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Homosexualität als Sensation

Die "berüchtigte Lesbe" vom ersten Grand Prix

Heute vor 60 Jahren – am 2. Februar 1960 – wurde Dany Dauberson zur "Miss Lesbos" gewählt. Bekannt wurde die französische Sängerin vor allem durch den ersten "Grand Prix de la Chanson" 1956.


Dany Dauberson (1925-1979) nahm beim ersten Grand Prix de la Chanson im Jahre 1956 teil (Bild: Archives municipales Ville de Saint-Claude)
  • Von Erwin In het Panhuis
    2. Februar 2020, 11:42h, 2 Kommentare

Ausgangspunkt meiner Recherche war eine Kurzmeldung im "Spiegel" (17. Februar 1960, hier als PDF): "Dany Dauberson, 26, französische Nachtklub-Sängerin, wurde […] auf einer Mittelmeer-Tour […] zur 'Miss Lesbos' ernannt. […] Miss-Novität Dauberson ist der Grund, warum sich der französische Schauspieler Georges Bréhat von seiner Ehefrau, der italienischen Prinzessin Giovanna Pignatelli, 26, […] scheiden lassen will: Die Prinzessin, so behauptete der Ehemann, bevorzuge zu augenfällig die Gesellschaft der Dany Dauberson." Aufgrund anderer Quellen ist bekannt, dass diese Schönheitswahl am 2. Februar 1960 stattfand.

Die Einordnung dieses "Miss Lesbos"-Artikels

Sabine Peters betont in ihrer Magisterarbeit "Weibliche Homosexualität im öffentlichen Sprachgebrauch der Westzonen und der BRD" (Uni Düsseldorf, 1997, S. 20) im Kontext dieser "Miss Lesbos"-Meldung, dass für "die sechziger Jahre […] Homosexualität generell nur als Sensation, weibliche gleichgeschlechtliche Liebe als unterhaltsame gesellschaftliche Randerscheinung für die Presse interessant war. […] Der Fokus der [zitierten "Spiegel"-]Meldung liegt, ohne dies expressis verbis zu verdeutlichen, auf der emotionalen Präferenz der beiden genannten Frauen. Als linguistische Signale dienen 'Miss Lesbos', welches eine Assoziation an die Dichterin Sappho und deren vermutete Lebensweise hervorruft, sowie die Formulierung 'zu augenfällig', die impliziert, daß hier etwas nicht Erlaubtes geschieht, das besser unsichtbar bliebe."

Meiner Meinung nach ist der Tonfall des Beitrages vor allem süffisant, als würde der "Spiegel"-Leser mit etwas Schadenfreude die Dynamik dieser Beziehungen mitverfolgen können. Es war bis heute das einzige Mal, dass der "Spiegel" über Dany Dauberson berichtete, und es ist recht wenig, was sich nur aufgrund dieser Kurzmeldung schreiben lässt.

Die Fotoagentur "Alamy" zeigt das "Miss Lesbos"-Foto auf ihrer Homepage in einem größeren Ausschnitt als der "Spiegel", der einen noch besseren Eindruck von Dauberson vermittelt. Nähere Informationen über die Preisverleihung, darüber, ob in anderen Jahren weitere "Miss Lesbos"-Wahlen stattfanden, und darüber, welche anderen Frauen in diesem Jahr ebenfalls zur Wahl standen, sind nicht bekannt. Veranstaltet wurde der Wettbewerb laut "Spiegel" von Guy Rinaldo, der als Veranstalter von Schönheitswettbewerben bekannt war.

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Recherchen zu "Miss Lesbos" und der "Prinzessin"


Dany Dauberson war Sängerin gefühlvoller Chansons

Dany Dauberson (1925-1979) – mit bürgerlichem Namen Suzanne Gauche – war zum Zeitpunkt des "Spiegel"-Artikels nicht 26 Jahre, sondern 35 Jahre alt. Ihre Bezeichnung als "Nachtklub-Sängerin" mag formal richtig sein, aber dem "Spiegel" war vermutlich klar, dass in dieser Formulierung nicht nur Erotik, sondern irgendwie auch der Traum von einer erfolgreichen Gesangskarriere angelegt ist. Wegen ihres Auftritts beim "Grand Prix" vier Jahre zuvor wirkt diese Bezeichnung daher despektierlich.

