Homo-Paaren umstritten und wird nur ausnahmsweise durchgeführt.

Selbst in Landeskirchen, die die Trauung für alle anbieten, bleibt ein Hintertürchen für diejenigen offen, die Homosexuelle weiter wie Christen zweiter Klasse behandeln wollen: Sieben der 13 Landeskirchen, die die Trauung für alle eingeführt haben, erlauben homophoben Pfarrerinnen und Pfarrern, aus Abneigung gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren Trauungen abzulehnen – dieser "Gewissensvorbehalt" gilt in diesen Landeskirchen ausdrücklich nicht bei heterosexuellen Paaren. Die sechs Kirchen ohne "Gewissensvorbehalt" sind Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Hessen-Nassau, die Lippische Landeskirche, Norddeutschland, Oldenburg und die Pfalz. Bei allen anderen Landeskirchen sollten sich lesbische Christinnen und schwule Christen überlegen, ob diese wirklich die Kirchensteuer wert sind.

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Rammstein kämpft für Toleranz
Wenn man Rammstein so sieht und hört, würde man nicht daran denken, dass sie international für die Akzeptanz von LGBTI werben. Die erfolgreichste deutsche Band der letzten Jahrzehnte nimmt aber kein Blatt vor den Mund: In Ländern wie Polen und Russland setzten die Musiker auf Konzerten ein Zeichen gegen Homophobie – etwa durch Tragen der Regenbogenfahne oder durch einen Kuss der beiden Gitarristen Paul Landers und Richard Z. Kruspe.

Frontmann Till Lindemann sprach uns im November in einem Interview aus der Seele: "Dass man heutzutage noch so hinterwäldlerisch sein und etwas gegen Homosexualität haben kann, will mir einfach nicht in den Kopf. Ich bin für gewöhnlich niemand, der sich in diese Diskussionen einschaltet, aber manchmal muss man einfach den Mund aufmachen."

Europa: Schwule und Lesben an der Macht
Zwei der 28 Regierungschefs in der Europäischen Union sind schwule Männer. Der Ire Leo Varadkar und der Luxemburger Xavier Bettel stehen zwar kleinen Ländern vor, die aber doch sehr einflussreich sind – Bettel als Chef des pro Einwohner mit Abstand reichsten EU-Landes, Varadkar als wichtige Figur im Brexit-Streit, der sein Land möglicherweise einer Wiedervereinigung mit dem britisch kontrollierten Teil näher bringt – dieses Jahr besuchte er schon mal den CSD im nordirischen Belfast.


Premierminister Leo Varadkar (re.) beim CSD im Belfast

Beide fallen aber auch dadurch aus, dass sie weltweit Homophobie die Rote Karte zeigen. Bettel kritisierte in diesem Jahr etwa sowohl die Homophobie der Arabischen Liga als auch die der israelischen Regierung. Varadkar sorgte bei seinem USA-Besuch allein durch die Anwesenheit seines Lebensgefährten beim homophoben US-Vizepräsidenten Mike Pence für Schlagzeilen. Außerdem war es schön anzusehen, dass die beiden sogar beim traditionellen Weihnachtsschwimmen eine gute Figur machten.

Mit der serbischen Ministerpräsidentin Ana Brnabić ist ferner eine offen lesbische Frau bei einem EU-Beitrittskandidaten an der Macht. Die 44-Jährige sorgte dieses Jahr für Schlagzeilen, weil ihre Lebensgefährtin einen Sohn zur Welt brachte.

Verbot der "Homo-Heilung" in Deutschland
In der Europäischen Union hat bislang nur Malta die "Heilung" von Homo- und Transsexualität verboten. Es ist dem deutschen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hoch anzurechnen, dass auch in Deutschland über dieses Thema gesprochen wird – und das Kabinett kurz vor Weihnachten seinen Entwurf beschlossen hat.

Der offen schwule CDU-Politiker hatte ja in der Vergangenheit bei LGBTI-Themen eher gebremst und alternative Fakten verbreitet, um seinen Ruf als konservativer Haudegen nicht zu gefährden. Als Minister gibt er sich aber ganz anders und wagt sich auch an Themen, die seine alte Kernzielgruppe unruhig machen.

Klar, der erste Entwurf seines Gesetzes war anfangs scharfer Kritik ausgesetzt. Auch wenn der Entwurf danach verschärft wurde, gilt er an manchen Stellen immer noch als zu schwach. Man muss aber bedenken, dass die Große Koalition vor zwei Jahren noch jede Reform kategorisch abgelehnt hatte und die Warnungen vor Experten – wie dem Weltärztebund – einfach ignorierte.

Spahn war als aktivster Minister der Bundesregierung noch an einer anderen löblichen Reform beteiligt: Auf seine Initiatitve hin wurde PrEP dieses Jahr zur Kassenleistung. Laut Aids-Aktivisten kann die Pille zum Schutz von HIV die Neuninfektionsrate in Deutschland weiter senken.

