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Crystal Meth & Co.

Chemsex: Ist kontrollierter Konsum möglich?

Mehr Gefühle, mehr Ausdauer, mehr Lebensgefahr: Sex auf Drogen ist unter schwulen und bisexuellen Männern verbreitet. Doch das kann fatale Folgen haben – und Behandlungsangebote sind noch rar.


Gezielte Verabredungen zum Sex mit Drogen: Szene aus dem Film "G O'Clock", der von Londons schwuler Chemsex-Szene handelt (Bild: Brownboy Productions)
  • Von Kathrin Löffler, dpa
    29. Dezember 2019, 11:17h, 5 Kommentare

Mit den großen Gefühlen kennt Prakash W. sich aus. "Die Leute fühlen sich wie im Himmel, wenn sie Sex auf diesen Drogen haben", sagt der 39-Jährige. Mit "diesen Drogen" meint er Substanzen wie Crystal Meth. Früher hat er sie selbst regelmäßig beim Sex genommen. Doch auf den Himmel kann die Hölle folgen. Sogenannter Chemsex ist ein Vabanquespiel.

Der Brite David Stuart prägte den Begriff 2001. Das Wort bezeichnet die Einnahme spezieller synthetischer Drogen beim Geschlechtsverkehr oder davor. Laut Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe erhoffen sich Chemsex-Nutzer mehr Erfüllung, mehr Durchhaltevermögen, mehr Selbstsicherheit. Doch das Verlangen nach Mehr kann schwierig werden. Auf der Suche nach intensiveren Gefühlen steigern Betroffene ihre Dosis häufig immer weiter. "Es gibt offenkundig immer mehr Männer, die durch ihren Substanzkonsum Probleme haben", so Wicht. In Arztpraxen und Beratungseinrichtungen hätten Anfragen dazu stark zugenommen.

Neben Crystal Meth werden Wicht zufolge bei Chemsex etwa auch andere Amphetamine, das euphorisierende Mephedron sowie GHB und dessen Vorstufe GBL konsumiert. Letztere – in der Szene auch als "Liquid Ecstasy" oder einfach "G" bekannt – gelten wegen ihrer schwierigen Dosierung als besonders gefährlich und können Atemlähmungen und Kreislaufschocks verursachen. Bei Chemsex nehmen die Konsumenten die Substanzen freiwillig ein, weil sie sich eine stimulierende Wirkung erhoffen. GHB und GBL werden aber auch als Vergewaltigungsdroge missbraucht, wenn sie Leuten gegen deren Willen als K.-o.-Tropfen in Getränke gemischt werden.

Synthetische Drogen machen schnell abhängig

Liebesakt mit Rauschzugabe: Auf diese Idee kamen Menschen bereits in der Antike. Doch im Gegensatz zu Sekt-Schwips und Vergnügungen zwischen Marihuana-Rauchschwaden können Amphetamine laut Anne Iking gravierendere Schäden verursachen: Sie machen schnell abhängig, putschen zu tagelangen Wachphasen auf, unterdrücken das Durstgefühl – "das kann schnell lebensbedrohlich werden", sagt die Therapeutische Leiterin Sucht an der Salus Klinik in Hürth bei Köln.

An der Rehabilitationseinrichtung entstand 2015 das nach eigenen Angaben bundesweit einzige stationäre Behandlungskonzept speziell für Chemsex. "In der klassischen Suchthilfe finden sich die Männer kaum wieder, weil sie sich nicht als Süchtige definieren", sagt Iking. In Hürth sind bis zu 15 Betroffene mit diagnostizierter Drogenabhängigkeit in Therapie. Diese zielt auf Abstinenz: Die gewohnte Allianz von Sex und Konsummittel soll aufgebrochen werden. Bis zu 26 Wochen dauert das in der Regel. Zum Vergleich: Alkoholkranke bleiben bei einer Erstbehandlung etwa 15 Wochen in der Suchtklinik.

Die Chemsex-Patienten an der Salus Klinik sind Männer, die Sex mit Männern haben. Es gebe auch Heterosexuelle, die Sex mit Substanzen schätzten, sagt Iking. Aber diese verabredeten sich seltener gezielt dazu als manche Homosexuelle. Iking vermutet, dass bei Schwulen mitunter Ausgrenzungserfahrungen oder gefühlter Attraktivitätsverlust beim Drogenkonsum eine Rolle spielen könnten.

Maximale Enthemmtheit als Motivation und Gefahr

Prakash W. bewegt sich selbst in der schwule Szene und beschreibt die Attraktivität von Chemsex. "Sexualität hat hier einen hohen Stellen- und Identifikationswert und ist mit einem gewissen Leistungsdruck verbunden."

