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"A Story of Eton"

Erinnerung an eine liebenswürdige "Sissy"

Heute vor 100 Jahren – am 7. Februar 1920 – starb der englische Schriftsteller Howard O. Sturgis. Mit zwei schwulen Romanen hatte er maßgeblichen Einfluss auf E. M. Forster ("Maurice").


Der britische Schriftsteller Howard Sturgis (1955-1920, li.) und sein Geliebter William Haynes Smith (re.) vor seinem Haus (Bild: Edith Wharton collection / wikipedia)
  • Von Erwin In het Panhuis
    7. Februar 2020, 01:15h, 1 Kommentar

Mit seinen drei Büchern hat sich Howard O. Sturgis (1855-1920) einen eher bescheidenen Platz in der Literaturgeschichte erworben. Dass sich ein näherer Blick auf seine beiden schwulen Romane "Tim" (1891) und "Belchamber" (1904) dennoch lohnt, liegt nicht nur an seinem erkennbaren literarischen Einfluss auf andere Schriftsteller, sondern auch daran, dass sich mit Hinweisen auf sein Privatleben eine spannende Brücke zwischen seinem Leben und seinem Werk aufbauen lässt. (Sein dritter Roman "All That Was Possible" von 1895 hat keinen homosexuellen Inhalt).

Kindheit, Schulzeit in Eton und ein "Gefährte fürs Leben"

Sturgis' Cousin, der Philosoph und Schriftsteller George Santayana (1863-1952), findet in seinem Buch "Die Spanne meines Lebens" (1950, S. 430-434) herzliche Worte für Sturgis, die auch im Anhang der 2009 im Männerschwarm Verlag erschienenen deutschen Neuausgabe des Romans "Tim" (S. 193-197) nachgedruckt wurden. Nach Santayana wuchs Sturgis "mit Ausnahme […] des Geschlechts, das aber noch kein großes Hindernis bildete, zu einer vollendeten jungen Lady viktorianischen Stils heran".

Aufgrund seiner femininen Natur habe er gerne Frauen nachgeahmt und diese sogar noch übertreffen wollen, wie bei der Anfertigung prachtvoller Stickereien. "Stolz unterstützte also noch seine Neigung." Seine Feminität habe sich auch in anderen Situationen gezeigt. Wenn der Wagen, in dem er saß, zu scharf um die Ecke bog, stieß er "angstvolle, kleine Schreie" aus und "wenn er über eine schmutzige Straße ging, hob er den Rand seines kurzen Covercoats, wie die Damen damals ihre schleppenden Röcke rafften".

Von seinen Eltern wurde Sturgis nach Eton geschickt – in ein Internat mit bis heute sehr altertümlichen Traditionen. Dies muss "eine letzte verzweifelte Maßnahme […] gewesen sein, um ihn von seiner Mädchenhaftigkeit zu heilen. Scheinbar eine grausame Arznei, etwa als hätte man ihn als Schiffsjungen auf See geschickt. Warum hatten ihn seine Eltern nicht früher zurechtgewiesen?" Die Antwort gibt Santayana umgehend selbst: Sturgis' Vater sei "geistesschwach" gewesen, seine Mutter habe ihren Sohn, so wie er war, "süß" gefunden. Danach stellt Santayana aber auch eine wichtige Frage: "Wäre es wohl recht gewesen, den lieben, süßen kleinen Howard wegen seiner Mädchenhaftigkeit zurechtzuweisen, wenn Mädchenhaftigkeit nicht 'moralisch unrecht' war?"

Das Internat von Eton war als "Heilmittel" für Sturgis jedoch weder "grausam" noch "wirksam", denn er musste seine Weiblichkeit hier überhaupt nicht verbergen. Vor möglichen Angriffen schützten ihn nicht nur einige Tutoren, sondern auch sein "Witz und seine geistige Sicherheit". Als er sich in späteren Jahren ein Haus kaufte, war es nicht zufällig in der Nähe von Eton. Zu den vielen Schülern des Internats, die regelmäßig seinen Garten belebten, gehörte auch William Haynes Smith (1871-1937), ein entfernter Vetter von ihm, der später – so Santayana – sein "Gefährte fürs Leben" wurde. Heute wird William Haynes Smith als "Lebenspartner" bzw. "Lover" von Sturgis angesehen.

