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Historischer Augenblick?

Die erste homosexuelle Interessenvertretung der Bundesrepublik

Heute vor 50 Jahren – am 26. Februar 1970 – wurde in Wiesbaden die "Interessenvereinigung Deutscher Homophiler" (IDH) gegründet. Horst Bohrmann wagte sich als Erster mutig aus der Deckung.


Der adrett gekleidete Horst Bohrmann im "Spiegel" (7. September 1970, hier als PDF)

  • Von Erwin In het Panhuis
    26. Februar 2020, 07:51h, 5 Kommentare

Im September 1969 wurde in der Bundesrepublik Sex unter erwachsenen Männern legalisiert. Schon einige Monate danach – im Februar 1970 – gründeten einige schwule Männer in Wiesbaden die "Interessenvereinigung Deutscher Homophiler" (IDH). Dieser Verein existierte nur einige Jahre und versank schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit. Es ist nicht bekannt, dass er – außer einer gewissen medialen Aufmerksamkeit – politisch etwas erreicht hat. Große Namen sind mit diesem Verein nicht verbunden. Wozu also überhaupt dieser Artikel?

Zum einen wohnt ja bekanntlich jedem Anfang ein Zauber inne – so auch diesem Verein als erster überregionaler homosexueller Interessenvertretung der BRD. Zum anderen kann man Homosexuellen-Aktivisten nicht nur nach ihrer Wirkung, sondern auch nach ihrem Idealismus, Mut und Engagement bewerten und die früheren Vorstellungen homopolitischer Emanzipationsbewegung mit denen von heute vergleichen.

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Die Geburt des Vereins (1970)


Das Wiesbadener Hotel "Goldener Brunnen" – ein repräsentativer Rahmen für die Vereinsgründung

Die Vereinsgründung am 26. Februar 1970 fand im Wiesbadener Hotel "Goldener Brunnen" statt – einem Hotel, das es auch heute noch gibt. Es ist genauso repräsentativ wie das ehemalige Neroberghotel in Wiesbaden, wo am 14. Juni 1970 die erste Mitglieder-Tagung stattfand. Allein an solchen Veranstaltungsorten lässt sich die bürgerliche Ausrichtung des Vereins bereits erkennen.

Aber warum ausgerechnet Wiesbaden? In der Studie "Aufarbeitung von Verfolgung und Repression lesbischer und schwuler Lebensweisen in Hessen 1945-1985" (Berlin 2018, S. 218) wird Bohrmann dazu mit den Worten zitiert: "Die hessische Landesregierung […] stehe schon seit langem den Problemen der Homophilen mit 'beispielhafter Loyalität' gegenüber." Die Autoren Kirsten Plötz und Marcus Velke ergänzen an gleicher Stelle: "Was Bohrmann damit gemeint haben könnte und wie die Einstellung der Landesregierung in jener Zeit gegenüber den Homophilen war, ließ sich nicht herausfinden."

Auf derselben Seite zitieren Plötz und Velke die IDH mit zwei Fragen an die Mitglieder: "Mancher wird sich fragen, warum nun nach dem 1. Sept. 1969 ein Verband der Homophilen? Warum jetzt, da doch der Gesetzgeber unserer Minderheit die Legalität zugesteht?" Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Fragen tatsächlich auftauchten und dass viele Schwule erleichtert waren, dass wenigstens die Legalisierung erreicht worden war. Trotzdem mutet diese Einstellung verstörend an, wenn man sich vor Augen führt, wie meilenweit vor 50 Jahren die Schwulen und Lesben von einer Gleichberechtigung entfernt waren. Das Strafrecht – mit der im Vergleich zum heterosexuellen Sex abweichenden Schutzaltersgrenze von 21 Jahren – ist nur ein kleiner Teil davon.

