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Ab Donnerstag im Kino

Schwuler Partylöwe hilft krebskrankem Bruder

Die Brüder Matteo und Ettore könnten unterschiedlicher nicht sein. Als Ettore schwer krank wird, holt ihn Matteo zu sich – mit ungeahnten Folgen. "Euforia" ist eine mal luftig-leichte, dann betrübend-harte Tragikomödie.


"Euforia" erzählt vom unsichtbaren Band, das zwei ungleiche Brüder miteinander verbindet (Bild: missingFILMs)

Eine lilafarbene Staubwedel-Taschenlampe, die zwei nackte Männerkörper abtastet. Dazu die Ouvertüre der Verdi-Oper "La forza del destino", davor schon Marschmusik und der Chanson-Klassiker "Et Si Tu N'Existais Pas" von Joe Dassin. Das Schicksal, die Machtlosigkeit und Vergänglichkeit treten in dieser anfänglichen, sinnlich-erotischen Schatten-Performance bereits als Vorboten auf. Dann ein harter Schnitt, die Oper weicht dem Krach eines Entsafters, aus nackter Haut werden ausgepresste Gemüsereste.

Ein Kontrast, der uns zwar noch auf die falsche Fährte führt. Kontraste, Unterschiede sind das bestimmende Motiv in "Euforia". Matteo (Riccardo Scamarcio) in seinem beneidenswert stilvoll eingerichteten Penthouse mit riesiger Dachterrasse – und sein älterer Bruder Ettore (Valerio Mastandrea), der auf dem Land geblieben ist und den Rasen der Mutter mäht.

Als Ettore schwer erkrankt, holt Matteo ihn zu sich. Platz hat er genug, und so ist sein Bruder näher an der Klinik, in der sein Hirntumor bestrahlt wird. Ettore taucht ein in ein Leben, das ihm fremd ist. Rauschende Partys im Club und zu Hause, ständig teuer essen gehen, ein Fahrer, der ihn morgens abholt und ins Krankenhaus fährt, eine Line Koks nach der anderen, eine Kreditkarte des Bruders, "für alle Fälle".

"Wenn du es machst... steckst du ihn dann rein?"


Poster zum Film: "Euforia" startet am 20. Februar 2020 im Kino

Matteo hält die Zügel in der Hand, wird zum Manager für Ettore, ob der das will oder nicht. Er trifft Entscheidungen, und vor allem sagt er ihm nicht die Wahrheit über den Tumor. Es sei wichtig, dass er an eine Heilungschance glaube. Matteo opfert sich auf, so glaubt er zumindest, ohne zu wissen oder wissen zu wollen, ob es das ist, was Ettore überhaupt will. Er ist ein Macher, er hat alles im Griff, glaubt er.

Hat er natürlich nicht. Es scheint, als wäre Konsum sein Ventil, außerdem ist er einem albernen Schönheitswahn verfallen und unfähig, echte Bindungen einzugehen. Seine Partycrew ist vor allem Eye Candy statt echter Freundschaft, und der Freund Luca (Andrea Germani) hängt zwar ständig bei ihm ab, seine Liebe kann Matteo jedoch nicht erwidern.

In "Euforia", der zweiten Regiearbeit der italienischen Regisseurin Valeria Golino, lernen sich zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, ganz neu kennen. Es braucht eine Nase Kokain, bis Ettore sich traut, stammelnd zu fragen, "wenn du es machst… steckst du ihn dann rein?", und Matteo hat mit seinem Bruder nie über dessen Affäre gesprochen.

Unausgesprochenes wird zum Thema. Es ist die Krankheit, das unausweichliche Schicksal, das die zwei zusammenschweißt, aber auch an ihre Grenzen bringt. Da entlädt sich Wut und Trauer zugleich in Sätze, die beide erschreckt und ungeschehen machen wollen.


Matteo und Ettore lernen sich ganz neu kennen (Bild: missingFILMs)

"Euforia" betrübt und beglückt zugleich

Denn die unleugbare Krankheit, die Gewissheit, gegen die Matteo ankämpft, holt die Geschwister ein. Der Tintenfisch, die Revolte, die Meuterei in seinem Kopf, wie er es selbst beschreibt, und das letzte Wort ist da schon unaussprechlich für ihn, es fehlt, ist einfach nicht mehr da, schreitet unaufhaltsam voran.

