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Interview

"Es mag sein, dass seine Sexualität der Regierung nicht gefällt"

Der britische Regisseur Ralph Fiennes über sein Biopic "Nurejew – The White Crow" und warum er glaubt, warum der Film trotz schwuler Szenen in Russland gezeigt werden durfte.


Den britischen Schauspieler Ralph Fiennes kennen wir u.a. als "M" in den James-Bond-Filmen. "Nurejew – The White Crow" ist seine dritte Regierarbeit (Bild: Dick Thomas Johnson / flickr)

Für seine Rolle des KZ-Kommandanten Amon Göth in "Schindlers Liste" bekam er 1994 eine Oscar-Nominierung, die zweite folgte drei Jahre später für seine Darstellung des Laszlo Almasy in "Der englische Patient". In mehr als 70 Filmen trat der Brite Ralph Fiennes auf. Das Spektrum reicht von ambitionierter Filmkunst wie "Sunshine – Ein Hauch von Sonnenschein", "Das Ende einer Affäre" oder "Der ewige Gärtner" bis zu Blockbustern wie "Harry Potter" (als Lord Voldemort) oder "James Bond" (als M).

Mit der Shakespeare-Adaption "Coriolanus" präsentierte Fiennes 2011 auf der Berlinale sein Regiedebüt. Nach dem Kostümfilm "The Invisble Woman" folgte im vergangenen Jahr als dritte Regiearbeit mit "Nurejew – The White Crow" ein Biopic über den bisexuellen sowjetischen Ballett-Star, der sich 1961 auf dem Pariser Flughafen spektakulär in den Westen absetzte. Seit Freitag ist er fürs Heimkino erhältlich. Dieter Oßwald sprach mit dem 57-Jährigen über seinen Film.

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Rudolf Nurejew (1938-1993) gilt als einer der besten Ballett-Tänzer des 20. Jahrhunderts (Bild: Allan warren / wikipedia)

Mister Fiennes, was sagen die russischen Behörden zu Ihrem Film über einen bisexuellen – manche sagen schwulen – Ballettstar, der das Land verlässt?

Wir wollten russische Investoren für dieses Projekt, was für Ausländer nie einfach ist. Es gab jedoch nie Bedenken in dieser Richtung, im Gegenteil: Wir hatten viele Interessenten, die diesen Film machen wollten. Nurejew ist eine ambivalente Figur. Er wird verehrt und als großer russischer Künstler akzeptiert. Es mag sein, dass seine Sexualität der aktuellen Regierung nicht gefällt, doch das wurde nie zum Ausdruck gebracht. Russen, die den Film gesehen haben, mögen ihn. Und "Nurejew – The White Crow" kam in Russland auch in die Kinos.

Homosexualität wird in Russland gleichwohl verfolgt.

Homosexualität ist nicht illegal in Russland. Es gibt dort durchaus ein schwules Leben, die Frage ist immer, in welchem Ausmaß es stattfindet. Als problematisch gilt die so genannte Förderung von schwulen Inhalten und in welcher Form sie stattfindet. Von einem Behördenvertreter wurde mir gesagt, wenn mein Film sich auf das Privatleben von Nurejew konzentriere, hätten wir ein Problem. Darauf antwortete ich, das sei zwar nicht das zentrale Thema, aber ich könne keinen Film über Nurejew machen, ohne seine Sexualität anzuerkennen. Damit war man einverstanden. Ich habe den Eindruck, es kommt immer auf das Ausmaß der Darstellung an.

Sie haben sehr lange an der Umsetzung von diesem Projekt gearbeitet. Schlägt Ihr Herz für das Ballett?

Nein, ich bin kein großer Ballett-Fan und wusste nicht allzu viel über Rudolf Nurejew. Aber ich fand die Geschichte seiner frühen Jahre spannend. Seine Jugend in Ufa in den Vierziigerjahren, seine Zeit als Tanz-Student in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. Und schließlich seine Entscheidung, 1961 in den Westen zu gehen. Diese Geschichte ging mir unter die Haut.

Was genau hat Sie an diesem Tänzer so fasziniert, dass Sie einen Film über ihn machten?

Mich fasziniert, wie dieser Junge aus armen Verhältnissen, mit einem unbändigen Willen sich selbst verwirklichen will. Nurejew besaß dieses unbändige Gespür für seine Begabung. Für mich ist es wie eine Parabel für den künstlerischen Geist, der entfesselt werden möchte – und zwar um jeden Preis. Sei es um den Preis von Freundschaften oder den Verlust der eigenen Heimat. Wenn nötig, gehört eine gewisse Rücksichtslosigkeit dazu, wie sie in jener Schlüsselszene am Flughafen zum Ausdruck kommt, wo ihm die KGB-Agenten ein folgenschweres Ultimatum stellen.


Ein Film auch fürs schwule Auge: Szene aus Fiennes' Film "Nurejew – The White Crow" (Bild: Studiocanal)

Wie sehr wurde der Künstler vom Sowjetsystem unterdrückt?