Hetero-Medien: "Der Spiegel"


Im "Spiegel"-Artikel von 1970 wurde auch dieses Foto von tanzenden Lesben abgedruckt. Die Balken vor den Augen machen die damals dringend notwendige Anonymisierung deutlich

Sowohl die Vereinsgründung im Februar als auch die erste Mitglieder-Tagung im Juni 1970 fanden ein breites Medien-Echo. Zur Gründung berichtete der "Spiegel" (Nr. 11, 9. März 1970, hier als PDF) zunächst nur recht knapp darüber, dass der erst 34-jährige Horst Bohrmann in Wiesbaden von sechs Mitgründern zum einstweiligen Vorsitzenden gewählt wurde. Die IDH sei eine "Homosexuellen-Organisation, die 'die kultur- und sozialrechtlichen Belange der homoerotisch veranlagten Minderheit in der Bundesrepublik' wahrnehmen soll".

Ein halbes Jahr später gab der "Spiegel" (Nr. 37, 7. September 1970, hier als PDF) sogar einen ausführlichen Einblick in die Ziele des noch jungen Vereins und veröffentlichte das auch hier wiedergegebene Foto von Horst Bohrmann: "Es ist der erste Versuch, die von gesellschaftlichen Vorurteilen bedrängten Homophilen der Bundesrepublik straff zu organisieren und für die sozialen wie rechtlichen Fährnisse eines Außenseiterdaseins stark zu machen: 46 Prozent der westdeutschen Bürger sind nicht einmal bereit, Homosexuelle zu tolerieren." Andere Homosexuellen-Vereine "forderte er zur Verbrüderung auf". Auch eine Rechtsberatung erschien als dringend geboten, schließlich war der § 175 ja nicht abgeschafft, sondern nur liberalisiert worden.

Anhand des Rechtsanwalts Wolfgang Junker zeigt sich, wie sensibel der Umgang mit der Öffentlichkeit war. Im "Spiegel" (Nr. 37) wird Horst Bohrmann nach dem Rundbrief der IDH zitiert, dass Junker dem Vorstand angehöre, aber nur zwei Wochen später (Nr. 39, 21. September 1970 – nicht online) musste Horst Bohrmann in einem Leserbrief einräumen, dass Junker, der schon mehrfach erfolgreich Prozesse für Homophile geführt habe, nun doch nicht mehr mit dem Verein in Verbindung gebracht werden wolle.

Hetero-Medien: "Die Zeit" und "Die Welt"

In der "Zeit" vom 10. Juli 1970 erschien ein großer Beitrag über die IDH mit dem Titel "Homophile haben noch viele Probleme". Zu diesem Zeitpunkt hatte die IDH rund 200 Mitglieder, von denen sich 32 an die Öffentlichkeit wagten. Nur Volljährige (ab 21 Jahre) durften Mitglied werden; der Mitgliedsbeitrag betrug 5 Mark. Bohrmann sei, so die "Zeit", ein "ziemlich temperamentvoller und deshalb auch unter seinesgleichen ein wenig umstrittener Mann". 1970 hatten offenbar viele Homophile davor Angst, dass die nächste Regierung die Strafrechtsliberalisierung wieder rückgängig machen könnte. "Wer sich heute zu seiner Veranlagung bekenne, werde dann Freiwild für die Polizei sein." Unter den Homosexuellen gebe es "zu viele, [die] ihre Veranlagung nach wie vor nicht als Besonderheit [empfinden], die möglicherweise auch Rechte einschließt, sondern als Unglück. Vielleicht die wichtigste Aufgabe der 'IDH' liegt […] demnach in der Aufklärung der Homophilen über sich selbst." Es ist angenehm zu beobachten, wie empathisch die "Zeit" hier über den eigenen heterosexuellen Tellerrand hinausschaut.


"Die Zeit" (10. Juli 1970): "Homophile haben noch viele Probleme"

Die konservative "Welt" bietet in ihrem Beitrag über die IDH (19. Juni 1970, S. 3) mit "Traumferien […] an warmen Küsten" ein weniger sensibles Wortspiel. Dass beim ersten Mitglieder-Treffen mit 50 teilnehmenden Personen auch vier Frauen anwesend waren, erklärt die Zeitung damit, dass nur Männer kriminalisiert wurden und dementsprechend historisch einen anderen Stand hatten.

