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Deutsche Kulturgeschichte

Fontane, "sexuelle Uncorrectheiten" und der "dankbare Anus"

Genau heute vor 200 Jahren – am 30. Dezember 1819 – wurde Theodor Fontane geboren, dessen eher tolerante Einstellung zur Homosexualität anhand seiner diversen Schriften gut nachvollzogen werden kann.


Theodor Fontane auf einem Gemälde von Carl Breitbach (1883)
  • Von Erwin In het Panhuis
    30. Dezember 2019, 09:04h, 9 Kommentare

Theodor Fontane war Schriftsteller und der bedeutendste deutsche Vertreter des Realismus. Neben Büchern schrieb er auch als Journalist für Zeitungen. Zu seinen bekanntesten Werken gehören der Roman "Effi Briest" (1896) – mit der später von Günther Grass adaptierten Formulierung "ein weites Feld" – und seine Ballade "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" (1889).

Seine Äußerungen über Homosexualität – wie man sie in seinen Büchern und persönlichen Dokumenten wie Briefen und Tagebuchaufzeichnungen findet – beziehen sich meistens auf homosexuelle Männer, die er persönlich kannte. Darüber hinaus positionierte er sich auch zu schwulen Skandalen und zum Klatsch um schwule Prominente.

Fontanes übergriffiger Schuldirektor

In seinem mehrbändigen Werk "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (1862-1889, hier eine Ausgabe von 1998) kommt er auf seinen früheren Schuldirektor Thormeyer zu sprechen, der Angst verbreitete und von dem man "sich schaudernd erzählte, 'er sei überhaupt nur von Stendal nach Ruppin versetzt worden, weil er sich an ersterem Ort an seinem Ephorus [Schulleiter] hart vergriffen habe'. Das Wort 'vergriffen' hatte für meine zwölfjährige Knabeneinbildungskraft etwas ganz besonders Schauerliches."

Auch in "Meine Kinderjahre" (1894, S. 320) beschreibt er diesen früheren Schuldirektor, der "sich an einem Lehrer 'vergriffen' hatte. Glücklicherweise wußt' ich damals noch nichts davon, ich hätte mich sonst halbtodt geängstigt." Diesen ehemaligen Schuldirektor lässt Fontane auch an mehreren Stellen seines Romans "Der Stechlin" (1899) vorkommen, der "wegen seiner Geschichten" einen bestimmten Ruf hat (S. 247) – ohne hier deutlicher zu werden. Georg Bartsch – auf den ich später noch eingehen werde – geht von einer sexuellen Übergriffigkeit aus, wobei ein gewaltsamer Übergriff des potentiell gewalttätigen Thormeyers gegen seinen Vorgesetzten als wahrscheinlicher anzusehen ist.

Die "sexuellen Uncorrectheiten" Alexander von Humboldts

Vor einigen Monaten habe ich hier auf queer.de einen Artikel über Alexander von Humboldt publiziert. Die darin gestellte Frage, warum seine Homosexualität heute wichtig ist, lässt sich gut mit einem Statement von Theodor Fontane beantworten. Dieser kritisierte in einem Brief an Georg Friedlaender vom 5. Dezember 1884 beschönigende Biografien: "Wenn man sich entschließen könnte, die Geschichte der Humboldts ächt und wahr zu erzählen und beispielsweise bei den sexuellen Uncorrectheiten ich glaube beider (des Einen gewiß) zu verweilen, würde ihr Lebensbild 10 mal interessanter werden und zwar nicht vom gemeinen Klatschbasen- sondern vom physiologisch-psychologischen Standpunkt" aus.

Dieses Zitat verwendete das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) 1910 nicht nur, um Fontanes eher tolerante Einstellung zu dokumentieren, sondern auch um die eigenen Äußerungen zur Homosexualität verstorbener Prominenter zu legitimieren: "Das ist eine prophetische Rechtfertigung der Charakterstudien im 'Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen', die ein so wichtiger Teil der Arbeiten des Wissenschaftlich-humanitären Komitees waren" (JfsZ, 10. Jg., S. 420). An diesem deutlichen Appell für Ehrlichkeit in Bezug auf Homosexualität lässt sich bis heute ein Beispiel nehmen. Dazu passt sehr gut ein anderes Fontane-Zitat: "Die Diskretion ist der Tod des Interesses" (siehe auch JfsZ, 10. Jg., S. 418).

Kommentar zu Heinrich Heine

Am 26. Februar 1857 las Fontane die "Reisebilder" von Heinrich Heine (1830, offenbar 3. Bd.), worin der Streit zwischen den Dichtern Heinrich Heine und August Graf von Platen öffentlich ausgetragen wurde. Platen hatte Heine vorher unter Bezug auf dessen jüdische Herkunft angegriffen und Heine äußerte sich nun hier abfällig über Platens Homosexualität. Für Heine "glüht" Graf Platen in "warmer Freundschaft" nur für Männer (S. 345) und ist "mehr ein Mann von Steiß, als ein Mann von Kopf". Sein Charakter sei passiv und in seinen Gedichten sei er ein "Pathikos", eigentlich sei er eine "männliche Tribade" [Lesbe] (S. 379). Fontane schrieb dazu in seinem Tagebuch (26.2.1857, S. 228): "Die Angriffe gegen Platen sind das widerlichste, was man lesen kann." Die sogenannte Platen-Affäre (1827-1830) ist bis heute eine der heftigsten Kontroversen der deutschen Literaturgeschichte.