Freundschaften zu Percy Lubbock und Henry James

Zu zwei anderen Männern unterhielt Sturgis homoerotische Freundschaften. Da ist zum einen der mehr als 20 Jahre jüngere homosexuelle Percy Lubbock (1979-1965), der in seinem Buch "Mary Cholmondeley. A sketch from memory" (1928, S. 57-69) von der beglückenden Erfahrung schrieb, von Sturgis gemocht zu werden (S. 57). Sturgis sei wie ein süßer Kuchen gewesen, von dem man nicht nur gerne selber nasche, sondern auch bereitwillig anderen abgebe (S. 59).

Zum anderen ist Henry James (1843-1916) zu erwähnen, dessen Briefe unter dem Titel "Dearly Beloved Friends. Henry James's Letters to young men" (2001, S. 115-174) publiziert worden sind. Leider sind nur die Briefe von Henry James, nicht jedoch die von Howard Sturgis abgedruckt. Die mit den Briefen verbundenen Assoziationen lassen sich anhand von Formulierungen wie "I love your letter, I love your person & I bless your name" (S. 149) und "Your letter wings my heart" (S. 147) nur erahnen. Zumindest die Herausgeber der Briefe gehen von einer leidenschaftlichen Liebe aus, die Sturgis erwidert haben könnte (S. 115). Für Alexander Musik – in einem Beitrag für den ORF – "ist nicht ganz geklärt", ob Henry James "homosexuell war". James nannte sich einen "sexuellen Selbstversorger" und den "Engel seines eigenen Hauses".

"Tim" (1891)


Die erste deutsche Ausgabe von "Tim" (1895)

Sturgis' erster schwuler Roman "Tim. A Story of School Life" erschien anonym 1891. In diesem Roman lernen sich der neunjährige Tim und der 13-jährige Carol durch einen Jagdunfall kennen, und der sensible und zarte Tim verliebt sich schnell in Carol. Obwohl Carol Tims Liebe nicht erwidern kann, entwickelt sich trotzdem eine Freundschaft. Sie besuchen gemeinsam das Internat von Eton und verlieren sich auch später nicht aus den Augen, als Carol in Cambridge ein Studium beginnt.

Bei der Beschreibung von Tims Liebe wird mehrfach auf religiöse Symbolik zurückgegriffen. Dabei wird auch die in der Bibel überlieferte Liebe von David und Jonathan, die in homoerotischer Tradition steht, im Roman mehrfach aufgegriffen (S. 5, 98, 114, 188; Ausgabe von 2009). Zwei Küsse (S. 26, 189) markieren den Anfang und das Ende ihrer Freundschaft. An einigen Stellen des Romans meldet sich der Autor bzw. der Ich-Erzähler des Romans zu Wort und bezeichnet sich als "wahrheitsgetreuer Biograph" (S. 84), der über seine Absichten aufklärt (S. 88), zum Beispiel dass er mit dieser Geschichte nur eine Freundschaft beschreiben wolle (S. 127).

Die englische Ausgabe von "Tim" ist in den Auflagen von 1891 und 1892 auch online verfügbar. In einer Ausgabe für Schulen ("Tim – Scholar's Choice Edition", 2015) legt die Formulierung aus einem Werbetext, dass diese Ausgabe "der ursprünglichen Arbeit so treu wie möglich" bleibt ("remains as true to the original work as possible"), eine Zensur nahe. Heute wird "Tim" auf Youtube auch als Hörbuch (5:15 Stunden) angeboten.

Die erste deutsche Ausgabe von "Tim" erschien 1895, in einer Übersetzung von Natalia Rümelin. Der Männerschwarm Verlag hat 2009 eine verdienstvolle weitere deutsche Ausgabe publiziert. Diese ist lieferbar und enthält neben dem Romantext (in gleicher Übersetzung) auch einen Anhang und ein Nachwort. Die neue Zeichnung auf dem Buchcover ist – obwohl sie ursprünglich nicht zu "Tim" gehört – gut gewählt. Sie gibt nicht nur die Stimmung des Buches treffend wieder und zeigt zwei Jungen, die man sich gut als Protagonisten des Romans vorstellen kann, sondern sie zeigt auch ein Sofa, das an mehreren Stellen des Romans sehr präsent ist (S. 38, 41, 44, 190).

