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Kinostart

"Darkroom": Verstörendes Porträt eines Szene-Mörders

Vor acht Jahren sorgte eine Mordserie in Berlin für Angst. Rosa von Praunheim bringt jetzt die Geschichte des "Darkroom-Mörders" als spannendes Porträt zwischen absurdem Thriller und packendem Gerichtsfilm auf die Leinwand.


In seinem neuen Film "Darkroom: Tödliche Tropfen" befasst sich Kult-Regisseur Rosa von Praunheim mit einem wahren Kriminalfall und macht daraus einen seiner spannendsten Filme (Bild: missingFILMs)
  • Von Fabian Schäfer
    19. Januar 2020, 06:20h, 1 Kommentar

"Das ist richtig reudiges Teufelszeug", sagt der betrunkene Typ halb angewidert, halb lachend am Berliner Ostbahnhof, nachdem er aus dem kleinen Glas-Flachmann einen Schluck genommen hat und die klare Flüssigkeit sofort ausspuckt. Das Lachen vergeht ihm bald. Lars Schmiedig (Bozidar Kocevski) hat ihm den Kurzen angeboten – und überlässt die nächtliche Zufallsbegegnung dann sich krümmend und schmerzverzehrt auf einer Bank sich selbst. Sein Portemonnaie zieht Lars ihm noch aus der Tasche, dann haut er ab.


Dieses Opfer überlebte: GHB-Shot am Ostbahnhof (Bild: missingFILMs)

Dieses Teufelszeug heißt GHB, Liquid Ecstasy oder KO-Tropfen, in Schnaps verdünnt. In geringen Dosen wirkt die Partydroge entspannend bis sexuell stimulierend, doch die Grenze zur Überdosis, die zum Atemstillstand führen kann, ist schnell erreicht. Alkohol verstärkt die Wirkung noch.

Lars Schmiedig wollte in diesem Moment töten, so wie er es davor bereits zweimal getan und danach noch einmal tun wird. Ein weiterer Versuch wird scheitern, drei Morde innerhalb weniger Tage. Drei tote Schwule, einer davon in einem Darkroom umgebracht, dreimal durch Liquid Ecstasy. Diesen Fall, der so ähnlich im Mai 2012 Schwule weit über die Grenzen Berlins schockierte und ängstigte, hat sich Regisseur Rosa von Praunheim angeeignet und seine ganz eigene Version eines absurden Thrillers einerseits und gleichzeitig eines packenden Gerichtsfilms gemacht. Die Gerichtsszenen sind insbesondere dank Katy Karrenbauer als toughe Staatsanwältin besonders stark.


Insgesamt drei Männer hat Lars auf dem Gewissen (Bild: missingFILMs)

Ein gutes Gespür für Camp

"Darkroom: Tödliche Tropfen" nennt Rosa von Praunheim ganz selbstbewusst ein "befriedigendes Alterswerk". Man könne mittlerweile auch böse Schwule zeigen, ist der Kultregisseur überzeugt. Und obwohl es ein, wie er selbst sagt, "sehr ernstes Drama" sein soll – was es auch ist -, konnte er es doch nicht lassen, dem Film hier und da ganz geschickt eine Camp-Ästhetik zu verleihen, etwa bei der Vorstellung der "RoBaMan"-Band von Heiner Bomhard als Roland, Lars' Partner, und Bastian, dem ersten Mordopfer, oder bei der Einrichtung von Rolands und Lars' Wohnung.

Nicht nur das barock-floral anmutende Sofa vor griechischen Plastiksäulen oder die Dschungeltapete, vor allem Lars' lächerlich-perfektionistische Orchestrierung der Möbelpacker sowie Rolands übertriebene Dramatik beim Tapezieren sind Camp pur. Wie später Roland auf Lars' Bauch schläft, von Kerzenständern und Windlichtern umgeben, auf einem Meer aus Decken und Kissen gebettet, während der in den Nachrichten sein Überwachungsvideo sieht, mit dem die Polizei nach Zeugen sucht, ist absurd, komisch und unfassbar schön übertrieben ästhetisch.