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Fontanes schwuler Freund Friedrich Eggers


Friedrich Eggers – ein Freund Theodor Fontanes – als bisexuelle Romanfigur in "Fridolins heimliche Ehe" (Nachdruck 2010)

Der Schriftsteller Adolf von Wilbrandt (1837-1911) nahm seinen Freund, den Kunsthistoriker Friedrich Eggers (1819-1872), posthum als Vorlage für die Figur des bisexuellen Protagonisten "Fridolin" in seinem Roman "Fridolins heimliche Ehe" (1875). Dieser Roman wird teilweise als erster "schwuler" Roman der deutschen Literatur angesehen. Für den Professor Fridolin des Romans verbietet sich die Ehe, weil in ihm beide Geschlechter je zur Hälfte vertreten seien und jede dieser Hälften ihr Gegenüber suche. (Hier sind Anleihen an den antiken Mythos von den Kugelmenschen deutlich erkennbar, der heute als Entstehungsgeschichte sexueller Orientierungen angesehen wird.) Prof. Fridolin ist damit quasi mit sich selbst verheiratet, in einer Art heimlichen Ehe, wie es der Titel andeutet. Zwei Jahre später gestaltete Wilbrandt den Roman unter dem Titel "Die Reise nach Riva" zu einem Lustspiel um. Dieses Lustspiel hat ein anderes Ende als der Roman, das in dem verdienstvollen Reprint "Fridolins heimliche Ehe" des Männerschwarm Verlags (2010) ebenfalls dokumentiert ist.

Als Fontane in seinem autobiografischen Text "Von Zwanzig bis Dreißig" (1898, S. 127) auf Eggers zu sprechen kommt, zitiert er zunächst einmal den Schriftsteller Heinrich Seidel, der über Eggers schrieb: "Er beklagte es oft, daß die Sitten der heutigen Zeit es dem Manne verbieten, farbige Stoffe zu tragen. Er selbst ließ es sich denn auch nicht nehmen, sein farbenfreudiges Auge wenigstens an bunten Westen von Seide, Sammet oder anderen Stoffen zu ergötzen." Wenn "einer seiner jüngeren Freunde […] sein Wohlgefallen erregt" habe, habe ihm Eggers eine Weste geschenkt. Dann äußert sich Fontane auch mit seinen eigenen Worten über Eggers: "Wilbrandt hat ihn in seiner reizenden Geschichte 'Fridolins heimliche Ehe' frei nach dem Leben gezeichnet." Für Fontane war Eggers "klug, gütig, liebenswürdig, [ein] schöner Mann [und ein] humoristisch angeflogener Sonderling". Auf diese Weise beschreibt Fontane seinen früheren Freund nicht nur positiv, sondern hebt auch die zumindest partielle Authentizität ("frei nach dem Leben") der nach ihm gestalteten bisexuellen Romanfigur hervor.

Im Theodor-Fontane-Sonderheft der Zeitschrift "Text + Kritik" (2019) werden Fontanes Äußerungen über Eggers folgerichtig so interpretiert: Fontane lasse "erkennen, daß er gegen Homosexualität nichts hat". 1997 wurden unter dem Titel "Theodor Fontane und Friedrich Eggers" die Briefe der beiden Männer publiziert. Darin ist in einer Fußnote die versteckte und irgendwie richtige, aber vor allem reservierte Bewertung zu finden: "Eggers bleib zeitlebens unverheiratet. Einiges spricht dafür, daß er homosexuell war" (S. 183).

Fontanes schwuler Freund Carl Windel

Theodor Fontane lernte den deutschen Theologen Carl Windel in den 1860er Jahren kennen und blieb mit ihm bis zu Windels Tod befreundet. In einem Brief an den Germanisten Erich Schmidt vom 6. November 1896 (S. 405-406) äußerte er sich über seinen mittlerweile verstorbenen Freund Windel: "Mit besonderem Interesse habe ich auch das gelesen, was Sie über den 'dunklen Punkt' sagen. Ich habe mehrere solcher Personen von der 'milderen Observanz' (freilich auch der 'strengeren') kennen gelernt und kann aus eigenen Wahrnehmungen bestätigen, daß es solche eigentümlich 'unglücklich Liebende' gibt. Mit einem, noch dazu mit einem Hofprediger [Carl Windel], war ich sehr befreundet und gewann durch seine 'confessions' Einblicke in diese Dinge. Er bekannte sich ganz offen dazu; was er durfte, da man bloße Gefühle nicht vor Gericht stellen kann. Eines Tages kam er von Professor Westphal […] und erzählte mir strahlenden Gesichts, Westphal habe gefunden, daß es in der in Betracht kommenden Stelle – übrigens eine ganz anständige Stelle […] – zwei Sorten von Nervensträngen gebe, nämlich verschieden dirigiert, die einen so: → , die andern so: ←. Die Natur habe also ein Doppelspiel gewollt: die einen links, die andern rechts."