Für die IDH sei es im Vorfeld schwer gewesen, einen Tagungsort zu finden, und es sei ihnen ähnlich ergangen "wie der NPD". Auf dem Mitglieder-Treffen sei der Wunsch, Prostituierte und Kriminelle von einer Mitgliedschaft auszuschließen, mehrheitlich abgelehnt worden, auch deshalb, weil die meisten Mitglieder nur einige Monate zuvor selbst noch "Kriminelle" gewesen seien. Die IDH wolle zwar an der "Du & Ich" mitwirken, im Gegensatz zu dieser recht offenherzigen Homosexuellenzeitschrift aber nicht als "wandelnde Geschlechtsteile" wahrgenommen werden und dementsprechend auch nur "homophile" und keine "homosexuellen" Interessen vertreten.

Fünf Wochen später publizierte die "Welt" (28. Juli 1970, S. 6) recht unterschiedliche Leserbriefe zu dem Artikel über die IDH. So gab es einen Leserbriefschreiber, der das Abendland für bedroht hielt, aber auch einen, der mutmaßte, dass nicht 50, sondern Tausende gekommen wären, wenn man keine Diskriminierung zu befürchten hätte. Der wichtigste und längste Leserbrief stammt vom 2. Vorsitzenden der IDH, Karlheinz Bechthold. Er meldete sich zu Wort, um das Selbstverständnis des Vereins zu verdeutlichen, aber auch um die Zeitung wegen ihren "blumenreichen Seitenhieben" dezent zu kritisieren.


"Die Welt" (19. Juni 1970) über die "warmen Küsten" der Homosexuellen

Schwule Medien

Um in der Szene bekannt zu werden, war die IDH auf eine gute Zusammenarbeit mit den damaligen Schwulenzeitschriften angewiesen. Nach den Angaben im ersten "Spiegel"-Artikel (9. März 1970) wollte sich die IDH des "Homophilen-Magazins" "Du & Ich" als "Sprachrohr für Vereinsnachrichten" bedienen. Im selben Monat erschien in "Du & Ich" (März 1970, S. 36) zwar ein größerer Beitrag, der aber unter der Überschrift "Historischer Augenblick?" vor allem durch das Satzzeichen seine deutliche Skepsis zum Ausdruck brachte. Die Fernziele des Vereins – "u. a. Altenbetreuung, Gründung von Clubhäusern und Freizeitheimen" – werden als "recht hochgesteckt" bezeichnet. Eine historische Bedeutung wird nur dann zugestanden, wenn der Verein "die Entwicklung eines homophilen Kulturbewusstseins zu aktivieren" vermöge und den "Mitgliedern das Bewußtsein einer gesellschaftsformenden Aufgabe zu vermitteln" verstehe. Zu einer günstigen Prognose kommt der Autor durch die Einschätzung von Horst Bohrmann, dessen "schlichte[n] Idealismus" er positiv hervorhebt.


Der Artikel "Historischer Augenblick?" ("Du & Ich", März 1970, S. 36)

Nach den Angaben im zweiten "Spiegel"-Artikel (7. September 1970) hatte Bohrmann auch dem Redakteur Udo J. Erlenhardt eine "freundschaftliche Zusammenarbeit" angeboten. Ein "enger Kontakt" kam jedoch nicht zustande, "weil – so Bohrmann [laut "Spiegel"] – Erlenhardt 'sehr egozentrisch'" sei. Es scheint also auch hier nicht zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit gekommen zu sein. Udo J. Erlenhardt wird vom "Spiegel" als "Ex-Chefredakteur des Homophilen-Magazins 'Him'" bezeichnet, vermutlich war aber sein Posten als Chefredakteur der "Du & Ich" (ab November 1969) gemeint.

Auch die "Him" war von einer Hofberichterstattung über die IDH weit entfernt, was allein schon die Überschrift des Artikels "Trauerspiel der Idealisten. Im Sandkästchen deutscher Homophilenverbände" (Februar 1971) deutlich macht. Die IDH wurde hier unter anderem wegen ihrer "Plüschsofagespräche" (Beratung) kritisiert. Zumindest bekam der Verein die Möglichkeit, sich einige Monate später in der "Him" (April 1971) auch selbst vorzustellen, wo er sich – wie auch die Internationale Homophile Welt-Organisation (IHWO) – zur Kooperationsbereitschaft mit anderen Vereinen bekannte.