Die Rezeption von "Tim"


Der verdienstvolle Nachdruck des Männerschwarm Verlags (2009)

Numa Praetorius ist in seiner Rezension ("Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", 1900, S. 435-436) voll des Lobes für diesen Roman: "Die schlichte, aber psychologisch äusserst feine und im guten Sinne rührende Erzählung der leidenschaftlichen Zuneigung eines Knaben, Tim, zu seinem Jugendfreund Carol. […] Obgleich völlig rein und ideal gehalten, tritt doch der homosexuelle Charakter der geschilderten Gefühle deutlich hervor."

Mit "völlig rein und ideal" meint der Autor, dass Erotik und Sex noch nicht einmal angedeutet werden. Weil Carol die Gefühle von Tim nicht erwidert, sind selbst die Küsse der beiden Jungs so harmlos wie der Kuss zwischen Tim und seinem Vater (S. 120). Wie mutig ist denn dann überhaupt dieser Roman ohne Homoerotik, der Tims gleichgeschlechtliche Gefühle nur in der Pubertät verortet? Die Antwort hat wohl damit zu tun, ob der Leser das Gefühl bekommt, dass Tims Gefühle für das gleiche Geschlecht unabhängig von der Pubertät sind.

Fred Kaplan weist in seinem Buch "Henry James. The Imagination of Genius. A Biography" (2013, o. S.) darauf hin, dass es schwer zu sagen ist, ob die homoerotischen Elemente als unschuldige, unbewusste Verwirrungen anzusehen oder doch selbstbewusst subversiv inszeniert sind. Zumindest wurde der Roman als schwul rezipiert – und in diesem Sinne bezeichnete ihn Edward Prime-Stevenson (1858-1942) als eine "Studie über psychischen Uranismus" (hier nach James J. Gifford in glbtq-encyclopedia).

Der Roman scheint gut angenommen worden zu sein. Magnus Hirschfeld schrieb 14 Jahre später vom "vielgelesenen College-Roman 'Tim'" ("Die Homosexualität des Mannes und des Weibes", 1914, S. 1019), den er hier jedoch fälschlicherweise "Julian Sturgess" – und damit wohl Julian Russell Sturgis, dem älteren Bruder von Howard Sturgis – zuschreibt.

"A Story of Eton" – und Verweise zu Filmen und Büchern

"Tim" wurde in seiner Originalfassung auch unter dem Titel "Tim. A Story of Eton" vermarktet. Das verwundert schon alleine deshalb nicht, weil im Roman mehr als 30-mal das Wort "Eton" fällt. Heute wird davon ausgegangen, dass "Tim" vor allem auf Sturgis' eigenen Erfahrungen in Eton beruht. Es fällt daher sehr leicht, in diesem Roman ein autobiografisches Werk zu vermuten. In der Realität war Sturgis der Ältere in einer Liebesbeziehung, der – wie Carol – in Eton zur Schule ging und später an der Universität Cambridge studierte.

Beim Lesen des Romans hatte ich nicht nur Sturgis' Biografie vor Augen, sondern auch einige Filme und Romane, die Homosexualität in englischen Elite-Internaten und Universitäten behandeln. Zu den Filmen gehört nicht nur die Romanverfilmung "Maurice" (1987), die an der Universität Cambridge zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt, sondern auch "Another Country" (1984), angesiedelt im Eton-Internat in den Dreißigerjahren, sowie "If …" (1968), dessen Schauplatz eine (nicht genannte) englische Privatschule in den Sechzigerjahren ist. In allen Filmen geht es um ältere und jüngere Schüler, Traditionen, Machtverhältnisse und Homosexualität in einer Zeit, in der es diese Gefühle nicht geben durfte. Auch mehrere Romane beschäftigen sich mittlerweile speziell mit der Homosexualität im Eton-Internat, wie Edmund Marlowes "Alexander's Choice" (2012) über die Zeit von 1983 bis 1994, David Benedictus' "The Fourth of June" (1962) und Robin Maughams "The Link" (1969).

"Belchamber" (1904)

Sturgis' zweiter schwuler Roman ist "Belchamber" (1904), der eine Ehe in der britischen Oberschicht behandelt. Sainty, der Erbe eines gewaltigen Vermögens, verabscheut Sport und typische Jungenspiele, stattdessen bevorzugt er Stickereien und Bücher. Aus einem Pflichtgefühl heraus – und nicht etwa aus Leidenschaft – heiratet er eine Frau. Als seine Frau ein Kind von ihm bekommt, entwickelt sich Sainty zu einem fürsorglichen Vater, während seine Frau das Kind vernachlässigt. Als das Kind schließlich stirbt, rächt sich Sainty an seiner Frau.