Die maximale Enthemmtheit ist aber nicht nur Motivation, sondern bedingt auch die Gefahr von Chemsex: 60 Prozent von Ikings Patienten sind HIV-positiv, teils war die Infektion direkte Folge von Chemsex. Den Experten zufolge kann mit dem Drogenkonsum Kontrollverlust und ein laxer Umgang mit Kondomen einhergehen, das Risiko für eine Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten steigt.

Laut Holger Wicht von der Aidshilfe gehören Chemsex-Praktizierende besonders zur Zielgruppe der sogenannten PrEP, der Prä-Expositions-Prophylaxe, einer relativ neuen Methode zur Vorbeugung einer Infektion mit dem Aids-Erreger HIV. Dabei nehmen HIV-negative Menschen ein Medikament ein, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen.

Die Aidshilfe schätzt den Anteil homo- und bisexueller Männer, die Sex immer oder fast immer unter stimulierenden Substanzen haben, in größeren Städten auf bis zu 20 Prozent. Das queere Berliner Szenemagazin "Siegessäule" schrieb in seiner Dezember-Ausgabe: "Man kann es ja ruhig mal aussprechen: Im Berliner Nachtleben läuft vielerorts ohne Drogen nichts und vor allem für etliche Schwule ist Substanzkonsum mittlerweile ein nicht unwesentlicher Bestandteil von gutem Sex."

Substanzkonsum nicht nur in den Metropolen

Die rot-rot-grüne Landesregierung von Berlin will in der Hauptstadt jetzt ein sogenanntes Drug-Checking ermöglichen, bei dem Konsumenten auf dem Schwarzmarkt erworbene Partydrogen legal auf Dosierung und Reinheit überprüfen lassen können. Die Idee hinter dieser Art der akzeptierenden Drogenarbeit: Wenn Konsumenten schon Drogen nehmen, dann sollen sie sich wenigstens informieren, um Risiken senken zu können.

Chemsex ist allerdings nicht nur ein Phänomen von Metropolen mit pulsierender Partykultur. Prakash W. führt inzwischen bundesweit Präventionsangebote für die Aidshilfe durch. Seiner Einschätzung nach ist das Verlangen nach mehr und mehr Kick beim Sex auch für Bewohner ländlicher Gegenden problematisch.

Nach Angaben der Universitätsklinik Tübingen gibt es im Südwesten Deutschlands etwa auf der Schwäbischen Alb und am Bodensee Schwerpunkte der Szene. Im Dezember hat die Klinik eine ambulante Sprechstunde eröffnet, die Betroffenen aus dem gesamten Großraum eine Anlaufstelle und anonymen Austausch bieten soll. Psychosen, Depressionen, Organschäden bis hin zur tödlichen Überdosis können dem Tübinger Suchtmediziner Carsten Käfer zufolge Folgen eines Konsums synthetischer Drogen sein.

Prakash W. hat nach jahrelanger kompletter Abstinenz inzwischen wieder gelegentlich Sex unter Drogen. Der Meditationslehrer bezeichnet sich als "kontrollierten Konsumenten". Carsten Käfer hält das für einen Widerspruch in sich: "Ein kontrollierter Konsum ist nicht möglich. Das ist wie ein Tanz auf einem Vulkankrater."



#1 BedenkenAnonym
  • 29.12.2019, 15:35h
  • Schwule haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Drogen- und Substanzmissbrauch. Das ist schon seit Jahren so mit Alkohol und Tabak - und seitdem es die synthetischen Sachen gibt, wird es noch deutlich schlimmer.

    Wenn man das leugnet oder sonstwie in Abrede stellt (wie manche Schwule das zur Kosmetik ihres Selbstbildes gerne mal tun), dann hilft das niemandem.

    Woher diese Anfälligkeit kommt, kann man sicher gut erforschen. Der Artikel nennt ja Dinge wie mangelndes Selbstwertgefühl und ähnliches. Das sollte man ursächlich behandeln (lassen), anstatt sich mit Substanzen vollzupumpen.

    Traurige schwule Sexwelt manchmal ...
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#2 niccinicciAnonym
  • 29.12.2019, 18:25h
  • natürlich ist ein kontrollierter konsum möglich, sieht man ja regelmässig hier in berlin. natürlich sieht man auch die mega-abstürze. wichtig ist ein offener aufgeklärter umgang mit dem thema ohne beisätze wie: macht sofort süchtig, denn das trifft auf keine droge zu. genausowenig sind verbote hilfreich, denn die schaffen nur neue probleme. drogen gibt es solange es die menschen gibt und können eben wie gute gewürze zu einem 7-gänge-menü sein. und wenn schon verbote ausgesprochen werden, dann bitte erstmal die volksdroge nummer 1, alkohol, verbieten.
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#3 saltgay_nlProfil
  • 29.12.2019, 20:05hZutphen
  • Ehrlich, ich habe mit einer Ausnahme noch keinen Suchtkranken gesehen, der zugegeben hat abhängig zu sein. Psychologisch ist das ja eine weitere Triebfeder sich zu zudröhnen. Dann verschwinden nämlich auch die Schuldgefühle und bis zum Absturz fühlt man sich doch grandios.