Die letzten Lebenszeichen (1971-1975)

In dem Buch "Rosa Winkel, Rosa Listen" (1981) wird die IDH auf S. 414 leider mit nur zwei Sätzen erwähnt. Die Autoren Hans-Georg Stümke und Rudi Finkler berichten hier, dass der Verein zur Tagung der UN-Menschenrechtskommission, die vom 10. bis 28. August 1970 in New York stattfand, eine Petition an diese Kommission eingereicht habe. Diese Information hatten die Autoren den "IHD-Mitteilungen" von August 1970 entnommen. Dieses Heft ist heute eines der wenigen Dokumente vom Verein selbst, die noch existieren, und wurde mir freundlicherweise vom Schwulen Museum in Berlin zur Verfügung gestellt. Hier ist das Heft, als Teil einer kleinen Sammlung zur IDH, gut aufbewahrt.

Dieses August-Heft gibt inhaltlich schon sehr viel her: So wird die Reaktion des SPD-Bundestagsabgeordneten Adolf Scheu (1907-1978, "11 Kinder") auf die UN-Petition dokumentiert, der Bohrmann versichert habe, "daß ich jede Gelegenheit benützen werde, um Ihrem Anliegen zum Durchbruch zu verhelfen". Daneben gibt es einen Pressespiegel über die IDH – dem ich die Hinweise auf die oben zitierten Zeitungsartikel verdanke – und einen Hinweis auf einen geplanten, aber offenbar nicht realisierten Zusammenschluss mit den homosexuellen Interessenvertretungen in Berlin und München.


Der SPD-Abgeordnete Adolf Scheu (1907-1978) betonte seine Heterosexualität, sicherte der Homosexuellenbewegung aber seine Hilfe zu

Eine Werbeanzeige der IDH in der Schwulenzeitschrift "Don" (Nr. 3-4, April 1971, vorletzte Abbildung) ist vor allem wegen der Selbstdarstellung des Vereins spannend. So betont die IDH ihre Kontakte zu "befreundeten ausländischen Organisationen" in den Niederlanden, Dänemark und der Schweiz. Weiter ist zu lesen: "Die IDH ist z. Zt. die mitgliederstärkste Interessenvertretung der Homophilen in der Bundesrepublik. Mehr als 400 eingetragene Mitglieder und 2500 sympathisierende Freunde treten auch für Sie ein." (Nach dem IDH-Mitteilungsblatt von August 1970 schritt der Verein zu dieser Zeit langsam auf das Ziel von 400 Mitgliedern zu und hatte nach eigenen Angaben noch 1800 weitere Interessenten.) Das Wort "z. Zt." liest sich wie ein dezenter Hinweis auf andere kleinere Vereine bzw. auf noch nicht realisierte Zusammenschlüsse.

Die Zahlen über Mitglieder und Freunde lassen sich heute nicht mehr überprüfen. Harald Rimmele schreibt in einem Aufsatz in dem Sammelband "Hundert Jahre schwul. Eine Revue" (1997, S. 133-134), "Schätzungen zufolge" habe die Mitgliederzahl von insgesamt vier Organisationen (neben der IDH nennt er den "Schutzverband deutscher Homophiler" [SDH], die "Internationale Homophile Weltorganisation" [IHWO] und die "Deutsche Homophile Organisation" [DHO]) bis 1971 insgesamt nicht über 500 Personen gelegen. Nach der Anzeige in "Don" von 1971 verlieren sich langsam die Spuren der IDH.

Im Vereinsregister von Wiesbaden ist dokumentiert, dass dem Verein am 24. Februar 1975 nach § 73 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) die Rechtsfähigkeit von "Amts wegen" entzogen wurde. (Das Amtsgericht Wiesbaden hat mir freundlicherweise eine Kopie zur Verfügung gestellt.) Eine solche Entziehung wird vorgenommen, wenn die Zahl der Vereinsmitglieder auf unter drei sinkt. Anders ausgedrückt: Zu diesem Zeitpunkt hatte der Verein außer Horst Bohrmann höchstens noch ein weiteres Mitglied.

