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Flashbacks & Gedankenschnipsel

"Ich erinnere mich an Homo-Bars"

Joe Brainards 1970 veröffentlichtes Buch "Ich erinnere mich" ist ein geniales, mitreißendes und herzerfrischendes schwules Erinnerungsfeuerwerk – jetzt gibt es eine deutsche Neuausgabe.


Der schwule amerikanische Autor und Künstler Joe Brainard (1941-1994) wird zur New York School gezählt (Bild: Wren de Antonio / wikipedia)

Memoiren schreibt heute jeder drittklassige Promi. Der Erkenntnisgewinn hält sich dabei allerdings häufig in Grenzen. Joe Brainard, 1994 an den Folgen von Aids verstorben, ist hierzulande ein richtiger Nobody. Warum also sollte man ausgerechnet das Erinnerungsbuch eines fast vergessenen New Yorker Bohemiens, Künstlers und Poeten lesen wollen? Ganz einfach: Weil Brainard in einer vordergründig schlichten, aber geradezu genialen kompositorischen Form zwar auch über sich selbst schreibt, in Wahrheit aber an das kollektive wie individuelle Gedächtnis seiner Leser*innen appelliert. Wie gut, dass das poetische und in vielerlei Hinsicht inspirierende Meisterwerk "Ich erinnere mich" jetzt in einer Neuausgabe auf Deutsch vorliegt.

"Ich erinnere mich" – in Joe Brainards Buch sind diese drei Worte mehr als nur eine Feststellung. Dieser Satz wird zu einer Beschwörungs- und Zauberformel. Immer und immer wieder, wie in einer Litanei wiederholt Brainard diese Phrase und vervollständigt sie:

Ich erinnere mich an bunte Schaumbadkugeln. Und an Schmutzringe in der Badewanne.
Ich erinnere mich an gezuckerte Butterbrote.
Ich erinnere mich an "Schwule können nicht pfeifen".

Rund 1.500 überraschend präzise Einträge

Der damals 27-jährige Brainard hatte für sich ein simples, selbstverständliches, höchst ökonomisches und doch so überzeugendes Konzept gefunden, um in den Tiefen seiner Erinnerungen zu kramen. Jeder der rund 1.500 immer wieder überraschend präzisen und völlig unprätentiösen Einträge beginnt mit dieser Phrase und ermöglicht, ein weiteres Fragment, ein Bild, eine Alltagsbeobachtung, und sei sie noch so banal, hervorzuholen und festzuhalten.

Das mag dem einen oder der anderen zunächst ziemlich beliebig, belanglos und zudem unstrukturiert erscheinen. Denn tatsächlich kümmert sich Brainard weder um eine chronologische noch um eine thematische Ordnung. (Umso irritierender, dass Paul Auster in seinem Vorwort sich bemüßigt fühlt, sie dennoch quantitativ unter Obergegriffe wie "Familie", "Körper" und "Sex" zu sortieren.)

Erinnerungsfetzen aus der Kindheit und Jugend im Mittleren Westen stehen scheinbar unvermittelt neben Einträgen zu Fernsehshows, sexuellen Erlebnissen und Momentaufnahmen eines Künstlerlebens im New York der 1960er und 1970er Jahre. Brainard lässt die Gedanken treiben, und als Leser*in folgt man diesen vor sich hin mäandernden Erinnerungen mit wachsender Faszination. Die Abschnitte sind oft nur fünf, sechs Worte lang; manche Sätze haben die Qualität eines Aphorismus. Dann wieder gibt es farbig auserzählte Anekdoten und "Kürzestgeschichten".

Ich erinnere mich, dass ich nicht verstand warum Aschenputtel nicht einfach ihre Siebensachen zusammenpackte und abhaute, wenn alles so schlimm ist.

Kollektive Erinnerungen wachgerufen

Das Überraschende (für manche vielleicht auch Enttäuschende) dabei ist: Auch wenn Brainard viel von sich preisgibt, die einzelnen Bausteine dieses keineswegs chaotischen, vielmehr assoziativ gebauten Textes fügen sich nicht zu einer – klassischen – Biografie. Über seinen künstlerischen Werdegang als Multitalent – er etablierte sich mit Zeichnungen, Collagen und Assemblagen als Pop-Art-Künstler, schrieb Gedichte und Prosa, entwarf Bühnenbilder – erfährt man kaum etwas. Noch weniger über seinen literarischen Freundeskreis. Immerhin war er mit vielen Dichtern der New York School befreundet. Mit einigen, etwa Kenneth Koch, James Schuyler und John Ashbery, teilte er auch die Liebe zu Männern. Nichts darüber ist in "Ich erinnere mich" zu lesen. Lediglich Ron Padgett, mit dem er in Tulsa, Oklahoma aufgewachsen ist, taucht immer wieder mal in Kindheitserinnerungen, aber auch als Vertrauter in der New Yorker Bohemien- und Künstlerszene auf. (Das Cover der Neuausgabe ziert ein von Padgett 1960 an der Columbia University New York City aufgenommenen Schnappschuss seines engen Weggefährten und Freundes).