Mehr queere Sendungen im deutschen TV
Das deutsche Fernsehen wacht bei LGBTI langsam auf: Während auf internationalen Angeboten wie Netflix bereits eine Vielzahl von queeren Serien zu finden sind, muss man bei ARD, ZDF, RTL und Co. noch etwas mehr suchen. Dieses Jahr gab es aber eine bunte Auswahl: "Prince Charming" überzeugte auf dem RTL-Streamingportal – und wird nächstes Jahr auch im Free-TV-Sender Vox zu sehen sein. RTL versuchte sich außerdem mit mehreren schwulen Handlungssträngen in seinen Soaps.


"Prince Charming" veredelte dieses Jahr die Welt des Reality-TV

Die ProSieben-Produktion "Queen of Drags" brachte die Dragqueen-Kunst erstmals in die deutschen Primetime. Die Show war aber in der Szene sehr umstritten und musste Kritik einstecken, weil die Show als etwas lang gestreckte Billigversion von "RuPaul's Drag Race" daherkam und von Heidi Klum co-moderiert wurde.

Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen versucht sich mit queeren Themen, etwa einer deutschen Version von "Queer Eye", von der der Rundfunk Berlin-Brandenburg testweise drei Folgen produzierte. Auch in mehreren anderen Sendern gibt es queere Shows. Was vor allem die ältere Generation mitbekommen haben wird: Sogar bei der ZDF-Reihe Rosamunde Pilcher gab es ein Coming-out.

Dennoch: Erst im November beklagte die lesbische Schauspielveteranin Ulrike Folkerts, dass es in Film und Fernsehen noch immer viel Homophobie gebe. "Sie müssen sich nur mal überlegen, wer sich outet – das tut fast niemand, weil es offensichtlich nicht gut ist. Produzenten besetzen nicht unbedingt Schwule und Lesben in Liebesfilmen", so Folkers im November.

Internationale queere Serien gibt es derweil dank Netflix, Amazon Prime und Co. mehr denn je zu sehen. Ein Beispiel ist die hervorragende US-Serie "Pose", die dieses Jahr mit Preisen überhäuft wurde und auf eine Vielzahl queerer Charaktere setzt – und die größte Anzahl von trans Personen vor und hinter der Kamera bietet.

Coming-outs des Jahres
Mehrere Promis haben sich auch dieses Jahr wieder als schwul, bisexuell, lesbisch oder trans geoutet – und damit zur Sichtbarkeit und Akzeptanz von LGBTI-Lebensweisen beigetragen. Besonders ermutigend ist, dass es im Vergleich zu den Vorjahren immer mehr Coming-outs in der Sportwelt gibt – und zwar unter Leuten, die noch aktiv sind. So outeten sich 2019 beispielsweise der englische Rugby-Referee Craig Maxwell-Keys, die italienische Fußballnationalspielerin Elena Linari, die österreichische Fußball-Nationalmannschaftskapitänin Viktoria Schnaderbeck, die japanische Bundesliga-Profispielerin Shiho Shimoyamada, der dänische Eishockey-Profi Jon Lee-Olsen, die indische Sprinterin Dutee Chand und US-Profiwrestler Anthony Bowens.

Im Showbusiness kam es zu Coming-outs durch "Sense 8"-Schauspieler Brian J. Smith, Ex-Kinderstar Dominique Horwitz, Disney-Star Bella Thorne, "Dallas"-Schauspieler Juan Pablo Di Pace, "Falling Skies"-Schauspieler Connor Jessup, "Pretty Little Liars"-Schauspieler Tyler Blackburn und ESC-Kommentator Andi Knoll. Besonders wichtig war auch das Coming-out des Rappers Lil Nas X, der dieses Jahr alle Rekorde bricht. Er sprach offen darüber, wie er als Jugendlicher versucht habe, seine Homosexualität wegzubeten. Rap galt bislang als homophob, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland und Russland.

Rapinoe räumt ab
Megan Rapinoe, die lesbische Kapitänin der bei der Weltmeisterschaft siegreichen amerikanischen Frauen-Nationalmannschaft, ist die queere Heldin des Jahres. Sie führte ihr Team nicht nur zum WM-Titel, sondern war auch unangefochten die beste Spielerin des Turniers in Frankreich. Dafür wurde sie Weltfußballerin des Jahres und "Sportsperson of the Year" und gewann den Ballon d'Or.

Besonders hoch anzurechnen ist der 34-Jährigen, dass sie sich seit Jahren für LGBTI-Rechte engagiert. Unvergessen ist die Abfuhr, die sie während der WM ihrem LGBTI-feindlichen Präsidenten erteilte.

Twitter / mPinoe | Megan Rapinoe traf auch Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai

Wrestling-Star zeigt es einem Homo-Hasser
Wrestling galt immer als eher homophober "Sport". Das wurde etwa in "Brüno" gezeigt, als sich die von Komiker Sacha Baron Cohen gespielte Hauptfigur und ein anderer Mann bei einem Kampf in Arkansas plötzlich küssten und dann verächtliche Szenen aus dem Publikum zeigte. Seit einigen Jahren versucht die WWE, der größte Schaukampf-Wrestling-Veranstalter der Welt, aber gegen diesen Hass vorzugehen. Das zeigte sich am besten Anfang Dezember in Florida, als Wrestler Sami Zayn dafür sorgte, dass ein homophober Fan aus der Arena geschmissen wurde.

Am Samstag folgen die Tiefpunkte des Jahres