Vergleiche

Vermutlich sind einige Leser über die in der Überschrift verwendete vollmundige Formulierung gestolpert, dass sich Horst Bohrmann als Erster aus der Deckung wagte. Schließlich gab es in der BRD schon seit den Fünfzigerjahren eine Homosexuellenbewegung und neben der IDH auch noch andere Organisationen. Es bietet sich daher ein Vergleich mit anderen Vereinen und ihren jeweiligen Zielgruppen und Reichweiten an.

Die Bewegung der Fünfziger- und Sechzigerjahre war aufgrund der drohenden Strafverfolgung zum größten Teil nach innen gerichtet. Schwulenzeitschriften wie "Der Weg zu Freundschaft und Toleranz" codierten Homosexualität als "Freundschaft", man suchte Trost und Hilfe, aber weder einen Straßenkampf noch die Öffentlichkeit. Erst nach der Legalisierung trauten sich viele Schwule an die Öffentlichkeit.

Einen guten Überblick über die ersten bürgerlichen Homosexuellengruppen nach der Legalisierung bietet Florian Georg Mildenberger in seinem Aufsatz "Die Verfemten der Schwulenbewegung: Zur Geschichte der Verbände/Vereine IHWO, DHO, IDH, SDH, IHID" (In: "SG – Schwule Geschichte", Nr. 2, Juni 1998, S. 10-18). Die von ihm vorgestellten Homosexuellengruppen in Berlin, München und Hamburg waren lokal ausgerichtet und hatten naturgemäß weniger mediale Resonanz. Die IHWO ("Internationale Homophile Welt-Organisation") war zwar überregional tätig und bedeutender als die IDH, gründete sich jedoch erst im Oktober 1970 in Hamburg. Es ist angenehm, wie Mildenberger die Verdienste dieser frühen deutschen Homosexuellenaktivisten in den Jahren 1970 bis 1971 hervorhebt, die "nicht erst einen drastischen Film" ("Nicht der Homosexuelle ist pervers …") gebraucht hätten, um sich zu engagieren. Laut Mildenberger gab es nach der Gründung der IDH zwar Vorschläge einer gemeinsamen und damit schlagkräftigeren Organisation. Zu einem Zusammenschluss kam es jedoch nie, weil die anderen Gruppen wohl befürchteten, von der IDH vereinnahmt zu werden.

Nach einem Vergleich mit anderen Gruppen lässt sich feststellen, dass die IDH die erste nach außen gerichtete überregionale homosexuelle Interessenvertretung der BRD war und dass es zu dieser Zeit neben Horst Bohrmann wohl keinen anderen offen schwul auftretenden politischen Homosexuellenaktivisten gab, der sich so früh an eine so breite Öffentlichkeit wendete, um die Anliegen seines Vereins zu vertreten.

1969/1970 – die Bewegung spaltet sich

In der BRD gab es 1969/1970 einen deutlichen Bruch in der Bewegung – eine Szene davor und eine Szene danach. Die, die sich in den Fünfziger- und Sechzigerjahren engagierten, waren bürgerlich, überangepasst und achteten auf Diskretion. Sie waren ängstlich und vorsichtig in ihrem Verhalten. Dann kam die "sexuelle Revolution" und im Fahrwasser der Studentenbewegung – in Verbindung mit der §-175-Reform und der aufrüttelnden Kraft des Praunheim-Films "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von 1971 – ging ein Ruck durch das schwule Deutschland. Es entstand die zweite deutsche Schwulenbewegung – nach der in der Wilhelminischen Zeit und der Weimarer Republik.

Die Homosexuellenaktivisten der neuen "sexuellen Revolution" waren jung, provokant und stellten alles mutig in Frage. Zwischen den "Alten" und den "Jungen" gab es keine Verbindungen. Ulrike Heider hat dies in ihrem Buch "Der Schwule und der Spießer" gut veranschaulicht (s. dazu meine Rezension auf queer.de). Heute steht vor allem die studentische, aber nicht mehr die bürgerliche Homosexuellen-Bewegung im Blickpunkt der Aufmerksamkeit. Das ist zwar schade, aber nachvollziehbar, denn die studentische Bewegung war nicht nur größer und erfolgreicher, sondern auch schillernder.