Mit "Professor Westphal" meinte Fontane den Psychiater und Neurologen Carl Westphal (1833-1890), der nach Johann Ludwig Casper der zweite Mediziner war, der Thesen über Homosexualität als möglicherweise angeborene, konstitutionelle Eigenschaft veröffentlichte (s. "Die Konträre Sexualempfindung: Symptom eines neuropathologischen (psychopathischen) Zustandes", 1869) und damit späteren Sexualmedizinern wie Richard von Krafft-Ebing und Albert Moll den Weg ebnete.

Fontanes sonstigen Äußerungen sind spannend, wenn sie auch nicht immer eindeutig interpretierbar sind. Entweder kannte Fontane mehrere homosexuelle Männer, die mal mild und mal streng das Sittengesetz beachteten bzw. einhielten – oder Fontane wollte zwischen ausschließlich homosexuellen ["strenge" Observanz] und eher bisexuellen ["mildere" Observanz] Männern unterscheiden. Der Begriff "confessions" mit Bezug auf einen schwulen Theologen ist möglicherweise als ein Wortspiel bzw. als eine doppeldeutige Anspielung auf "Konfession" im Sinne von kirchlicher Beichte und das englische Wort für "Geständnis" zu sehen.

Das Wort "confessions" lässt sich auch französisch lesen. Dann wäre es eine mögliche Anspielung auf die berühmte Autobiographie "Confessions" des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau von 1770, der an zwei Textstellen beschreibt, wie er die sexuellen Angebote von Homosexuellen zurückwies. (Nach Wikipedia ist dies "vermutlich eine der frühesten Plädoyers für die Toleranz gegenüber der gleichgeschlechtlichen Liebe in der modernen europäischen Literatur"). Fontanes sprachlichen Anklänge am Ende des Briefes lassen sich als Variationen zu zeitgenössischen Begriffen für die sexuelle Orientierung wie "invertiert" und "Inversion" ansehen (lateinisch für "umgekehrt" oder "andersrum"). Sie wirken aber auch so, als würden sie bestimmte Umschreibungen von Homosexualität aus späterer Zeit vorwegnehmen, womit ich Begriffe wie "links gestrickt" und "andersrum" meine.

Fontanes Freund Philipp Graf zu Eulenburg

Theodor Fontane war mit Philipp zu Eulenburg (1847-1921), einem engen Vertrauten Kaiser Wilhelms II., befreundet und daher ein gern gesehener Gast auf Eulenburgs Schloss Liebenberg. Durch diese Freundschaft konnte Fontane nicht nur politische Kontakte knüpfen, sondern auch Material für seine literarischen Werke sammeln. In "Briefe an seine Freunde" (1909, 2. Bd., S. 10-11) ist Fontanes Brief vom 9. Juni 1880 an Eulenberg abgedruckt, der mit der Bitte endet, ihn "auch dem Grafen Moltke" empfehlen zu wollen.

Dieser Gruß ist zunächst "nicht mehr als ein Nebensatz, über den man [aber] stolpern kann" (so Georg Bartsch in seiner Schrift "Fontane und die 'sexuellen Uncorrektheiten'", 2014, S. 6). Man kann deshalb "stolpern", weil in der späteren Eulenburg-Affäre (1907-1909) Philipp zu Eulenburg ein sexuelles Verhältnis mit Kuno von Moltke unterstellt wurde. Zu den Zeugen vor Gericht gehörte auch die Ex-Frau Moltkes, die aussagte, dass dieser eine überaus enge Freundschaft mit Eulenburg gepflegt habe und seinen ehelichen Pflichten nur in den ersten beiden Nächten nachgekommen sei. Fontane hat diese Affäre bzw. diese juristische und mediale Schlammschlacht nicht mehr erlebt, da er 1898 starb. Über seinen Gruß an Moltke kann man heute "stolpern" – muss man aber nicht.

Fontane über König Friedrich II. und dessen Freund Katte

Viele Historiker gehen heute davon aus, dass König Friedrich II. (1712-1786) homosexuell war. Zu seinen vieldiskutierten Männerfreundschaften gehörte die zu dem Offizier Hans Hermann von Katte (1704-1730). In seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (1862-1889) geht Fontane mehrfach auf ihr Verhältnis ein. Im Kapitel 146 ("Die Katte-Tragödie") sieht Fontane in ihnen zwar kein Liebespaar, geht jedoch klar auf die homosexuellen Gerüchte ein. "Friedrich II. selbst soll später zu dem englischen Gesandten Sir Andrew Mitchell von einem 'Liebesverhältnis' [zu Katte] gesprochen" haben. Fontane bezeichnet dies jedoch als unwahrscheinlich und für ihn "liegen die Dinge viel natürlicher und namentlich viel ehrenvoller für Katte".