Sturgis hat "Belchamber" seinem Lebenspartner Haynes-Smith gewidmet. Heute ist die Originalfassung (in einer Ausgabe von 1905) auch online verfügbar. Eine deutsche Ausgabe ist bisher nicht erschienen.

Die Rezeption von "Belchamber"

Edmund White (* 1940) – einer der wichtigsten zeitgenössischen homosexuellen Autoren – hebt in seiner Rezension von "Belchamber" unter der Überschrift "The portrait of a sissy" ("The New York Review of Books", 2008) die Parallelen zwischen Sturgis und seiner Romanfigur hervor. Nach White wurde dieser Roman vor allem deshalb kritisiert, weil er damit eine "Sissy" – eine klassische US-amerikanische Rollenfigur – positiv porträtierte. Auch Sturgis selbst war für White eine "liebenswürdige Sissy", die keine Mühe unternahm, ihren Stickrahmen und ihren Korb mit Garn zu verstecken, den Sturgis immer bei sich hatte. Wie Sainty, der Held des Romans, befasste sich auch Sturgis gerne mit seinem Stickzeug, wobei Sturgis sein Leben jedoch viel zufriedenstellender als seine Romanfigur gestalten konnte. Während Sainty keine Freunde hat, umgab sich Sturgis im wirklichen Leben mit seiner Familie und angesehenen Freunden.

Der Rezensent Elmer Borklund benennt die wiederkehrenden Themen Sturgis': Dazu gehöre die Notlage des sensiblen Außenseiters und die Rache, die die Gesellschaft an denen nimmt, die nicht in das System passen. Sturgis präsentiere damit – so Borklund – ein eher häusliches Modell der Homosexualität: den sensiblen Mann, dessen Sexualität im Rahmen seiner familiären Pflichten untergehe (zitiert nach James J. Gifford in glbtq-encyclopedia).

James J. Gifford äußerte sich auch in seinem Buch "Dayneford's Library. American Homosexual Writing, 1900-1913" (1995, S. 104) über "Belchamber" und den schwul gefärbten ("lavender-tinged") "Tim". Nach Gifford maskierte Sturgis die Homoerotik stark und sah sich auch nie als homosexuellen Schriftsteller. Gegenüber einem Autor, der in einer Zeit lebte, als man für Homosexualität noch ins Gefängnis kam, halte ich diese indirekte Kritik für recht anmaßend.

"Belchamber" verkaufte sich – im Gegensatz zu Sturgis' ersten beiden Romanen – nicht sehr erfolgreich und wurde von seinen Freunden – mit Ausnahme von Edith Wharton – nicht goutiert. Heute gilt dieser Roman als Sturgis' "Meisterwerk".

E. M. Forster und sein "Maurice"

Auf den englischen Schriftsteller E. M. Forster (1879-1970) haben die Romane von Sturgis wohl am stärksten nachgewirkt. Forster und Sturgis hatten sich im Oktober 1910 persönlich kennengelernt; ihr Verhältnis wurde von George H. Thomson in seinem Aufsatz "E. M. Forster and Howard Sturgis" (in: "Texas Studies in Literature and Language", 1968, S. 423-433) gut dokumentiert. Dabei verweist Thomson zu Recht auch auf die Parallelen zwischen Sturgis' "Belchamber" (1904) und Forsters "The Longest Journey" (1907).


Für viele einer der schönsten schwulen Liebesfilme: "Maurice" (1984) mit Hugh Grant in der Hauptrolle

E. M. Forster hat sich mehrfach über Leben und Werk von Sturgis geäußert und zum Beispiel "Tim" in seinem Buch "Abinger Harvest and England's Pleasant Land" rezensiert: "Tim ist eher eine Meditation als ein Roman über Eton. Der Held, ein zarter, empfindsamer, schmächtiger Junge, verliebt sich in einen Freund, der vier Jahre älter ist als er." Forster verweist auch auf die deutlichen Parallelen zwischen "Tim" und "Sainty" in "Belchamber". "Interessanter als die Beziehung der beiden Hauptpersonen ist die Reaktion der anderen Personen auf diese Beziehung, ihre Gereiztheit und Eifersucht auf ein Gefühl, das sie nicht teilen, nicht beeinflussen und nicht verstehen können." (Hier zitiert aus dem Nachwort der Männerschwarm-Ausgabe von "Tim", 2009, S. 212-213). Forsters gesamter englischsprachiger Beitrag in "Abinger Harvest and England's Pleasant Land" (1940, S. 118-119) ist sehr lesenswert, wird online jedoch nur mit sehr vielen Scanfehlern angeboten.