Langsam entsteht ein Porträt des Szene-Mörders


Poster zum Film: "Darkroom" startet am 30. Januar 2020 regulär im Kino, in mehreren Städten gibt es jedoch Previews

Denn Rosa von Praunheim ließ es sich nicht nehmen, "Darkroom" bei aller Drastik und Ernsthaftigkeit eine gewisse Lockerheit, manchmal sogar Komik zu verleihen. Etwa dann, wenn das spätere Darkroom-Opfer sich an den Kellner ranmacht und fragt, wann er denn endlich Feierabend habe: "Mal schauen, wann ich die letzte Leiche hier hinausfege." Oder wenn das andere Opfer, bei dem Lars nicht erfolgreich ist, weil er nur wenige Tropfen der Droge schluckt, vor Gericht aussagt, dass das "das beste Sexdate meines Lebens" war. Das sind plötzliche, unvorhergesehene, dafür umso effektivere Lacher – ironische Brechungen, die auflockern und doch die Tragik des Falls noch verstärken.

Durch die nicht-chronologische Erzählweise, die vom Gerichtssaal zum Einrichten der gemeinsamen Wohnung zu den Morden und dem Aufenthalt im Haftkrankenhaus, wo Lars aufgrund von diversen Selbstmordversuchen fixiert liegt, bis zu Lars' und Rolands Kennenlernen im Saarland munter hin und herspringt, entsteht langsam, wie ein Puzzle, das Porträt eines Mannes, eines Mörders.


Der Mörder, fixiert im Haftkrankenhaus (Bild: missingFILMs)

Spannend, mitreißend, aber auch komisch und experimentell

Ein Mann, der auch Enkel, Krankenpfleger, Partner und Freund ist, und der gleichzeitig heimtückisch, skrupellos und aus purer Mordlust tötet. Unfassbare Taten, für die es keine Erklärung gibt – und die auch nicht gesucht werden. Rosa von Praunheim verfällt hier nicht der Gefahr des Psychologisierens – dafür lässt er nur ganz kurz eine Gutachterin im Gerichtssaal auftreten, die fast Deus-ex-Machina-mäßig ein psychologisches Profil von Lars vorträgt.

Es ist ungemein spannend zu sehen, wie Rosa von Praunheim seinen eigenen kreativen, erzählerischen und ästhetischen Zugang zu dem Fall gefunden hat. "Darkroom" ist spannend, mitreißend und auf vielen Ebenen ganz nah an den Figuren, aber auch angenehm durchdacht-komisch, immer wieder filmisch experimentell und hier und da auch kritisch. Ein Film, wie ihn nur Rosa von Praunheim machen konnte.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film

Infos zum Film

Darkroom. Drama. Deutschland 2019. Regie: Rosa von Praunheim. Darsteller: Bozidar Kocevski, Heiner Bomhard, Katy Karrenbauer, Christiane Ziehl, Oliver Sechting, Janina Elkin, Lukas Rennebach, Thomas Linz, Marina Erdmann, Ralf Schlegel. Laufzeit: 89 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 16. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 30. Januar 2020. Premiere am 20. Januar beim Max Ophüls Filmfestival in Saarbrücken sowie mehrere Previews


#1 Homonklin_NZAnonym
  • 19.01.2020, 13:47h
  • ""Oder wenn das andere Opfer, bei dem Lars nicht erfolgreich ist, weil er nur wenige Tropfen der Droge schluckt, vor Gericht aussagt, dass das "das beste Sexdate meines Lebens" war.""

    Na hoffentlich unterscheiden noch genug Filmegucker Film und Wirklichkeit, sonst fangen bei sowas noch mehr damit an, sich irgend ein Zeugs zu schmeißen, als es eh schon zu sein scheint.
    Vielleicht hilft der Film aber auch dazu bei, das Risiko zu unterstreichen, das damit eingegangen wird, wenn man mit solchen Ideen auf erotische Kicks hofft. Nun, wenn Leuten was in den Drink gemischt wird, haben die keine Chance, zu verzichten.

    Ansonsten klingt das nach einem interessanten Experiment, wenn man so will, diese unterschiedlichen Stilrichtungen zusammen zu bringen, und den Fokus dann abwechselnd auf nicht so offensichtliche Dimensionen zu lenken. Wie etwa die, was in so einem Mörder an Denken vorgehen könnte, was etwa selbst ein gutes psychiatrisches Profiling meistens mutmaßen muss.
    Scheinbar ungewollt dunkler Humor ist einer der Besten, auch wenn das in dem Zusammenhang nicht jedem gefallen dürfter, weil das Thema dann doch nah am Puls der Kinogänger sein kann, und man sich hypothetisch in der Zielgruppe solcher Art Tyoen anfindet. Das dürfte den Film bei sensitiven Zuschauern auch zu einem Experiment mit Vorstellungen und Ängsten machen.
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