Es ist eine im ursprünglichsten Sinne des Wortes tragische Geschichte, getragen von zwei starken Hauptdarstellern sowie Marzia Ubaldi als Mutter, die auch mal völlig übertrieben geschminkt auf Leitern steigt. Andere Nebenfiguren kommen dagegen eher als Beiwerk daher. Trotz aller Tragik hat in "Euforia" auch das Komische, Absurde, Leichtfüßige und Versöhnliche seinen Platz. Die Kamera von Gergely Pohárnok findet dabei immer wieder äußerst ausgeklügelte Lösungen, Situationen einzufangen, ohne aufdringlich zu wirken und den Reiz überzustrapazieren.

Die Geschichte der zwei Brüder macht oft betroffen und bietet viel Identifikationspotenzial. Sie ist authentisch, auch mal schräg, und die Sympathien sind nie klar verteilt. "Euforia" ist eine klug arrangierte Tragikomödie, die zugleich betrübt und beglückt.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Filmrift

Euforia. Drama. Italien 2018. Regie: Valeria Golino. Darsteller: Riccardo Scamarcio, Valerio Mastandrea, Isabella Ferrari, Valentina Cervi, Jasmine Trinca. Laufzeit: 110 Minuten. Sprache: italienische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 20. Februar 2020


#1 NuminexEhemaliges Profil
  • 18.02.2020, 13:04h
  • Sieht ansich sehr interessant aus, aber mit italienischem Originalton macht das wenig Sinn, weil man zwangsläufig durch das Lesen der Untertitel nicht alles erfassen kann, was auf der Leinwand vor sich geht.
    Ist ja aber ein generelles Problem, dass sich oftmals kein deutscher Verleiher findet, der eine Synchro finanziert, weil man sich wohl denkt, so viele queere Filme gibt es nicht, da nehmen die Schwulen auch Abstriche in Kauf, nur um (sich) mal auf der Leinwand sehen zu können.

    Stellvertretend seien hier Salzgeber und PorFun genannt, die diese Praxis quasi zum Geschäftsmodell erklärt haben und überdies hinaus es nicht mal schaffen, im 4K Zeitalter annähernd die Hälfte ihrer Filme auf Bluray zu pressen, sondern DVDs mit 480p auf den Markt werfen.
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#2 PetterAnonym
  • 18.02.2020, 14:54h
  • Antwort auf #1 von Numinex
  • Diese Verärgerung kann ich gut verstehen. Auch bei mir ist bei nicht-englischsprachigen Filmen immer ein Problem, wenn die mit Untertitel sind. Denn ich will ja das Bild sehen und nicht nur mit lesen beschäftigt sein.

    Dennoch muss man eben auch bedenken, dass es an diesen Filmen nicht viel zu verdienen gibt. Da können wir froh sein, dass Salzgeber und Pro-Fun überhaupt das Risiko eingehen, solche Filme auch auf den deutschen Markt zu bringen.
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#3 mactorProfil
  • 18.02.2020, 16:13hBerlin
  • Antwort auf #1 von Numinex
  • @Numinex Bravo!!! Ich habe selten einen Kommentar so zustimmen dürfen.

    Das regt mich auch jedesmal auf die vielen guten Spanischen/Brasilianischen/Norwegischen/Niederländischen/Französischen usw. Filme für uns zu sehen aber leider ständig die Untertitel erst lesen zu müssen um zu wissen was gesprochen wird.
    Bei Englisch mag man das noch verstehen aber alle anderen Sprachen...

    Ich weiß selbst Netflix hatte da so seine Probleme in Deutschland und nachdem die billig auf Deutsch synchronisiert hatten beschwerten sich die Nutzer. Inzwischen machen die das auch ganz gut.
    Ist aber ne andere Größe als wir.
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#4 AlollAnonym
  • 18.02.2020, 16:20h
  • Schön, dass die selbsternannte schwule Hauptstadt Köln keine Vorführung anbietet.
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#5 MarioAnonym
  • 19.02.2020, 07:32h
  • Antwort auf #1 von Numinex
  • hört sich i.d.Tat nach einem sehr schönen Film an. Mir geht es ähnlich. Untertitel lenken tierisch vom Geschehen und den Eindrücken ab. schade, dass so viele Filme nur im OMU erscheinen und nicht auf deutsch.
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