Die zweite in diesem Artikel erwähnte Frau – Giovanna Pignatelli (mit unbekannten Lebensdaten) – war keine Prinzessin, sondern bürgerliche Ehefrau des Schauspielers Georges Bréhat (1923-1992). Es gibt ein Foto, das dieses Ehepaar am 3. März 1956 mit seinem neugeborenen Baby zeigt. Dass der "Spiegel" irrtümlich von einer "Prinzessin" schrieb, lag vielleicht nur daran, dass Pignatelli in dem Film "Süße Begierde" (1960) in einer Nebenrolle die Prinzessin Lavinia verkörperte.

Ein Foto von 1960 zeigt die beiden Frauen Dany Dauberson und Giovanna Pignatelli in einem Athener Nachtclub in vertrautem Umgang miteinander. Der beigefügte Text stellt in ähnlicher Form wie der "Spiegel"-Artikel einen Zusammenhang zwischen Dauberson als "Miss Lesbos" und dem Scheidungsverfahren von Giovanna Pignatelli und ihrem Ehemann her. Sowohl hier als auch auf einem anderen Foto, das Dany Dauberson alleine zeigt, wird Pignatellis Mann als römischer Prinz bezeichnet, wobei ein ähnlich ärgerlicher Übertragungsfehler wie bei der "Prinzessin" anzunehmen ist.

Dauberson als Sängerin und Schauspielerin

Dany Dauberson hat Frankreich beim ersten "Grand Prix de la Chanson" (heute: "Eurovision Song Contest") am 24. Mai 1956 in Lugano mit dem Chanson "Il est là" (dt.: "Er ist da") vertreten, als einer der damals noch zwei Beiträge des Landes. Ihre Platzierung in der reinen Jury-Wertung ist unbekannt, bekannt gegeben wurde nur der Sieg der Schweizerin Lys Assia, deren Auftritt nach dem Gewinn als einziges Videomaterial des Abends erhalten geblieben ist. Bei Youtube kann man sich "Il est là" als Audio anhören.

Direktlink | Dauberson Grand-Prix-Song "Il est là"

Andere Auftritte von Dany Dauberson mit französischen Chansons sind auch als Videoszenen zu sehen, wie zu "Cet air-là" (1955), "Un jour, tu verras …" (1956), "Si je n'avais plus" (19??), "Escale" (1966) und "Ça te va bien" (19??).

Viele kannten die Sängerin auch aus dem Fernsehen und dem Kino. In rund zehn Fernsehserien trat sie unter ihrem Namen als Sängerin auf, in vier französischen Kinofilmen war sie als Schauspielerin in Nebenrollen zu sehen (IMDB).

Die lesbische Rezeption

Nach der französischen Wikipedia hatte Dany Dauberson eine Affäre mit der Schauspielerin Carmen Torrès, was in Lyon einen Skandal auslöste. Dauberson ging daraufhin nach Paris und stieg in das Kabarett von Suzy Solidor – einer Lesben-Ikone – ein (s. "movie-musical-world", 2009). In den Sechzigerjahren war sie mit der Schauspielerin Nicole Berger zusammen. Nähere Infos zum lesbischen Leben in Paris bietet Tirza True Latimer in ihrem Buch "Women Together / Women Apart: Portraits of Lesbian Paris" (2005), in dem sie ausführlich auf Suzy Solidor (S. 105-135) und auch auf Dany Dauberson (S. 123) eingeht. Nach einer anderen Quelle wurde Dauberson von Jean Marais, dem Freund von Jean Cocteau, in die Welt des Kinos eingeführt.

Der Verein "Mémoire des Sexualités" (= "Erinnerungen an Sexualitäten"), der sich als Teil der LGBTI-Bewegung versteht, verwies 2014 auf die französische Geschichte und darauf, wie Kunst im Allgemeinen und die Musik im Besonderen einen Freiraum für homo- und transsexuelle Menschen bot. Unter den bekannten Namen, die damit verbunden sind, wird auch Dany Dauberson genannt.

Die Instagram-Seite "marquisdetiarell" bezeichnet Dauberson als eine "berüchtigte Lesbe" ("notorious Lesbian"), deren Liebesbeziehungen für Schlagzeilen sorgten, und erwähnt dabei Suzy Solidor, die ihr bei der Karriere half.