Als Fontane in seinem Buch den Bericht des Garnisonpredigers Besser zitiert, scheint dieser Text ein Liebesverhältnis zwischen Friedrich II. und Katte wiederzugeben. Darin wird die Situation vor Kattes Hinrichtung beschrieben: Katte "erblickte endlich, nach langem sehnlichen Umhersehen, seinen geliebtesten Jonathan, Ihro Königliche Hoheit den Kronprinzen, am Fenster des Schlosses, von selbigem er […] Abschied nahm, mit nicht geringer Wehmut". Diese Todesszene wird in einer Fußnote von Besser ergänzt: "'Mon cher Katte' [mein lieber Katte], rief ihm der Kronprinz zu, nachdem er ihm mit der Hand einen Kuß zugeworfen, 'je vous demande mille pardons' [ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung]." Worauf Katte geantwortet habe: "Point de pardon, mon prince; je meurs avec mille plaisirs pour vous." ["Nichts von Verzeihung, mein Prinz; ich sterbe mit tausend Freuden für Sie."]. Besser meint hier jedoch kein sexuelles Verhältnis, sondern entwirft das Bild einer heroischen Männerfreundschaft, in der sich einer für den anderen aufopfert. In diesem Sinne liest es auch Fontane. Das Vorbild Davids und Jonathans steht nur selten und nur bei schwulen Autoren für eine homosexuelle Freundschaft.

In einem späteren Kapitel ist spürbar, dass Fontane – im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen – nicht davon überzeugt war, dass Friedrich II. in die verheiratete Gutsherrin Louise Eleonore von Wreech (1708-1784) verliebt war. Im Kapitel "Kronprinz Friedrich und Frau von Wreech" schreibt er, dass der "sinnliche Reiz der jungen Frau" Friedrich II. nur "vorübergehend eine andere Färbung geben" gegeben haben mochte und dass diese leidenschaftlichen Stunden "nur wie Fieberanfälle" gewesen seien.

Eine homosexuelle Figur in "Effi Briest"?

Theodor Fontanes Roman "Effi Briest" gilt heute als Höhepunkt des poetischen Realismus in der deutschen Literatur. In "Effi Briest" (1895, 8. Kap.) ist der elegant gekleidete Apotheker Alonzo Gieshübler eine wichtige Nebenfigur: ein intellektueller Sonderling, der als kultiviert, schöngeistig und distinguiert beschrieben wird. Effi Briest: "Und dann sehe ich doch auch gleich, daß Sie anders sind als andere, dafür haben wir Frauen ein scharfes Auge. […] Alonzo ist ein romantischer Name." Gieshübler lächelte […]. 'Ja, meine gnädigste Frau, da treffen Sieʼs.'" Weil die hier verwendete Alliteration "anders als die anderen" in eindeutig homosexuellem Zusammenhang erstmals in dem schwulen Roman "Anders als die Andern" von Bill Forster (d. i. Hermann Breuer) im Jahr 1904 verwendet wurde, kann man nicht ohne Weiteres davon ausgehen, dass der Ausdruck in "Effi Briest" ebenfalls einen Homosexuellen bezeichnet. (Der bekannte Homosexuellenfilm "Anders als die Andern" und eine Textzeile in der Homosexuellenhymne "Lila Lied" – beide 1919 – sorgten einige Jahre später offenbar für eine Popularisierung dieser schwul-lesbischen Chiffre).

Zu Alonzo Gieshübler in "Effi Briest" gibt es noch einen anderen spannenden Hintergrund. Heute ist bekannt, dass Thomas Mann zahlreiche Anregungen Fontanes Schreibstil verdankte, wobei die Autorin Karin Thomeyer in ihrem Online-Aufsatz "Das schöne Geschlecht" (1998, S. 7) sogar so weit geht, dass die "Problematik dieser Außenseiterfigur" (Gieshübler) mit Figuren von Thomas Mann in Verbindung gebracht werden kann. So sieht sie Parallelen zur Thomas-Mann-Romanfigur des Herrn Friedemann, der seinen "Liebesverzicht ebenfalls ästhetisch zu sublimieren versucht".

Zu den vielen Regisseuren, die bisher Fontanes Roman verfilmten, gehören auch zwei Schwule. In Gustav Gründgensʼ "Der Schritt vom Wege" (1939) ist Alonzo Gieshübler ein Schöngeist mit hoher Stimme, musisch interessiert und eine Männerstatue anhimmelnd, insgesamt aber nicht mehr als Effis väterlicher Freund. In Rainer Werner Fassbinders "Fontane Effi Briest" (1974) deutet kaum etwas darauf hin, dass Fassbinder die Rolle Alonzo Gieshüblers (Darsteller: Hark Bohm) als homosexuell ansah.