Diesen Bruch zwischen alter und neuer Bewegung im Jahre 1969 gab es auch in den USA, er begründete eine Zeit vor Stonewall und eine nach Stonewall. Er lässt sich gut anhand der US-Schwulenrechtsgruppe "Mattachine Society" dokumentieren, die sich seit 1950 für homosexuelle Emanzipation einsetzte. Die Mitglieder der "Mattachine Society" wollten nie provozieren, sondern in Anzug und Krawatte nur still ihren Protest kundtun. Schon Mitte der Sechzigerjahre wurden sie von jungen Aktivisten als zu "brav", zu traditionell und als zu wenig konfrontativ empfunden. Vor allem der Stonewall-Aufstand von 1969 brachte eine junge Generation von Aktivisten hervor, die um gleiche Rechte nicht mehr artig baten, sondern sie mutig erkämpften.


Die Männer der "Mattachine Society" in Anzug und Krawatte

Die IDH war nur bedingt zeitgemäß

Von ihrem Auftreten und ihrer Zielrichtung her lässt sich die IDH mit der "Mattachine Society" vergleichen. Auf dem Foto im "Spiegel" ist Horst Bohrmann mit adretter Frisur, Anzug und Krawatte zu sehen. Die Vereinsgründung und die Tagung fanden nicht etwa in einem Autonomen Zentrum, sondern in zwei Luxus-Hotels statt. Dieses öffentliche Auftreten signalisierte die Form der Bürgerlichkeit, mit der Bohrmann annahm, am ehesten die gleichen Rechte für Schwule und Lesben erreichen zu können.

Der Historiker Rainer Hoffschildt hat dies in einem Vortrag so zusammengefasst: Die IDH "war noch ein typischer Vertreter der bürgerlichen Homophilenbewegung der 1950er und 1960er Jahre, die bald von der studentischen Schwulenbewegung abgelöst werden sollte". Typisch für die ältere Generation war auch die von Horst Bohrmann verwendete Sprache – vor allem das Reden von "homophilen" Menschen, um keine Vorstellungen gleichgeschlechtlicher Sexualität zu evozieren.

Bohrmann scheint vor allem ältere Vorstellungen einer erfolgreichen Emanzipationsarbeit vertreten zu haben. Davon gibt es aber zumindest eine Ausnahme, auf die – zu Recht – Michael Schwartz in seinem Aufsatz "'Warum machen Sie sich für die Homos stark?' Homosexualität und Medienöffentlichkeit in der westdeutschen Reformzeit der 1960er und 1970er Jahre" ("Jahrbuch Sexualitäten", 2016, S. 51-93, hier S. 54, siehe auch S. 73-74) aufmerksam macht: Bohrmann bekannte sich im "Spiegel" "natürlich" dazu, "homosexuell" zu sein. Schwartz: "In der älteren Homophilen-Generation wäre ein solches Coming-out undenkbar gewesen." Mit dem Mut, seine Homosexualität so deutlich zu benennen, hätte er tatsächlich gut zur neuen Bewegung gepasst. Aus den Formulierungen der Vereinspublikationen ist ersichtlich, dass der Versuch unternommen wurde, Lesben zu integrieren. Auch dies lässt sich – hier in einem positiven Sinne gemeint – als anachronistisch hervorheben, weil die Homosexuellenbewegung auch der Siebziger- und Achtzigerjahre noch sehr männlich dominiert war. Als Vergleich: Der 1990 gegründete SVD (Schwulenverband in Deutschland) gab sich erst 1999 mit der Umbenennung in LSVD (Lesben- und Schwulenverband in Deutschland) eine andere Ausrichtung.