Nurejew war eine extreme Persönlichkeit. Es wäre zu einfach zu behaupten, das System hätte ihn unterdrückt. Das System hat ihn gefördert, er galt als der große, aufsteigende Star in Leningrad. Man hat ihn nicht eingezwängt. Zum Verhängnis geriet Nurejew vielmehr sein sehr extremer Charakter, der ihm schon früh etlichen Ärger einbrachte. Seine Heimat, die ihn groß gemacht hat, wollte dieses Verhalten nicht tolerieren.

Sie drehen zum einen ambitionierte Filme, zum anderen spielen Sie in "Harry Potter" und "James Bond" – nehmen Sie das Popcorn genauso ernst wie Filmkunst?

Das lässt sich einfach beantworten. Wenn du in einem sehr erfolgreichen Franchise wie "Harry Potter" mitspielst, steigert das deine Bekanntheit. Wenn du danach in einem kleinen Independent-Film auftrittst, geben die Investoren viel schneller grünes Licht, weil man deinen Name international kennt. Dein Wert als Schauspieler steigt also automatisch. Bei unabhängigen Filmen fragen Verleiher immer zuerst: Wie sieht die Besetzung aus? Wenn Russell Crowe oder Cate Blanchett dabei sind, gibt das Verleihern ein sicheres Gefühl. Die "Harry Potter"- und "James Bond"-Filme sind also sehr hilfreich für mich, zudem finde ich sie gelungene Filme in der Franchise-Welt.


"Nurejew – The White Crow" ist auf DVD, Blu-ray und digital erschienen

Die Nachfolger von "Liebesgrüße aus Moskau" machten Ihre russischen Liebesgrüße erst möglich?

Auf gewisse Weise schon. (lacht)

Wie kam Hauptdarsteller Louis Hofmann in Ihren Film?

Ich entdeckte Louis in dem wunderbaren Drama "Unter dem Sand". Beim Vorsprechen fielen mir sofort seine Augen auf, für mich als Regisseur ist das immer ein entscheidendes Kriterium. Bei der Besetzung kann man sich nur auf sein Gefühl verlassen, schließlich weiß man nie, was man bekommen wird und wie man zurechtkommt. Louis verfügt über eine sehr außergewöhnliche Sensibilität und präsentiert sich in einer gewissen Nacktheit. Zugleich ist Louis sehr stark und hat seinen eigenen Willen.

Sie sollen sehr populär sein in Russland, ein echter Kreischalarm-Auslöser, behauptet Ihr Drehbuchautor David Hare – stimmt das?

Das ist etwas übertrieben. Sagen wir so: Man kennt mich in Russland.

Wenn Nurejew jetzt in diesen Raum käme, was würden Sie Ihn fragen?

Ich weiß nicht, ich wäre wohl ziemlich eingeschüchtert. (lacht)

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Galerie:
Nurejew – The White Crow
5 Bilder


#1 PeerAnonym
  • 08.02.2020, 12:13h
  • "[...] und warum er glaubt, warum der Film trotz schwuler Szenen in Russland gezeigt werden durfte."

    Das wird wie immer laufen:
    Die entsprechenden Szenen werden rausgeschnitten und der Film sowie die Geschichte werden durch straight-washing verfälscht. Und die Produzenten, der Verleih, der Regisseur, etc. werden das vorgeblich "bedauern", aber dann doch aus Geldgeilheit akzeptieren.
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#2 Steph-anAnonym
  • 08.02.2020, 16:20h
  • Antwort auf #1 von Peer
  • Wer lesen kann, ist klar im Vorteil: "durfte", also wurde der Film bereits gezeigt - und das ohne Zensur!

    Erst nicht lesen, dann nicht denken und zuguterletzt einfach nur seine Vorurteile rausblasen: so geht Diskurs leider nicht.

    Zur Sache: Ich finde es erfreulich, wie differenziert und informiert Ralph Fiennes auch zum "Fach-Thema" Homosxualität in Russland argumentiert und seine Erfahrung schildert.
    Den Film habe ich noch nicht gesehen und kann mit Ballett auch nicht wirklich etwas anfangen. Der Bericht und das Interview motivieren mich allerdings, ihn mir anzuschauen.
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#3 Alexander_FAnonym
  • 09.02.2020, 15:21h
  • "Es mag sein, dass seine Sexualität der aktuellen Regierung nicht gefällt"

    Genau das ist leider ein Trugschluss von vielen Menschen im Westen. Nicht, weil Putin tatsächlich seinem Ruf als Schutzherr der extremen Rechten auch in puncto LGBTI gerecht wird, sondern weil die in Russland herrschende Pogromstimmung gegen LGBTI eben nicht von ihm ausgeht. Tatsächlich sind Putin und seine Minister diesbezüglich vergleichsweise liberal, sogar zu liberal für manche Russen, die lieber Gefängnis- oder gar die Todesstrafe in Kraft sähen.

    Und wenn wir daran zurückdenken, dass es anlässlich eines (von Putin persönlich abgesegneten) Films über Nikolaus II. zu Bombenanschlägen auf Kinos vonseiten christlicher Fundamentalisten kam, ist die Angst bei einem Film über Nurejew entsprechend größer.
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#4 lindener1966Profil
  • 10.02.2020, 22:19hHannover
  • Man muss dazu sagen, dass die "schwulen" Szenen schon sehr...ähh...dezent sind.
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