Hervorzuheben ist allerdings Hermine Huntgeburths Verfilmung "Effi Briest" (2009), worin Gieshübler (Darsteller: Rüdiger Vogler) einen Mann liebt und küsst. Einerseits wird diese Szene abgeschwächt, weil es sich nur um eine Theaterrolle handelt. Andererseits ist dieses Theaterstück mit dem Titel "Der Schritt vom Wege" als Symbol für die Grenzüberschreitung Effi Briests angelegt, die bei der Aufführung ihrem Liebhaber begegnet. Eine Parallelisierung zwischen einem heterosexuellen Seitensprung und ausgelebter Homosexualität, beides als Ausbruch aus gesellschaftlichen Zwängen verstanden, erscheint hier möglich und wäre emanzipatorisch. Zudem wird in diesem Film – entgegen der Romanvorlage – Effi Briests Haushälterin als lesbisch dargestellt, deren zärtliche Annäherungsversuche von Effi Briest nicht erwidert werden.


Gieshübler (links) ist – auf der Theaterbühne – in einen Mann verliebt. Standbild aus dem Film "Effi Briest" von Hermine Huntgeburth (2009)

Über den schwulen Prinzen Heinrich und sein Verhältnis zu Major von Kaphengst

Prinz Heinrich von Preußen (1726-1802) war ein Sohn des Königs Friedrich Wilhelm I. in Preußen und jüngerer Bruder König Friedrichs II. Historiker schildern ihn heute als homosexuellen Prinzen mit zahlreichen Liebhabern. In seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (1880, 58. Kapitel) behandelt Fontane Heinrichs Liebschaft mit dem späteren Major Christian Ludwig von Kaphengst (1740-1780). Danach lernte Prinz Heinrich den Major von Kaphengst vermutlich während des Siebenjährigen Krieges kennen, "fand Gefallen an seiner Jugend und Schönheit" und nahm ihn später mit nach Schloss Rheinsberg. Kaphengst war zunächst der Adjutant des Prinzen, "eine Stellung, zu der ihn seine geistigen Gaben keineswegs befähigten". Er stieg bis "zum Major auf und beherrschte nun den Hof und den Prinzen selbst, dessen Gunstbezeugungen ihn übermütig machten". Heinrichs Bruder Friedrich II., "der in seiner Sanssouci-Einsamkeit von allem unterrichtet war, mißbilligte, was in Rheinsberg vorging", und wollte dieses "Verhältnis" beenden. Prinz Heinrich bekam vom König eine größere Geldsumme, entließ Kaphengst zwar offiziell aus seinen Diensten, schenkte ihm dafür aber Schloss Meseberg. Sie blieben ein Paar, so dass mit der Kündigung "dem bestehenden Verhältnis nur die Last und Peinlichkeit eines unausgesetzten Verkehrs" genommen wurde.

Fontane berichtet zudem eine Anekdote aus Schloss Meseberg: Im Speisesaal des Schlosses gestaltete der Maler Bernhard Rode ein Deckengemälde, das "im Geschmack jener Zeit" die Vergöttlichung des Prinzen Heinrich darstellt. Zu den Bildmotiven gehört ein Opferaltar mit der Inschrift "Vota grati animi" (sinngemäß: "Nimm dies als Darbringung eines dankbaren Herzens"), was dem Prinzen schmeichelte und ihn rührte. Prinz Heinrich und Kaphengst bemerkten allerdings zunächst nicht, dass Rode – sei es aus Versehen oder aus einer Intrige heraus – bei der Inschrift die letzte Silbe fortgelassen hatte, so dass sie lautete: "Vota grati ani" ("Nimm dies als Darbringung eines dankbaren Anus"). Kaphengst, später darauf aufmerksam gemacht, ließ auch noch das "i" übermalen. Fontane: "In der Umgegend lachte man herzlich."

Es ist schade, dass in dem Ausstellungskatalog "750 warme Berliner" (1987, S. 14-16) der Humor dieser Anekdote ohne eine Übersetzung leider verloren geht. Wenn in der heutigen Zeit durch eine Tabuisierung des Anus ein entsprechender Hinweis unterbleibt, finde ich das sogar ein wenig beschämend. In der Briefsammlung "Theodor Fontane und Martha Fontane. Ein Familienbriefnetz" (herausgegeben von Regina Dieterle, 2002) ist Fontanes Brief vom 13. Mai 1889 an seine 29-jährige Tochter abgedruckt, worin er betont, dass das Deckenbild mit der "witzig unanständigen Inschrift" eine "Anspielung" auf das Verhältnis der beiden Männer sei (S. 343-344). Die Herausgeberin betont zwar später, dies sei eine "Anspielung auf die homosexuelle Beziehung" zwischen den beiden Männern (S. 771), ohne dabei jedoch ins Detail zu gehen. Auf einer aktuellen Tourismusseite für Schloss Meseberg findet sich nur die Formulierung: "Der Lateinkundige weiß, dass sich durch den Wegfall der beiden [sic] Schriftzeichen ein anzüglicher Sinn ergibt." Menschen, die Schloss Meseberg besuchen und kein Latein können, sollen diesen Witz offenbar nicht verstehen.