Was Brainard allerdings mit seinem Zettelkasten an Flashbacks und Gedankenschnipseln schafft, ist, seine Leser*innen ziemlich schnell und unmittelbar mit diesem Erinnerungsstrom mitzureißen und Echoräume aufzumachen. Wie wenig es doch braucht, um kollektive Erfahrungen wachzurufen. Es bedarf tatsächlich nur einiger weniger Stichworte, um individuelle Erlebnisse, Situationen und Szenerien wie aus dem Nichts auf die innere Leinwand zu projizieren.

Eine literarische Zeitreise


Die gebundene Neuausgabe von "Ich erinnere mich" ist 2019 bei Walde+Graf erschienen

Sicher, diese Einträge sind einem bestimmten Kulturkreis und einer bestimmten Generation zuzuordnen. Viele der Erwähnungen von Konsumartikeln, Popsongs, TV-Shows oder Werbe-Ikonen sind Teil des US-Alltags und lösen bei Europäern, zumal jüngeren Alters, dementsprechend keinerlei Aha-Effekte aus. Einige Einträge machen zudem noch einmal unmissverständlich die historische Distanz deutlich. Die für Brainard prägenden Stars seiner Kindheit, Jugend und Gegenwart sind Liberace, Elvis Presley und Montgomery Clift. Er erinnert sich an den Tag, als Marilyn Monroe starb und "dass Schwarze im Bus hinten sitzen müssen".

Dennoch triggern Brainards Einträge den eigenen unvermuteten Schatz an kollektiven, oft unbewusst aufgesogenen und kaum erahnten Fundus an Alltäglichkeiten. Das wird bei jedem Leser und jeder Leserin sehr individuell und sehr verschieden sein. Wer hat wohl nicht versucht, sich die eigenen Eltern beim Sex vorzustellen? Wer erinnert sich nicht an Kettenbriefe, Bücherregale aus Ziegelsteinen und Brettern, ständig rutschende Socken oder Grasflecken an den Knien? Und warum hat man bis zu dieser Erwähnung nicht mehr daran gedacht?

Schwule Leser werden sich zudem über die zeitliche und geografische Distanz hinweg mit Dutzenden von Brainards Notaten identifizieren können, liefern sie doch auch so etwas wie die Essenz einer schwulen Biografie. Beginnend mit der Entdeckung des eigenen Körpers ("Ich erinnere mich daran, wie klein ein Schwanz ist, wenn man aus einer nassen Badehose steigt") über die erste Erektion ("Ich dachte, ich hätte irgendeine schreckliche Krankheit") und weiter zum sexuellen Erwachen ("Ich erinnere mich an Wichsphantasien, in denen ich es mit einem Fremden im Wald trieb").

Brainards Liebes- und Sexabenteuer

Brainard atomisiert seine sexuelle Selbstfindung und Initiation, die damit verbundenen Wirrnisse und Verunsicherungen wie auch Liebes- und Sexabenteuer:

Ich erinnere mich, dass man in der High School als schwul galt, wenn man donnerstags Grün und Gelb trug.
Ich erinnere mich, dass ich einen Stapel Magazine kaufte, um das Bodybuilder-Magazine darin zu verstecken, um das es mir eigentlich ging.
Ich erinnere mich, dass ich einmal versuchte, mir selbst einen zu blasen, es aber nicht schaffte.

Gleich mehrfach gibt es mäandernde Erinnerungskaskaden rund ums Cruisen. Ein Stichwort genügt, um eine kleine Lawine auszulösen:

Ich erinnere mich an Homo-Bars.
Ich erinnere mich, dass ich plötzlich darauf achtete, "wie" ich meine Zigarette in Homo-Bars hielt.
Ich erinnere mich an laute, einheizende Musik. Zu viel Bier. Schnelle Seitenblicke. Und dass ich mich dafür hasste, dieses Spiel mitzuspielen.
Ich erinnere mich, dass ich mir Vorwürfe machte, nicht die Jungs abzuschleppen, die ich wahrscheinlich hätte abschleppen können, weil ich Angst vor einer Abfuhr hatte.