Einige Jahre vorher hatte Forster für die Neuausgabe von "Belchamber" (1935) ein einfühlsames Porträt verfasst, in dem er "Belchamber" den Rang eines Klassikers zuerkennt.

Weil Forster selbst betonte, dass Sturgis' Bücher zu seinen literarischen Wegbereitern gehörten, ist es heute unumstritten, dass "Tim" einen großen Einfluss auf Forsters später verfassten homosexuellen Roman "Maurice" gehabt haben muss. Zu den erkennbaren Parallelen gehört nicht nur das Grundgerüst einer unglücklichen Liebe zu einem heterosexuellen Mann in der reichen englischen Oberschicht, sondern sogar einzelne Motive wie das Cricket-Spiel und die Jagd, die in beiden Romanen symbolisch im Rahmen traditionell verstandener Männlichkeit zu interpretieren sind.

Forsters Roman "Maurice" wurde 1913/14 verfasst, aber erst 1971 postum publiziert und 1984 unter dem gleichen Titel aufwändig und erfolgreich verfilmt. Was bis heute bleibt, ist die spannende Frage, ob es ohne einen "Tim" je einen "Maurice" gegeben hätte.

Was bleibt

Nachdem sich "Belchamber" als wenig erfolgreich erwiesen hatte, gab Sturgis das Schreiben weitgehend auf. Nach seinem Tod haben vor allem Edith Wharton, E. M. Forster und George Santayana die Erinnerung an ihn und sein Werk wachgehalten.

Wer heute "Tim" losgelöst vom Autor und seiner Zeit liest und einen schwulen Roman im heutigen Sinne erwartet, ist vermutlich schnell enttäuscht, denn schließlich verzichtet der Roman vollständig auf erotische Szenen. Statt individuell und zeitbezogen auf Eton einzugehen, geht es eher zeitlos (und kitschig) um die Leidenschaft für das gleiche Geschlecht. Zudem hält sich auch das emanzipatorische Potenzial in Bezug auf Homosexualität bei der Darstellung eines pubertierenden Jungen in engen Grenzen.

Bei der Einordnung dieses Romans muss jedoch nicht nur der Autor, sondern in diesem Fall vor allem der Zeitpunkt der Publikation mitberücksichtigt werden. 1891 gab es noch nicht einmal in Deutschland eine Homosexuellenbewegung, geschweige denn in England. Eine öffentliche Diskussion um Homosexualität entzündete sich dort erst einige Jahre später, als Oscar Wilde 1895 verurteilt wurde. Insofern lässt sich "Tim" (1891) nur schwer mit dem ähnlich kitschigen und ebenfalls die Erotik ausblendenden deutschen Roman "Anders als die Andern" (1904) vergleichen.

Es wäre auch unfair, "Tim" mit den mehrteiligen Romanen "Prinz Kuckuck" von Otto Julius Bierbaum (1906-1908) und "Der Skorpion" von Anna Elisabet Weirauch (1919-1931) zu vergleichen, die in homoerotischer Hinsicht wesentlich deutlicher sein und unter dem Namen des Autors bzw. der Autorin erscheinen konnten. Vor allem wegen seiner Zeit bleibt "Tim" damit ein englischer Roman, der in seiner unmittelbaren Wirkung auf einzelne Leser und auch mittelbaren Wirkung auf E. M Forster eine besondere Bedeutung für die schwule Geschichte hat und behält.

In seinen Erinnerungen (s.o.) betont George Santayana: Sturgis' "Romane waren ausgezeichnet empfunden und beobachtet, voll köstlicher satirischer Sätze und nicht ohne deutliche Moral, die gegen einheimische Vorurteile und soziale Bedrückung gerichtet war. Doch hatten seine Schriften, weder was den Stil, noch was die Gedanken betrifft, genug Kraft, einen dauernden Eindruck zu hinterlassen." Ein Jahrhundert nach Sturgis' Tod lässt sich konstatieren, dass sich Santayana im letzten Satz mit seiner Einschätzung geirrt hat. Santayana und Sturgis hätten sich über diesen Irrtum bestimmt sehr gefreut.