    Wenn ich dann mir die Klienten anschaue, die nach ihrem Alkoholkonsum gefragt werden, und angeben "so mal 2 Flaschen Bier am Abend" zu konsumieren, sollte man schon Distraneurin parat haben, denn dann treten ganz sicher nach gewisser Zeit die Entzugssymptome auf. Meistens vergaßen sie die Flasche Korn anzugeben, die nebenbei gelenzt wird.

    Ich halte es für äußerst problematisch, wie im Artikel geschehen, psychologische Erklärungen aus dem Handgelenk zu schütteln. Es gibt keine Standardtherapie, weil jeder Fall andere Ursachen und anderen Verläufe besitzt. Schließlich sind wir Menschen verschieden.

    Eine Suchtkrankheit ist mit ganz wenigen Ausnahmen stets Auswirkung eines seelischen Problems, was nicht gelöst wurde und langsam zu einer manifesten Erkrankung mutierte. Die sexuelle Orientierung ist eher unwichtig. Sie kann jedoch zur Verstärkung führen, wenn die Umgebung homophob bis gewalttätig darauf reagiert.

    Ein anderer Gesichtspunkt ist für mich viel wichtiger. Was geschieht, wenn der Entzug geklappt hat? Das Problem ist meistens noch vorhanden. Leider weisen Therapeuten abstinente Suchtkranke ab mit dem Hinweis, sie seien ja geheilt von der Sucht und bedürften keiner weiteren Therapie. Das muss sich ändern.

    Für mich ist Chemsex neoliberaler Sex. Es gilt auch hier das Leistungs- und Konkurrenzprinzip gekoppelt an einen primitiven Sozialdarwinismus. Denn arme Schwule können sich das nicht finanziell leisten. Wie man sieht hat der verblichene Guido Schwesterwelle (FDP) mit seiner Hetze gegen Hartz IV-Bezieher als Nutznießer eines antrengungslosen Wohlstandes von spätrömischer Dekadenz eher seine eigene Klasse der Luxusschwuppen gemeint, die sich mit Crystal Meth im Darkroom abschießen.

    Gerüchten zufolge soll es auch unter armen Schwulen guten Sex geben, jedenfalls beklagen sich die katholischen Nachbarn westfälischer Mietshäuser sehr oft über diese Art von Lärm.
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#4 TheDadProfil
  • 30.12.2019, 14:15hHannover
  • Antwort auf #1 von Bedenken
  • ""Schwule haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Drogen- und Substanzmissbrauch. Das ist schon seit Jahren so mit Alkohol und Tabak - und seitdem es die synthetischen Sachen gibt, wird es noch deutlich schlimmer.""..

    Ich habe ja schwere Bedenken gegen solche Verallgemeinerungen..
    Ob LGBTTIQ*-Menschen öfter oder sogar mehr Drogen konsumieren als so genannte Heteros, halte ich für eine Frage der Erhebung solcher Daten, und ob dort dann auch Schmerzmittel-Abhängigkeiten mit hineinfließen..
    Sieht man sich dazu die Verkaufszahlen frei verkäuflicher Mittelchen an, dann muß man Zweifel an dieser Aussage haben..

    Synthetische Drogen sind dann auch keine "Neuheit"..
    CM war schon im Portfolio der Reichswehr, und wurde den Fliegern und den Soldaten der in Afrika agierenden Rommel-Truppen zu Hauf verabreicht, bei den Fliegern in Form von Schokolade sogar ins Verpflegungs-Paket gegeben..
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#5 stromboliProfil
  • 01.01.2020, 06:47hberlin
  • Antwort auf #1 von Bedenken
  • " Der Artikel nennt ja Dinge wie mangelndes Selbstwertgefühl und ähnliches. Das sollte man ursächlich behandeln (lassen), anstatt sich mit Substanzen vollzupumpen. "
    Vieleicht ist es einfach die lebensrealitä#t die uns umgibt die uns zu drogen greifen lässt.
    Das falsche leben im falschen dasein!

    "selbstwertgefühl " ist ein soziales konstrukt!
    Eher vergleichbar mit mit den mustern sozialer zugehörigkeit die uns aufgedrückt werden.
    Keiner kann da sein was er sein will.
    In der droge hebt sich diese erkenntnis auf, wird zur metapher für die erwartete leistungserbringung, die sich ohne "hilfe eben nicht, oder nur auf kosten der selbstdekonstruktion erreichen lässt.
    Für ein paar stunden aber ist man top of the world.
    Also das, was einem ständig abgefordert wird in unserer alles umfassenden leistungsgesellschaft.

    Sex ist da nur ein bespiel.
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