Von "Altenbetreuung" zu "Gay and Grey"

Die wesentlichen Errungenschaften der Homosexuellenbewegung und wichtige gesellschaftspolitische Impulse wurden nicht durch die bürgerliche Homosexuellenbewegung der Fünfziger- und Sechzigerjahre, sondern durch die studentische Bewegung der Siebzigerjahre erreicht. Ich finde es nicht selbstverständlich, dass sich die Geschichte so entwickelt hat. Heute ist der größte Teil der Homosexuellenbewegung wieder bürgerlich und ruhig geworden. Ein Paradebeispiel dafür ist der LSVD, der nicht nur aufgrund seines Auftretens, sondern auch wegen seiner Themen und politischen Forderungen (Ehe für alle) als Teil einer bürgerlichen und nicht als Teil einer politisch aufsässigen Bewegung wahrnehmbar ist. Auch deshalb kann er – trotz seines heute wesentlich größeren gesellschaftlichen Einflusses – als indirekter Nachfolger der IDH gesehen werden.

Im Gegensatz zu früher haben Schwule und Lesben heute ein hohes Maß an gesellschaftsformendem Einfluss gewonnen, den sich die IDH für ihre Arbeit wünschte. Bei genauerer Betrachtung haben wir heute auch die Ziele des IDH erreicht, die früher als "hochgesteckt" bezeichnet wurden. Der Unterschied besteht wohl vor allem in der Sprache, denn wir erfreuen uns heute zwar nicht an "Altenbetreuung, Gründung von Clubhäusern und Freizeitheimen", aber an "Gay and Grey"-Gruppen und queeren Zentren.

Die Geschichte der IDH ist mit diesem Artikel noch nicht zu Ende erzählt. Kurz vor Redaktionsschluss für diesen Artikel wurde ich vom Hessischen Landesarchiv in Wiesbaden darüber informiert, dass dort eine Vereinsregisterakte des IDH aufbewahrt wird (Signatur HHStAW 469/33 Nr. 4192), mit der bisher noch kein Historiker gearbeitet hat.

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#1 FinnAnonym
  • 26.02.2020, 08:38h
  • Das sind die Helden, die für uns alle gekämpft haben und deren Früchte wir heute ernten können.

    Aber wir sind noch lange nicht am Ziel, weder bei rechtlicher Gleichstellung noch bei gesellschaftlicher Gleichstellung. Wir müssen leider weiterkämpfen. Aber dieser Kampf ist heute viel leichter und angenehmer als damals und man kann durchaus auch mit Spaß und Freude, aber dennoch in der Sache unnachgiebig, kämpfen.
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#2 Ulli_2mecsProfil
  • 26.02.2020, 09:31hHamburg
  • Danke für diese interessante Erinnerung.

    In den 1950er Jahren gab es sogar nur eine einzige (in ihren Aktivitäten überwiegend nach innen gerichtete) Interessenvertretung Homosexueller, die überhaupt den Status des Vereins erreichte. Und dies auch nur mit einer Vereinssatzung, in der die Worte 'homosexuell' und 'Homosexualität' nicht auftauchten.

    www.2mecs.de/wp/2015/06/hans-borgward-gesellschaft-fuer-refo
    rm-des-sexualrechts/


    Diese 1950 gegründete "Gesellschaft für Reform des Sexualrechts" und ihr Vorsitzender Hans Borgward sind ebenfalls weitgehend in Vergessenheit geraten ...
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#3 zundermxeAnonym
  • 26.02.2020, 11:46h
  • Wir sehen mal wieder zu allen Zeiten hat es alles bereits gegeben (natürlich mit abweichenden, der jeweiligen Zeit zuzuordnenden Vorzeichen).

    Eher angepasstes, leises Verhalten und Agieren, dass auf die möglichst konforme Verdaulichkeit für alle ausgerichtet war und andererseits eher lautes und kompromissloses Auftreten.
    Kann und will vergangene Zeiten nicht allgemein beurteilen.
    Weiß aus meinen eigenen Jahrzehnten, dass Zusammenfassungen verbunden mit einseitigen Wertungen und Urteilen selten die Lebensrealität wiedergegeben (mögen sie mit noch so vielen Quellen scheinbar belegt sein / soll keine versteckte Kritik am Artikel sein).

    Wichtig ist mMn der feine aber entscheidende Unterschied zwischen angebrachtem und angepasstem Verhalten.