Schon 1986 entstand – basierend auf Fontanes "Wanderungen" – eine fünfteilige Fernsehproduktion, die eine Mischung aus Landschaftsbildern und Spielfilmszenen bietet. Im zweiten Teil dieser "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (1986; 12:20-21:10 Min., vor allem 14:30-15:10 Min.) werden Prinz Heinrichs "perverser Liebhaber" Major von Kaphengst und die "widernatürliche Affäre" der beiden Männer (hier als Fremdbezeichnungen) recht ausführlich behandelt. In dieser Filmpassage ist der Film zwar deutlicher als Fontanes Text, verzichtet allerdings ebenfalls auf die Anus-Anekdote.


Prinz Heinrich (links) und der jüngere Major von Kaphengst (rechts) haben ein sexuelles Verhältnis: die Verfilmung von "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (1986)

Der schwule Prinz Heinrich in zwei Fontane-Romanen

Seinen ersten Roman "Vor dem Sturm" (1878) legte Fontane als Porträt der preußischen Gesellschaft zur Zeit der Befreiungskriege an. Dabei stellte er Prinz Heinrich als einen Mann dar, der "die Frauen haßte. […]. So vollzog sich das Widerspruchsvolle, daß an einem Hofe, der die Frauen als Frauen negierte, ebendiese Frauen doch herrschten […]. Der Prinz hatte nur das Bedürfnis persönlichen Verschontbleibens; im übrigen tolerierte er alle den Sittenpunkt nicht ängstlich wägenden Lebens- und Umgangsformen, die ihm […] ebendeshalb einen bevorzugten Gegenstand der Unterhaltung boten."

In seinem letzten Roman "Der Stechlin" (1898) wurde Fontane deutlicher, zum Beispiel in einem Dialog zwischen Armgard von Barby und dem Gutsherrn Dubslav von Stechlin über Prinz Heinrich. Armgard: "Ich glaube […] auch mal von der Frauenfeindschaft des Prinzen [Heinrich] gehört zu haben. Er soll […] ein sogenannter Misogyne [= Frauenhasser] gewesen sein. Etwas durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch mindestens etwas sehr Sonderbares. […] die Weiberfeinde [sind] sogar stolz darauf, Weiberfeinde zu sein, und behandeln ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform. Kennen Sie solche Leute [und] wie denken Sie darüber?" Stechlin: "Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche. […] Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz […] war auch ein solcher Kranker."

Dieser Roman wurde publiziert, als aufgrund der Publikationen von Sexualwissenschaftlern und gleichzeitig mit dem Beginn einer Homosexuellenbewegung für viele aufgeschlossene Menschen Homosexuelle nicht mehr kriminelle Täter, sondern kranke Patienten waren. Als Kranke handelten sie nicht schuldhaft und waren daher nicht zu bestrafen. Die Veränderung der Wahrnehmung – vom kriminellen zum kranken Homosexuellen – lässt sich als Transformation von Vorurteilen, aber auch als Fortschritt und Weiterentwicklung sehen.

Fontanes wohl lesbisches Romanfragment "Susanne von Sandrascheck"

Von den Autorinnen Hanna Delf von Wolzogen und Christine Hehle stammt der lesenswerte Aufsatz "Theodor Fontane: Susanne von Sandrascheck. Ein unveröffentlichtes Erzählfragment", in: Fontane Blätter (Nr. 96, 2013, S. 10-19). Fontane wollte in dieser nie fertiggeschriebenen Erzählung, von der Skizzen überliefert sind, das Glück zweier Frauen schildern, das man sich – so die beiden Autorinnen – "durchaus auch als erotisches vorstellen kann". Sie zitieren Fontane, der zu seinem Entwurf schrieb: "Überhaupt ist diese [Oenicke] die Hauptperson, ist die, die wirklich liebt (ihre Freundin) und au fond [im Grunde] auch von dieser wiedergeliebt wird."

Die beiden Autorinnen betonen: Fontane "versieht diesen Satz mit mehrfachen Bleistiftanstreichungen und der Randbemerkung 'Hauptsache'" (S. 12, siehe auch S. 18). In Verbindung mit einer Szene, die an die schwule Teufels-Szene in Goethes "Faust" (II. Teil) erinnert, schreiben die Autorinnen, dass "die humoristische Geschichte der zwei Dresdner Malerfreundinnen Fontanes einzige Darstellung einer wohl lesbischen Beziehung zu sein" scheint (S. 14).

Wie so oft bei Fontane lassen sich auch bei diesem Text Bezüge zu seiner realen Lebenswelt vermuten. Die beiden Autorinnen sehen diese Bezüge bei der Malerin Clara Wilhelmine Oenicke (1818-1899), die mit ihrer Freundin Auguste von Sandrart (1823-1900) zusammenwohnte. Angesichts der Namensgleichheit "Oenicke" ist es somit möglich, dass Fontane in einem Brief an seine Ehefrau Emilie vom 28. November 1869 nicht nur eine Berliner Damengesellschaft mit Auguste von Sandrart, sondern auch eine lesbische Gesellschaft beschreibt: "Das Ganze war mir höchst interessant. Solche Gesellschaften giebt es nur in Deutschland und in Deutschland auch nur wieder in Berlin."