In der französischen Zeitschrift "GLAD!" (Gay & Lesbian Advocates & Defenders", Heft 1, 2016) verweisen die beiden Autorinnen Catherine Gonnard und Elisabeth Lebovici in ihrem Aufsatz "Inventer son genre dans le langage de la télévision" [= "Sein/Ihr Geschlecht in der Sprache des Fernsehens erfinden"] auf eine Liedzeile von Dany Dauberson über eine nicht ausgesprochene Liebe. Die Autorinnen beziehen die Zeile erkennbar auf Homosexualität, wenn sie betonen, dass das Lied diejenigen Menschen anspreche, die ihre Liebe ebenfalls geheim hielten. Konkrete Hinweise, dass Daubersons Liedtexte als Hinweise auf Homosexualität zu verstehen sind, gibt es nicht. Für Gonnard und Lebovici gehört Dany Dauberson zu den wenigen Frauen, die im Fernsehen Männlichkeit riskiert hätten ("risquer la masculinité").

Was bleibt

Die Quellen zu Dany Dauberson – von denen ich nur einige in Auswahl angegeben habe – belegen nicht nur eine lesbische Rezeption, sondern sind mit den Hinweisen auf ihre Beziehungen zu Carmen Torrès, Suzy Solidor und Nicole Berger so konkret, dass kaum Zweifel bestehen, dass Dany Dauberson lesbisch war. Trotzdem ist – nur für sich genommen – ihre Wahl zur "Miss Lesbos" nicht mehr als ein Hinweis auf ihre Schönheit im Kontext einer griechischen Insel. Weil der Veranstalter ein Mann war und die "Wahl" in der Nähe der Akropolis stattfand, kann man zunächst nicht von einer "lesbischen" Schönheitswahl sprechen. Es bleibt auch unklar, ob bei der Veranstaltung selbst auf Lesben angespielt wurde.

Klar ist aber auch, dass der "Spiegel" in einem süffisanten Stil und mittels der Verknüpfung von zwei unabhängigen Meldungen dafür sorgte, dass die (weiterhin unklare) Schönheitswahl lesbisch konnotiert werden sollte. Was letztendlich bleibt, ist zwar keine ausführlich dokumentierte lesbische Biografie, aber – neben dem Schönheitswettbewerb – ein historisches Beispiel dafür, wie Medien der Sechzigerjahre und auch die spätere Homosexuellenbewegung mit Homosexualität umgingen. Außer dem "Spiegel"-Artikel habe ich keinen anderen deutschsprachigen Hinweis auf Dauberson in homosexuellem Kontext gefunden. Ich hoffe, dass mit diesem Beitrag die Hintergründe zu ihrer Person auch hierzulande bekannter werden.

Elf Jahre nach ihrem Grand-Prix-Auftritt und sieben Jahre nach der Wahl zur "Miss Lesbos" – im April 1967 – verursachte Dany Dauberson (nach der IMDB) einen Verkehrsunfall, bei dem sie schwer verletzt wurde. Ihre Beifahrerin und Freundin Nicole Berger starb einige Tage später an den Folgen. Dauberson soll sich später weder emotional noch körperlich von diesem Unfall erholt haben, der ihre Karriere als Sängerin beendete. Sie starb 1979 im Alter von nur 54 Jahren.



#1 kuesschen11Profil
  • 03.02.2020, 10:37hFrankfurt
  • Sie war eine Chansonette ihrer Zeit - interessante Ausstrahlung.

    Ich denke, dass sie unter dem Geheimhalten ihrer Liebe zu Frauen sehr gelitten hat. Es war eine Zeit der Doppelmoral, die nur zum psychischen Leiden führte.

    Dass in ihrem Leben ihre Partnerin Nicole Berger durch einen Autounfall ums Leben kam,
    an dem sie beteiligt war, hat sie bestimmt nicht überwunden, denn auch sie ist zu früh aus dem Leben geschieden.
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#2 ANDiAnonym
  • 03.02.2020, 11:31h
  • Herzlichen Dank für diesen ausführlichen und gut recherchierten Artikel über das spannende Leben einer zu unrecht fast vergessenen Künstlerin!
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