    Angerbracht kann leise und laut sein.
    Angepasst ist immer relativ leise zur vorherrschenden Zeit und zur gefühlten Gesamtstimmung.
    Unterschiedliche Menschen versuchen sich auf unterschiedlichen Ebenen in unterschiedlichen Zeiten einzusetzen.
    Das ist erstmal immer gut und richtig.
    Was gestern aus heutiger Sicht als (zu) leise erscheinen mag, ist in seiner Zeit vllt so mutig gewesen, dass viele heutzutage nicht bereit wären ein vergleichbar persönliches Risiko zu tragen.

    Hier fällt mir ein Spruch ein, der heute noch vollkommen undifferenziert für gültig erklärt wird und den ich zu allen (meinen) Zeiten kenne (auch als der 175er noch aktiv war):
    heute kann doch jeder sein wie er will und sagen was er denkt.
    Ja und nein heißt die Wahrheit.
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#4 PetterAnonym
  • 26.02.2020, 12:59h
  • Vieles haben wir bereits erreicht, von dem unsere Brüder und Schwestern damals nicht mal zu träumen gewagt hätten.

    Aber es gibt auch noch viel zu tun:

    - Art. 3 GG:
    Aufnahme der Merkmale "sexuelle Identität" und "geschlechtliche Identität"

    - AGG:
    Abschaffung der Ausnahmen für Religionen und andere "Tendenzbetriebe", denn ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz, das manchen Institutionen explizit Diskriminierung erlaubt, ist eine Pervertierung der eigentlichen Idee

    - Abstammungsrecht:
    die Diskriminierung von lesbischen Familien gegenüber schwulen und heterosexuellen Familien muss endlich beendet werden

    - Verbot von Konversionstherapien für ALLE Altersklassen:
    Denn erstens ist die Schädlichkeit für alle Altersklassen wissenschaftlich belegt und auch Erwachsene tun das nicht freiwillig, sondern unter Druck.
    Und zweitens führt das Verbot erst ab einem bestimmten Alter dazu, dass der psychische Druck auf Jugendliche noch weiter zunimmt, damit diese dann nur ja zu diesen Quacksalbern renne, sobald sie das Alter erreicht haben. Und dann auch noch denken, sie täten das freiwillig.

    - Verbesserung der rechtlichen Situation Trans- und Intersexueller:
    Darunter z.B. ein Verbot von Zwangs-OPs an Intergeschlechtlichen, eine freiwillige Wahl des Geschlechts, etc.

    - etc. etc. etc.
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#5 fastAnonym
  • 01.03.2020, 11:08h
  • nicht ganz richtig : neben Hirschfelds verein von 500 fachleuten zur decriminalisierung, da gab es Freundschaftsbünde, aber die versuchten etwas unauffälliger zu sein..

    "Zahlenmäßig weit bedeutsamer waren die nach 1919 gegründeten Freundschaftsbünde. Ihr Schwerpunkt lag in der Planung von Geselligkeitsveranstaltungen, umfasste jedoch auch politische und publizistische Aktivitäten sowie die Gewährleistung von Rechtsschutz für jene Mitglieder, die vom § 175 betroffen waren. Als Dachgruppen konkurrierten der im August 1920 gegründete Deutsche Freundschafts-Verband (DFB) und der im Mai 1922 entstandene Bund für Menschenrechte (BfM). Letzterer erwies sich in seiner Größenentwicklung als das bei weitem erfolgreichere Modell. Bereits 1924 zählte er über 12.000 Mitglieder; 1929, gegen Ende der Weimarer Republik, waren es sogar mehr als 48.000. Ausländische angegliederte Gruppen soll es laut Angaben des Vereins in der Schweiz, in Österreich, in der Tschechoslowakei, in New York City, Argentinien und Brasilien gegeben haben. Allerdings ist über die meisten dieser Gruppen kaum etwas bekannt. Eine Ausnahme bildet eine Schweizer Gruppe um Karl Meier mit ihrer Zeitschrift Der Kreis, die als einzige in Europa nicht durch die Nationalsozialisten zerschlagen werden konnte. Dadurch wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg Vorbild für viele neu entstehende Gruppen"

    (
    de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität
    Emanzipation)
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