Zum Weiterlesen


Ein schwuler Fontane-Krimi: "Der Fall Fontane" (2019)

Im diesjährigen Fontane-Jahr ist mit "Der Fall Fontane" ein schwuler Fontane-Krimi von Johannes Wilkes erschienen. In diesem Roman unternehmen Karl-Dieter und sein Lebensgefährte Mütze eine Fahrradtour in der Mark Brandenburg auf Fontanes Spuren, bis sie unter einem Birnbaum eine Leiche finden. (Dieser Birnbaum ist vermutlich nicht der aus dem Ribbeck-Gedicht, sondern aus Fontanes berühmter Erzählung "Unterm Birnbaum", weil es dort ebenfalls um eine Leiche unter einem Birnbaum geht.)

Einen großen Teil der von mir verwendeten Quellen verdanke ich Hinweisen in Georg Bartschs Broschüre "Fontane und die sexuellen Uncorrektheiten" (2014), die zwar sparsam und recht häufig spekulativ interpretiert und erklärt, aber einen guten Überblick über die Quellenlage liefert. Bartsch fasst die Einstellung Theodor Fontanes zu Homosexualität treffend so zusammen: "Einerseits war Fontane in den Ansichten und Vorurteilen seiner Zeit gefangen. Andererseits war er ein Vorreiter für einen offenen Umgang mit der Thematik" (S. 25).

Ergänzend dazu lässt sich anführen, dass Fontane bei seinen Äußerungen erkennbar nicht auf ein festes bzw. klar umrissenes Vokabular für homosexuelle Männer zurückgriff, obwohl es dieses seit den 1860er Jahren durchaus gegeben hat. Über seine sprachlichen Variationen kann man sich heute freuen, weil sie deutlicher bewerten, als wenn Fontane nur von "Homosexualität" oder "Konträrsexualität" geschrieben hätte.

Wenn Bartsch von den "Vorurteilen seiner Zeit" schreibt, lässt sich darunter sehr leicht der Fontane-Begriff der sexuellen "Uncorrectheiten" subsumieren. Dagegen kann man in seiner Formulierung "unglücklich Liebende" auch Empathie erkennen. Seine manchmal positiven und manchmal negativ wirkenden Formulierungen dürfen allerdings nicht immer als Wertungen über Homosexualität überinterpretiert werden. Beim Prinzen Heinrich behandelt Fontane das Thema Homosexualität sogar sehr gelassen und eher amüsant, was in dieser Zeit nicht häufig vorkam.

Das auf diese Weise zusammengesetzte Puzzle der recht verstreuten Äußerungen über Homosexualität erlaubt ein facettenreiches Bild von Fontane, dessen Einfluss auf die deutsche Kulturgeschichte auch nach 200 Jahren immer noch spürbar ist.

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#1 Yeoj_Profil
  • 30.12.2019, 10:18hFFM
  • Mensch, Mensch, Mensch! Da kennt man "Effi Briest" und den "Ribbeck" (und ein paar andere Balladen) - und nun merkt man, wie wenig man über Fontane wusste. Wird Zeit, sich mit den Wanderungen durch die Mark Brandenburg zu beschäftigen. Schade, dass Weihnachten vorbei ist, sonst wäre es auf meinem Wunschzettel gelandet. ;-) Danke für den Artikel!
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#2 Ralph
  • 30.12.2019, 10:24h
  • Wieder mal ein sehr interessanter Text, der erneut beweist, dass auch im Internet kenntnisreicher und gut formulierter Feuilleton möglich ist.
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#3 saltgay_nlProfil
  • 30.12.2019, 11:47hZutphen
  • "Vota grati animi" - leider heißt das etwas anderes. Vota ist der Indikativ des Verbs votare, welches übersetzt heißt: ablehnen
    grati kommt von gratus: dankbar, anmutig, willkommen und animi ist die Pluralform von animus: Geist, Seele, Gemüt
    Alles zusammen ergibt: "Lehne die anmutigen Ärsche ab! Nun ist auch nicht auszuschließen, dass "ani" der Lokativ-Singular ist. Dann könnte es auch sehr frei heißen:" lass Sie mit Dank am Arsch vorbeigehen" Aber das ist noch nicht genug des Lateinischen. Als Adjektiv bedeutet anus, ana, anum auch: alt, bejahrt, betagt. Damit ergibt es wieder einen neuen Sinn. "Lehne die dankbaren Alten ab!" Ja, im übertragenen Sinne steht ani auch für "alte Frauen".

    Eine Inschrift, die es in sich hat. Das war mir bisher nicht bekannt. Ich hoffe nur, dass der strenge Schulleiter nicht der Lehrer Krippenstapel im "Stechlin" ist. Denn Jener ist ja wohl eher ein Freigeist.