"Ich erinnere mich" erschien erstmals 1970 und wurde von Brainard über mehrere Ausgaben hinweg fortgeschrieben. Mitte der 1980er Jahre stellte er dann fast jegliche künstlerische Produktion ein, gerade so, als habe er mit der Literatur und Kunst abgeschlossen. Stattdessen widmete er sich dem Lesen, pflegte seine vielen Freundschaften. 1994 starb er im Alter von 52 Jahren infolge einer Aids-bedingten Lungenentzündung. Seine Asche ließ er auf einer Bergwiese in Vermont verstreuen, wo er fast drei Jahrzehnte lang mit seinem Lebenspartner, dem Schriftsteller und Herausgeber Kenward Elmslie, die Sommer verbracht hatte.

Dem Tod hat Brainard in seiner Erinnerungssammlung übrigens ebenso wenig Aufmerksamkeit geschenkt wie Momenten des Streits und Selbstzweifels oder des tiefen Unglückseins. Nicht, dass er seine Erinnerungen deshalb beschönigt. Sie waren ihm offenbar nicht so wichtig. Umso mehr verströmen seine Reminiszenzen eine wohltuende Wärme und immense Lebensfreude, und ja, auch herzerfrischende Komik.

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Infos zum Buch

Joe Brainard: Ich erinnere mich. Vorwort: Paul Auster. Aus dem Englischen von Uta Goridis. 185 Seiten. Gebundene Ausgabe. Walde + Graf. Berlin 2019 18 €. ISBN 978-3-946896-42-5


#1 MarcAnonym
  • 18.01.2020, 14:45h
  • "Ich erinnere mich, dass ich mir Vorwürfe machte, nicht die Jungs abzuschleppen, die ich wahrscheinlich hätte abschleppen können, weil ich Angst vor einer Abfuhr hatte."

    Das kann ich gut nachvollziehen. Mein Traummann Andreas ist nach seinem Praktikum weg gegangen, weil ich nicht den Mumm hatte, ihm zu sagen, dass ich ihn liebe.

    Ich dachte, dass ich nicht mithalten könnte und erfuhr erst später, dass auch er Interesse an mir hatte.

    Das sind die Fehler der Vergangenheit, die man wohl immer bereuen wird...
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#2 GerritAnonym
  • 18.01.2020, 14:46h
  • Ich finde solche Bücher, die einen Einblick in die LGBTI-Historie geben, immer sehr spannend.
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#3 Patrick SAnonym
  • 18.01.2020, 18:17h
  • Ein verhältnismäßig schmales Büchlein, dafür mit großem Inhalt. Wer hier einen Roman sucht oder vergleichbare Mainstreamliteratur wird seine Probleme haben, aber es lohnt, da (ich bin mir sicher) sich jeder an der ein oder anderen Stelle wiedererkennen wird und zu sich sagt, ja, dass ging mir genauso. Ein außergewöhnliches Leseerlebnis. Kommt bei mir direkt hinter Colm Toibin. Leider ist das Cover abnormal hässlich gestaltet, dafür ist das Buch wenigstens gebunden und kein billiges Taschenbuch. Das hat es auch verdient.
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#4 UnlivedMemoriesAnonym
  • 18.01.2020, 18:38h
  • Dank ihnen für die Buchvorstellung. Das kann richtig interessant werden. Einblicke in die Zeit und was da so klasse war. Erinnerung ist wie konserviertes Glück. Dinge die man lieb hatte und die beeinflussten. Klar sind das in den Staaten andere Kodakmomente. Weder sandmännchen noch Cordhosen zu Pullunder. Aschenpuddel hatten die auch. Sich selber einen blasen, gemau. Schaffte es auch nicht, war ein verrenkter Purzelbaum, haaa. Eltern beim Figgn vorstellen, ja oh Grauen, Dinosex aus der Urzeit. Schwarze hamse Mohr genannt und Schwulsein war total verboten, 175er schicksal. Grün und gelb trugen die Hippis, beim Bund war schlicht oliv und grau.
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#5 felix-baerlinAnonym
  • 19.01.2020, 07:27h
  • Ich erinnere mich ...
    ... mittwochs, so wurde gesagt, ist Tag der Schwulen.

    Keine Ahnung, warum.
    Weil der Tag in der Mitte der Woche liegt? Von beiden Seiten, und so?
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#6 56James35Anonym
  • 19.01.2020, 11:04h
  • Vielen Dank an queer.de ! Ich wundere mich, dass dieses Buch erst jetzt in Deutschland erscheint. In Frankreich liess sich George Pérec (1936-1982) von Joe Braynard inspirieren, um sein Buch "Je me souviens" (1978) zu schreiben. Der Inhalt ist natürlich ganz anders. Braynards "I remember" wurde 1997 ins Französische übersetzt.
    Interessant wird es sein, beide Übersetzungen aus dem Englischen miteinander zu vergleichen.
    Joe : ein wunderschöner Mensch...
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