    Ein schöner Bericht über das Werk von Theodor Fontane. Allerdings würde ich ihn nicht als den größten deutschen Realisten bezeichnen. Man täte dem anderen Theodor, dem Theodor Storm sehr unrecht. Fontane hat sich ja über Storm sehr lustig gemacht. Dem Weitgereisten kam der Provinzonkel aus Husum, anlässlich eines Berlin-Besuches, eher lächerlich vor. Doch das hefte ich unter die genetisch vererbte Selbstherrlichkeit des typischen Berliners ab. Zumal ja Fontane gar kein richtiger Berliner ist, sondern in Neuruppin geboren wurde. Das sind übrigens die schlimmsten und ungenießbarsten Exemplare - die Möchtegernberliner - bis heute. Nebenbei, damit keine Missverständnisse aufkommen, darf ich das als echter Berliner sagen und deshalb bin ich auch glücklich dort nicht mehr zu wohnen.

    Fonate und Storm - beide haben ihre Region bis in die finstersten Winkel ausgeleuchtet und ihre Art zu erzählen hebt sich wohltuend von den fraulichen Selbstfindungen in den ewigen Vater-Tochter-Autobiografien der Gegenwart ab, welche ja der knarzende und notgeile Marcel Reich-Ranicki hochlobend belispelte.

    Die politische Rolle von Fontane ist dagegen problematisch. Sie ist seiner Geldknappheit geschuldet und daher kommen diese ekelhaften Hohenzollern, die nichts von ihren Unterdrückungsfantasien verloren haben, viel zu gut weg.

    Wer einfach einmal in eine längst vergangene Welt eintauchen will, denn Fontane beschreibt bereits die Auflösungserscheinungen des alten Preußens, nehme sich ein Buch und suche sich ein stilles Plätzchen in der Mark weitab vom Umweltlärm. So kann er ein wenig die Atmosphäre nachempfinden, wie sie im "Stechlin" beschrieben ist.
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#4 MarcAnonym
  • 30.12.2019, 12:12h
  • Ausgesprochen informativ und interessant. Herzlichen Dank für diesen kenntnis- und detailreichen Überblick!
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#5 _hh_Anonym
  • 30.12.2019, 13:04h
  • Antwort auf #3 von saltgay_nl
  • Du schreibst: ""Vota grati animi' - leider heißt das etwas anderes. Vota ist der Indikativ des Verbs votare, welches übersetzt heißt: ablehnen."

    Da hast du Unrecht. "Vota" kommt hier nicht von "votare" (und ist erst recht kein Indikativ - du meinst: Imperativ), das müsste dann auch mit Akkusativ stehen und nicht - wie hier - mit Genitiv. "Vota" ist in diesem Zitat der Plural von "votum", das heißt "Gelöbnis", "Gelübde" u. dgl. Das Wort wird sonst oft in religiösem Kontext verwendet (Versprechen an die Götter usw., abgeleitet davon ist z. B. das Votivbild in katholischen Wallfahrtskirchen). Wörtlicher als die obige Übersetzung - die ausdrücklich als sinngemäß, also nicht ganz wörtlich bezeichnet ist - wäre also: "Die Gelübde eines dankbaren Herzens" bzw. "Anus".
    Alle deine anderen Herleitungen sind ebenfalls abwegig.
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#6 Patrick SAnonym
  • 30.12.2019, 13:09h
  • Da habt ihr ja zum Schluss nochmal einen rausgehaun: toller Artikel. Danke dafür.
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#7 Alexander_FAnonym
  • 30.12.2019, 14:56h
  • Danke für diesen hochinformativen Artikel und einen guten Start ins neue Jahr und neue Jahrzehnt an die Redaktion und alle Leser!
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#8 antosProfil
  • 30.12.2019, 21:33hBonn
  • >> Der Begriff "confessions" mit Bezug auf einen schwulen Theologen ist möglicherweise als ein Wortspiel bzw. als eine doppeldeutige Anspielung auf "Konfession" im Sinne von kirchlicher Beichte und das englische Wort für "Geständnis" zu sehen. Das Wort "confessions" lässt sich auch französisch lesen. Dann wäre es eine mögliche Anspielung auf die berühmte Autobiographie "Confessions" des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau von 1770, der an zwei Textstellen beschreibt, wie er die sexuellen Angebote von Homosexuellen zurückwies.<<

    Fontane hat das Wort >confessions< häufig und in unterschiedlichen Zusammenhängen sowohl in Romanen, als auch in Briefen (> Ich faselte als Entgegnung etwas von confessions, von dichterischer Beichte usw.<, Brief an Storm, 13./14. August 1853) verwendet - insofern erscheint mir die Interpretation als spezielle Anspielung auf Rousseausche Textstellen mit Homosexbezug etwas, um nicht zu sagen: arg weit hergeholt. Deutlich wahrscheinlicher ist der allgemeine, einfache Bezug (Occams Razor!) auf Augustinus Confessiones und die Zweideutigkeit des Titels als Schuld- und Glaubensbekenntnis, gerade mit Bezug auf einen Theologen.
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#9 mundmmsAnonym